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(14.07.2017) Halal-Ernährungsfragen der Muslime in der Diaspora. Kreuzkontamination und mit Alkohol benetzte Verpackungen

Halal-Ernährungsfragen der Muslime in der Diaspora

Kreuzkontamination und mit Alkohol benetzte Verpackungen

 

In Gesellschaften mit muslimischer Mehrheit gibt es theologische Fragen, die sich für Muslime gar nicht erst stellen. Wenn man z.B. in einem Land mit überwiegend Muslimen in einem Lokal fragt, ob das Fleisch halal geschächtet ist, wird man entweder verdutzt angeguckt oder beleidigt. Der Kellner erwidert dann, „Glaubst du, ich bin kein Muslim?“ Obwohl die Frage nach einer Halal-Schächtung auch in Ländern mit überwiegend Muslimen gerechtfertigt und legitim. Immer wieder gibt es in solchen Ländern Skandale, wie z.B. dass in bestimmten Fleischsorten, Fleisch von ganz anderen Tieren gefunden werden.

 

Für Muslime, die in Ländern mit überwiegend Nichtmuslimen leben, sind solche Fragestellungen schon im Alltag verankert. Da schaut man in die Zutatenliste und kontrolliert Gelatine oder Emulgatoren, Aromen oder Ethanol. Wie eben ein Vegetarier, Veganer, Allergiker oder auch Ex-Alkoholiker, der kein Tropfen Alkohol zu sich nehmen darf.

 

Bei all diesen Fragestellungen ergeben sich aber auch durch Unkenntnis Problematiken. Vor allem da, wo es in der vermeintlich islamischen Welt keine Antworten auf bestimmte Fragen gibt, weil sie eben, wie oben dargestellt, weder gesellschaftlich noch theologisch gestellt werden.

 

Solche Fragestellungen sind gegenwärtig die Themen Kreuzkontamination oder auch mit Alkohol benetzte Verpackungen.

 

Dabei sind das gar keine neuen Fragen. Die Frage der Kreuzkontamination ist uralt. Auch zu Zeiten vom Propheten Adam oder vom Propheten Muhammed konnte man sich die Frage stellen, was passiert, wenn sich Lebensmittel absolut unbewusst vermischen. Solch eine Situation gibt es ja nicht seit der modernen Technik, sondern eben seit es Menschen gibt. Wir finden aber in keiner einzigen Quelle eine solche Fragestellung. Obwohl die Gefährten des Propheten Muhammed ihn sehr viele Details befragt haben, gibt es dazu keine einzige Erzählung. Und auch der Prophet Muhammed hat – wie es ja theologisch völlig legitim ist – das geschächtete Fleisch der Ahl-u Kitap gegessen, obwohl man ja auch hier die Frage stellen könnte: „Oh Prophet, wir essen zwar das geschächtete Fleisch der Ahl-u Kitap, aber diese essen ja auch Sachen, die haram sind, kann es nicht sein, dass bei der Zubereitung diese vermischt werden?“ Eine solche Frage wäre absolut legitim. Sie gibt es aber nicht. Weil der Islam keine Religion der “Unmöglichkeiten“ oder gegen jede menschliche Natur ist. Der Islam beachtet die Lebensrealität und ist lebensförderlich und nicht lebensfeindlich

 

Auch spätere Gelehrte haben sich so eine Frage nie gestellt, weil es den Grundideen des Islams wiederspricht. Denn Kreuzkontaminationen passieren jeden Tag und überall. Ständig. Es ist völlig unmöglich diese zu vermeiden. Daher antworten die Hersteller von Produkten auch immer, dass sie es nie 100% ausschließen können. Wie denn auch. Es geht hier um Partikel, Substanzen, kleinste (mit dem Auge unmöglich ersichtlichen) Teile. Wir sprechen also bei Kreuzkontaminationen von wirklich absolut geringen (!!) Mengen, die vor allem nicht bewusst, sondern unbewusst (!!) in ein Produkt gelangen könnten (!!), weil Partikel davon auf dem Tisch (!!) sind.

 

Die Situation ist also uralt. Aber die Frage ist neu. Woran liegt das? Im Grunde ist dies ein Ergebnis von modernen Gesellschaften im soziologischen Sinne. Mit der Modernisierung und Industrialisierung hat sich der Islam von einer Lebensweise in eine mathematisch-durchdachte, Schablone-artige Weise umgewandelt. Eingebüßt hat dabei der Geist, die Spiritualität der Religion. Dies ist der Hauptfaktor auch für die Entstehung von politischen Verfärbungen des Islams.

 

Ein anderer Faktor sind leider die sozialen Netzwerke. Hier wird vieles unwissend verbreitet, ohne sich mit den Themen und vor allem Inhalten auseinanderzusetzen. Da werden dann z.B. in dieser Thematik uralte Schreiben kopiert, ohne sie inhaltlich verstanden zu haben und in die gesamte Welt verschickt und als “neu“ verkauft. Dies führt wiederum zu Verwirrung.

 

Gleichzeitig  haben sich, wie oben schon angedeutet, durch die Auswanderung von Muslimen in Ländern mit überwiegend Nichtmuslimen neue Fragestellungen ergeben. Neue Fragen wurden im Alltag wichtig. Fragen, die in der alten Heimat unbedeutend waren, wie die Frage nach dem Fleisch, dass Eingangs beschrieben wurden.

 

Neue Fragen des Alltags bedürfen neue Antworten. Die Frage nach Halal-Fleisch in der Dönerbude wird für einen Muslim erst dann bewusst, wenn er in der Diaspora lebt. Daher gibt es solche “Diaspora-Fragen“, also Fragen, die im “Ausland“ entstehen. Die meisten dieser Fragen sind sehr wichtig und richtig, manche aber total überflüssig.

 

Zu diesen überflüssigen Fragen gehört auch die Frage nach Verpackungen, die mit Alkohol benetzt sind. „Ist das Produkt in der Verpackung dann noch halal?“ wird dann gefragt… solange man die Verpackung nicht isst!

 

 

Cemil Şahinöz

 

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(14.07.2017) Wie religiös ist die Türkei?

Wie religiös ist die Türkei?

 

 

In den letzten Jahren haben in der Türkei sozialwissenschaftliche Studien zugenommen. Der gesellschaftliche Wandel in der Türkei hat auch Institutionen und Einrichtungen hervorgebracht, die diesen Wandel soziologisch untersuchen. Vor allem die Religiosität der Türken in der Türkei steht dabei im Fokus.

