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(18.04.2020) Hygienemaßnahmen im Islam mit Blick auf ansteckende Krankheiten

Hygienemaßnahmen im Islam mit Blick auf ansteckende Krankheiten

Krankheiten und Vieren gibt es schon seit Anbeginn der Menschheit; und so werden sie auch immer ein Teil des Lebens sein. Die beste Prophylaxe dagegen ist – so banal es klingt – eine einfache Hygiene. Aus islam-theologischer Sicht macht es daher Sinn, zu schauen, wie der Islam mit Hygiene und speziell ansteckenden Krankheiten umgeht.

Im Islam wird Wert auf prophylaktische (vorbeugende) Maßnahmen gelegt. Dies sieht man schon im islamischen Prinzip, wonach bereits der Weg zu etwas Negativem abgelehnt wird, und nicht nur das Negative selbst.

Prophylaxe beinhaltet, dass der Mensch die göttlich gegebenen Naturgesetze auch einhält. Das bedeutet wiederum, dass es nicht reicht, nur ein religiöses Lippenbekenntnis für ein Ziel auszusprechen, sondern es auch ernsthaft zu verfolgen und die kausalen Wege dafür einzuhalten.

Der Prophet Muhammed hob die Bedeutung der Gesundheit hervor, in dem er sagte: „Es gibt zwei Gaben, deren Wert von den Menschen unterschätzt wird: zum einen die Gesundheit und zum anderen freie Zeit“ (Buhari, Rıkak: 1).

Dabei steht genauso wie die körperliche als auch die seelische Gesundheit im Vordergrund. Für alle islamischen Prinzipien gibt es immer eine Option, die dann eingeleitet wird, wenn die Gesundheit und das Leben des Menschen in Gefahr ist. Beispielsweise wird das Fasten ausgelassen wird, wenn man krank ist (Koran, 2:185). Im Notfall kann an, um ein zweites Beispiel zu nennen, auch bestimmte Lebensmittel verzehren, die sonst nicht erlaubt sind (Koran, 6:145).

In Bezug auf Hygienemaßnahmen sagte der Prophet Muhammed, dass die Hygiene, Sauberkeit und Reinigung die Hälfte der Religion ausmacht (Müslim, Tahara: 1; Tirmizi, Daawat: 86, Hanbal, Musnad: 4/260, 5/342-344, 363, 370, 372; Darimi, Wudu: 2). Hier wird deutlich, welchen Stellenwert die Hygiene einnimmt.

In einem anderen Hadith (Ausspruch) sagte der Prophet, dass Gott rein ist und das Reine liebt. Daher solle man seine Umgebung sauber halten (Tirmizi, Edeb: 41). Im Koran heißt es: „O ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr zum Gebet aufsteht, wascht euer Gesicht und eure Hände bis zu den Ellbogen und wischt über euren Kopf, und (wascht) eure Füße bis zu den Knöcheln. Und falls ihr durch Samen befleckt seid, so reinigt euch.“ (Koran, 5:6).

Diese und ähnliche Denkweisen mündeten in einer festen Alltagspraxis in muslimischen Gemeinschaften. Der Prophet machte Anmerkungen über Hygienemaßnahmen in Zusammenhang mit Tieren oder mit Lebensmitteln (Buhari, Wudu: 33; Ebu Davud, Tahara: 37; Tirmizi, Tahara: 68). Auch hob er mehrmals die Wichtigkeit des Zähneputzens (Hanbal, Musnad: 1/214, 3/143; Buhari, Dschum´a: 8; Darimi, Wudu: 18), des Rasierens unter den Achseln und im Intimbereich, des regelmäßigen Schneidens der Fingernägel oder allgemein die Reinigung nach jedem Toilettengang hervor. Weiterhin betonte der Prophet das Händewaschen vor und nach jedem Essen, ja sogar nach jedem Aufstehen von einem Platz. Einmal in der Woche solle mal duschen (Müslim, Dschum´a: 9). Diese Aussagen tätigte er zu einer Zeit, in der Duschen und Baden verteufelt wurden oder Toiletten nur in wenigen Kulturen existierten. Die tägliche rituelle Waschung vor den Gebeten oder die Ganzkörperwaschung sind Hygienemaßnahmen, die täglich umgesetzt werden. Auch die Sauberkeit, was die Kleidung oder die Umgebung angeht, sind im Einklang mit der modernen Medizin.

Dabei ist das Händewaschen gar nicht so selbstverständlich, wie man vielleicht meinen würde. WIN/Gallup International führte im Jahre 2015 eine Studie zum Thema Hygienepraxis durch. In 63 Ländern wurde gefragt, ob man dort nach dem Toilettengang die Hände mit Seife wäscht. Hier kam es zu erstaunlichen Ergebnisse: Saudi-Arabien 97% (Platz 1), Bosnien 96% (Platz 2), Algerien, Libanon, Papua-Neuguinea und Türkei mit jeweils 94% (Platz 3), Kolumbien, Südafrika, Vietnam mit jeweils 93% (Platz 7), Panama 92% (Platz 10), Georgien 91% (Platz 11), Griechenland, Kosovo und Portugal mit jeweils 85% (Platz 13), Deutschland 78% (Platz 27), Vereinigtes Königreich 75% (Platz 34), Russland 63% (Platz 49), Frankreich 62% (Platz 50), Spanien 61% (Platz 52), Belgien 60% (Platz 53), Hong-Kong 58% (Platz 55), Italien 57% (Platz 57), Niederlande 50% (Platz 60), Südkorea 39% (Platz 61), Japan 30% (Platz 62) und China 23% (Platz 63).

Zur Zeit des Propheten Muhammed gab es selbstverständlich auch ansteckende Krankheiten. Hierzu äußerte sich der Prophet ebenfalls. In einem Hadith sagte er, dass man sich vor Infektionskrankheiten, wie z.B. Lepra, schützen soll, so wie vor einem Löwen (Buhari, Marda: 19; Hanbal, Musnad: 2/443). Dies zeigt die Vorsicht, mit der wir agieren sollen. Damit hob der Prophet hervor, dass man Infektionskrankheiten nicht auf die leichte Schulte nehmen sollte.

Des Weiteren wird empfohlen, dass man einen Abstand in der Höhe einer Lanze zu einer infizierten Person halten sollte (Hanbal, Musnad: 2/21). Eine durchschnittliche Lanze ist 2-3 Meter lang. Erstaunlich, dass der Prophet diese Maßnahme schon im 7. Jahrhundert empfahl.

