Archiv der Kategorie: Deutsche Kolumne

(22.02.2017) Jesusvorstellung im Islam und die Trinitätslehre

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Religion betrifft uns, Schulheft für den christlichen Religionsunterricht, 1/2017, S. 24

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(23.11.2016) Islamische Wohlfahrtspflege

Mein Artikel zum Thema „Islamische Wohlfahrtspflege“ im neuen Band von Ceylan und Kiefer

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(23.11.2016) Menschenzoos – Der tiefste Punkt der Menschheitsgeschichte

Menschenzoos – Der tiefste Punkt der Menschheitsgeschichte

 

Der Islam lehnt jede Art von Rassismus und Diskriminierung ab. Egal, aus welchen Gründen oder Motiven sie kommt.

In seiner Abschiedspredigt sagte der Prophet Muhammed: „Ein Araber ist nicht vorzüglicher als ein Nichtaraber, noch ein Nichtaraber vorzüglicher als ein Araber; ein Schwarzer ist nicht vorzüglicher als ein Weißer, noch ein Weißer vorzüglicher als ein Schwarzer, außer durch Frömmigkeit. Die Menschen stammen von Adam, und Adam ist aus Erde. Wahrlich, jedes Privileg, sei es auf Grund von Blut oder Besitz, ist unter diesen meinen Füßen ausgelöscht.“

Dabei rezitierte der Prophet den Koranvers: „O ihr Menschen, Wir haben euch von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Der Angesehenste von euch bei Gott, das ist der Gottesfürchtigste von euch“ (Der Koran: 49,13).

Dass heißt, es gibt Unterschiede zwischen den Menschen und den Völkern, nicht weil die einen höher als die anderen sind oder damit man sich leugnet und miteinander im Streit liegt, sondern damit man sich durch Neugier kennenlernt, die Anlässe des gesellschaftlichen Lebens kennenlernt und sich dabei gegenseitig unterstützt.

Kriege weltweit zeigen uns aber, dass auf Grund von Rassismus und Machtwahn die ganze Welt aufgeteilt wird wie in einem Zoo. Die einen Gruppen sollen hier leben, die anderen dort und sie sollen sich bloß nicht näherkommen. Man stelle sich vor, die einen Gruppen sind in diesem Käfig, die anderen in dem anderen. So könnte man einige Grenzziehungen verstehen, die es zwischen Ländern, ja sogar zwischen Städten gibt und gab.

Was sich unmenschlich, unvorstellbar, grausam und barbarisch anhört, hat jedoch tatsächlich stattgefunden. Und zwar im wahrsten Sinne des Worte: Menschenzoos, die „Völkerschau“ genannt wurden. (Anmerkung: Auch Tierzoos sind nicht im Sinne des Islams, da hier die Freiheit der Tiere geraubt wird und sie sinnentfremdet genutzt werden).

Von 1870 bis teilweise nach dem 2. Weltkrieg gab es in einigen Städten Menschenzoos. Menschen und Gruppen, die „anders“ aussahen, wurden in Ausstellungen wie „exotische“ Tiere präsentiert. Schaulustige Menschen bezahlten Ticketpreise und bestaunten ihre „Artgenossen“.

Auch wenn die Organisatoren mit den Menschen, die sie zur Schau stellten, Verträge, z.B. nach Dauer und Bezahlung der Schau, abschlossen, bleibt das ganze Schauspiel ein Tiefpunkt der Menschheitsgeschichte. Auch das beschönigende Wort „Völkerschau“ kann nicht verharmlosen oder verschleiern, dass es de facto nichts anderes als Menschenzoos waren.

Nach Aussehen, Hautfarbe, Haarfarbe, Geschlecht, Größe, mit oder ohne Behinderung wurden diese Menschen „ausgestellt“. Kinder und Erwachsene allen Alters und beiden Geschlechts wurden ausgestellt. Teilweise mit Hilfe von Tierfängern wurden immer mehr Menschen zur Ausstellung in die Zoos gebracht.

Wie in einem Zoo für Tiere war es verboten, die „Menschen zu füttern“, den auf Grund von unbekannten Nahrungsmitteln könne es zu Erkrankungen führen. Das war natürlich nicht im Sinne des Zoobesitzers. Nicht der Menschen willen, sondern damit „The Show must go on“.

Tod, Hochzeit oder Geburt waren große Highlights. Wohlgemerkt, dass diese nicht inszeniert waren, sondern absolute Realität. Die „Zuschauer“ schauten sich dann eine Trauerfeier, eine Beerdigung oder eine Geburt an. Dementsprechend mussten sie zahlen. (Erinnert an gegenwärtige, inszenierte „Reality“-Shows).

Die „Völkerschaus“ führten nicht, wie Befürworter immer wieder sagten, dazu, dass es zur Völkerverständigung kam, weil man dadurch eine fremde Kultur besser kennenlernte, sondern vielmehr dazu, dass Klischees und rassistische Vorurteile bekräftigt und koloniale Verhältnisse wiederbelebt wurden. Den letztendlich besuchte und beobachtete „der überlegene Zuschauer“ den anderen „zurückgebliebenen, erniedrigten Zoomenschen“. Das ist der Eindruck, der hinterher in den Köpfen blieb.

In Deutschland gab es ca. 300 außereuropäische Menschengruppen, die „ausgestellt“ wurden. In manchen Zoos gab es über 100 Menschen. Sowohl in Großstädten als auch in kleineren Städten gab es solche Zoos. Millionen Menschen besuchten die Ausstellungen. Zwischen 1870 und 1910 gab es über 50 Ausstellungen in Wien. Bei der Pariser Weltausstellung 1889 waren die Einweihung des Eifelturms und die Ausstellung „Negerdorf“ mit 400 Afrikanern Hauptattraktionen. Knapp 18 Millionen besuchten den „Dorf“.

1886 wurden auf der Schweizerischen Landesausstellung 230 Sudanesen präsentiert. 1897 gab es in Brüssel ein Dorf mit 267 Afrikanern, dass auf der Weltausstellung ausgestellt wurde. 1931 gab es auf dem Münchner Oktoberfest die Ausstellung „Kanaken der Südsee“. 1937 gab es ein „Eingeborenendorf“ im Düsseldorfer Zoo.

Völkerschau wurde zur Mode. In Tierzoos, im Zirkus auf Märkten oder verschiedenen Festen wurden Menschen und Gruppen „ausgestellt“.

Als 1940 in Deutschland ein „Auftrittsverbot“ für „Farbige“ verhängt wurde, gab es in Deutschland keine Menschenzoos mehr. In anderen Städten Europas wurden sie erst nach dem 2. Weltkrieg nach und nach geschlossen. In Belgien wurde der letzte Menschenzoo erst 1958 geschlossen. In Deutschland gab es auf dem Oktoberfest 1950 eine Apachen-Show und 1951 und 1959 eine Hawaii-Show.