 

Hierzu gab es bereits 2014 eine breit angelegte Studie mit dem Titel “Religiöses Leben in der Türkei“. Diese Studie wurde von Diyanet – dem Präsidium für Religionsangelegenheiten in der Türkeiin Kooperation mit dem Statistischen Amt der Türkei durchgeführt. 21632 Personen in 81 Provinzen wurden damals befragt. Die Studie wurde aufgeteilt in sechs Bereiche: Religiöse Identität, Glaube, Gottesdienst, Religionswissen, Leben und Religion, Religiosität.

 

Nun gab es eine ähnliche Studie, die vom Forschungsinstitut MAK durchgeführt wurde. Auch hier wurde die Religiosität der Befragten abgefragt. Die Studie wurde durchgeführt in 30 Großstädten (Ağrı, Aksaray, Artvin, Bayburt, Bitlis, Bolu, Düzce, Elazığ, Giresun, Gümüşhane, Karaman, Karabük, Kars, Kastamonu, Kırıkkale, Kırklareli, Kütahya, Nevşehir, Osmaniye, Sinop, Bilecik, Yozgat und Uşak), 23 Provinzen und 154 Distrikten. 5400 Personen wurden Face-to-Face befragt. % 53,5% der Befragten sind männlich, 46,5% weiblich.

 

An dieser Stelle sollen die Ergebnisse beider Studien (da, wo es geht) verglichen und ein erstes kurzes Fazit gezogen werden.

 

86% der Teilnehmer gaben an, dass sie irgendeiner Religion angehören. 6% bezeichneten sich als Deisten. 4% sind Atheisten und weitere 4% Agnostiker. Zum Vergleich: In der Studie von 2014 gaben 99,2% der Teilnehmer an, dass sie Muslime sind und 98,7% hatten keinen Zweifel darüber, dass es einen Schöpfer gibt. 87,5% bezeichneten sich als religiös. 20,9% gaben an, dass es egal ist, was oder wie sie glauben, solange sie moralisch korrekt sind. Insgesamt ist dies ein deutlicher Rückgang. Zudem gaben 2014 die Befragten an, dass sie 77,5% hanafitisch, 11,1% schafiitisch, 1% Caferitisch, 0,3% malikitisch und 0,1% hanbalitisch sind. 6,3% gaben an, dass sie keiner Rechtsschule angehören und 2,4% wussten ihre Zugehörigkeit nicht.

 

75% der Befragten geben an, dass sie an die Offenbarungen und Engel Gottes glauben, 15% glauben nicht daran und 10% wissen es nicht. In der Studie von 2014 sagten 96,5% aus, dass alles, was im Koran steht, richtig ist und für alle Zeiten seine Gültigkeit besteht. 95,3% glaubten an die Existenz von Engeln, Dschinn und Teufel. Auch hier ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen.

 

Noch interessanter wird es, wenn man den Bezug zum Koran abfragt. Nur 25% sagen, dass sie den Koran zu Hause haben und lesen. 32% haben den Koran zwar zu Hause, lesen es aber nicht. 33% haben gar keinen Koran zu Hause und 10% haben gar keinen Bezug dazu. Dass heißt, nur 55% haben einen Koran zu Hause. 32% können den Koran lesen, 54% nicht. 14% machen keine Angabe dazu. 25% besuchen einen Korankurs, 65% keinen. 10% geben keine Antwort dazu. 10% haben den Koran schon einmal auf Türkisch gelesen, 60% haben es nicht gelesen und 23% beantworten die Frage nicht. Bei der Studie 2014 sagten 41,9% aus, dass sie den Koran auf Arabisch lesen können.

 

23% haben schon einmal das Leben des Propheten Muhammed gelesen. 65% haben es nicht gelesen. 12% machen keine Angaben dazu.

 

Der Anteil der Befragten, die glauben, dass Gott einen Propheten schickte, beträgt 63%. 20% sagen aus, dass die Propheten Muhammed nicht in allen Lebenslagen zum Vorbild nehmen. 9% glauben an keine Prophetenschaft und 8% machen keine Aussage dazu. 2014 sagten noch 97,7%, dass sie an die Richtigkeit der Propheten glauben.

 

55% glauben an den Schicksalsbegriff. 15% gehen davon aus, dass alles determiniert ist. 10% sagen, dass der Mensch sein eigenes Schicksal macht, 10% glauben nicht an Schicksal und 5% wissen es nicht. Wieder der Vergleich, 98% bestätigten 2014, dass alles mit Gottes Willen geschieht.

 

73% glauben an ein Leben nach dem Tot. 10% glauben nicht daran, dass es ein jüngstes Gericht geben wird. 10% glauben an keine Auferstehung und 8% interessieren sich nicht dafür. 2014 sagten 96,2%, dass sie an ein Leben nach dem Tod glauben.

 

Auf die Frage, ob sie sterben wollen würden, wenn man ihnen das Paradies garantieren würde, sagen 15% „Ja“. 65% sagen „Nein“ und 20% können sich nicht entscheiden.

 

32% geben an, dass sie zum Freitagsgebet und an besonderen Nächten zur Moschee gehen. 30% gehen nie in eine Moschee. 12% nur an den Festtagsgebeten am Ramadanfest und Opferfest. 13% gehen regelmäßig in die Moschee. 13% geben keine Antwort dazu.

 

Die Grundsäule des Islams ist das 5-mal-tägliche Beten (salat). 22% sagen, dass sie 5-mal täglich beten. Exakt der gleiche Anteil von 22% ergibt sich bei den Personen, die nie beten. 26% beten ab und zu, 26% beten das Freitagsgebet und Festtagsgebete. 6% antworten nicht. 2014 gaben 42,5% an, dass sie 5-mal am Tag beten und 16,9% sagten, dass sie das rituelle Gebet nicht einhalten. 57,5% besuchten regelmäßig das Freitagsgebet. 74,4% fühlten sich unwohl, wenn sie keine Gottesdienste machen. 7,9% sagten, dass es eins der wichtigsten Kriterien für Religiosität es ist, an wichtigen religiösen Tagen Gottesdienste abzuhalten

 

Der Anteil erhöht sich bei den Fürbittgebeten (dua). 75% geben an, dass sie Fürbittgebete machen. 10% gelegentlich, 6% nie und 4% machen keine Aussage dazu. 2014 machten 92,5% Fürbittgebete, auch ohne einen speziellen Grund hierfür zu haben.

