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(05.06.2020) Rolle der Senioren im Islam und die interkulturelle Seniorenarbeit in Deutschland

Rolle der Senioren im Islam und die interkulturelle Seniorenarbeit in Deutschland

In Zeiten von Corona hört oder liest man Kommentare, die einen nachdenklich machen. Weil Personen über 65 stärker gefährdet sind, gibt es hin und wieder Gedanken, wie z.B. „Die sind sowieso krank, die würden sowieso bald sterben. Uns Jugendlichen passiert ja nichts, also brauchen wir auch keine Vorkehrungen zu treffen.“ Dabei sind Senioren die Stützpfeiler einer jeden Gesellschaft.

 

Senioren genießen in muslimischen Gemeinschaften einen hohen Status innerhalb der Familie. Sie sorgen für den Segen der Familie. Man geht theologisch davon aus, dass man durch die Senioren Gottes Gnade erlangen kann.

 

Hierzu sagte z.B. der Prophet Muhammed: „Wenn es keine Älteren, deren Rücken vom Alter gebeugt sind […], gäbe, würden Unglücke wie eine Flut über euch strömen“ (El-Acluni, Keşfu’l-Hafa, 2:163; El-Münavî, Feyzü’l-Kadîr, 5:344, Nr. 7523; El-Beyhaki, Es-Sünenü’l-Kübrâ, 3:345). Demnach wird Gottes Segen auf Grund der älteren Menschen gegeben.

 

Eltern- und Altenpflege war für den Propheten zentral: „Das Paradies ist unter den Füßen der Mütter“ (Aişe, 1987, S. 165; Ibn Abdillberr, 1992).

 

Im Koran wird die Elternpflege noch stärker betont. So heißt es: „Und dein Herr hat befohlen: ´Verehrt keinen außer Ihm, und (erweist) den Eltern Güte. Wenn ein Elternteil oder beide bei dir ein hohes Alter erreichen, so sage dann nicht »Pfui!« zu ihnen und fahre sie nicht an, sondern sprich zu ihnen in ehrerbietiger Weise. Und senke für sie in Barmherzigkeit den Flügel der Demut und sprich: »Mein Herr, erbarme Dich ihrer (ebenso mitleidig), wie sie mich als Kleines aufgezogen haben.«´“ (Koran, 17:23-24).

 

An anderer Stelle sagte der Prophet Muhammed: „Gott hat ausdrücklich verboten, sich schlecht gegenüber den Eltern zu verhalten“ (Şeybani, Dschamiu´s Sagir) und „Wer (seinen) Kindern keine Zärtlichkeit erweist, älteren Menschen keine Ehre und Hochachtung zeigt gehört nicht zu uns (eurer Gemeinde)” (Tirmidhi, Birr, 15; Abu Dawud, Edeb, 58; Ahmed bin Hanbal, Musnad, B. 1, 257; Nawawi, B. 1, S. 387).

 

Der Islamgelehrte Said Nursi interpretiert diese Aussagen folgendermaßen, dass Kinder aufgefordert sind, „freundlich und milde zu ihren betagten Eltern zu sein. Ja, die höchste Wahrheit in dieser Welt ist die Barmherzigkeit der Eltern zu ihren Kindern. Und die erhabensten Rechte sind ihre Rechte auf Respekt als Vergütung für ihr Mitleid. Denn die Eltern opfern ihr Leben mit großer Freude und geben ihr Leben auf das Leben der Kinder. In diesem Falle: jedes Kind, das seine Menschlichkeit nicht verloren hat und nicht in ein Ungeheuer verwandelt wurde, ehrt diese geachteten, treuen, sich selbst aufopfernden Freunde, dient ihnen aufrichtig und versucht, ihnen Freude zu bereiten und sie glücklich zu machen. […] Das Werkzeug der Fülle und Gnade in deinem Heim und derjenige, der Unheil abweist sind jene betagten und blinden Verwandten, die du herabsetzest. […] Willst du die Gnade des Höchst Gnädigen Gottes, sei gnädig zu jenen in deinem Heim, die Gott dir anvertraut hat“ (Nursi, Die Briefe, S. 214).

 

Diese Gedankengänge führten in der Praxis dazu, dass Senioren eine bedeutende Rolle innerhalb der islamischen Gesellschaften genießen (Sahinöz, Leben und Arbeiten mit türkischen, arabischen und muslimischen Familien: Ein einfühlsamer Ratgeber, 2010).

 

Seniorenheime

Deshalb existierte in der Vergangenheit der Begriff des Altenheimes in der muslimischen Literatur nicht. Bis vor kurzem gab es in muslimisch-geprägten Ländern keine Seniorenheime. Auf Grund von Umstellungen im Alltag gibt es sie gegenwärtig vor allem in Großstädten. Es wird aber weiterhin verpönt, die eigenen Eltern oder Verwandte in einem Heim unterzubringen.