Auf Grund des „großen Erfolgs“ in Europa wurden „Menschenzoos“ auch in den USA eröffnet.

Der bekannteste „Zoomensch“ ist Ota Benga. Ota Benga, was so viel bedeutet wie „Freund“, wurde zwischen 1881 und 1884 geboren. Er war Mitglied des Batwa-Volkes in Kongo und gehörte zum Stamm der Pygmäen. Die Stammesmitglieder der Pygmäen waren alle kleinwüchsig.

Ota Benga war verheiratet und hatte zwei Kinder. Eines Tages fand er seine gesamte Familie getötet im Haus. Sein Stamm war von Menschenjägern überfallen wollen. Die Force Publique Armee, eine offizielle Armee unter König Leopold II. von Belgien, hatte den gesamten Stamm ausgerottet. Frauen, Kinder, Männer, Senioren, alle wurden ermordet.

1904 kam der amerikanische Missionar Samuel Phillips Verner im Auftrage der Weltausstellung nach Afrika. Er kam mit einer Liste. Auf dieser Liste standen Rassen, Ethnien, Arten, Aussehen, die in der „Sammlung“ für den Menschenzoo noch fehlten. Er wollte diese Auffinden und im Zoo „ausstellen“. So fand Verner auch Ota Benga.

So wurde auch Ota Benga nicht getötet, sondern sofort „erbeutet“, weil er zur noch fehlenden Art im Zoo gehörte. Er hatte nicht einmal die Gelegenheit, seine Trauer über den Verlust der Familie und fast des gesamten Stammes auszuleben.

1904 wurde Ota Benga nach Amerika in den Zoo gebracht. Er wurde im Zoo auf die brutalste Art und Weise misshandelt. Auf Grund seiner scharfen und spitzen Zähne, die er in Kongo abgefeilt hatte, wurde er schnell zur „Hauptattraktion“.

Nach der Weltausstellung „durfte“ Ota Benga wieder nach Afrika zurück. Doch da seine gesamte Verwandtschaft ermordet wurde, entschied sich Benga wieder mit Verner in die USA zurückzukehren.

1906 brachte Verner Benga in den Menschenzoo in der Bronx, New York. Dort wurde er in einen Käfig mit einem Orang-Utan gesteckt. Es war ihm zwar am Anfang erlaubt, sich frei im Zoo zu bewegen, doch schon kurze Zeit später, verbrachte er seinen ganzen Tag im Käfig mit dem Affen. Am 08.09.1906 begann offiziell seine „Ausstellung“. Er wurde gezwungen mit dem Affen zu spielen und zu Lachen. Wenn er nicht lachte, wurde er gepeitscht. Um Ota Benga zu sehen zahlte man 25 Cent. Wenn man ihn lächelnd sehen wollte, dann kostete es 30 Cent. Daher sollte er ständig Lächeln.

Vor dem Käfig gab es auch „Infos“ zu Ota Benga: „Der afrikanische Pygmäe, Ota Benga. Alter 23 Jahre. Größe ca. 150 cm. Gewicht ca. 51 kg. Gebracht vom Fluss Kasai, Freistaat Kongo, Südliches Zentralafrika, von Dr. Samuel P. Verner. Ausstellung jeden Nachmittag im September.“

Bekannte Rassisten unterstützten die Ausstellung von Ota Benga und warben dafür. Doch die afroamerikanische baptistische Gemeinde machte Druck und protestierte dagegen. Die Ausstellung von Ota Benga wurde als rassistisch und unmenschlich deklariert.

Nach Druck von weiteren Kreisen durfte Ota Benga den Käfig verlassen. Er war jedoch weiterhin im Zoo. Als Attraktion sollte er im Zoo „herumlaufen“. Doch je mehr ihn die Besucher niedriger als Tiere behandelten, desto aggressiver wurde auch Ota Benga.

Gegen Ende September wurde Benga entlassen. Er kam in ein Waisenhaus. Danach schaffte er es sogar, eine Ausbildung in einer Tabakfirma zu beginnen. Hier wurde er von seinen Arbeitskollegen herabwürdigend „Bingo“ genannt. Benga erzählte seinen Kollegen seine Lebensgeschichte und erhielt hierfür Brot. Seine Ausbildung konnte er nie beenden.

Seine Schmerzen waren unheilbar. Seine Seele hatte sehr gelitten. Das Trauma war zu groß. Am 20.03.1916 begann Ota Benga in Lynchburg Selbstmord. Er machte einen kulturellen Tanz und schoss sich danach mit einer gestohlenen Pistole ins Herz. Sein Selbstmord ist auch der Selbstmord der damaligen Gesellschaft.

In seiner Todesurkunde wurde er mit dem Namen „Otto Bingo“ statt Ota Benga vermerkt. Ein Symbol für seine Kolonisierung, die seine Identität völlig ausbeutete, vom Menschen zum Tier, von Ota zu Otto, von Benga zu Bingo machte.

Nicht einmal ein richtiges Grab erhielt Ota Benga. Beerdigt wurde er in einem unmarkierten Grab.

Auch nach seinem Tode wird Benga weiterhin missbraucht. Im American Museum of Natural History in New York wird heute noch eine Maske des Gesichtes und ein Abdruck des Körpers von Ota Benga ausgestellt, jedoch nicht mit seinem Namen, sondern mit der Bezeichnung „Pygmäe“, als würde man eine „seltene Tierart“ ausstellen.

Cemil Sahinöz, Huffingtion Post, 23.11.2016

http://www.huffingtonpost.de/cemil-sahinaz/menschenzoos-geschichte_b_13144682.html

 

Islamische Zeitung, Dezember 2016

 

 

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(07.08.2016) Warum werden Jugendliche radikal?

Warum werden Jugendliche radikal?

 

Der Täter in München © Screenshot/Amateurvideo

Der Täter in München © Screenshot/Amateurvideo

Wenn die Welt eine menschliche Person wäre, dann bräuchte sie dringend eine Psychotherapie. Jeden Tag präsentieren uns die „Breaking News“ ein neues Attentat. Anschläge werden live übertragen. Wie in einem Kinosaal sitzt man vor dem Fernseher und spekuliert noch während der Tat – wer was wie dahinter steckt.

Nicht selten verfällt man dabei in Verallgemeinerungen. Immer sind es DIE X oder DIE Y, die schuld sind. Differenzierte Betrachtungen bekommen kaum noch Beachtung oder werden als Naivität oder Romantik abgestempelt. Popularisierte Aussagen dagegen, die genauso radikal sind wie die Taten und die Täter werden als Schablonenlösungen angeboten. Diese “Lösungen“ sind knapp, kurz und einfach. Die Schuldigen sind eine bestimmte Religion, eine bestimmte Ethnie oder eine bestimmte Nation. Je nach Tat ändert sich das.