 

Auch beim Fasten ist ein höherer Anteil ersichtlich. 45% sagen, dass sie fasten. 25% fasten gelegentlich. 30% fasten nie und 10% verweigern die Antwort. 2014 gaben 83,5% an, dass sie fasten, wenn es ihre Gesundheit zu lässt.

 

30% beziehen ihre Religionskenntnisse aus theologischen Büchern. Für 45% sind Internet und Fernsehen die Quelle ihrer Informationen. 20% fragen jemanden, dem sie zuschreiben, dass er es wissen müsste. 5% antworten nicht. 2014 sagten 47,4%, dass sie ihr meistes religiöses Wissen im Alter von 6 bis 10 Jahren angeeignet haben.

 

15% sehen sich zu einer islamischen Gruppierung zugehörig. 60% haben keinen Bezug. 25% machen keine Angaben dazu.

 

Auch zur Gülen Bewegung gibt es eine Frage. Es wird gefragt, ob die Bewegung dazu geführt hat, dass man skeptisch gegenüber religiösen Gruppierungen geworden ist. 35% bejahen diese Aussage. 50% sagen daher, dass der Staat solche Gruppierungen prüfen muss. 12% sagen, dass sich nichts verändert hat und 3% sind unentschlossen. 2014 sagten 50,5%, dass religiöse Gruppen wichtig sind.

 

51% der Befragten sagen, dass die Religion bei der Wahl des Ehepartners wichtig ist. Da der Anteil der Praktizierenden nicht so hoch ist, kann hier davon ausgegangen werden, dass Religion teilweise als Kultur aufgefasst wird, obwohl Kultur und Religion auch im Widerspruch zueinander stehen können. 24% sagen, dass Religion bei der Wahl des Ehepartners teilweise wichtig ist. Für 20% ist es nicht wichtig und 5% sind unentschlossen. 2014 sagten 92%, dass nach der Standesamtlichen Trauung, auch die Trauung vor einem Imam stattfinden muss.

 

30% wünschen sich, dass ihre Ehepartner genau so religiös sind, wie sie selbst. 45% wünschen sich, dass der Ehepartner religiöser ist als man selbst und 15% weniger als man selbst. 10% ist der Anteil der Unentschlossenen.

 

Bei der Begrüßung sagen 41% “Assalamu Alaikum“, 24% sagen “Hallo-Guten Tag“, 30% sagen slanghaft “Wie geht´s?“ und 5% geben keine Antwort dazu.

 

Interessant ist der Anteil der Personen, die sagen, dass der Politiker, den sie wählen, religiös sein sollte. Für 51% ist das wichtig. Religion wird hier verknüpft mit Vertrauen und Ehrlichkeit. 24% sagen, dass es teilweise wichtig ist. 20% sehen es nicht als wichtig an und 5% machen keine Aussage dazu.

 

54% bejahen die Fragen, ob sie sich einen Khalifen wünschen. 40% sagen „Nein“. 6% machen keine Angaben dazu.

 

90% geben an, dass sie es bereuen, wenn sie sündigen. Ein sehr hoher Wert. 2% bereuen es nicht und 8% geben gar keine Antwort dazu. 2014 waren 46% der Meinung, dass Gebotenes und Verbotenes im Kontext der Gegenwart noch einmal bedacht werden müsste.

 

65% machen die Ganzkörperwaschung, die in bestimmten Situationen eine theologische Wichtigkeit hat. 17% machen es ab und zu, 13% wissen nicht, was das ist und 5% haben keine Meinung dazu.

 

Aus der Studie von 2014 gab es noch weitere Ergebnisse, die hier aber nicht vergleichbar sind: 85% sagten, dass sie die Pilgerfahrt nach Mekka machen würden, wenn sie die Gelegenheit dazu finden. 72% der Teilnehmer machten jährlich ihre Zakat-Abgaben. 71,6% der Frauen bedecken sich. 69,5% schlachteten ein Opfertier zum Opferfest, wenn sie dazu in der Lage sind. 61,5% gaben an, dass durch den Laizismus der Islam frei gelebt werden kann. 7,1% gaben an, dass es nicht gegen das (religiöse) Recht eines anderen verstößt, wenn man sich nicht an die Verkehrsregeln hält. 6,4% waren der Meinung, dass es keine Sünde ist, Alkohol in einer Menge zu trinken, dass nicht betrunken macht. 11,7% glaubten, dass nicht islamkonforme Praktiken nötig sind, um sich vom Einfluss von bösen Blicken zu befreien

 

Auch im Jahren 2014 führte Diyanet eine weitere Studie durch. Diese kam zum Ergebnis, dass viele Praktiken einen vorislamischen Hintergrund haben. 1380 unterschiedliche Praktiken konnten dazu festgestellt werden. Die meisten thematisierten die Familie. Die Bereiche lassen sich aufteilen in: 335 Familie, 319 Glück und Unglück, 272 Beerdigung, 78 Gesundheit, 73 Grabmal, 49 Frühlingsfest Hıdırellez, 39 Leben nimmt einen positiven Weg ein, 36 rituelles Gebet (salat), 31 Böser Blick, 26 Fürbittgebet (dua), 25 Opfer, 23 Pilgerfahrt, 17 Religiöse Tage, 12 Gast, 12 Feiertage, 9 Zauber, Fluch, 9 Dschinn, Geister, 8 Aschura, 7 Gebotenes-Verbotenes, 6 Amulett, 2 Sonnen- und Mondfinsternis.

 

FAZIT: Insgesamt ist deutlicher Rückgang, sowohl in Bezug auf die Glaubensinhalte als auch in der Orthopraxie ersichtlich. Dass heißt, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis (in der Umsetzung im Alltag) gibt es große Defizite und einen großen Rückgang in der Religionsausübung.

 

Auch wenn die Diyanet-Studie viel repräsentativer ist als die MAK Studie, da sie umfangreicher und in der gesamten Türkei durchgeführt wurde, ist in der MAK Studie eine Tendenz ersichtlich. Die türkische Gesellschaft wird nicht unbedingt religiöser. Studien zu anderen Themen belegen eine steigende Wirtschaftlichkeit, Verstädterung und Modernisierung der Türkei. Doch die Religiosität schwankt.