 

Theologisch betrachtet, sind die eigenen Kinder für die Versorgung der Eltern zuständig. Wenn diese es aus irgendwelchen Gründen nicht leisten können, sind es die nächsten Verwandten, die diese Verantwortung übernehmen. Wenn diese es auch nicht können, dann die Nachbarn, das Dorf usw. Erst in der allerletzten Instanz kommt der Staat oder Institutionen, die dann die Aufgabe der Versorgung sicherstellen.

Wer gilt als alt?

 

Wann jemand alt ist, wird häufig vom sozialkulturellen Kontext definiert. In Europa markiert vor allem die Berufsaufgabe, der Beginn der Rente, das Altwerden. In der Türkei ist das Rentenalter schon immer ein Diskussionsthema gewesen. 1992 lag das Rentenalter paradiesisch für Frauen bei 38 und bei Männern bei 42 Jahren. Häufig war es aber auch so, dass man sehr jung mit dem Arbeiten anfing. Meistens schon vor der Pubertät. 1999 wurde das Rentenalter für Frauen auf 58 und für Männer auf 60 erhöht. Seit 2008 liegt das Rentenalter einheitlich bei 65 Jahren.

 

Seniorenarbeit in Deutschland

Die Migranten, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, werden nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren. Sie bleiben hier in der neuen Heimat und werden hier zu Rentnern werden. Prognosen zufolge werden die ausländischen Senioren die voraussichtlich am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe in Deutschland werden (Forum Seniorenarbeit NRW, 2013). Daraus kann man schlussfolgern, dass Altern in Deutschland multikulturell wird.

Dies wiederum bedeutet, dass es in der Seniorenarbeit und in Altersheimen grundlegende Veränderungen geben wird. Man wird sich auf die Bedürfnisse der älteren Migranten anpassen. Also wird die Arbeit bedürfnisorientiert gestaltet werden müssen. Dabei sind einige Punkte zu beachten (Sahinöz, Leben und Arbeiten mit türkischen, arabischen und muslimischen Familien: Ein einfühlsamer Ratgeber, 2010).

 

Zunächst einmal sollte beachtet werden, dass Migranten über die bestehenden Angebote wenige Kenntnisse haben. Seniorenarbeit der verschiedenen Institutionen erreicht die Migranten nicht oder nur kaum. Zudem sind sie durch die bestehenden Strukturen nicht zu erreichen. In der Seniorenarbeit müssen daher neue Wege gesucht und genutzt werden, um Migranten zu erreichen.

 

Eine Möglichkeit, um sie zu erreichen und den Bedarf zu ermitteln ist eine “aufsuchende bedürfnisorientierte“ Migrations-Sozialarbeit. Sinnvoll ist auch eine Vernetzung der Senioren- und Migrationsarbeit. Bisher gibt es jedoch eine Trennung beider Bereiche. Die Migrationsfachdienste haben zu wenig Kenntnis über die Seniorenarbeit, so dass sie diese nur schwerlich in ihre Arbeit mit aufnehmen können. Die Seniorenarbeit wiederum ist nicht kultursensibel angelegt, so dass nicht auf die Bedürfnisse der Migranten eingegangen werden kann. Die Zukunft liegt jedoch in der Kombination dieser beiden Fachdienste (Forum Seniorenarbeit NRW, 2013).

 

Dr. Cemil Şahinöz

Islamisch Zeitung, 01.07.2020

Wenn Muslime alt werden


 

 

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(18.04.2020) Hygienemaßnahmen im Islam mit Blick auf ansteckende Krankheiten

Hygienemaßnahmen im Islam mit Blick auf ansteckende Krankheiten

Krankheiten und Vieren gibt es schon seit Anbeginn der Menschheit; und so werden sie auch immer ein Teil des Lebens sein. Die beste Prophylaxe dagegen ist – so banal es klingt – eine einfache Hygiene. Aus islam-theologischer Sicht macht es daher Sinn, zu schauen, wie der Islam mit Hygiene und speziell ansteckenden Krankheiten umgeht.

Im Islam wird Wert auf prophylaktische (vorbeugende) Maßnahmen gelegt. Dies sieht man schon im islamischen Prinzip, wonach bereits der Weg zu etwas Negativem abgelehnt wird, und nicht nur das Negative selbst.

Prophylaxe beinhaltet, dass der Mensch die göttlich gegebenen Naturgesetze auch einhält. Das bedeutet wiederum, dass es nicht reicht, nur ein religiöses Lippenbekenntnis für ein Ziel auszusprechen, sondern es auch ernsthaft zu verfolgen und die kausalen Wege dafür einzuhalten.

Der Prophet Muhammed hob die Bedeutung der Gesundheit hervor, in dem er sagte: „Es gibt zwei Gaben, deren Wert von den Menschen unterschätzt wird: zum einen die Gesundheit und zum anderen freie Zeit“ (Buhari, Rıkak: 1).

Dabei steht genauso wie die körperliche als auch die seelische Gesundheit im Vordergrund. Für alle islamischen Prinzipien gibt es immer eine Option, die dann eingeleitet wird, wenn die Gesundheit und das Leben des Menschen in Gefahr ist. Beispielsweise wird das Fasten ausgelassen wird, wenn man krank ist (Koran, 2:185). Im Notfall kann an, um ein zweites Beispiel zu nennen, auch bestimmte Lebensmittel verzehren, die sonst nicht erlaubt sind (Koran, 6:145).