So sind auch Flüchtlinge öfters im Visier der Polarisierer. Klar ist, dass durch die Flüchtlingsströme kein erhöhtes oder besonderes Terrorrisiko besteht. Flüchtling zu sein, ist kein Faktor, der zu einer erhöhten Radikalisierung führt. In keiner Studie wird ein erhöhtes Risiko nachgewiesen. Der Anteil der Radikalen unter den Flüchtlingen wird also nicht höher sein als der Anteil unter Nichtgeflüchteten.

Anstatt also Sündenböcke zu suchen, soll hier an dieser Stelle analysiert werden, welche Faktoren tatsächlich zur Radikalität und Extremismus führen.

Gleiche Muster, verschiedene Namen

Es gibt viele Faktoren, warum sich Menschen – vor allem Jugendliche – radikalisieren[1]. Egal ob rechter, linker oder religiöser Fanatismus, die Muster scheinen jedoch gleich zu sein. Die Forschungs- und Beratungsstelle Terrorismus / Extremismus (FTE) des Bundeskriminalamtes stellt fest, dass rechts-, links- und religiösextreme in ihrer Radikalisierung die gleichen Muster (z.B. kaputte und schwierige Familien, Trennungen, Todesfälle, Alkohol, Drogen, Gewalt, Belastungen in der Kindheit, Probleme in der Schule, keine abgeschlossene Ausbildung) aufzeigen und kommt daher zum Schluss: „In welchem Extremismus diese Personen […] landen, ist letztlich reiner Zufall. Überspitzt gesagt: Ein Islamist aus Dinslaken hätte in Sachsen genauso gut ein Rechtsradikaler oder in bestimmten Stadtteilen Berlins oder Hamburgs ein Linksradikaler werden können“[2]. Daher sind auch die Rattenfängermethoden dieser Gruppierungen identisch. Jugendliche werden mit offenen Armen empfangen. Die Muster sind gleich. Nur Namen, Begriffe und die Semantik ändern sich.

Suche nach Geborgenheit und Orientierung

Fast nie geht es um theologische Gründe. Laut einem Bericht kauften sich Radikale kurz vor ihrer Reise in den Krieg nach Syrien das Buch “Islam für Dummies“[3]. Das heißt, auch wenn es keine Konvertiten sind und vorher schon Muslime waren, sind es sozusagen “Neugeboren Muslime“, die ebenfalls “konvertieren“. Laut dem Verfassungsschutz gibt es in Deutschland 1100 gewaltbereite Personen aus dem religiösen Milieu. Zum Vergleich: Es gibt 7600 gewaltbereite Linksextreme und 10500 gewaltbereite Rechtsextreme.[4]

Stärker “anfällig“ für radikale Gruppen sind männliche Jugendliche zwischen 19 und 27 Jahren. Häufig sind es Jugendliche, die nach Orientierung und Sinn im Leben suchen, vorher geringe religiöse Bildung hatten und denen Perspektiven und Ziele fehlen. Auch Gefängnisinsassen sind stärker anfällig, da bei ihnen die gerade genannten Faktoren im hohen Maße zutreffen.

Diese Sinnsuche wird verknüpft mit der Sehnsucht nach Geborgenheit, Anerkennung, Vertrauen, Fürsorge und Liebe. Viele Jugendliche erhoffen sich durch den Anschluss an eine radikale Gruppe die viel ersehnte familiäre Wärme zu finden. Sie suchen in der Gruppe eine Geborgenheit. Diese waren ihnen in der eigenen Familie oder im Freundeskreis verwehrt. Sie erhalten plötzlich eine Wertschätzung und werden wichtig, alles was sie im “vorherigen Leben“ nicht bekamen. Daher fühlen sie sich wieder wertvoll und nützlich. Die Gruppe wird zu ihrer Ersatzfamilie.

Religion dient als Identitätsstifter

Auf Grund einer entfremdeten oder Konflikt-Biographie erhalten die Jugendlichen in der radikalen Gruppe eine selbststärkende Identität. Obwohl sie auch hier eine entfremdete Identität, ja fast eine Schizophrenie ausleben, vorspielen und inszenieren, wird dies durch die erfahrene Geborgenheit unterdrückt. Meist dient dann auch die Religion nur als Identitätsstifter. Das heißt, diese Personen handeln dann nicht aus tiefstem Inneren oder aus Überzeugung religiös, sondern, weil ihnen Religion eben diese Identität liefert. So bieten radikale Gruppen eine einfache und klare Antwort auf die Identitätssuche vieler Pubertierender an.

Dieser Identitätswandel erfolgt bei Jugendlichen sehr schnell. Der Jugendliche, der vorher sehr wenig Bezug zu seiner Religion hat, wird binnen weniger Wochen zu einem “Gelehrten“, bzw. er verhält sich so, als würden die übrigen Personen die Religion falsch ausleben und er und seine auserwählte Gruppe hätten die Religion richtig verstanden. Diese sehr schnelle Veränderung ist psychisch fatal für die Identität und zeugt auch eine Identitätssuche.

Auch bei einigen Konvertiten spielt die Identität eine Rolle. Sie suchen eine komplett neue Identität und wollen mit ihrem “früheren“ Leben nichts zu tun haben. Daher wollen sie eine Gesamtveränderung, auch äußerlich und namentlich (Selbst der Prophet Muhammed hat nur dann die Namen der Muslime ändern lassen, wenn sie eine negative Bedeutung hatten.) Diese komplett neue Identität erhalten sie in radikalen Gruppen. Hier werden sie nicht nur zu Muslimen, sondern ändern alles andere auch, wie z. B. Aussehen, Sprache, Kultur.

Die radikale Gruppe bietet zudem Sicherheit. Es gibt ein einfaches Weltbild, das aus Gut und Böse besteht. Alles scheint klar und ersichtlich zu sein. Die Regeln sind klar, die Wahrheiten einfach. Diese dichotome Weltsicht ist für viele Jugendliche ein wichtiger Anziehungspunkt, weil sie in der undurchsichtigen modernen Gesellschaft diese Gewissheit nicht haben. Daher bietet ihnen die Gruppe eine Komplexitätsreduzierung an.

Radikalisierung als Gegenreaktion

Bei Eintritt in diese Gruppen wird das Wir-Gefühl gestärkt. Hier finden die Jugendlichen gehör. Hier sind sie willkommen, werden nicht ausgestoßen. Sie gehören dazu. Sie sind wichtig, was noch einmal das Selbstwertgefühl steigert. Daher ist die Radikalisierung auch eine Gegenreaktion zur Ausgrenzung. Zudem ist der Mensch ein soziales Wesen, das sich in bestimmten Situationen einer Gruppe anpasst, auch wenn es den Werten der Gruppe nicht glaubt. Gruppenzwang, besonders bei Jugendlichen, spielt hier eine einflussreiche Größe. Hinzu kommen Jugendbedürfnisse, wie z. B. Protestbedürfnis, Abenteuerlust, Zugehörigkeit zu einer Clique. Radikale Gruppen stillen diese Bedürfnisse. Eigene Symbole wie Sprache, Musik oder Bekleidung machen die Gruppe zu etwas besonderem.