In Zeiten, wo wir über Kontakteinschränkungen und Ausgangssperren diskutieren, findet man ebenfalls einen Ausspruch des Propheten von vor 1400 Jahren: „Wenn ihr hört, dass an einem Ort die Pest oder eine ansteckende Krankheit ausgebrochen ist, dann geht nicht dorthin. Wenn die Krankheit in euren Ort ist, dann verlasst ihn nicht.“ (Buhari, Tib, 19).

Diese und viele andere Aussagen des Propheten haben gegenwärtig eine noch wichtigere Bedeutung. Die Lebensweise des Propheten, der im Koran mit „du bist wahrlich von großartiger Wesensart“ (Koran, 68:4) beschrieben wird, wird für uns zu einem Vorbild in allen Lebenslagen.

IslamIQ, 18.04.2020

Hygiene im Islam mit Blick auf ansteckende Krankheiten

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(01.11.2019) 21 Jahre Misawa

21 Jahre Misawa

 

Vor 21 Jahren, am 1.11.1998 startete ich die Webseite Misawa, damals noch mit einer anderen Domain. Denn es war damals nicht selbstverständlich, dass man eine eigene Domain oder überhaupt eine Webseite hatte.

 

So hatten wir damals zu Hause keinen Internetanschluss. Die Webseite erstellte und aktualisierte ich in der Bibliothek der Universität. Nein, ich war damals kein Student, aber ein Freund hatte erzählt, dass man an der Uni das Internet nutzen konnte. Das war eine einmalige Gelegenheit. So begaben wir uns mit einigen Freunden an manchen Wochenenden für ein paar Stunden an die Uni und “recherchierten“ das Internet J

 

Schon recht schnell hatte ich die Idee und den Wunsch, eine eigene Homepage zu gestalten. Dies schien auch recht simpel zu sein. Hierzu erlernte ich die HTML-Sprache, mit der man Homepages erstellen konnte. Heutzutage braucht man das nicht mehr. Damals war es noch notwendig, die Webseiten selbst zu schreiben.

Zu Hause erstellte ich dann die Homepage und an den Wochenenden, an der Uni, lädt ich die Dateien hoch. Natürlich lädt ich nicht jedes Mal die ganze Homepage hoch, sondern nur die Dateien, die ich editiert hatte. Alle Dateien, die neu waren oder die ich editierte, packte ich in einen Ordner „Ins Internet“ und kopierte sie…. nein nicht auf den USB-Stick, das hatte damals noch keiner, sondern auf eine Diskette. Was eine Diskette ist? Einfach mal googlen J

 

Irgendwann hatten wir auch zu Hause einen Internetanschluss. Ein Modem mit 56K und legendären Soundgeräuschen bei der Einwahl ins Internet ersparten mir den Gang in die Uni.

 

Anfangs hatte die Homepage kein spezifisches Thema, sondern war gemischt mit Themen, die mich selbst interessierten. Ab April 2002 wurde es dann zu einer Webseite mit rein theologischen Themen. Zu dieser Zeit boomte die Seite, vor allem das Forum. Täglich kamen dutzende Forenbeiträge. Immer mehr Nutzer meldeten sich an und das Forum war innerhalb der muslimischen Community sehr bekannt.

Misawa 23.08.1999

Misawa 21.08.2000

Misawa 07.12.2000

Misawa 28.01.2001

Misawa 19.07.2007

Misawa 17.10.2019

 

Aktuell gibt es im Misawa-Forum über 16.000 Themen, knapp 202.000 Beiträge und fast 2.500 Benutzer. Die Aktivität im Forum hat aber in den letzten Jahren stark nachgelassen. Es wird nicht mehr in Foren geschrieben oder diskutiert, sondern viel lieber auf sozialen Netzwerken, wo ich aber keine zielführenden Diskussionen sehe. Im Misawa-Forum gab es immer anspruchsvolle Diskussionen, die viel zum gegenseitigen Verständnis führten. Dies zeigen auch Studien, in denen das Misawa-Forum untersucht wurde.

 

2008 wurden in einer Forschungsarbeit für den Lehrstuhl für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Europa-Universität Viadrina 42 Islam-Foren untersucht. Das Endergebnis war eindeutig. Das Misawa-Forum schnitt vor allem in den Bereichen “Offenheit”, “Dialog”, “Meinungsfreiheit” und “Demokratisch” am besten ab. 2012 führte das Bundesministerium des Inneren die bekannte Studie “Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ durch. Auch hier gab es nur positive Worte zum Forum. Auch im Jahre 2012 gab es eine Studie der Maryland Universität in den USA. Hier wurde speziell die Webseite Misawa insgesamt erfasst und ihr Einfluss unter den muslimischen Bloggern dargestellt. Auch in einer Studie, welches 2013 an der Universität Bremen, Institut für Religionswissenschaft und Religionspädagogik, durchgeführt wurde, war das Misawa-Forum Bestandteil.

 

In allen untersuchten Arbeiten gab es nur positive Ergebnisse für das Misawa-Forum. Dieses Lob gebührt allen Teilnehmern des Forums, den Mitgliedern, den Admins und den Moderatoren.

 

Ab Juli 2008 hörte ich dann mit der HTML-Programmierung auf. Ich wechselte dann auf eine Blogseite, die mir unheimlich viel Zeit sparte. Denn HTML war schon gut und man konnte alles so gestalten, wie man es wollte, aber es nahm eben auch viel Zeit in Anspruch. Der Umstieg auf eine vorgefertigte Blogseite war daher sehr nützlich.

 

Das Misawa-Netzwerk wurde auch immer größer. Hinzu kamen neue Webseiten, neue Projekte. Die Ayasofya Zeitschrift, Hörbücher, die Android App, der Podcast Misawa Talk, das Videoportal Misawa TV, My Halal Check und viele weitere.

 

Immer wieder werde ich noch heute gefragt, was denn eigentlich Misawa bedeutet. Im Forum wurde diese Frage in einem Thread über 1000mal gestellt. Für unser Videoportal Misawa TV hat ein Freund aus China mehrere Videos gedreht und (auf Grund der Annahme, dass Misawa etwas chinesisches bedeute), viele Chinesen gefragt, was Misawa bedeutet. Keiner der Chinesen konnte diese Frage beantworten. Vielleicht ist jetzt, nach 20 Jahren, die Zeit gekommen, um das Rätsel zu lösen. Was heißt eigentlich Misawa? Vielleicht warte ich aber noch weitere 20 Jahre…. Wie gut, dass keiner weißt, was Misawa heißt.