In Bezug auf Hygienemaßnahmen sagte der Prophet Muhammed, dass die Hygiene, Sauberkeit und Reinigung die Hälfte der Religion ausmacht (Müslim, Tahara: 1; Tirmizi, Daawat: 86, Hanbal, Musnad: 4/260, 5/342-344, 363, 370, 372; Darimi, Wudu: 2). Hier wird deutlich, welchen Stellenwert die Hygiene einnimmt.

In einem anderen Hadith (Ausspruch) sagte der Prophet, dass Gott rein ist und das Reine liebt. Daher solle man seine Umgebung sauber halten (Tirmizi, Edeb: 41). Im Koran heißt es: „O ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr zum Gebet aufsteht, wascht euer Gesicht und eure Hände bis zu den Ellbogen und wischt über euren Kopf, und (wascht) eure Füße bis zu den Knöcheln. Und falls ihr durch Samen befleckt seid, so reinigt euch.“ (Koran, 5:6).

Diese und ähnliche Denkweisen mündeten in einer festen Alltagspraxis in muslimischen Gemeinschaften. Der Prophet machte Anmerkungen über Hygienemaßnahmen in Zusammenhang mit Tieren oder mit Lebensmitteln (Buhari, Wudu: 33; Ebu Davud, Tahara: 37; Tirmizi, Tahara: 68). Auch hob er mehrmals die Wichtigkeit des Zähneputzens (Hanbal, Musnad: 1/214, 3/143; Buhari, Dschum´a: 8; Darimi, Wudu: 18), des Rasierens unter den Achseln und im Intimbereich, des regelmäßigen Schneidens der Fingernägel oder allgemein die Reinigung nach jedem Toilettengang hervor. Weiterhin betonte der Prophet das Händewaschen vor und nach jedem Essen, ja sogar nach jedem Aufstehen von einem Platz. Einmal in der Woche solle mal duschen (Müslim, Dschum´a: 9). Diese Aussagen tätigte er zu einer Zeit, in der Duschen und Baden verteufelt wurden oder Toiletten nur in wenigen Kulturen existierten. Die tägliche rituelle Waschung vor den Gebeten oder die Ganzkörperwaschung sind Hygienemaßnahmen, die täglich umgesetzt werden. Auch die Sauberkeit, was die Kleidung oder die Umgebung angeht, sind im Einklang mit der modernen Medizin.

Dabei ist das Händewaschen gar nicht so selbstverständlich, wie man vielleicht meinen würde. WIN/Gallup International führte im Jahre 2015 eine Studie zum Thema Hygienepraxis durch. In 63 Ländern wurde gefragt, ob man dort nach dem Toilettengang die Hände mit Seife wäscht. Hier kam es zu erstaunlichen Ergebnisse: Saudi-Arabien 97% (Platz 1), Bosnien 96% (Platz 2), Algerien, Libanon, Papua-Neuguinea und Türkei mit jeweils 94% (Platz 3), Kolumbien, Südafrika, Vietnam mit jeweils 93% (Platz 7), Panama 92% (Platz 10), Georgien 91% (Platz 11), Griechenland, Kosovo und Portugal mit jeweils 85% (Platz 13), Deutschland 78% (Platz 27), Vereinigtes Königreich 75% (Platz 34), Russland 63% (Platz 49), Frankreich 62% (Platz 50), Spanien 61% (Platz 52), Belgien 60% (Platz 53), Hong-Kong 58% (Platz 55), Italien 57% (Platz 57), Niederlande 50% (Platz 60), Südkorea 39% (Platz 61), Japan 30% (Platz 62) und China 23% (Platz 63).

Zur Zeit des Propheten Muhammed gab es selbstverständlich auch ansteckende Krankheiten. Hierzu äußerte sich der Prophet ebenfalls. In einem Hadith sagte er, dass man sich vor Infektionskrankheiten, wie z.B. Lepra, schützen soll, so wie vor einem Löwen (Buhari, Marda: 19; Hanbal, Musnad: 2/443). Dies zeigt die Vorsicht, mit der wir agieren sollen. Damit hob der Prophet hervor, dass man Infektionskrankheiten nicht auf die leichte Schulte nehmen sollte.

Des Weiteren wird empfohlen, dass man einen Abstand in der Höhe einer Lanze zu einer infizierten Person halten sollte (Hanbal, Musnad: 2/21). Eine durchschnittliche Lanze ist 2-3 Meter lang. Erstaunlich, dass der Prophet diese Maßnahme schon im 7. Jahrhundert empfahl.

In Zeiten, wo wir über Kontakteinschränkungen und Ausgangssperren diskutieren, findet man ebenfalls einen Ausspruch des Propheten von vor 1400 Jahren: „Wenn ihr hört, dass an einem Ort die Pest oder eine ansteckende Krankheit ausgebrochen ist, dann geht nicht dorthin. Wenn die Krankheit in euren Ort ist, dann verlasst ihn nicht.“ (Buhari, Tib, 19).