 

 

 

Cemil Sahinöz, Islamische Zeitung, 14.07.2017

https://www.islamische-zeitung.de/wie-religioes-ist-die-tuerkei/

 

Huffington Post, 16.07.2017

http://www.huffingtonpost.de/cemil-sahinaz/wie-religioes-ist-die-tue_b_17473706.html

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(03.07.2017) Scharia vs. Grundgesetz? Ein Lebensweg und kein Grundgesetz

Scharia vs. Grundgesetz?

Ein Lebensweg und kein Grundgesetz

 

 

Diskussionen auf dem Bild-Niveau sprechen immer davon, dass für Muslime die Scharia über dem Grundgesetz steht. Die Muslime würden sich daher nicht an das Grundgesetz halten, sondern an die Scharia und an den Koran.

 

Was in Diskussionen auf diesem Niveau nicht behandelt, ja nicht einmal hinterfragt wird, sind Fragen, was überhaupt die Scharia ist, was es genau bedeutet, was es heißt, es mit dem Grundgesetz zu vergleichen.

 

Dabei ist die Scharia, nicht wie immer wieder angenommen, ein Regelwerk oder ein Grundgesetz, sondern es ist eine Lebensweise der Muslime. Wortwörtlich übersetzt heißt Scharia „der Weg zur Tränke“, sinngemäß heißt es „der gerade Weg“. Es ist also ein “Weg“, eine Lebensweise, eine Lebensphilosophie. Ein Weg, der zur Weisheit und Reife führen soll.

 

Ich habe nicht vor, eine Abhandlung über die Scharia zu schreiben. Aber zum Verständnis nur kurz: Die (Rechts)Quellen der Scharia sind der Koran (Offenbarung Gottes), die Sunna (Taten und Aussprüche des Propheten), Idschma (Konsens der islamischen Rechtgelehrten) und Qiyas (Analogieschluss). Die Scharia ist daher ein System, das aus diesen Quellen geschöpft wird.

 

An Hand dieser Quellen sehen wir aber, dass 99% der Scharia aus Moral, Ethik, Gottesdienst, Jenseits und Tugend besteht. Daher ist die Scharia keine bloße Rechtsordnung oder ein Gesetzbuch, sondern eine Lebensweise. So ist die Scharia auch nicht verschriftlicht oder kodifiziert. Wer nach einem “Sharia-Gesetzbuch“ sucht, sucht also vergebens.

 

Ohnehin war die Scharia oder der Koran noch nie in den muslimischen Gemeinschaften das Grundgesetz. Noch nie hat der Koran das Grundgesetz ersetzt. Jedes Land, in dem überwiegend Muslime lebten, hatte selbstverständlich ein Grundgesetz. So z.B. als der Prophet Muhammed in Medina “regierte“. Hier wurde nicht die Scharia als Gesetzbuch genommen, sondern eine Verfassung, die alle Religion und Kulturen mitberücksichtigte.

 

Naturgemäß ist es so, dass das Grundgesetz vom Koran inspiriert war. So wie auch gegenwärtig viele Grundgesetze in Europa und der Welt von der Bibel, oder das Grundgesetz in Israel von der Thora inspiriert sind. Grundlegende Werte, wie Demokratie, Meinungsfreiheit oder Menschenrechte sind aus den Offenbarungen inspiriert. So haben auch muslimische Gemeinschaften ihre Inspiration aus dem Koran geschöpft. Dabei waren die Grundsätze „Jeder ist frei in seiner eigenen Religion“ und „Jeder ist frei in der Religionsauslebung“ nicht nur bloße Theorien, sondern gelebte Praxis. Dies sehen wir auch beim Propheten Muhammed, der in Medina als Oberhaupt der Bevölkerung, die Christen und Juden ihre Religion ausüben lies. Die Rechte der Christen und Juden zur Religionsausübung waren in der o.g. Verfassung fest verankert.

 

Auch gab es in der Geschichte nie ein Land, eine Nation oder eine Gemeinschaft, dass sich “Islamisches Land“ oder ähnlich bezeichnete. Als der Prophet Muhammed nach Yathrib kam, wurde der Name in Medina umgeändert, was einfach nur “Stadt“ bedeutet. Auch das Osmanische Reich, welches 623 Jahre herrschte, nannte sich in all diesen Jahrhunderten nicht “Islamischer Staat“. Daher kann sich keine Gemeinde, Nation oder Land heute das Recht nehmen, sich so zu bezeichnen. Nicht Länder, sondern Personen sind muslimisch.

 

Daher sind Diskussionen, ob die Scharia mit dem Grundgesetz vereinbar ist, kompletter Unsinn und zeigen nur eine große Unkenntnis gegenüber dem Islam. Sie dienen häufig nur als Polemik und sollen eine gewisse Islamophobie verschleiern.

 

 

Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, Juli 2017
https://www.islamische-zeitung.de/ein-lebensweg-und-kein-grundgesetz/

cemil@misawa.de

https://www.facebook.com/CemilSa

 

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(22.02.2017) Jesusvorstellung im Islam und die Trinitätslehre

religion-betrifft-uns-1-2017

Religion betrifft uns, Schulheft für den christlichen Religionsunterricht, 1/2017, S. 24

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(23.11.2016) Islamische Wohlfahrtspflege

Mein Artikel zum Thema „Islamische Wohlfahrtspflege“ im neuen Band von Ceylan und Kiefer

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(23.11.2016) Menschenzoos – Der tiefste Punkt der Menschheitsgeschichte

Menschenzoos – Der tiefste Punkt der Menschheitsgeschichte

 

Der Islam lehnt jede Art von Rassismus und Diskriminierung ab. Egal, aus welchen Gründen oder Motiven sie kommt.

In seiner Abschiedspredigt sagte der Prophet Muhammed: „Ein Araber ist nicht vorzüglicher als ein Nichtaraber, noch ein Nichtaraber vorzüglicher als ein Araber; ein Schwarzer ist nicht vorzüglicher als ein Weißer, noch ein Weißer vorzüglicher als ein Schwarzer, außer durch Frömmigkeit. Die Menschen stammen von Adam, und Adam ist aus Erde. Wahrlich, jedes Privileg, sei es auf Grund von Blut oder Besitz, ist unter diesen meinen Füßen ausgelöscht.“

Dabei rezitierte der Prophet den Koranvers: „O ihr Menschen, Wir haben euch von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Der Angesehenste von euch bei Gott, das ist der Gottesfürchtigste von euch“ (Der Koran: 49,13).