 

Dr. Cemil Sahinöz

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(06.01.2019) Seelsorge ohne Einzelgespräche ist nur Teil-Seelsorge. Defizite in der Gefängnisseelsorge

Seelsorge ohne Einzelgespräche ist nur Teil-Seelsorge

Defizite in der Gefängnisseelsorge

 

 

Die Gefängnisseelsorge ist in Deutschland gesetzlich geregelt. Laut StVollG §53 hat jeder Inhaftierte Anspruch auf eine Seelsorge, darin heißt es: „Dem Gefangenen darf religiöse Betreuung durch einen Seelsorger seiner Religionsgemeinschaft nicht versagt werden. Auf seinen Wunsch ist ihm zu helfen, mit einem Seelsorger seiner Religionsgemeinschaft in Verbindung zu treten.“ Auf Grund dieses Paragraphen können juristisch anerkannte Religionsgemeinschaften Seelsorger in die Justizvollzugsanstalten senden. Dabei sind die Justizvollzugsanstalten für die Rahmenbedingungen, wie z.B. räumliche Ressourcen, zuständig, und die Religionsgemeinschaften regeln den Inhalt der Seelsorge oder des Gottesdienstes in der Justizvollzugsanstalt.

Da der Islam jedoch keine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist, sprich keine juristisch anerkannte Religionsgemeinschaft, war es Muslimen lange Jahre verwehrt Gefängnisseelsorge ähnlich wie die christlichen Gemeinschaften anzubieten. Zudem gab es keine ausgebildeten muslimischen Gefängnisseelsorger, so dass muslimische Inhaftierte Seelsorgeangebote aus den Reihen ihrer eigenen Religion nicht wahrnehmen konnten.

 

Dass ein Bedarf für ein seelsorgerisches Gespräch auch unter muslimischen Inhaftierten herrscht, war aber nie ein Diskussionsthema. Schon die Deutsche Bischofskonferenz ermittelte diesen Bedarf im Jahre 2003. So gibt es in vielen Gefängnissen Deutschlands Angebote an muslimischer Gefängnisseelsorge. Anfang 2018 gab es bundesweit ca. 110 Imame, die als Seelsorger tätig waren. Dass Fehlen der juristischen Anerkennung wurde durch pragmatische Lösungen überbrückt.

 

Historisch geht die muslimische Gefängnisseelsorge auf die DITIB-Imame zurück. Seit den 90´ern besuchen die Imame türkische Inhaftierte. Bei diesen Besuchen wurden jedoch vielerorts keine Einzel- oder seelsorgerischen Gespräche geführt, sondern meist in Gruppengesprächen Verwaltungsangelegenheiten für türkische Staatsbürger, wie z.B. Aufenthaltsrecht, Abschiebung, Staatsangehörigkeit geklärt. Auch das Freitagsgebot wurde in vielen Gefängnissen durch die Imame durchgeführt.

 

Mit Laufe der Zeit wandelte sich diese Praxis in eine Art Seelsorge für muslimische Inhaftierte, obwohl die Imame keine Seelsorgekompetenzen hatten. Und auch andere muslimische Gemeinden, außerhalb der DITIB, machten ähnliche Gefängnisbesuche, in denen Imame oder meist ehrenamtlich engagierte Personen den Inhaftierten religiöse Unterweisung erteilten.

 

Trotzdessen muss erwähnt werden, dass auch in der Gegenwart nur bei den wenigsten Angeboten eine individuelle Seelsorge stattfindet. Vielmehr beschränken sich die Angebote auf Gruppengespräche und religiöse Rituale, wie z.B. gemeinsame Koranlesungen und Freitagsgebete, und sind eher zu vergleichen mit der Tätigkeit von Sozialarbeitern als mit Seelsorgern. Selbstverständlich sind auch Rituale wichtig und ein Bestandteil der Seelsorge, sie können jedoch eine individuelle Seelsorge nicht ersetzen. Ein individuelles und persönliches Seelsorgespräch ist jedoch das zentrale Anliegen einer Seelsorge. Das Fehlen solcher individuellen Seelsorgegespräche ist daher ein großes Defizit. Denn der Bedarf nach einer muslimischen Seelsorge wird damit nicht tatsächlich gedeckt.

 

Das Fehlen von Einzelgesprächen hat auch etwas mit fehlenden Ressourcen zu tun. Denn in der Praxis gibt es große Unterschiede in der Umsetzung der muslimischen Gefängnisseelsorge. Den meisten muslimischen Gefängnisseelsorgern stehen keine Räumlichkeiten für Einzelseelsorge zur Verfügung. Sie können nur Gemeinschaftsräume nutzen. Auch die ehrenamtliche und zeitliche Begrenzung der Angebote erschwert den Einsatz von Einzelgesprächen. Einige muslimische Seelsorge kommen nur durch starke Kontrollen ins Haus, wiederum andere nur, wenn sie ein christlicher Seelsorger begleitet. Dann gibt es Seelsorger, die Räumlichkeiten, ein eigenes Büro, Schlüssel zur Verfügung haben und ohne aufwendige Sicherheitskontrollen ins Gefängnis kommen. Dieser Umgang lässt eine angemessene Seelsorge zu. Daher müssen Ressourcen und Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit eine würdige Gefängnisseelsorge mit Einzelgesprächen stattfinden kann.

 

Hinzu kommt, dass muslimische Seelsorger zwar bei ihren Einsätzen eine Schweigepflicht haben, jedoch kein Zeugnisverweigerungsrecht. Daher gilt hier das Beicht- oder Seelsorgegeheimnis nicht. Auf Grund des Fehlens des Zeugnisverweigerungsrechts ist es nicht immer gegeben, dass die Klienten dem Seelsorger vollständig vertrauen, was z.B. in der Gefängnisseelsorge besonders wichtig ist, da hier Themen angesprochen werden können, deren Inhalte der Seelsorger aus Sicht des Klienten keineswegs weitergeben darf.

 

Die Finanzierungsfrage der muslimischen Gefängnisseelsorge wird ebenfalls unterschiedlich gelöst. An einigen wenigen Orten wird die muslimische Gefängnisseelsorge staatlich finanziert, jedoch sind die meisten Angebote und Tätigkeiten ehrenamtlich organisiert. Auf Dauer ist eine ehrenamtliche Tätigkeit jedoch nicht zu leisten. Der Bedarf ist hierfür viel zu groß. Vielmehr sollten Ehrenamtliche als Ergänzung zu hauptamtlichen muslimischen Gefängnisseelsorgern eingesetzt werden.