Diese und viele andere Aussagen des Propheten haben gegenwärtig eine noch wichtigere Bedeutung. Die Lebensweise des Propheten, der im Koran mit „du bist wahrlich von großartiger Wesensart“ (Koran, 68:4) beschrieben wird, wird für uns zu einem Vorbild in allen Lebenslagen.

IslamIQ, 18.04.2020

Hygiene im Islam mit Blick auf ansteckende Krankheiten

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(01.11.2019) 21 Jahre Misawa

21 Jahre Misawa

 

Vor 21 Jahren, am 1.11.1998 startete ich die Webseite Misawa, damals noch mit einer anderen Domain. Denn es war damals nicht selbstverständlich, dass man eine eigene Domain oder überhaupt eine Webseite hatte.

 

So hatten wir damals zu Hause keinen Internetanschluss. Die Webseite erstellte und aktualisierte ich in der Bibliothek der Universität. Nein, ich war damals kein Student, aber ein Freund hatte erzählt, dass man an der Uni das Internet nutzen konnte. Das war eine einmalige Gelegenheit. So begaben wir uns mit einigen Freunden an manchen Wochenenden für ein paar Stunden an die Uni und “recherchierten“ das Internet J

 

Schon recht schnell hatte ich die Idee und den Wunsch, eine eigene Homepage zu gestalten. Dies schien auch recht simpel zu sein. Hierzu erlernte ich die HTML-Sprache, mit der man Homepages erstellen konnte. Heutzutage braucht man das nicht mehr. Damals war es noch notwendig, die Webseiten selbst zu schreiben.

Zu Hause erstellte ich dann die Homepage und an den Wochenenden, an der Uni, lädt ich die Dateien hoch. Natürlich lädt ich nicht jedes Mal die ganze Homepage hoch, sondern nur die Dateien, die ich editiert hatte. Alle Dateien, die neu waren oder die ich editierte, packte ich in einen Ordner „Ins Internet“ und kopierte sie…. nein nicht auf den USB-Stick, das hatte damals noch keiner, sondern auf eine Diskette. Was eine Diskette ist? Einfach mal googlen J

 

Irgendwann hatten wir auch zu Hause einen Internetanschluss. Ein Modem mit 56K und legendären Soundgeräuschen bei der Einwahl ins Internet ersparten mir den Gang in die Uni.

 

Anfangs hatte die Homepage kein spezifisches Thema, sondern war gemischt mit Themen, die mich selbst interessierten. Ab April 2002 wurde es dann zu einer Webseite mit rein theologischen Themen. Zu dieser Zeit boomte die Seite, vor allem das Forum. Täglich kamen dutzende Forenbeiträge. Immer mehr Nutzer meldeten sich an und das Forum war innerhalb der muslimischen Community sehr bekannt.

Misawa 23.08.1999

Misawa 21.08.2000

Misawa 07.12.2000

Misawa 28.01.2001

Misawa 19.07.2007

Misawa 17.10.2019

 

Aktuell gibt es im Misawa-Forum über 16.000 Themen, knapp 202.000 Beiträge und fast 2.500 Benutzer. Die Aktivität im Forum hat aber in den letzten Jahren stark nachgelassen. Es wird nicht mehr in Foren geschrieben oder diskutiert, sondern viel lieber auf sozialen Netzwerken, wo ich aber keine zielführenden Diskussionen sehe. Im Misawa-Forum gab es immer anspruchsvolle Diskussionen, die viel zum gegenseitigen Verständnis führten. Dies zeigen auch Studien, in denen das Misawa-Forum untersucht wurde.

 

2008 wurden in einer Forschungsarbeit für den Lehrstuhl für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Europa-Universität Viadrina 42 Islam-Foren untersucht. Das Endergebnis war eindeutig. Das Misawa-Forum schnitt vor allem in den Bereichen “Offenheit”, “Dialog”, “Meinungsfreiheit” und “Demokratisch” am besten ab. 2012 führte das Bundesministerium des Inneren die bekannte Studie “Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ durch. Auch hier gab es nur positive Worte zum Forum. Auch im Jahre 2012 gab es eine Studie der Maryland Universität in den USA. Hier wurde speziell die Webseite Misawa insgesamt erfasst und ihr Einfluss unter den muslimischen Bloggern dargestellt. Auch in einer Studie, welches 2013 an der Universität Bremen, Institut für Religionswissenschaft und Religionspädagogik, durchgeführt wurde, war das Misawa-Forum Bestandteil.

 

In allen untersuchten Arbeiten gab es nur positive Ergebnisse für das Misawa-Forum. Dieses Lob gebührt allen Teilnehmern des Forums, den Mitgliedern, den Admins und den Moderatoren.

 

Ab Juli 2008 hörte ich dann mit der HTML-Programmierung auf. Ich wechselte dann auf eine Blogseite, die mir unheimlich viel Zeit sparte. Denn HTML war schon gut und man konnte alles so gestalten, wie man es wollte, aber es nahm eben auch viel Zeit in Anspruch. Der Umstieg auf eine vorgefertigte Blogseite war daher sehr nützlich.