Dass heißt, es gibt Unterschiede zwischen den Menschen und den Völkern, nicht weil die einen höher als die anderen sind oder damit man sich leugnet und miteinander im Streit liegt, sondern damit man sich durch Neugier kennenlernt, die Anlässe des gesellschaftlichen Lebens kennenlernt und sich dabei gegenseitig unterstützt.

Kriege weltweit zeigen uns aber, dass auf Grund von Rassismus und Machtwahn die ganze Welt aufgeteilt wird wie in einem Zoo. Die einen Gruppen sollen hier leben, die anderen dort und sie sollen sich bloß nicht näherkommen. Man stelle sich vor, die einen Gruppen sind in diesem Käfig, die anderen in dem anderen. So könnte man einige Grenzziehungen verstehen, die es zwischen Ländern, ja sogar zwischen Städten gibt und gab.

Was sich unmenschlich, unvorstellbar, grausam und barbarisch anhört, hat jedoch tatsächlich stattgefunden. Und zwar im wahrsten Sinne des Worte: Menschenzoos, die „Völkerschau“ genannt wurden. (Anmerkung: Auch Tierzoos sind nicht im Sinne des Islams, da hier die Freiheit der Tiere geraubt wird und sie sinnentfremdet genutzt werden).

Von 1870 bis teilweise nach dem 2. Weltkrieg gab es in einigen Städten Menschenzoos. Menschen und Gruppen, die „anders“ aussahen, wurden in Ausstellungen wie „exotische“ Tiere präsentiert. Schaulustige Menschen bezahlten Ticketpreise und bestaunten ihre „Artgenossen“.

Auch wenn die Organisatoren mit den Menschen, die sie zur Schau stellten, Verträge, z.B. nach Dauer und Bezahlung der Schau, abschlossen, bleibt das ganze Schauspiel ein Tiefpunkt der Menschheitsgeschichte. Auch das beschönigende Wort „Völkerschau“ kann nicht verharmlosen oder verschleiern, dass es de facto nichts anderes als Menschenzoos waren.

Nach Aussehen, Hautfarbe, Haarfarbe, Geschlecht, Größe, mit oder ohne Behinderung wurden diese Menschen „ausgestellt“. Kinder und Erwachsene allen Alters und beiden Geschlechts wurden ausgestellt. Teilweise mit Hilfe von Tierfängern wurden immer mehr Menschen zur Ausstellung in die Zoos gebracht.

Wie in einem Zoo für Tiere war es verboten, die „Menschen zu füttern“, den auf Grund von unbekannten Nahrungsmitteln könne es zu Erkrankungen führen. Das war natürlich nicht im Sinne des Zoobesitzers. Nicht der Menschen willen, sondern damit „The Show must go on“.

Tod, Hochzeit oder Geburt waren große Highlights. Wohlgemerkt, dass diese nicht inszeniert waren, sondern absolute Realität. Die „Zuschauer“ schauten sich dann eine Trauerfeier, eine Beerdigung oder eine Geburt an. Dementsprechend mussten sie zahlen. (Erinnert an gegenwärtige, inszenierte „Reality“-Shows).

Die „Völkerschaus“ führten nicht, wie Befürworter immer wieder sagten, dazu, dass es zur Völkerverständigung kam, weil man dadurch eine fremde Kultur besser kennenlernte, sondern vielmehr dazu, dass Klischees und rassistische Vorurteile bekräftigt und koloniale Verhältnisse wiederbelebt wurden. Den letztendlich besuchte und beobachtete „der überlegene Zuschauer“ den anderen „zurückgebliebenen, erniedrigten Zoomenschen“. Das ist der Eindruck, der hinterher in den Köpfen blieb.

In Deutschland gab es ca. 300 außereuropäische Menschengruppen, die „ausgestellt“ wurden. In manchen Zoos gab es über 100 Menschen. Sowohl in Großstädten als auch in kleineren Städten gab es solche Zoos. Millionen Menschen besuchten die Ausstellungen. Zwischen 1870 und 1910 gab es über 50 Ausstellungen in Wien. Bei der Pariser Weltausstellung 1889 waren die Einweihung des Eifelturms und die Ausstellung „Negerdorf“ mit 400 Afrikanern Hauptattraktionen. Knapp 18 Millionen besuchten den „Dorf“.

1886 wurden auf der Schweizerischen Landesausstellung 230 Sudanesen präsentiert. 1897 gab es in Brüssel ein Dorf mit 267 Afrikanern, dass auf der Weltausstellung ausgestellt wurde. 1931 gab es auf dem Münchner Oktoberfest die Ausstellung „Kanaken der Südsee“. 1937 gab es ein „Eingeborenendorf“ im Düsseldorfer Zoo.

Völkerschau wurde zur Mode. In Tierzoos, im Zirkus auf Märkten oder verschiedenen Festen wurden Menschen und Gruppen „ausgestellt“.

Als 1940 in Deutschland ein „Auftrittsverbot“ für „Farbige“ verhängt wurde, gab es in Deutschland keine Menschenzoos mehr. In anderen Städten Europas wurden sie erst nach dem 2. Weltkrieg nach und nach geschlossen. In Belgien wurde der letzte Menschenzoo erst 1958 geschlossen. In Deutschland gab es auf dem Oktoberfest 1950 eine Apachen-Show und 1951 und 1959 eine Hawaii-Show.

Auf Grund des „großen Erfolgs“ in Europa wurden „Menschenzoos“ auch in den USA eröffnet.

Der bekannteste „Zoomensch“ ist Ota Benga. Ota Benga, was so viel bedeutet wie „Freund“, wurde zwischen 1881 und 1884 geboren. Er war Mitglied des Batwa-Volkes in Kongo und gehörte zum Stamm der Pygmäen. Die Stammesmitglieder der Pygmäen waren alle kleinwüchsig.

Ota Benga war verheiratet und hatte zwei Kinder. Eines Tages fand er seine gesamte Familie getötet im Haus. Sein Stamm war von Menschenjägern überfallen wollen. Die Force Publique Armee, eine offizielle Armee unter König Leopold II. von Belgien, hatte den gesamten Stamm ausgerottet. Frauen, Kinder, Männer, Senioren, alle wurden ermordet.