 

Verstärkt seit einigen Jahren wird die Gefängnisseelsorge (in Deutschland aber auch in anderen europäischen Ländern) auch im Kontext der Radikalisierung diskutiert. Dabei geht es einerseits um Gefängnisseel­sorger, die Inhaftierte in ihrem Denken radikalisieren, andererseits um Gefängnisseelsorger, die schon radikalisierte Inhaftierte deradikalisieren und alle Inhaftierten resozialisieren. Auch gebe es aus der radikalen Szene Personen, die sich für Inhaftierte nach ihrer Entlassung als Gefangenenunterstützer anbieten. Kritisiert wird jedoch an diesem Verständnis von Seelsorge, dass Seelsorge keine Präventionsarbeit als Ziel haben darf, da so die Glaubwürdigkeit des Seelsorgers vom Klienten in Frage gestellt werden kann. Deradikalisierung kann nur ein Aspekt oder einer der Ergebnisse der Gefängnisseelsorge sein. Präventionsarbeit wäre demnach ein Teilaspekt und sollte nicht zum zentralen Ziel der Gefängnisseelsorge gemacht werden, da sie dadurch den Charakter der Seelsorge verliert. Daher darf die muslimische Gefängnisseelsorge nicht als Instrument oder Alternative der Radikalisierungsprävention verstanden werden und der Fokus nicht auf die Deradikalisierungsarbeit fallen.

 

Insgesamt fällt es also auf, dass viele Angebote, die das Label “Islamische Gefängnisseelsorge“ tragen, sich voneinander unterscheiden und vor allem gar keine Einzelgespräche anbieten, welches wie bereits erwähnt, der Kern der Seelsorge ist und nicht vernachlässigt werden darf. Daher ist eine Standardisierung, was Seelsorge ist und was nicht, gerade in der Entstehungsphase der islamischen Seelsorge so wichtig.

 

 

Dr. Cemil Şahinöz

 

Islamische Zeitung, 06.01.2019

https://www.islamische-zeitung.de/spirituelle-hilfe-braucht-standardisierung/

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(01.01.2019) Moschee-Steuer – Juristisch, Politisch und Theologisch

Moschee-Steuer – Juristisch, Politisch und Theologisch

 

Die Frage der Finanzierung von Moscheegemeinden ist nicht neu. Sie wird mindestens einem Jahrzehnt diskutiert. Volle Fahrt haben die Diskussionen aufgrund der angespannten Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei genommen.

 

Aufseiten der Politik in Deutschland wird das Ziel verfolgt, Auslandsfinanzierungen und damit indirekt Einflüsse von ausländischen Staaten zu verhindern. Daher wird nach Lösungen und Optionen gesucht. Der Vorschlag, eine Moschee-Steuer analog zur Kirchensteuer einzuziehen, ist aber weder juristisch noch theologisch möglich. Deshalb werden die gegenwärtigen Diskussionen nur in eine Sackgasse führen.

 

Ohne Anerkennung keine Steuer

 

Juristisch ist es nicht möglich, da islamische Religionsgemeinschaften keine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist. Dies ist aber eine Voraussetzung, um eine solche Steuer überhaupt erheben zu können. Zunächst müsste also diese Frage geklärt werden. Die islamischen Religionsgemeinschaften erhalten gegenwärtig die Anerkennung als Körperschaft nicht, da sie Kriterien, wie z.B. Mitgliedsstrukturen, nicht erfüllen sollen.

 

Der Islam ist keine Kirche

 

Damit sind wir auch schon bei der theologischen Problemstellung. Eine Moschee-Steuer entspricht dem Selbstverständnis des Islams nicht. Denn der Islam kennt keine Institutionen oder Mitgliedsstrukturen wie die Kirchen. Dass heißt z.B., ein Eintritt zur oder Austritt aus der Religion wie in der Kirche ist im Islam nicht an die Institution Moschee gebunden. Man ist nirgends als Muslime registriert. Wie sollte man dann die Muslime, die diese Steuern zahlen sollen, erfassen?

 

Da kann man sich auch nicht an die Mitgliederlisten in den Moscheegemeinden orientieren. Denn man kann als Muslim in keiner einzigen Moschee Mitglied sein, oder auch in 10 verschiedenen gleichzeitig. Die Mitgliederzahlen sagen also nicht viel aus. Hier herrschen andere Strukturen als in der Kirche. Es gibt theologisch ein anderes Verständnis.

 

Gleichstellung notwendig

 

Was die muslimische Community bei all den Diskussionen kritisiert, ist auch der Wunsch nach Augenhöhe und Gleichbehandlung. Denn es ist bekannt, dass z.B. Kirchen und kirchliche Einrichtungen im Ausland von Deutschland aus finanziert werden. Gleichzeitig gibt es in Deutschland einige Religionsgemeinschaft, die, ähnlich wie bei den muslimischen Gemeinden, vom dem Ausland finanziert werden, und auch ihre Geistlichen aus dem Ausland holen. Hier fehlt eine Klarstellung, dass der Verbot von Auslandsfinanzierung nicht nur die Muslime betreffen darf und es damit keine benachteiligende Sonderregelung für Muslime geben kann. Denn grundsätzlich regeln die Religionsgemeinschaften die Ausbildung ihrer Geistlichen und die Finanzierung ihrer Gemeinschaften selbst.

 

Was sind die Alternativen?

 

Das Thema, wie sich Moscheegemeinden finanzieren könnten, ist seit vielen Jahren auch innerhalb der muslimischen Community ein Thema. Die Frage geht parallel mit der Fragestellung, ob man Imame, die in Deutschland geboren, hier sozialisiert und hier ausgebildet sind, in Moscheegemeinden einsetzen kann.

 

Da muss man realistisch sein, selbst wenn man eine Moscheesteuer einführen würde, und auf Imame aus dem Ausland nicht mehr angewiesen wäre, hätte man trotzdem nicht einmal ansatzweise genügend Imame für die Moscheen in Deutschland. Es gibt ca. 2000 Moscheen in Deutschland, ca. 1000 beziehen ihre Imame aus dem Ausland. Islamische Theologie kann man seit knapp 10 Jahren in Deutschland studieren. Bis man also so viele Imame hat, die hier Theologie studiert haben und dann auch tatsächlich in den Moscheegemeinden tätig sind, wird es wohl noch lange dauern. Aber das ist ein Ziel, dass viele muslimische Gemeinden verfolgen.