 

Das Misawa-Netzwerk wurde auch immer größer. Hinzu kamen neue Webseiten, neue Projekte. Die Ayasofya Zeitschrift, Hörbücher, die Android App, der Podcast Misawa Talk, das Videoportal Misawa TV, My Halal Check und viele weitere.

 

Immer wieder werde ich noch heute gefragt, was denn eigentlich Misawa bedeutet. Im Forum wurde diese Frage in einem Thread über 1000mal gestellt. Für unser Videoportal Misawa TV hat ein Freund aus China mehrere Videos gedreht und (auf Grund der Annahme, dass Misawa etwas chinesisches bedeute), viele Chinesen gefragt, was Misawa bedeutet. Keiner der Chinesen konnte diese Frage beantworten. Vielleicht ist jetzt, nach 20 Jahren, die Zeit gekommen, um das Rätsel zu lösen. Was heißt eigentlich Misawa? Vielleicht warte ich aber noch weitere 20 Jahre…. Wie gut, dass keiner weißt, was Misawa heißt.

 

Dr. Cemil Sahinöz

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(06.01.2019) Seelsorge ohne Einzelgespräche ist nur Teil-Seelsorge. Defizite in der Gefängnisseelsorge

Seelsorge ohne Einzelgespräche ist nur Teil-Seelsorge

Defizite in der Gefängnisseelsorge

 

 

Die Gefängnisseelsorge ist in Deutschland gesetzlich geregelt. Laut StVollG §53 hat jeder Inhaftierte Anspruch auf eine Seelsorge, darin heißt es: „Dem Gefangenen darf religiöse Betreuung durch einen Seelsorger seiner Religionsgemeinschaft nicht versagt werden. Auf seinen Wunsch ist ihm zu helfen, mit einem Seelsorger seiner Religionsgemeinschaft in Verbindung zu treten.“ Auf Grund dieses Paragraphen können juristisch anerkannte Religionsgemeinschaften Seelsorger in die Justizvollzugsanstalten senden. Dabei sind die Justizvollzugsanstalten für die Rahmenbedingungen, wie z.B. räumliche Ressourcen, zuständig, und die Religionsgemeinschaften regeln den Inhalt der Seelsorge oder des Gottesdienstes in der Justizvollzugsanstalt.

Da der Islam jedoch keine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist, sprich keine juristisch anerkannte Religionsgemeinschaft, war es Muslimen lange Jahre verwehrt Gefängnisseelsorge ähnlich wie die christlichen Gemeinschaften anzubieten. Zudem gab es keine ausgebildeten muslimischen Gefängnisseelsorger, so dass muslimische Inhaftierte Seelsorgeangebote aus den Reihen ihrer eigenen Religion nicht wahrnehmen konnten.

 

Dass ein Bedarf für ein seelsorgerisches Gespräch auch unter muslimischen Inhaftierten herrscht, war aber nie ein Diskussionsthema. Schon die Deutsche Bischofskonferenz ermittelte diesen Bedarf im Jahre 2003. So gibt es in vielen Gefängnissen Deutschlands Angebote an muslimischer Gefängnisseelsorge. Anfang 2018 gab es bundesweit ca. 110 Imame, die als Seelsorger tätig waren. Dass Fehlen der juristischen Anerkennung wurde durch pragmatische Lösungen überbrückt.

 

Historisch geht die muslimische Gefängnisseelsorge auf die DITIB-Imame zurück. Seit den 90´ern besuchen die Imame türkische Inhaftierte. Bei diesen Besuchen wurden jedoch vielerorts keine Einzel- oder seelsorgerischen Gespräche geführt, sondern meist in Gruppengesprächen Verwaltungsangelegenheiten für türkische Staatsbürger, wie z.B. Aufenthaltsrecht, Abschiebung, Staatsangehörigkeit geklärt. Auch das Freitagsgebot wurde in vielen Gefängnissen durch die Imame durchgeführt.

 

Mit Laufe der Zeit wandelte sich diese Praxis in eine Art Seelsorge für muslimische Inhaftierte, obwohl die Imame keine Seelsorgekompetenzen hatten. Und auch andere muslimische Gemeinden, außerhalb der DITIB, machten ähnliche Gefängnisbesuche, in denen Imame oder meist ehrenamtlich engagierte Personen den Inhaftierten religiöse Unterweisung erteilten.

 

Trotzdessen muss erwähnt werden, dass auch in der Gegenwart nur bei den wenigsten Angeboten eine individuelle Seelsorge stattfindet. Vielmehr beschränken sich die Angebote auf Gruppengespräche und religiöse Rituale, wie z.B. gemeinsame Koranlesungen und Freitagsgebete, und sind eher zu vergleichen mit der Tätigkeit von Sozialarbeitern als mit Seelsorgern. Selbstverständlich sind auch Rituale wichtig und ein Bestandteil der Seelsorge, sie können jedoch eine individuelle Seelsorge nicht ersetzen. Ein individuelles und persönliches Seelsorgespräch ist jedoch das zentrale Anliegen einer Seelsorge. Das Fehlen solcher individuellen Seelsorgegespräche ist daher ein großes Defizit. Denn der Bedarf nach einer muslimischen Seelsorge wird damit nicht tatsächlich gedeckt.