Das Gerechtigkeitsempfinden

Ein anderer Faktor, was bei Radikalen – egal ob Jugendlich oder nicht – eine immense Rolle spielt, ist das Gerechtigkeitsempfinden. Viele gehen davon aus – auch auf Grund der dichotomen Weltsicht – dass es nur Ungerechtigkeit in der Gesellschaft gibt. Sie wollen dann mit Hilfe ihrer Gruppe “die Welt retten“. Ihre Anschläge sollen die Gesellschaft “verbessern“. So fühlen sie sich wie “Helden“, ihr Selbstwertgefühl steigt. Das Paradoxe ist, dass sie die Gesellschaft durch ihre Anschläge zerstören. Dies wird dann damit legitimiert, dass einige geopfert werden müssen, damit es besser wird!

Viele Radikale geben an, dass sie sich vor ihrem Eintritt in die Gruppe ungerecht und diskriminierend behandelt fühlten. Negative Erlebnisse in Schule, Arbeit und Familie, Ausgrenzungserfahrungen, Diskriminierung verstärken dieses Gefühl. Wenn dieses Gefühl ein hohes Maß annimmt, verknüpft mit fehlender Geborgenheit, Sicherheit und Vertrauen, suchen sie nach alternativen Wegen, um diese zu erfüllen. Sie lehnen also die Ungerechtigkeit ab und suchen andere Gerechtigkeitsmodelle. Dies ist der größte Nährboden für Radikalisierungen jeglicher Art. Radikalisierung ist Verlockend für die, die sich sowieso ausgegrenzt fühlen. Eine Studie über den Radikalisierungsprozess bestätigt dies. Marc Sageman (Leaderless Jihad: Terror Networks in the Twenty-First Century. University of Pennsylvania Press: Philadelphia, 2008) interviewte 500 Gewalttäter aus Terrornetzwerken. Er kam zum Ergebnis, dass Faktoren wie Bildung oder theologisches Wissen keine Rolle spielen. Das einzige was zählt ist das Gerechtigkeitsbedürfnis.

Studie: „Radikale sind religiös ungebildet“

Das britische Inlandsgeheimdienst MI5 führte ebenfalls eine große Studie durch. Bestandteil der Fallstudie waren mehrere Hundert gewaltbereite Extremisten, die, von der Finanzierung bis zum Selbstmordattentat, an terroristischen Aktivitäten beteiligt waren. Das Ergebnis: Radikale sind weder psychisch verrückt noch wurden sie einer Gehirnwäsche unterzogen. Sie sind religiös eher ungebildet. MI5 schreibt, dass sie große Wissenslücken im Islam haben und daher eher religiöse Novizen sind. Wenn sie älter als 30 Jahre sind, sind sie verheiratet und haben Kinder. Sie sind weder arm und ungebildet noch gesellschaftlich privilegiert. Meistens sind es ehemalige oder aktive durchschnittliche Kriminelle. Drogendealer oder Diebe versuchen durch fanatischen “Glauben“ ihre Sünden wettzumachen. Vergewaltiger oder Schläger zieht die dem Terrorismus innewohnende Gewalt an. Laut der Studie verbreiten und verfestigen auch die Berichterstattungen einiger Massenmedien Vorurteile gegenüber Muslimen, welches dann wiederum zu Radikalisierungen führt. Aus der Studie geht ebenfalls hervor, dass das Internet ein wichtiges Hilfsmittel bei der Verbreitung der Ideologie ist, aber nicht die Hauptrolle bei der Radikalisierung spielt. Die Radikalisierung findet letztendlich statt, wenn man gleichgesinnte in der Umgebung hat. Es sind dann nicht die Imame oder der Moscheeverein, sondern bestimmte Rekrutierer, die letztendlich zur Radikalisierung führen. Gründe, die zur Radikalisierung führen, sind laut dieser Untersuchung gefühlte oder tatsächliche Ungerechtigkeiten, Diskriminierungserfahrungen und die Vorstellung, dass ein “Krieg gegen den Islam“ geführt wird. Allerdings werden solche Gründe meist im Nachhinein konstruiert, um das eigene Handeln zu rechtfertigen. Insgesamt wird die radikale Szene durch unterschiedliche Faktoren, wie z.B. Mitgliedschaft bei einer (selbsternannten) Elite, Kämpfer für eine (angeblich) gerechte Sache, Popstarstatus innerhalb der radikalisierten Gruppe, Heiratsvermittlung, klare Regeln und einfache Feindbilder und paradiesische Verlockungen schmackhaft gemacht[5].

Fazit: Die Faktoren zur Radikalisierung von Jugendlichen sind soziologischer und psychologischer Natur. Suche nach Sinn, Anerkennung, Geborgenheit, Vertrauen, Fürsorge, Sicherheit, Liebe, Wir-Gefühl, Klarheit, Einfachheit, Reduzierung der Komplexität, Gerechtigkeit und gefestigter Identität sind entscheidende Gründe, warum sich Jugendliche radikalisieren. Vor allem der Gerechtigkeitssinn und die Identitätssuche sind einflussreiche Faktoren.

[1] vgl. Şahinöz, Salafimus, Extremismus und Fanatismus verstehen und handeln, BOD Verlag, 2016

[2] Hart aber Fair: Terror im Namen Gottes – hat der Islam ein Gewaltproblem?, ARD, 11.04.2016

[3] Hasan M.: What the Jihadists Who Bought ‚Islam For Dummies‘ on Amazon Tell Us About Radicalisation. In: Huffington Post. 21.08.2014

[4] Tagesschau: Gewaltbereite Extremisten in Deutschland. 11.12.2015

[5] Die Welt: Warum ein Mensch zum Terroristen wird. 26.08.2008

 

 

 

Cemil Sahinöz, IslamIQ, 07.08.2016

Warum werden Jugendliche radikal?

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(21.07.2016) Putsch der Falschinformationen

Putsch der Falschinformationen

PUTSCH TUERKEI ERDOGAN DEMOKRATIE
An dieser Stelle würde ich wie öfters Malcolm X zitieren, lasse ich aber diesmal sein. An solchen Tagen wird mir immer deutlich, wie wahr seine Worte sind. Im Zeitalter der sozialen Medien wird es sogar noch deutlicher. Was ist passiert?

Es waren nicht einmal 48 Stunden nach dem missglückten Putschversuch in der Türkei vergangen, da hieß es in einigen sozialen Medien und Schlagzeilen „Was macht jetzt Erdogan? Wie wird er seine Macht ausnutzen? Alles eine Inszenierung Erdogans.“

Dabei hatte sich das türkische Volk erst einmal Solidarität und Verurteilung des Putsches erhofft. Denn in der Putschnacht gingen Millionen von Menschen in der Türkei auf die Straßen. Menschen aus allen Kulturen, Religionen, Ethnien und Anhänger aller Parteien waren auf den Straßen und verhinderten einen Putsch, der von einer Untergruppe innerhalb des Militärs ausging. Ich weiß nicht, ob es so etwas jemals in der Geschichte gegeben hat.