1904 kam der amerikanische Missionar Samuel Phillips Verner im Auftrage der Weltausstellung nach Afrika. Er kam mit einer Liste. Auf dieser Liste standen Rassen, Ethnien, Arten, Aussehen, die in der „Sammlung“ für den Menschenzoo noch fehlten. Er wollte diese Auffinden und im Zoo „ausstellen“. So fand Verner auch Ota Benga.

So wurde auch Ota Benga nicht getötet, sondern sofort „erbeutet“, weil er zur noch fehlenden Art im Zoo gehörte. Er hatte nicht einmal die Gelegenheit, seine Trauer über den Verlust der Familie und fast des gesamten Stammes auszuleben.

1904 wurde Ota Benga nach Amerika in den Zoo gebracht. Er wurde im Zoo auf die brutalste Art und Weise misshandelt. Auf Grund seiner scharfen und spitzen Zähne, die er in Kongo abgefeilt hatte, wurde er schnell zur „Hauptattraktion“.

Nach der Weltausstellung „durfte“ Ota Benga wieder nach Afrika zurück. Doch da seine gesamte Verwandtschaft ermordet wurde, entschied sich Benga wieder mit Verner in die USA zurückzukehren.

1906 brachte Verner Benga in den Menschenzoo in der Bronx, New York. Dort wurde er in einen Käfig mit einem Orang-Utan gesteckt. Es war ihm zwar am Anfang erlaubt, sich frei im Zoo zu bewegen, doch schon kurze Zeit später, verbrachte er seinen ganzen Tag im Käfig mit dem Affen. Am 08.09.1906 begann offiziell seine „Ausstellung“. Er wurde gezwungen mit dem Affen zu spielen und zu Lachen. Wenn er nicht lachte, wurde er gepeitscht. Um Ota Benga zu sehen zahlte man 25 Cent. Wenn man ihn lächelnd sehen wollte, dann kostete es 30 Cent. Daher sollte er ständig Lächeln.

Vor dem Käfig gab es auch „Infos“ zu Ota Benga: „Der afrikanische Pygmäe, Ota Benga. Alter 23 Jahre. Größe ca. 150 cm. Gewicht ca. 51 kg. Gebracht vom Fluss Kasai, Freistaat Kongo, Südliches Zentralafrika, von Dr. Samuel P. Verner. Ausstellung jeden Nachmittag im September.“

Bekannte Rassisten unterstützten die Ausstellung von Ota Benga und warben dafür. Doch die afroamerikanische baptistische Gemeinde machte Druck und protestierte dagegen. Die Ausstellung von Ota Benga wurde als rassistisch und unmenschlich deklariert.

Nach Druck von weiteren Kreisen durfte Ota Benga den Käfig verlassen. Er war jedoch weiterhin im Zoo. Als Attraktion sollte er im Zoo „herumlaufen“. Doch je mehr ihn die Besucher niedriger als Tiere behandelten, desto aggressiver wurde auch Ota Benga.

Gegen Ende September wurde Benga entlassen. Er kam in ein Waisenhaus. Danach schaffte er es sogar, eine Ausbildung in einer Tabakfirma zu beginnen. Hier wurde er von seinen Arbeitskollegen herabwürdigend „Bingo“ genannt. Benga erzählte seinen Kollegen seine Lebensgeschichte und erhielt hierfür Brot. Seine Ausbildung konnte er nie beenden.

Seine Schmerzen waren unheilbar. Seine Seele hatte sehr gelitten. Das Trauma war zu groß. Am 20.03.1916 begann Ota Benga in Lynchburg Selbstmord. Er machte einen kulturellen Tanz und schoss sich danach mit einer gestohlenen Pistole ins Herz. Sein Selbstmord ist auch der Selbstmord der damaligen Gesellschaft.

In seiner Todesurkunde wurde er mit dem Namen „Otto Bingo“ statt Ota Benga vermerkt. Ein Symbol für seine Kolonisierung, die seine Identität völlig ausbeutete, vom Menschen zum Tier, von Ota zu Otto, von Benga zu Bingo machte.

Nicht einmal ein richtiges Grab erhielt Ota Benga. Beerdigt wurde er in einem unmarkierten Grab.

Auch nach seinem Tode wird Benga weiterhin missbraucht. Im American Museum of Natural History in New York wird heute noch eine Maske des Gesichtes und ein Abdruck des Körpers von Ota Benga ausgestellt, jedoch nicht mit seinem Namen, sondern mit der Bezeichnung „Pygmäe“, als würde man eine „seltene Tierart“ ausstellen.

Cemil Sahinöz, Huffingtion Post, 23.11.2016

http://www.huffingtonpost.de/cemil-sahinaz/menschenzoos-geschichte_b_13144682.html

 

Islamische Zeitung, Dezember 2016

 

 

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(07.08.2016) Warum werden Jugendliche radikal?

Warum werden Jugendliche radikal?

 

Der Täter in München © Screenshot/Amateurvideo

Der Täter in München © Screenshot/Amateurvideo

Wenn die Welt eine menschliche Person wäre, dann bräuchte sie dringend eine Psychotherapie. Jeden Tag präsentieren uns die „Breaking News“ ein neues Attentat. Anschläge werden live übertragen. Wie in einem Kinosaal sitzt man vor dem Fernseher und spekuliert noch während der Tat – wer was wie dahinter steckt.

Nicht selten verfällt man dabei in Verallgemeinerungen. Immer sind es DIE X oder DIE Y, die schuld sind. Differenzierte Betrachtungen bekommen kaum noch Beachtung oder werden als Naivität oder Romantik abgestempelt. Popularisierte Aussagen dagegen, die genauso radikal sind wie die Taten und die Täter werden als Schablonenlösungen angeboten. Diese “Lösungen“ sind knapp, kurz und einfach. Die Schuldigen sind eine bestimmte Religion, eine bestimmte Ethnie oder eine bestimmte Nation. Je nach Tat ändert sich das.

So sind auch Flüchtlinge öfters im Visier der Polarisierer. Klar ist, dass durch die Flüchtlingsströme kein erhöhtes oder besonderes Terrorrisiko besteht. Flüchtling zu sein, ist kein Faktor, der zu einer erhöhten Radikalisierung führt. In keiner Studie wird ein erhöhtes Risiko nachgewiesen. Der Anteil der Radikalen unter den Flüchtlingen wird also nicht höher sein als der Anteil unter Nichtgeflüchteten.