 

Das Fehlen von Einzelgesprächen hat auch etwas mit fehlenden Ressourcen zu tun. Denn in der Praxis gibt es große Unterschiede in der Umsetzung der muslimischen Gefängnisseelsorge. Den meisten muslimischen Gefängnisseelsorgern stehen keine Räumlichkeiten für Einzelseelsorge zur Verfügung. Sie können nur Gemeinschaftsräume nutzen. Auch die ehrenamtliche und zeitliche Begrenzung der Angebote erschwert den Einsatz von Einzelgesprächen. Einige muslimische Seelsorge kommen nur durch starke Kontrollen ins Haus, wiederum andere nur, wenn sie ein christlicher Seelsorger begleitet. Dann gibt es Seelsorger, die Räumlichkeiten, ein eigenes Büro, Schlüssel zur Verfügung haben und ohne aufwendige Sicherheitskontrollen ins Gefängnis kommen. Dieser Umgang lässt eine angemessene Seelsorge zu. Daher müssen Ressourcen und Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit eine würdige Gefängnisseelsorge mit Einzelgesprächen stattfinden kann.

 

Hinzu kommt, dass muslimische Seelsorger zwar bei ihren Einsätzen eine Schweigepflicht haben, jedoch kein Zeugnisverweigerungsrecht. Daher gilt hier das Beicht- oder Seelsorgegeheimnis nicht. Auf Grund des Fehlens des Zeugnisverweigerungsrechts ist es nicht immer gegeben, dass die Klienten dem Seelsorger vollständig vertrauen, was z.B. in der Gefängnisseelsorge besonders wichtig ist, da hier Themen angesprochen werden können, deren Inhalte der Seelsorger aus Sicht des Klienten keineswegs weitergeben darf.

 

Die Finanzierungsfrage der muslimischen Gefängnisseelsorge wird ebenfalls unterschiedlich gelöst. An einigen wenigen Orten wird die muslimische Gefängnisseelsorge staatlich finanziert, jedoch sind die meisten Angebote und Tätigkeiten ehrenamtlich organisiert. Auf Dauer ist eine ehrenamtliche Tätigkeit jedoch nicht zu leisten. Der Bedarf ist hierfür viel zu groß. Vielmehr sollten Ehrenamtliche als Ergänzung zu hauptamtlichen muslimischen Gefängnisseelsorgern eingesetzt werden.

 

Verstärkt seit einigen Jahren wird die Gefängnisseelsorge (in Deutschland aber auch in anderen europäischen Ländern) auch im Kontext der Radikalisierung diskutiert. Dabei geht es einerseits um Gefängnisseel­sorger, die Inhaftierte in ihrem Denken radikalisieren, andererseits um Gefängnisseelsorger, die schon radikalisierte Inhaftierte deradikalisieren und alle Inhaftierten resozialisieren. Auch gebe es aus der radikalen Szene Personen, die sich für Inhaftierte nach ihrer Entlassung als Gefangenenunterstützer anbieten. Kritisiert wird jedoch an diesem Verständnis von Seelsorge, dass Seelsorge keine Präventionsarbeit als Ziel haben darf, da so die Glaubwürdigkeit des Seelsorgers vom Klienten in Frage gestellt werden kann. Deradikalisierung kann nur ein Aspekt oder einer der Ergebnisse der Gefängnisseelsorge sein. Präventionsarbeit wäre demnach ein Teilaspekt und sollte nicht zum zentralen Ziel der Gefängnisseelsorge gemacht werden, da sie dadurch den Charakter der Seelsorge verliert. Daher darf die muslimische Gefängnisseelsorge nicht als Instrument oder Alternative der Radikalisierungsprävention verstanden werden und der Fokus nicht auf die Deradikalisierungsarbeit fallen.

 

Insgesamt fällt es also auf, dass viele Angebote, die das Label “Islamische Gefängnisseelsorge“ tragen, sich voneinander unterscheiden und vor allem gar keine Einzelgespräche anbieten, welches wie bereits erwähnt, der Kern der Seelsorge ist und nicht vernachlässigt werden darf. Daher ist eine Standardisierung, was Seelsorge ist und was nicht, gerade in der Entstehungsphase der islamischen Seelsorge so wichtig.

 

 

Dr. Cemil Şahinöz

 

Islamische Zeitung, 06.01.2019

https://www.islamische-zeitung.de/spirituelle-hilfe-braucht-standardisierung/

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(01.01.2019) Moschee-Steuer – Juristisch, Politisch und Theologisch

Moschee-Steuer – Juristisch, Politisch und Theologisch

 

Die Frage der Finanzierung von Moscheegemeinden ist nicht neu. Sie wird mindestens einem Jahrzehnt diskutiert. Volle Fahrt haben die Diskussionen aufgrund der angespannten Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei genommen.