Viele können dies nicht nachvollziehen. Das türkische Volk hatte Jahrzehnte an den Folgen von Militärputschen gelitten. 27.05.1960, 12.03.1971, 12.09.1980 und zuletzt am 28.02.1997 wurde in der Türkei geputscht. Für viele kaum vorstellbar und bekannt. Am 27.04.2007 ging es ebenfalls in Richtung Putsch. Nun war aber Schluss. Niemand, aber auch wirklich niemand wollte einen Putsch. Bei dem Putsch 1980 wurden 650.000 Menschen verhaftet und Tausende hingerichtet. Das durfte nicht noch einmal geschehen. So gingen Millionen von Menschen auf die Straße und riskierten dabei ihr Leben und Leib für Demokratie und Freiheit. Einige starben dabei.

Leider wurde nicht ausführlich genug darüber berichtet, wie die Putschisten vorgingen. Nur um einiges zu nennen: Eins der Istanbuler Brücken sperrten die Putschisten und feuerten auf Zivilisten. Diese Zivilisten hatten keine Waffen, nichts womit sie sich schützen konnten. Sie gingen aber auf die Panzer los. Einige starben dabei. In Ankara gab es eine regelrechte Schlacht. Einige Kampfjets feuerten auf Zivilisten und schließlich auf das türkische Parlament. Unfassbare Bilder. Kaum auszuhalten. Dutzende Menschen starben. Der staatliche Fernsehsender TRT wurde Live gestürmt, die Moderatorin musste zitternd mit kreidebleichem Gesicht die Putschmeldung der Putschisten lesen. Die TV Sender Kanal D und CNN Türk wurden später ebenfalls von Soldaten mit Waffen gestürmt und es gab große Panik. Zivilisten stürmten die Gebäude der besagten drei TV-Sender und retteten die Geisel. Das Hotel, in dem sich der türkische Staatspräsident Erdogan befand, wurde bombardiert. All dies konnte man Live im Fernsehen beobachten. Es war kein Hollywood-Film. Verwandte und Freunde berichteten ebenfalls aus der Türkei. Man machte sich ernsthafte Sorgen. Die Türkei sollte wie in Ägypten geputscht werden oder wenigstens wie in Syrien im Chaos versinken.

Noch zur gleichen Zeit, nur wenige Stunden als der Putsch begann, berichtete eine hiesige Zeitung, Erdogan würde nach Deutschland fliehen und Asyl beantragen. Nein, das war keine Satire. Es war eine der seriösesten und bekanntesten Zeitungen. Obwohl kurz zuvor Erdogan Live im TV sagte, dass er sofort nach Istanbul fliegen und vor dem Volke treten wird, was er auch tat.

Dass Erdogan-Bashing hatte also sehr früh begonnen. Unverständlich. Man kann ja für oder gegen Erdogan sein, dass spielte für die Millionen Menschen in der Türkei aber keine Rolle. Es ging um eine terroristische Gruppe innerhalb des Militärs, die versuchte die Kontrolle des Landes zu übernehmen. Ja, diese Anschläge sind nichts anderes als terroristische Anschläge. So galten diese feigen und unmenschlichen Anschläge gegen die Freiheit und Demokratie des Volkes der Türkei. Das Volk, egal ob für oder gegen Erdogan, verteidigte sein Land und ja sie verteidigte damit auch den gewählten Staatspräsidenten Erdogan. Doch das spielte keine Rolle in diesem Moment, es ging um die Demokratie und Freiheit eines Landes. Sie verurteilten den Putsch.

Doch es ging plötzlich nicht mehr um den Putsch. Z.B. schrieb der Fox News Politikanalyst und ehemaliger Oberstleutnant Ralph Peters, dass der Putsch die einzige Chance war, den Islam (!) zu stoppen. Die Putschisten hätten in Wirklichkeit das Land retten wollen (!), kommentierte er den Putschversuch. Er erinnerte dabei auch an den Putsch von 1980. Zur Erinnerung, noch in der Nacht des Militärputsches von 1980 sagte der damalige US-Präsident Jimmy Carter: „Unsere Jungs haben es geschafft.“

Auch Tage später ging es mit Falschinformationen weiter. In den Sozialmedien tauchten Bilder von angeblich geköpften Soldaten auf. Dieser angeblich geköpfte gab später ein Interview im Fernsehen. Er lebte noch. Nichts war passiert. David Copperfield war hier nicht im Einsatz. Ein anderer, angeblich gelynchter Soldat sprach bei einer türkischen Presse davon, dass ein Bild von ihm von vor Jahren aus dem Internet gezogen und bearbeitet wurde. Er war an dem Tag nicht einmal unter den Putschisten, ja war nicht einmal ein Soldat, hatte seine Wehrdienstzeit schon längst beendet. Auf einem anderen Bild hieß es, eine Menschenmasse würde Soldaten foltern. Es stellte sich heraus, auch diese Soldaten wurden interviewt, dass die Menschenmasse die Soldaten in den Krankenwagen trug. Auch viele Bilder aus Syrien und Terroranschlägen auf türkische Soldaten in den Jahren 2006 und 2007 kursieren noch in den sozialen Netzwerken und werden als Türkei-Putsch-Bilder verkauft.

Die angeblichen enthüllenden WikiLeaks sind ebenfalls ein totaler Reinfall. Es sind fast ausschließlich Mails, die an die Info@ Adresse der AKP Adresse geschickt wurden. Dass heißt, es sind lauter Gruppenmails, Spam, Werbungen und Anfragen von Bürgern allerlei. U.a. ist z.B. auch eine Mailgruppe, die einen Aufsatz von mir an die Info-Adresse geschickt hat. Stellen Sie sich einmal vor, ihr Spamordner wird als „Enthüllung“ im Internet veröffentlicht? Was sagt das über Sie aus? Ja, nichts!

Die Verbreitung von Falschinformationen darf aber nicht verallgemeinernd auf bestimmte Presse zurückgeführt werden. Auch das ist fatal. Es sind z.B. nicht DIE deutschen Medien, DIE deutschen Journalisten, DIE amerikanischen Medien, DIE bestimmten türkischen Medien, DIE LÜGENPRESSE usw., die angeprangert werden können oder sollten. Es geht hierbei vielmehr um unseriöse und schlampige Arbeitsweise von bestimmten Personen – Journalisten sowie Nichtjournalisten, allen voran „Facebook“-Junkies. Meist sind es Personen, die sowieso einen Kampf der Kulturen herbei schwören, und bewusst Falschmeldungen produzieren und verbreiten. Diese vermeintlichen Islamexperten wurden in einer Nacht zu Türkeiexperten.