 

Optionsvorschläge für Finanzierungen, die in der muslimischen Community seit längerem diskutiert werden, sind die Gründung von Stiftungen, die es historisch in muslimischen Gemeinschaften immer wieder gab und die Zakat-Abgabe. Während bei Stiftungen es zumindest keine theologischen Schwierigkeiten geben würde, steht jedoch die Frage im Raum, ob die Ressourcen der muslimischen Community in Deutschland es zu lassen, auf diese Art und Weise hunderte von Moscheen zu finanzieren.

 

Bei der Zakat-Abgabe (2,5% des überschüssigen Gesamtvermögens spendet ein jeder Muslim jedes Jahr) gibt es wiederum eine große theologische Diskussion darüber, ob Zakat auch an Einrichtungen und nicht nur an bedürftige Einzelpersonen gespendet werden kann. Man nehme an, Moscheen würden durch die Zakat finanziert werden. Dann müsste man sich soziologisch darauf gefasst machen, dass evtl. in einigen Jahrzehnten Zakat sich inhaltlich wandelt und tatsächlich nur noch Einrichtungen wie Moscheen damit finanziert werden. Bedürftige wären dann sekundär. Man hätte eine andere Qualität von Zakat. Dies ist eine theologische Fragestellung, die noch nicht abschließend geklärt ist.

 

Dr. Cemil Şahinöz, IslamIQ, 01.01.2019

http://www.islamiq.de/2019/01/01/von-auslandsfinanzierung-bis-zakat-fragen-der-finanzierung-von-moscheen/

Islamische Zeitung, 01.1.2019
https://www.islamische-zeitung.de/moschee-steuer-juristisch-politisch-und-theologisch/

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(20.11.2018) Theaterprojekt „Zwischenräume“

Interkulturalität

Grußwort

Eine türkische Familie zog in eine neue Wohnung ein, in direkter Nachbarschaft zu einer deutschen Familie. Die türkische Familie backte einen Kuchen und wartete darauf, dass die Nachbarn sie besuchen und sie willkommen heißen. So kannten sie es aus ihrer eigenen Tradition. Die deutsche Familie backte ebenfalls einen Kuchen, denn es ist bei ihnen üblich, dass die neuen Nachbarn vorbeikommen und sich vorstellen. Beide Familien blieben mit ihrem Kuchen allein.

Doch leider blieben sie nicht nur mit ihrem Kuchen alleine sondern öfters auch mit ihren Vorurteilen. Denn es sind solche kleinen Missverständnisse und das Unbekannte, die zu Vorurteilen führen können. Die türkische Familie könnte die deutsche Familie mit Diskriminierung und Ausgrenzung beschuldigen. Die deutsche Familie könnte davon ausgehen, dass die türkische Familie sich ausgrenzt und eine Parallelgesellschaft mitten in der Nachbarschaft bildet. Hätten aber beide Familien die Information darüber, wie sich alte und neue Nachbarn in der jeweiligen Kultur verhalten, käme es nicht zu diesen Vorurteilen.

Unkenntnis führt also zu Unsicherheit, und dies zu Distanz. Wenn Distanz langfristig anhält, entstehen Ängste. Daher ist es von großer Bedeutung, das Unbekannte zum Bekannten zu machen, bevor Ängste entstehen. Nur so kann ein friedliches Miteinander gelingen. Nur so kann Integration funktionieren. Integration ist aber kein Zustand und hat auch keinen Endpunkt. Es ist eher ein ständiger Prozess.

In diesem Prozess darf das vermeintlich Fremdartige nicht als etwas Negatives bewertet werden. Das geht nur, wenn man sich kennenlernt. Hierzu sagte Ali, der Schwiegersohn des Propheten Muhammed: „Der Mensch mag das nicht, was er nicht kennt.“ Wenn man sich kennt, merkt man, wie ähnlich man eigentlich ist. Somit verschwindet das Fremde. Anstelle dieser kommt Freundschaft hervor.

Und dieses Kennenlernen sollte nicht nur künstlich auf bestimmten Veranstaltungen stattfinden, sondern im Alltag, in der Schule, auf dem Arbeitsplatz, im Supermarkt, im Kino gelebt werden. Nur so können Ängste tatsächlich abgebaut werden.

Jeder von uns hat im Alltag die Möglichkeit, dieses Kennenlernen, diesen Austausch zu fördern. So haben wir öfters Begegnungen wie im Kuchenbespiel. Wenn wir dabei Menschen offener, sensibler und mit positiver Neugier begegnen, können wir den interkulturellen Austausch und den Dialog fördern.

Als ein positives Beispiel, den Dialog zu fördern, kann das Zwischenräume-Projekt des Theaterlabors genannt werden. Als das Theaterlabor mit dem Projekt auf das Bündnis Islamischer Gemeinden zukam, war es für uns keine Frage des Ob, sondern wie wir unseren Anteil einbringen können. Denn in den Bereichen wie Theater und Kunst finden Begegnungen nur selten statt. Obwohl gerade in diesen Bereichen die Dialogpotenziale und die nachhaltigen Effekte immens sein können. Daher war es uns eine große Freude ein Teil dieses erfolgreichen Projekts zu sein.

Dr. Cemil Şahinöz
Vorsitzender des Bündnis Islamischer Gemeinden

Theaterprojekt „Zwischenräume“ – Broschüre
https://drive.google.com/file/d/161f8J4OyQXYL-iSWloDArUEkXOcDhSek/view?usp=sharing

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(07.11.2018) Gülen-Bewegung: Dialog zwischen Integrationsarbeit und Sektenwahn

Gülen-Bewegung: Dialog zwischen Integrationsarbeit und Sektenwahn

 

Umut Ali Öksüz, Dr. Cemil Şahinöz

 

Der Begriff Sekte ist ursprünglich ein christlich konnotierter Begriff und ist auf Grund des charakteristischen Typus des Christentums auf diesen anwendbar. Einen vergleichbaren Begriff gibt es in anderen Religionen nicht. Inhaltlich betrachtet gibt es jedoch auch in anderen Religionen Sekten, bzw. Gruppen, die die gleichen Kriterien erfüllen. So soll in diesem Artikel geschaut werden, ob die religionssoziologischen Kriterien für eine Sekte auf die Gülen Bewegung zutreffen.