 

Aufseiten der Politik in Deutschland wird das Ziel verfolgt, Auslandsfinanzierungen und damit indirekt Einflüsse von ausländischen Staaten zu verhindern. Daher wird nach Lösungen und Optionen gesucht. Der Vorschlag, eine Moschee-Steuer analog zur Kirchensteuer einzuziehen, ist aber weder juristisch noch theologisch möglich. Deshalb werden die gegenwärtigen Diskussionen nur in eine Sackgasse führen.

 

Ohne Anerkennung keine Steuer

 

Juristisch ist es nicht möglich, da islamische Religionsgemeinschaften keine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist. Dies ist aber eine Voraussetzung, um eine solche Steuer überhaupt erheben zu können. Zunächst müsste also diese Frage geklärt werden. Die islamischen Religionsgemeinschaften erhalten gegenwärtig die Anerkennung als Körperschaft nicht, da sie Kriterien, wie z.B. Mitgliedsstrukturen, nicht erfüllen sollen.

 

Der Islam ist keine Kirche

 

Damit sind wir auch schon bei der theologischen Problemstellung. Eine Moschee-Steuer entspricht dem Selbstverständnis des Islams nicht. Denn der Islam kennt keine Institutionen oder Mitgliedsstrukturen wie die Kirchen. Dass heißt z.B., ein Eintritt zur oder Austritt aus der Religion wie in der Kirche ist im Islam nicht an die Institution Moschee gebunden. Man ist nirgends als Muslime registriert. Wie sollte man dann die Muslime, die diese Steuern zahlen sollen, erfassen?

 

Da kann man sich auch nicht an die Mitgliederlisten in den Moscheegemeinden orientieren. Denn man kann als Muslim in keiner einzigen Moschee Mitglied sein, oder auch in 10 verschiedenen gleichzeitig. Die Mitgliederzahlen sagen also nicht viel aus. Hier herrschen andere Strukturen als in der Kirche. Es gibt theologisch ein anderes Verständnis.

 

Gleichstellung notwendig

 

Was die muslimische Community bei all den Diskussionen kritisiert, ist auch der Wunsch nach Augenhöhe und Gleichbehandlung. Denn es ist bekannt, dass z.B. Kirchen und kirchliche Einrichtungen im Ausland von Deutschland aus finanziert werden. Gleichzeitig gibt es in Deutschland einige Religionsgemeinschaft, die, ähnlich wie bei den muslimischen Gemeinden, vom dem Ausland finanziert werden, und auch ihre Geistlichen aus dem Ausland holen. Hier fehlt eine Klarstellung, dass der Verbot von Auslandsfinanzierung nicht nur die Muslime betreffen darf und es damit keine benachteiligende Sonderregelung für Muslime geben kann. Denn grundsätzlich regeln die Religionsgemeinschaften die Ausbildung ihrer Geistlichen und die Finanzierung ihrer Gemeinschaften selbst.

 

Was sind die Alternativen?

 

Das Thema, wie sich Moscheegemeinden finanzieren könnten, ist seit vielen Jahren auch innerhalb der muslimischen Community ein Thema. Die Frage geht parallel mit der Fragestellung, ob man Imame, die in Deutschland geboren, hier sozialisiert und hier ausgebildet sind, in Moscheegemeinden einsetzen kann.

 

Da muss man realistisch sein, selbst wenn man eine Moscheesteuer einführen würde, und auf Imame aus dem Ausland nicht mehr angewiesen wäre, hätte man trotzdem nicht einmal ansatzweise genügend Imame für die Moscheen in Deutschland. Es gibt ca. 2000 Moscheen in Deutschland, ca. 1000 beziehen ihre Imame aus dem Ausland. Islamische Theologie kann man seit knapp 10 Jahren in Deutschland studieren. Bis man also so viele Imame hat, die hier Theologie studiert haben und dann auch tatsächlich in den Moscheegemeinden tätig sind, wird es wohl noch lange dauern. Aber das ist ein Ziel, dass viele muslimische Gemeinden verfolgen.

 

Optionsvorschläge für Finanzierungen, die in der muslimischen Community seit längerem diskutiert werden, sind die Gründung von Stiftungen, die es historisch in muslimischen Gemeinschaften immer wieder gab und die Zakat-Abgabe. Während bei Stiftungen es zumindest keine theologischen Schwierigkeiten geben würde, steht jedoch die Frage im Raum, ob die Ressourcen der muslimischen Community in Deutschland es zu lassen, auf diese Art und Weise hunderte von Moscheen zu finanzieren.