Auch auf Seiten der Putschgegner nehmen Falschinformationen in diesen Tagen wie ein Lauffeuer zu. Da werden z.B. in Deutschland Listen mit angeblichen Anhängern der Gülen Bewegung, denen vorgeworfen wird, den Putschversuch unternommen zu haben, versendet. Diese soll man vermeiden, ja sogar boykottieren und anzeigen. In vielen dieser Listen befinden sich Unternehmen, Einzelhändler, Menschen die im geringsten Nichts mit dieser Bewegung zu tun haben. Sie werden völlig zu Unrecht verurteilt und bloßgestellt.

Es kann nicht sein, dass aus Wut eine Legitimation für Bespitzelung, Gesinnungsschnüffelei oder sogar Gewalt entsteht. Wenn in einigen Moscheegemeinden steht „Hier dürfen Personen X nicht reinkommen“, dann ist diese Gemeinde alles andere als eine Moschee. Kollektive Stigmatisierungen sind ein Gift für das gesellschaftliche Zusammenleben.

Auf genau die gleiche Art und Weise werden im Moment Tausende von Menschen aus den verschiedensten Ministerien der Türkei entlassen, weil ihnen vorgeworfen wird, Gülen Anhänger zu sein. Es gibt jedoch hierzu keine Transparenz, keine bekannten Kriterien. Wer sagt, dass diese Menschen, der Gülen Bewegung angehören und/oder den Putsch mit verursacht haben? Hier bewegt man sich auf einem sehr dünnen Eis. Die Verurteilung von Putschisten muss auf dem Grundgesetz des Rechtsstaates erfolgen und nicht auf der Grundlage von Bespitzelung. Ja, Putschisten müssen verurteilt werden – auf die härteste Art und Weise, aber nein, Menschen können nicht nur auf Grund von Verdacht vom Dienst genommen oder verurteilt werden. Dies kann zu fatalen Folgen führen, wenn z.B. jeder jeden bespitzelt. Bei den oben genannten Listen ist das schon der Fall.

Auch die Forderung nach der Todesstrafe ist nicht realitätsbezogen. In der Türkei wurde diese 2001 abgeschafft und ist zu dem rückwirkend gar nicht möglich. Selbstverständlich sind die Menschen emotional geladen, wenn Teile des eigenen Militärs auf die Bevölkerung schießen, das heißt aber auch in diesem Fall nicht, dass man den Boden des Rechtsstaates verlassen darf.

Noch einige abschließende, kurze Worte zur Gülen Bewegung. Ausführliches hierzu findet sich in meinem Buch „Die Nurculuk Bewegung.“ Fethullah Gülen war in den 70´ern Teil der Nurculuk Bewegung. Trennte sich aber schnell von ihr und gründete seine eigene Bewegung, genannt die Gülen Bewegung. Weder Fethullah Gülen noch die Gülen Bewegung haben keinen Bezug zur Nurculuk Bewegung und sind auch kein Teil der Nurculuk Bewegung. Fethullah Gülen hatte von Anfang an das Ziel, den Staat zu unterwandern um ihn besser kontrollieren zu können. Dies führte dazu, dass in der Türkei ein Staat im Staat aufgebaut wurde, was konsequenterweise zu einem großen Konflikt führte. Daher ist die Gülen Bewegung nicht zu verharmlosen. Seine Anhänger gehen davon aus, dass Gülen der erwartete Mahdi ist und zeigen ihm daher kritiklos gehorsam. Sie sind bereit, alles für ihn zu tun. Die Aussagen der Putschisten belegen, dass es legitim ist, diese Bewegung zu verbieten. Auch in Deutschland stand die Gülen Bewegung vor einigen Jahren vor großer Kritik. Die Kritik ist jedoch vorerst auf Eis gelegt und wird mit Sicherheit in einigen Jahren wieder aufleben.

Angesichts dieser vielen Falschinformationen ist es umso wichtiger, dass für Einigkeit und Besonnenheit aufgerufen wird. Menschen mit Gewissen müssen dazu führen, dass in der Türkei nun die Menschen zusammenhalten und das Land auf Einigkeit aufgebaut wird. Das Volk, das einen Putsch verhindert hat, darf sich nun nicht gegenseitig bekämpfen.

In Deutschland müssen Brücken zwischen den Menschen wieder aufgebaut werden. Die sowieso politisch angespannten türkisch-deutschen Beziehungen dürfen sich nicht auf den Alltag der hierlebenden Menschen übertragen. Türken und Deutsche verbindet eine lange Tradition und Geschichte. Man kann immer verschiedener Meinungen sein, doch gegenseitige Beschuldigungen und Generalisierungen sind das letzte, was unsere Gesellschaft gebraucht.

Kriege und Gewalt in vielen Ländern der Welt machen mehr als deutlich, dass nur eine Politik der Herzen und der Liebe erfolgreich sein kann. Je mehr sich bestimmte Volksgruppen denunzieren, desto mehr vertieft man sich im Schlamm. Polarisierungen spalten. Rassismus und Hetze führt zu Elend. Gegenseitiges Verstehen und emotionales Verständnis sind wichtiger als je zuvor. Kein Kampf der Kulturen, sondern ein Freundschaft der Kulturen muss wieder verstärkt ins Blickfeld rücken.

Cemil Sahinöz, Huffington Post, 21.07.2016

http://www.huffingtonpost.de/cemil-sahinaz/putsch-der-falschinformat_b_11099094.html

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(06.07.2016) Deutsch-Türkische Beziehungen mit Blick auf die Armenien-Resolution

Deutsch-Türkische Beziehungen mit Blick auf die Armenien-Resolution

 

 

Die Deutsch-Türkischen Beziehungen gibt es nicht seit gestern. Seit dem 15. Jhr. werden sie intensiv gepflegt. Damals waren Türken und Deutsche zwar bittere Feinde, jedoch ist ja allgemein bekannt, was sich neckt, liebt sich.

 

Im 15. Jhr. gab es die sogenannten Türkenkriege. Im Zuge dieser gab es 1529 und 1683 große Schlachten in Wien. Als Resultat dieser Kriege gab es Kriegsgefangene, z.B. nach dem zweiten Krieg gab es 1245 Kriegsgefangene, die nach München gebracht wurden.

 

Nach dem Friedensvertrag mit dem Sultan (Friede von Karlowitz, 26.01.1699) blieben einige Kriegsgefangene weiterhin auf deutschem Gebiet und wurden auch hier begraben.

 

Diese Kriegsgefangenen versuchten sich in Deutschland einzuleben. Der Osmane Mehmet z.B., der 1685 bei einer Schlacht gefangengenommen wurde, änderte seinen Namen in Ludwig Maximilian Mehmet von Königstreu. Einer seiner beiden Söhne gehörte 1746 zu den Begründern der ersten Freimaurerloge in Hannover. Ein anderes Beispiel ist “der Türke Ali“, der in Hannover im frühen 18. Jahrhundert unter dem Namen Georg Wilhelm zum Infanterieoffizier und Oberst wurde.