Anstatt also Sündenböcke zu suchen, soll hier an dieser Stelle analysiert werden, welche Faktoren tatsächlich zur Radikalität und Extremismus führen.

Gleiche Muster, verschiedene Namen

Es gibt viele Faktoren, warum sich Menschen – vor allem Jugendliche – radikalisieren[1]. Egal ob rechter, linker oder religiöser Fanatismus, die Muster scheinen jedoch gleich zu sein. Die Forschungs- und Beratungsstelle Terrorismus / Extremismus (FTE) des Bundeskriminalamtes stellt fest, dass rechts-, links- und religiösextreme in ihrer Radikalisierung die gleichen Muster (z.B. kaputte und schwierige Familien, Trennungen, Todesfälle, Alkohol, Drogen, Gewalt, Belastungen in der Kindheit, Probleme in der Schule, keine abgeschlossene Ausbildung) aufzeigen und kommt daher zum Schluss: „In welchem Extremismus diese Personen […] landen, ist letztlich reiner Zufall. Überspitzt gesagt: Ein Islamist aus Dinslaken hätte in Sachsen genauso gut ein Rechtsradikaler oder in bestimmten Stadtteilen Berlins oder Hamburgs ein Linksradikaler werden können“[2]. Daher sind auch die Rattenfängermethoden dieser Gruppierungen identisch. Jugendliche werden mit offenen Armen empfangen. Die Muster sind gleich. Nur Namen, Begriffe und die Semantik ändern sich.

Suche nach Geborgenheit und Orientierung

Fast nie geht es um theologische Gründe. Laut einem Bericht kauften sich Radikale kurz vor ihrer Reise in den Krieg nach Syrien das Buch “Islam für Dummies“[3]. Das heißt, auch wenn es keine Konvertiten sind und vorher schon Muslime waren, sind es sozusagen “Neugeboren Muslime“, die ebenfalls “konvertieren“. Laut dem Verfassungsschutz gibt es in Deutschland 1100 gewaltbereite Personen aus dem religiösen Milieu. Zum Vergleich: Es gibt 7600 gewaltbereite Linksextreme und 10500 gewaltbereite Rechtsextreme.[4]

Stärker “anfällig“ für radikale Gruppen sind männliche Jugendliche zwischen 19 und 27 Jahren. Häufig sind es Jugendliche, die nach Orientierung und Sinn im Leben suchen, vorher geringe religiöse Bildung hatten und denen Perspektiven und Ziele fehlen. Auch Gefängnisinsassen sind stärker anfällig, da bei ihnen die gerade genannten Faktoren im hohen Maße zutreffen.

Diese Sinnsuche wird verknüpft mit der Sehnsucht nach Geborgenheit, Anerkennung, Vertrauen, Fürsorge und Liebe. Viele Jugendliche erhoffen sich durch den Anschluss an eine radikale Gruppe die viel ersehnte familiäre Wärme zu finden. Sie suchen in der Gruppe eine Geborgenheit. Diese waren ihnen in der eigenen Familie oder im Freundeskreis verwehrt. Sie erhalten plötzlich eine Wertschätzung und werden wichtig, alles was sie im “vorherigen Leben“ nicht bekamen. Daher fühlen sie sich wieder wertvoll und nützlich. Die Gruppe wird zu ihrer Ersatzfamilie.

Religion dient als Identitätsstifter

Auf Grund einer entfremdeten oder Konflikt-Biographie erhalten die Jugendlichen in der radikalen Gruppe eine selbststärkende Identität. Obwohl sie auch hier eine entfremdete Identität, ja fast eine Schizophrenie ausleben, vorspielen und inszenieren, wird dies durch die erfahrene Geborgenheit unterdrückt. Meist dient dann auch die Religion nur als Identitätsstifter. Das heißt, diese Personen handeln dann nicht aus tiefstem Inneren oder aus Überzeugung religiös, sondern, weil ihnen Religion eben diese Identität liefert. So bieten radikale Gruppen eine einfache und klare Antwort auf die Identitätssuche vieler Pubertierender an.

Dieser Identitätswandel erfolgt bei Jugendlichen sehr schnell. Der Jugendliche, der vorher sehr wenig Bezug zu seiner Religion hat, wird binnen weniger Wochen zu einem “Gelehrten“, bzw. er verhält sich so, als würden die übrigen Personen die Religion falsch ausleben und er und seine auserwählte Gruppe hätten die Religion richtig verstanden. Diese sehr schnelle Veränderung ist psychisch fatal für die Identität und zeugt auch eine Identitätssuche.

Auch bei einigen Konvertiten spielt die Identität eine Rolle. Sie suchen eine komplett neue Identität und wollen mit ihrem “früheren“ Leben nichts zu tun haben. Daher wollen sie eine Gesamtveränderung, auch äußerlich und namentlich (Selbst der Prophet Muhammed hat nur dann die Namen der Muslime ändern lassen, wenn sie eine negative Bedeutung hatten.) Diese komplett neue Identität erhalten sie in radikalen Gruppen. Hier werden sie nicht nur zu Muslimen, sondern ändern alles andere auch, wie z. B. Aussehen, Sprache, Kultur.

Die radikale Gruppe bietet zudem Sicherheit. Es gibt ein einfaches Weltbild, das aus Gut und Böse besteht. Alles scheint klar und ersichtlich zu sein. Die Regeln sind klar, die Wahrheiten einfach. Diese dichotome Weltsicht ist für viele Jugendliche ein wichtiger Anziehungspunkt, weil sie in der undurchsichtigen modernen Gesellschaft diese Gewissheit nicht haben. Daher bietet ihnen die Gruppe eine Komplexitätsreduzierung an.