 

Definition und Kriterien

 

Max Webers “Soziologische Grundbegriffe“ endet mit einem Vergleich von Kirche und Sekten. Demnach wird man in die Kirche „hineingeboren“, wohin eine Sekte „nur die religiös Qualifizierten persönlich in sich aufnimmt“. Er verweist dabei auf Kriterien der Religionssoziologie, in der der Begriff Sekte, den es schon seit der Antike gibt, inhaltlich entwickelt wurde.

 

Unabhängig davon, dass es einige unterschiedliche Definitionen vom Sektenbegriff gibt, gibt es auch minimale Kriterien von Sekten, die die unterschiedlichen Definitionen gemeinsam haben. Laut Frank-Xaver Kaufmann sind das Kriterien wie Gemeinschaftscharakter, freiwillige Mitgliedschaft, allgemeines Priestertum und eine klare und scharfe Abgrenzung „mit Hilfe der eigenen, meist radikal-religiösen Auffassungen gegen die vorherrschende Kultur“. Im Allgemeinen haben sich Sekten von der Urreligion abgespalten und befinden sich im Konflikt und überwiegend auch in einer Konkurrenzbeziehung zu ihr.

 

Ähnlich wie Radikale und extreme Gruppen, bieten Sekten ein vereinfachtes, dichotomisiertes Weltbild. Die Welt ist aufgeteilt in „die Guten“ und „die Bösen“. Die Guten, das sind die Mitglieder der Sekte, versuchen die Welt zu verbessern. Die Bösen, alle außerhalb der Sekte, sind verblendet und sehen die Wahrheit nicht.

 

Diese Guten sehen sich durch die Zugehörigkeit als eine auserwählte Elitegruppe, die es geschafft hat. Sie gehören zu denjenigen, die letztendlich als Sieger hervortreten werden, auch wenn sie ggf. gegenwärtig angefeindet werden würden. Daher haben die Mitglieder auch meistens immer die gleiche Meinung zu unterschiedlichen Themen, so dass sie gleichgeschaltet wirken. Auch wirken Argumente zu Diskussionsthemen auswendiggelernt, da sie innerhalb der Gruppe immer wieder thematisiert werden und die einzigen akzeptierten, legitimen Meinungen sind.

 

In Sekten gibt es unter den Mitgliedern daher einen großen sozialen Druck, um weiterhin als Elite bestehen zu können. Alle Mitglieder kontrollieren sich gegenseitig und versuchen die meist irrationalen Gesetzlichkeiten innerhalb der Gemeinschaft durchzusetzen.

 

Diese Gesetze und Regeln führen zu einer Komplexitätsreduzierung. Der moderne Alltag ist viel zu komplex und macht Entscheidungen schwierig. Sekten vereinfachen dies, in dem sie ein einfaches Model anbieten. Damit wird sie attraktiv für viele Menschen, vor allem für Personen, die eine Konfliktbiographie hatten.

 

Menschen mit einer schwierigen Vergangenheit haben in Sekten die Möglichkeit, Sinn und Orientierung zu finden. Sie finden und bekommen eine Wertschätzung und Geborgenheit, die sie von ihrem Umfeld, z.B. von ihrer Familien, sonst nicht erhalten hatten.

 

Daher kommt es häufig vor, dass Sektenmitglieder von ihren Familien, die nicht auch Sektenmitglieder sind, getrennt werden und jeglicher Kontakt untersagt wird. Nur so kann eine erfolgreiche Indoktrination funktionieren.

 

Um die ideologische Indoktrination zu perfektionieren, wird meistens auch jeglicher Kontakt mit Außenstehenden reduziert. Auf diese Art und Weise werden besonders Kinder und Jugendliche mit dem Gedankengut der Sekte sozialisiert. Diese Generationen sind es dann, die viel stärker an die Sekte gebunden sind, als z.B. Erwachsene, die in älteren Jahren zur Sekte gestoßen sind. Die in der Sekte sozialisierten und groß gewordenen Mitglieder sind dann materiell und immateriell an die Sekte gebunden und abhängig von ihr. Eine Trennung ist meist mit viel Kraft, Trauma und psychischen Störungen verbunden.

 

Sekten können ohne eine Zentral, ohne einen Führer nicht funktionieren. Der Führer ist jedoch kein gewöhnlicher Geistlicher, sondern jemand mit “Sonderfunktionen“, die direkt von Gott (!) bereit gestellt werden. So wird der Sektenführer zu einem heiligen, unantastbaren Halbgott, der auf keine Art und Weise kritisiert werden darf.

 

Sekten, die eine bestimmte Mitgliedergröße erreichen, verwandeln sich in modernen Gesellschaften auch zunehmend in Wirtschaftsunternehmen und große Organisationen, die primär Angebote für ihre eigenen Mitglieder generieren aber auch „Öffentlichkeitsarbeit“ leisten, um das Image der Sekte zu verbessern und zu Missionieren.

 

Vergleich mit der Gülen-Bewegung

 

Sektenähnliche Strukturen fangen bereits im Kindesalter mit ihrer Indoktrination an. Durch verschiedene Angebote werden Kinder und Jugendliche in differenzierten Stufen in eine ideologisierte Elite heranerzogen und leben die Lehren ihrer Meister weiter. Eine der bekanntesten und umstrittensten Bewegungen in Deutschland, die eine große Sektenähnlichkeit besitzt, ist die Gülen-Bewegung, auch bekannt als Hizmet-Bewegung.

 

Die Gülen-Bewegung ist seit über 30 Jahren in Deutschland verhüllt aktiv, seit ca. fünf Jahren gibt es erste öffentliche Sprecher oder Einrichtungen für Anlaufstellen.

 

Das Netzwerk der Bewegung ist weltweit bekannt und steuert diverse pädagogische und soziale Einrichtungen sowie Projekte im interreligiösen Bereich. Seit dem Putschversuch in der Türkei 2016 ist die Gülen Bewegung in Deutschland in aller Munde. Das äußere Auftreten der Bewegung symbolisiert wichtige Fundamente, die für ein gemeinsames Miteinander unverzichtbar sind. Integrationsbereitschaft, Dialog, Bildung und Toleranz – alles Schlüsselbegriffe, die von einer verdeckten Indoktrination lenken sollen. Viele Kritiker in Deutschland werfen der Bewegung seit Jahren vor, sektenähnliche Methoden zu verwenden.