 

Der Herzog von Kurland schenkte im Jahre 1731 seinem König Friedrich Wilhelm I. 20 “türkische“ Gardesoldaten. Ab diesem Zeitpunkt gab es rege Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Türken.

 

Friedrich der Große, der Sohn des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I.,  schrieb 1740: „Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sie ausüben, ehrliche Leute sind; und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land bevölkern, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen.“

 

Das preußische Berlin unterhielt gute Verbindungen zur “Hohen Pforte“ (Bab-ı Ali). 1761 wurde das erste deutsch-türkische Handelsabkommen (“Freundschafts- und Handelsvertrag“) abgeschlossen. Ab 1763 gab es ständige Osmanische Gesandte nach Preußen. 1763 wurde durch kaiserliche Anordnung eine Bestattungserlaubnis für diese Diplomaten erlassen. 1798 wurde Ali Aziz Efendi begraben, Friedrich der Große schenkte das Friedhofsgelände.

 

Während einer Reise durch das Osmanische Reich, schrieb Kaiser Wilhelm II. am 08.11.1898 in Damaskus eine Postkarte an den Sultan des Osmanischen Reiches Abdülhamid II: „Möge Seine Majestät der Sultan und mögen die 300 Millionen Mohammedaner, die, auf der Erde zerstreut lebend, in ihm ihren Kalifen verehren, dessen versichert sein, dass zu allen Zeiten der deutsche Kaiser ihr Freund sein wird.“

 

Im 20. Jhr. fand eine Modernisierung des türkischen Heeres statt. Mehrere Verträge wurden geschlossen, in deren Folge 50.000 deutsche Offiziere und Soldaten im Osmanischen Reich, im heutigen türkischen Gebiet, Dienst taten.

 

1912 lebten in Berlin ca. 1400 Türken. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhundertes entfaltete sich in Berlin ein lebhaftes und vielfältiges islamisches Leben.

 

1924 wurde der erste religiös-türkische Verband „Deutsch-Türkische Vereinigung“ gegründet. Sie förderte gezielt Studenten und Lehrlinge, in dem sie deren Aufenthalt in Deutschland und ihre Ausbildungskosten trug. Später wurde der Verband wegen finanzieller Schwierigkeiten aufgelöst.

 

Vor dem zweiten Weltkrieg kamen 13.800 Türken nach Deutschland, um hier zu studieren oder ihre Ausbildung als Ingenieure und Offiziere zu ergänzen. 215 deutsche Schüler gingen in die Türkei.

 

Die nächste Phase der Deutsch-Türkischen Beziehungen beginnt mit der Einwanderung von ausländischen Arbeitnehmern, den sogenannten “Gastarbeitern“. Hierzu wurde am 30.10.1961 ein Vertrag zwischen Deutschland und der Türkei abgeschlossen. 1973 wurde die Anwerbephase beendet, ab dann gab es Familienzusammenführungen.

 

Seit den 70´ern gibt es auch die bekannten großen Moscheeverbände, die sich in Deutschland etablierten. 1973 gründete sich der VIKZ, 1976 die IGMG und 1984 die DITIB. Seit der Gründung der DITIB werden Imame als Beamte des türkischen Staates für bestimmte Jahre nach Deutschland entsendet. Diese Imame bekommen jedoch nicht nur DITIB-Vereine, sondern auch andere Moscheevereine, die bestimmte Kriterien erfüllen.

 

Inzwischen leben Türken – wenn man mit den “Gastarbeitern“ anfängt zu zählen – in vierter Generation in Deutschland. Es sind über eine Million Menschen, die hier geboren sind, hier sozialisiert wurden, hier zur Schule gingen, hier ihren Wehr- oder Zivildienst gemacht haben. Es sind also deutsche Bürger mit türkischen Wurzeln. Auch kulturell sind sie schon längst mal deutsch, mal türkisch.

 

Man spricht von 3 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Eine genaue Zahl wird es nicht geben, weil viele die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Es gibt aber Schätzungen. Ca. die Hälfte der türkischstämmigen hat einen türkischen Pass. Genauso viele haben demnach einen deutschen Pass. 15,6% der Personen mit einem Migrationshintergrund sind Türken. 22,2% der Menschen mit einem ausländischen Pass sind ebenfalls Türken. 98,8% der Türken sind Muslime. 63% der Muslime in Deutschland sind Türken.

 

Die Türken sind also schon längst gesellschaftlich, vor allem wirtschaftlich, ein wichtiger Teil Deutschlands.

 

Umso verärgerter sind sie auf Grund der kürzlich geschlossenen Armenien-Resolution des Bundestages. Viele fühlen sich vor allem verletzt und ungefragt. Viele türkische Verbände kritisieren, dass man ihre Meinung nicht eingeholt hätte, wo doch die Bundesregierung im Vorfeld verschiedene Ansprechpartner zum Thema herangezogen hätte. Daher fühlen sich viele hintergangen.
Vor allem wird jedoch kritisiert, dass Bundestagsabgeordnete keine Historiker sind. Sie seien nicht in der Lage eine Entscheidung über geschichtliche Ereignisse zu treffen. Eine Historikerkommission z.B., welches wissenschaftlich die Ereignisse ausarbeitet und entsprechend belegt, ist eine Forderung der türkischen Community seit Jahren. So gab es am Ende weder eine solche Kommission noch ein Schuldspruch eines Gerichtes, jedoch die Entscheidung von Politikern, welches noch mehr zur Verärgerung sorgte.

 

Ein weiterer wichtiger Kritikpunkt ist, dass diese Resolution als Konsequenz nur auf Grund der aktuellen Politik gegenüber der türkischen Regierung beschlossen wurde. Dass heißt, es wird angenommen, dass die Armenier-Frage nur missbraucht wurde um Präsident Erdogan eins auszuwischen. Dadurch wird ein historisches Ereignis für die Tagespolitik geopfert.

 

Zudem bringt die Resolution auch international nichts. Sie verhilft nicht zur Aussöhnung zwischen Türken und Armenier, sondern ganz im Gegenteil, zu weiteren emotionalen Reaktionen, die eine Aussöhnung wieder um wahrscheinlich Jahrzehnte verschieben. Eine sachliche Diskussion zu den Ereignissen wird es so schnell nicht geben.