Radikalisierung als Gegenreaktion

Bei Eintritt in diese Gruppen wird das Wir-Gefühl gestärkt. Hier finden die Jugendlichen gehör. Hier sind sie willkommen, werden nicht ausgestoßen. Sie gehören dazu. Sie sind wichtig, was noch einmal das Selbstwertgefühl steigert. Daher ist die Radikalisierung auch eine Gegenreaktion zur Ausgrenzung. Zudem ist der Mensch ein soziales Wesen, das sich in bestimmten Situationen einer Gruppe anpasst, auch wenn es den Werten der Gruppe nicht glaubt. Gruppenzwang, besonders bei Jugendlichen, spielt hier eine einflussreiche Größe. Hinzu kommen Jugendbedürfnisse, wie z. B. Protestbedürfnis, Abenteuerlust, Zugehörigkeit zu einer Clique. Radikale Gruppen stillen diese Bedürfnisse. Eigene Symbole wie Sprache, Musik oder Bekleidung machen die Gruppe zu etwas besonderem.

Das Gerechtigkeitsempfinden

Ein anderer Faktor, was bei Radikalen – egal ob Jugendlich oder nicht – eine immense Rolle spielt, ist das Gerechtigkeitsempfinden. Viele gehen davon aus – auch auf Grund der dichotomen Weltsicht – dass es nur Ungerechtigkeit in der Gesellschaft gibt. Sie wollen dann mit Hilfe ihrer Gruppe “die Welt retten“. Ihre Anschläge sollen die Gesellschaft “verbessern“. So fühlen sie sich wie “Helden“, ihr Selbstwertgefühl steigt. Das Paradoxe ist, dass sie die Gesellschaft durch ihre Anschläge zerstören. Dies wird dann damit legitimiert, dass einige geopfert werden müssen, damit es besser wird!

Viele Radikale geben an, dass sie sich vor ihrem Eintritt in die Gruppe ungerecht und diskriminierend behandelt fühlten. Negative Erlebnisse in Schule, Arbeit und Familie, Ausgrenzungserfahrungen, Diskriminierung verstärken dieses Gefühl. Wenn dieses Gefühl ein hohes Maß annimmt, verknüpft mit fehlender Geborgenheit, Sicherheit und Vertrauen, suchen sie nach alternativen Wegen, um diese zu erfüllen. Sie lehnen also die Ungerechtigkeit ab und suchen andere Gerechtigkeitsmodelle. Dies ist der größte Nährboden für Radikalisierungen jeglicher Art. Radikalisierung ist Verlockend für die, die sich sowieso ausgegrenzt fühlen. Eine Studie über den Radikalisierungsprozess bestätigt dies. Marc Sageman (Leaderless Jihad: Terror Networks in the Twenty-First Century. University of Pennsylvania Press: Philadelphia, 2008) interviewte 500 Gewalttäter aus Terrornetzwerken. Er kam zum Ergebnis, dass Faktoren wie Bildung oder theologisches Wissen keine Rolle spielen. Das einzige was zählt ist das Gerechtigkeitsbedürfnis.

Studie: „Radikale sind religiös ungebildet“

Das britische Inlandsgeheimdienst MI5 führte ebenfalls eine große Studie durch. Bestandteil der Fallstudie waren mehrere Hundert gewaltbereite Extremisten, die, von der Finanzierung bis zum Selbstmordattentat, an terroristischen Aktivitäten beteiligt waren. Das Ergebnis: Radikale sind weder psychisch verrückt noch wurden sie einer Gehirnwäsche unterzogen. Sie sind religiös eher ungebildet. MI5 schreibt, dass sie große Wissenslücken im Islam haben und daher eher religiöse Novizen sind. Wenn sie älter als 30 Jahre sind, sind sie verheiratet und haben Kinder. Sie sind weder arm und ungebildet noch gesellschaftlich privilegiert. Meistens sind es ehemalige oder aktive durchschnittliche Kriminelle. Drogendealer oder Diebe versuchen durch fanatischen “Glauben“ ihre Sünden wettzumachen. Vergewaltiger oder Schläger zieht die dem Terrorismus innewohnende Gewalt an. Laut der Studie verbreiten und verfestigen auch die Berichterstattungen einiger Massenmedien Vorurteile gegenüber Muslimen, welches dann wiederum zu Radikalisierungen führt. Aus der Studie geht ebenfalls hervor, dass das Internet ein wichtiges Hilfsmittel bei der Verbreitung der Ideologie ist, aber nicht die Hauptrolle bei der Radikalisierung spielt. Die Radikalisierung findet letztendlich statt, wenn man gleichgesinnte in der Umgebung hat. Es sind dann nicht die Imame oder der Moscheeverein, sondern bestimmte Rekrutierer, die letztendlich zur Radikalisierung führen. Gründe, die zur Radikalisierung führen, sind laut dieser Untersuchung gefühlte oder tatsächliche Ungerechtigkeiten, Diskriminierungserfahrungen und die Vorstellung, dass ein “Krieg gegen den Islam“ geführt wird. Allerdings werden solche Gründe meist im Nachhinein konstruiert, um das eigene Handeln zu rechtfertigen. Insgesamt wird die radikale Szene durch unterschiedliche Faktoren, wie z.B. Mitgliedschaft bei einer (selbsternannten) Elite, Kämpfer für eine (angeblich) gerechte Sache, Popstarstatus innerhalb der radikalisierten Gruppe, Heiratsvermittlung, klare Regeln und einfache Feindbilder und paradiesische Verlockungen schmackhaft gemacht[5].

Fazit: Die Faktoren zur Radikalisierung von Jugendlichen sind soziologischer und psychologischer Natur. Suche nach Sinn, Anerkennung, Geborgenheit, Vertrauen, Fürsorge, Sicherheit, Liebe, Wir-Gefühl, Klarheit, Einfachheit, Reduzierung der Komplexität, Gerechtigkeit und gefestigter Identität sind entscheidende Gründe, warum sich Jugendliche radikalisieren. Vor allem der Gerechtigkeitssinn und die Identitätssuche sind einflussreiche Faktoren.

[1] vgl. Şahinöz, Salafimus, Extremismus und Fanatismus verstehen und handeln, BOD Verlag, 2016

[2] Hart aber Fair: Terror im Namen Gottes – hat der Islam ein Gewaltproblem?, ARD, 11.04.2016

[3] Hasan M.: What the Jihadists Who Bought ‚Islam For Dummies‘ on Amazon Tell Us About Radicalisation. In: Huffington Post. 21.08.2014

[4] Tagesschau: Gewaltbereite Extremisten in Deutschland. 11.12.2015

[5] Die Welt: Warum ein Mensch zum Terroristen wird. 26.08.2008

 

 

 

Cemil Sahinöz, IslamIQ, 07.08.2016

Warum werden Jugendliche radikal?

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