 

Aktuell spricht die Bundesregierung von einer Neubewertung der Bewegung, es liegen interne Berichte der deutschen Botschaft aus Ankara vor, die eine Sektenähnlichkeit nochmals unterstreicht. Wenn Strukturen und Merkmale einer funktionierenden Sekte mit der Gülen Bewegung verglichen werden, dann sind deutliche Gemeinsamkeiten erkennbar.

 

Jede Sekte hat einen Meister und strikte hierarchische Strukturen. Der Meister Fethullah Gülen gibt sämtliche Regeln und Lebenspraktiken vor und unterrichtet konstant seine Anhänger mit Inhalten, die direkten Eingriff in das Leben bzw. Privatleben eindringen. Dies berichten u.a. etliche Aussteiger und hochrangige Vertreter. In Sekten ist es üblich, dass der Führer einer Gruppierung niemals kritisiert oder hinterfragt wird. Es gibt kaum kritische Äußerungen oder Publikationen von der Bewegung, die Fethullah Gülen in Frage stellen. Zudem gibt es in der Gruppe ein Weltbild von „gut“ und „böse“. Alle, die der Bewegung folgen, alle Sympathisanten, alle, die nichts hinterfragend von der Bewegung annehmen, alle Förderer und vor allem – alle Anhänger sind die Guten. Auch die Gülen-Bewegung braucht immer ein Feindbild innerhalb ihrer Dichte. Durch die aktuellen Vorkommnisse wird der alte Freund und Partner, die AKP-Regierung als das „Schlechte“ in der Bewegung kommuniziert. Für sektenähnliche Strukturen sind diese schwarz-weiß Gedanken von großer Bedeutung, um die eigene Elite immer in den Mittelpunkt zu rücken. Deshalb setzen sich die Mitglieder einer Sekte gegenseitig unter Druck und kontrollieren sich und ihre Handlungen. In der Hizmet-Bewegung hat jedes Mitglied einen Mentor bzw. einen sog. „Agabey“, übers. großer Bruder.

 

Schon ganz früh werden Kinder und Jugendliche durch die Bildungsarbeit in den sog. Lichthäusern manipuliert. Nachhilfeangebote oder künstlerische Projekte dienen einer direkten Rekrutierung in die Lichthäuser.

 

Die Mentoren kontrollieren die Mitglieder, für die sie selbst verantwortlich sind und stehen gleichzeitig selbst unter Beobachtung.

 

Diese Kontrollen setzen in der Bewegung den Schwerpunkt auf die religiösen oder politischen „Hausaufgaben“:

  • Wie lange war man draußen?
  • Mit wem war man unterwegs?
  • War man diese Woche im Lichthaus? Wenn nein, wieso nicht?
  • Haben die eigenen Eltern, Freunde, Verwandte o.ä. ein Zaman-Abo? (In Deutschland wird diese Zeitung nicht mehr gedruckt. Die Bewegung arbeitet derzeit an neuen medialen Projekten.)
  • Wurde eine bestimmte Anzahl von Seiten aus Fethullah Gülens Büchern gelesen?
  • Befolgt man die eigene religiöse Ideologie?
  • Wurden bestimmte Artikel geteilt und verbreitet, mit Inhalten aus der türkischen Politik?
  • Wurden bestimmte Nachrichtensender, die kritische Beiträge über die Bewegung bringen, sabotiert?
  • Ist man bereit für die Bewegung zu opfern?

 

Das sind nur Beispiele für Fragen bzw. Anweisungen, mit denen sich die Anhänger gegenseitig ausspionieren. Religion wird als emotionales Machtinstrument genutzt, denn ein Widersprechen der Anweisungen durch die Mentoren, wäre ein Widerspruch zum Meister und obligatorisch zu Gott. Soziale Probleme und das Gefühl ausgeschlossen zu sein, schenkt Sekten genug Spielraum, damit sie neue Kumpanen dazu gewinnen. In der Gülen-Bewegung geht es vor allem auch um die „verlorene Religiosität“ und um ein verlorenes Leben im Jenseits. Daher fühlen sich die Sympathisanten der Hizmet-Bewegung gezwungen, auch einen finanziellen Dienst zu leisten und spenden Unmengen an Geld in ihre Ideologie. Oder sie verkauften in der Vergangenheit ihre Zaman-Zeitung in Massen, um die Gedanken des Meisters weiterzuverbreiten. Die Gülen-Bewegung nennt sich selbst eine soziale Strömung.

Sie sagt von sich selbst, dass sie im Dienste Gottes, im Dienste des Ehrenamtes und der Bildung unterwegs sei. Es gibt wenig soziale und ehrenamtliche Gruppen in Deutschland, die Millionen von Euros besitzen und diese in kritische PR-Agenturen wie Burson Marsteller investieren können.

 

Im Rahmen einer „sozialen Bewegung“ sind wirtschaftliche Hilfsmittel, die überwiegend durch die eigenen Mitglieder privat „gespendet“ werden,  in dieser Höhe und für eine solche Maßnahme nur in festen sektenähnlichen Strukturen möglich.

 

 

Informationen zu den Autoren:

 

Umut Ali Öksüz, geboren in Neuss, ist aktiv als Lehrer, Pädagoge, Kinderschutzfachkraft §8a SGBVIII und Blogger. Er ist Autor im Handbuch »Bildungsbrücken bauen – Stärkung der Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund«. Seit über zehn Jahren, 2008, arbeitet er mit Kindern, Jugendlichen und Eltern zusammen. Er ist Referent für die Themen: Bildungschancen, Interkulturelle Bildung, Subkulturen innerhalb der Deutsch-Türkischen Community. Persönlicher Kontakt: info@umutalioeksuez.de. Weitere Informationen: http://www.umutalioeksuez.de

 

Dr. Cemil Şahinöz, Soziologie, Theologe und Religionspsychologe, ist Hauptberuflich als Integrationsbeauftragter und Familienberater tätig. Er hat mehrere Bücher verfasst und analysiert die Gülen Bewegung seit mehr als 10 Jahren.

 

 

Huffington Post, 07.11.2018

https://www.huffingtonpost.de/entry/gulen-bewegung-dialog-zwischen-integrationsarbeit-und-sektenwahn_de_5be2e416e4b0769d24c7b5f3?5r9

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(01.08.2018) Religion oder Kultur?

Religion oder Kultur?

Wenn man in Deutschland mit Muslimen kommunizierte, dann war es bis vor kurzem noch so, dass man es überwiegend mit Menschen mit türkischen Wurzeln zu tun hatte. Dementsprechend war das Islambild in den Köpfen der Menschen auch geprägt. Alles was “türkisch“ war, galt als “islamisch“ und umgekehrt.