 

Auch Selbstkritik findet in der türkischen Community statt. Hier wird vor allem hervorgehoben, dass die türkischstämmigen Verbände keinen Zugang zur deutschen Politik haben und auch auf solche Entscheidungen völlig unüberlegt reagieren. Fastenbrechen einladen – ausladen – einladen – ausladen…. Die Gründe für das Ein- bzw. Ausladen ändern sich täglich. Auch die Absage der Fastenbrechen-Einladungen mit der Begründung von Sicherheitsbedenken, ist mit Vorsicht zu behandeln, da diese Info in bestimmten rechtsradikalen Gruppen gegen die muslimische Community genutzt wird. Denn damit stellt man ja sowohl die eigenen Verbandsmitglieder aber auch insgesamt die muslimische Community unter Verdacht, dass sie entweder radikalisierbar sind oder dass man sie nicht unter Kontrolle halten kann, wobei beides zum gleichen Ergebnis führt. Bedrohungen von Abgeordneten sind selbstverständlich in keinster Weise akzeptabel. Noch dekonstruktiver sind Forderungen eine eigene Partei zu gründen. Eine solche Aktion führt nur zu peinlichen Szenarien und endet letztendlich als eine Witzaktion. Sie stellt keine Basis für einen Dialog dar, sondern eher für eine Ausgrenzung.

 

Alles in einem sind die deutsch-türkischen Beziehungen also im Moment auf dünnem Eis. Vor allem was die Politik der beiden Länder angeht. Doch wenn wir auf die lange Vergangenheit und Tradition dieser Beziehungen zurückblicken heißt das eigentlich nicht viel.

 

Mit anderen Worten: Unter Freunden passiert das schon ´mal. Das führt aber nicht dazu, dass man komplett miteinander bricht oder die Freundschaft beendet. Die schlechten Beziehungen sind zunächst einmal auf der Ebene der Politik entstanden und nicht auf der Ebene der Gesellschaft. Nachbarn vor Ort, Sportkammeraden im Verein oder Schüler in gemeinsamen Klassen sind davon nicht betroffen und sollten dies auch nicht ausweiten. Vom Ende der deutsch-türkischen Freundschaft zu sprechen ist also völlig irrsinnig und irrational. Wie sagte es einmal der islamische Gelehrte Said Nursi, der selbst Sommer 1918 zwei Monate in Berlin blieb: „In jeder Phase der Geschichte waren Deutsche und Türken sehr enge Freunde.“

 

 

Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, Juli 2016

Zwischen emotionaler Distanz und Verantwortung

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(23.06.2016) Wer sollte nicht fasten?

Wer sollte nicht fasten?

Die Muslime sind gerade mitten im Fastenmonat Ramadan. Dieser begann am 6. Juni und endet am 4. Juli. Am 7. Juli gibt es dann das große Ramadanfest.

Der Ramadan ist immer ein großes Fest für die gesamte muslimische Community weltweit. Von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang wird dabei auf Essen, Trinken, Rauchen, Geschlechtsverkehr verzichtet. In fast allen Moscheen gibt es abends das gemeinsame Fastenbrechen, zu denen Muslime wie auch Nichtmuslime eingeladen sind. Im Moment sind in den Moscheen in Bielefeld und Umgebung abends mehr Menschen beim Fastenbrechen als die eigenen Gemeindemitglieder. So kommt man mit vielen neuen Menschen ins Gespräch.

 

Da der islamische Kalender sich nach dem Mondkalender richtet, und dieser nur 355 Tage im Jahr hat, verschiebt sich Ramadan in unserem Kalender immer um 10 Tage. Dadurch findet der Ramadan dieses Jahr in den längsten Tagen des Jahres statt.

 

In den letzten Tagen erreichten uns vereinzelt Fragen von Lehrerinnen und Lehrern, die über fastende Grundschulkinder berichten. Daher möchten wir an dieser Stelle kurz darstellen, welche Personen vom Fasten befreit sind.

 

In Sure 2, Vers 184 heißt es im Koran: „(Vorgeschrieben ist es euch) an bestimmten Tagen. Wer von euch jedoch krank ist oder sich auf einer Reise befindet, der soll eine (gleiche) Anzahl von anderen Tagen (fasten). Und denjenigen, die es zu leisten vermögen, ist als Ersatz die Speisung eines Armen auferlegt.“

 

In Sure 2, Vers 185 im Koran heißt es: „Wer also von euch während dieses Monats anwesend ist, der soll ihn fasten, wer jedoch krank ist oder sich auf einer Reise befindet, (der soll) eine (gleiche) Anzahl von anderen Tagen (fasten). Allah will für euch Erleichterung; Er will für euch nicht Erschwernis.“

 

Wer also gesundheitlich im Ramadan nicht fasten kann, der kann zu einem anderen Zeitpunkt das Fasten nachholen. Vom Fasten ausgenommen sind dann z.B. Kinder, Reisende, Frauen im Wochenbett oder während ihrer Menstruation, Kranke, Schwangere, Stillende. Und insgesamt beginnt das Fasten ab der Pubertät.

 

Wenn jemand chronisch krank ist, sprich zu keinem Zeitpunkt aus gesundheitlichen Gründen fasten kann, kann laut Sure 2 Vers 184 als Ersatz die Speisung eines Armen vornehmen.

 

Gesundheit und die Psyche eines Menschen haben im Islam absolute Priorität. Daher heißt es auch in Sure 2, Vers 185: „Allah will für euch Erleichterung; Er will für euch nicht Erschwernis.“ Selbst beim Schweinefleischverbot heißt es, „Und wer sich aus Hunger in einer Zwangslage befindet“, dann ist es euch erlaubt. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in der Wüste ist und verhungert und Schweinefleisch findet, ist extrem klein. Die Botschaft Gottes ist hier also eindeutig. Das Leben geht vor. Und so ist das auch beim Fasten.

Daher können Personen, bei denen das Fasten schädlich sein kann, das Fasten zu einem späteren Zeitpunkt nachholen.

 

Hierzu eine Überlieferung des Propheten Muhammed: Der Prophet sieht eine Menschenmenge versammelt um eine Person, die gestürzt ist. Er fragt, was passiert ist. Es wird ihm geantwortet, dass der Mann auf Grund des Fastens ohnmächtig geworden ist. Daraufhin sagt der Prophet, dass in solchen Situationen es keine Tugend ist zu fasten.

 

Ob man nun gesundheitlich in der Lage ist zu fasten oder nicht, das entscheidet jeder selbst. Auch hierzu eine Überlieferung aus der Zeit des Propheten Muhammed: Während einer Reise gemeinsam mit dem Propheten haben einige seiner Gefährten gefastet und andere nicht. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Der Prophet, der bei dieser Reise eben dabei war, hat beides gelten lassen. Und auch er selbst hat bei einigen Reisen gefastet und anderen nicht.

Man sollte es also auch dem Propheten vorbildlich nachmachen, in dem man Personen, die aus verschiedenen Gründen nicht fasten, nicht hinterfragen.

 

 

Cemil Şahinöz

Vorsitzender des Bündnis Islamischer Gemeinden

 

BIG (Bündnis Islamischer Gemeinden) ist der Dachverband der Moscheevereine und muslimischen Einrichtungen in Bielefeld.

http://www.big-bielefeld.de/?p=654

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