Dass man dabei immer wieder Kultur und Religion verwechselt, wird es deutlich, wenn man auf Muslime aus anderen Kulturen trifft. Muslime aus Syrien, Kanada, Deutschland, China oder Australien sind kulturell sehr unterschiedlich. Ihr Glaube ist der gleiche, doch die Kultur, ihr Umgang im Alltagsleben ist eine andere. Und auch wenn man von dem einen und selben Glauben ausgeht, ist die kulturelle Praxis sehr vielfältig. Auf Grund der Vielfalt des Islams, gibt es auch keine einheitliche Entwicklung der Traditionen, wie Bauer in „Die Kultur der Ambiguität“ anschaulich darstellt.

Diese Unterscheidung ist freilich für einen Nichtmuslim nicht einfach. Wie soll man differenzieren, welche Handlung nun kulturell bedingt ist und welche religiös motiviert geschieht. Trotzdessen ist diese Unterscheidung jedoch im Umgang miteinander und vor allem in gesellschaftlichen Diskursen enorm wichtig.

Denn wer behauptet, die Benachteiligung der Frau wäre ein muslimisches Problem, muss erklären, warum es auf die Sicht und Rolle der Frau – ohne es positiv oder negativ zu konnotieren – zwischen muslimischen, christlichen, jezidischen und anderen Menschen aus der gleichen Region, z.B. aus Syrien, keine Unterschiede gibt. Der christliche Syrer hat die gleiche Sicht auf die Frau wie der muslimische Syrer oder der atheistische Syrer. Weder ist dann bei einer gegebenen Frauenfeindlichkeit die Bibel Auslöser noch der Koran. Ein christlicher Syrer, der frauenfeindlich ist, nimmt sich dieses Recht nicht aus der Bibel, ebenso ein muslimischer Syrer nicht aus dem Koran. Die Rolle der Frau kann für einen deutschen Muslim völlig anders aussehen, als für einen chinesischen Muslim oder für einen irakischen Christen. Weitere Paradebeispiele sind Themen wie Ehrenmord und Zwangsheirat, die hierzulande konsequent mit dem Islam in Verbindung gebracht werden, obwohl auch dies ein kulturelles Problem in bestimmten Regionen dieser Welt ist, ungelöst davon, welche Religion diese Menschen in diesen Regionen haben. Auch hier gilt, weder ist es die Bibel, noch der Koran, dass Zwangsheirat und Ehrenmord gebietet. In jeder Religion sind beide absolut unvereinbar und unverhandelbar. Es ist also an Hand vieler solcher Beispiele ersichtlich, dass hier ein kulturelles Phänomen vorliegt. Kultur und Religion werden bei solchen Beispielen immer wieder vermischt.

Deutlich wird auch, dass, Religion und Kultur selbstverständlich auch eine Schnittmenge haben, denn Religion ist einer von vielen Faktoren, die eine Kultur ausmacht, dass es aber auch Bereiche gibt, die im totalen Widerspruch zueinander stehen. Wenn es hart auf hart kommt, erlebe ich in der Familienberatung, dass sich gefühlte 90% für Kultur entscheiden, und nicht für Religion. In solchen Konflikten heißt es dann nicht, was die Bibel oder der Koran sagt, sondern was die Nachbarn sagen, was die Community sagt oder was Verwandte oder Freunde in der Heimat sagen.

Gleichwohl werden vielerorts jegliche Muslime als Koranexperten oder Theologen wahrgenommen. Wenn Siebtklässler in der Schule als Referatsthema erklären müssen, was nun der Dschihad bedeutet, ist das meistens kontraproduktiv. Genauso wie nicht jeder Christ ein Bibelexperte ist, kann nicht vorausgesetzt werden, dass jeder Muslim den Koran in- und auswendig kennt. Daher bekommt man in Diskussion öfters auch keine theologischen Antworten sondern eher kulturelle, weil die antwortenden Gesprächspartner evtl. keine hinreichenden theologischen Kenntnisse haben. Damit ist nicht der abwertende Begriff Kulturmuslime gemeint, sondern schlicht die Tatsache der theologischen Unkenntnis oder die Beschränkung auf minimale Kenntnisse. Denn viele kulturelle Praktiken berufen sich nicht auf theologische Quellen des Islams, sondern entstehen aus kulturellen Riten und Werten. Die theologischen Quellen sind dabei eindeutig: Koran, Sunna (Die Gewohnheiten des Propheten Muhammed), Meinungskonsens unter den islamischen Gelehrten und Analogieschlüsse.

Auf Grund der gegenwärtigen kulturellen Vielfalt der Muslime in Deutschland und der Globalisierung werden diese Unterschiede jedoch immer deutlicher. Man trifft in Deutschland eben nicht nur auf den türkischen Muslim, sondern auch auf den deutschen oder britischen Muslim, die jeweils ihre eigene Kultur haben. So entsteht in Deutschland eine Heterogenität der Muslime.

Auch die Sprache wird auffällig häufig mit einer Religion verbunden. Dies führt dann zu Irritationen, wenn christliche Araber „Allahu Akbar“ rufen, was schlicht und einfach „Gott ist groß (größer)“ bedeutet. Denn selbstverständlich sagen auch christlicher Araber „Allah“, weil dies die Übersetzung von „Gott“ ist.

Kultur gibt den Menschen eine Orientierung im Alltag. Aber auch Kultur ist ständig im Wandel. Von Generation zu Generation verändert sich Kultur, daher ist sie nichts Statisches und wird in Diskursen immer wieder ausgehandelt. Als die sogenannten Gastarbeiter in den 80´ern in ihre vermeintliche alte Heimat zurückkehrten, hatten sie Integrationsschwierigkeiten, weil sowohl sie selbst als auch ihre Heimat sich schon verändert hatte. So kamen einige nach wenigen Jahren wieder nach Deutschland zu ihrer neuen Heimat wieder zurück. In diesem langjährigen Prozess entsteht auch ein kulturell europäisch geprägter Islam, ohne die Glaubensinhalte oder –Praxis der Religion in Frage zu stellen oder gar sie reformieren zu wollen.

Dr. Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, August 2018

Huffington Post, 07.08.2018
https://www.huffingtonpost.de/entry/religion-oder-kultur_de_5b64b9b9e4b0eb29100e59f2

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