 

Bei der Zakat-Abgabe (2,5% des überschüssigen Gesamtvermögens spendet ein jeder Muslim jedes Jahr) gibt es wiederum eine große theologische Diskussion darüber, ob Zakat auch an Einrichtungen und nicht nur an bedürftige Einzelpersonen gespendet werden kann. Man nehme an, Moscheen würden durch die Zakat finanziert werden. Dann müsste man sich soziologisch darauf gefasst machen, dass evtl. in einigen Jahrzehnten Zakat sich inhaltlich wandelt und tatsächlich nur noch Einrichtungen wie Moscheen damit finanziert werden. Bedürftige wären dann sekundär. Man hätte eine andere Qualität von Zakat. Dies ist eine theologische Fragestellung, die noch nicht abschließend geklärt ist.

 

Dr. Cemil Şahinöz, IslamIQ, 01.01.2019

http://www.islamiq.de/2019/01/01/von-auslandsfinanzierung-bis-zakat-fragen-der-finanzierung-von-moscheen/

Islamische Zeitung, 01.1.2019
https://www.islamische-zeitung.de/moschee-steuer-juristisch-politisch-und-theologisch/

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(20.11.2018) Theaterprojekt „Zwischenräume“

Interkulturalität

Grußwort

Eine türkische Familie zog in eine neue Wohnung ein, in direkter Nachbarschaft zu einer deutschen Familie. Die türkische Familie backte einen Kuchen und wartete darauf, dass die Nachbarn sie besuchen und sie willkommen heißen. So kannten sie es aus ihrer eigenen Tradition. Die deutsche Familie backte ebenfalls einen Kuchen, denn es ist bei ihnen üblich, dass die neuen Nachbarn vorbeikommen und sich vorstellen. Beide Familien blieben mit ihrem Kuchen allein.

Doch leider blieben sie nicht nur mit ihrem Kuchen alleine sondern öfters auch mit ihren Vorurteilen. Denn es sind solche kleinen Missverständnisse und das Unbekannte, die zu Vorurteilen führen können. Die türkische Familie könnte die deutsche Familie mit Diskriminierung und Ausgrenzung beschuldigen. Die deutsche Familie könnte davon ausgehen, dass die türkische Familie sich ausgrenzt und eine Parallelgesellschaft mitten in der Nachbarschaft bildet. Hätten aber beide Familien die Information darüber, wie sich alte und neue Nachbarn in der jeweiligen Kultur verhalten, käme es nicht zu diesen Vorurteilen.

Unkenntnis führt also zu Unsicherheit, und dies zu Distanz. Wenn Distanz langfristig anhält, entstehen Ängste. Daher ist es von großer Bedeutung, das Unbekannte zum Bekannten zu machen, bevor Ängste entstehen. Nur so kann ein friedliches Miteinander gelingen. Nur so kann Integration funktionieren. Integration ist aber kein Zustand und hat auch keinen Endpunkt. Es ist eher ein ständiger Prozess.

In diesem Prozess darf das vermeintlich Fremdartige nicht als etwas Negatives bewertet werden. Das geht nur, wenn man sich kennenlernt. Hierzu sagte Ali, der Schwiegersohn des Propheten Muhammed: „Der Mensch mag das nicht, was er nicht kennt.“ Wenn man sich kennt, merkt man, wie ähnlich man eigentlich ist. Somit verschwindet das Fremde. Anstelle dieser kommt Freundschaft hervor.

Und dieses Kennenlernen sollte nicht nur künstlich auf bestimmten Veranstaltungen stattfinden, sondern im Alltag, in der Schule, auf dem Arbeitsplatz, im Supermarkt, im Kino gelebt werden. Nur so können Ängste tatsächlich abgebaut werden.

Jeder von uns hat im Alltag die Möglichkeit, dieses Kennenlernen, diesen Austausch zu fördern. So haben wir öfters Begegnungen wie im Kuchenbespiel. Wenn wir dabei Menschen offener, sensibler und mit positiver Neugier begegnen, können wir den interkulturellen Austausch und den Dialog fördern.

Als ein positives Beispiel, den Dialog zu fördern, kann das Zwischenräume-Projekt des Theaterlabors genannt werden. Als das Theaterlabor mit dem Projekt auf das Bündnis Islamischer Gemeinden zukam, war es für uns keine Frage des Ob, sondern wie wir unseren Anteil einbringen können. Denn in den Bereichen wie Theater und Kunst finden Begegnungen nur selten statt. Obwohl gerade in diesen Bereichen die Dialogpotenziale und die nachhaltigen Effekte immens sein können. Daher war es uns eine große Freude ein Teil dieses erfolgreichen Projekts zu sein.

Dr. Cemil Şahinöz
Vorsitzender des Bündnis Islamischer Gemeinden

Theaterprojekt „Zwischenräume“ – Broschüre
https://drive.google.com/file/d/161f8J4OyQXYL-iSWloDArUEkXOcDhSek/view?usp=sharing

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(07.11.2018) Gülen-Bewegung: Dialog zwischen Integrationsarbeit und Sektenwahn

Gülen-Bewegung: Dialog zwischen Integrationsarbeit und Sektenwahn

 

Umut Ali Öksüz, Dr. Cemil Şahinöz

 

Der Begriff Sekte ist ursprünglich ein christlich konnotierter Begriff und ist auf Grund des charakteristischen Typus des Christentums auf diesen anwendbar. Einen vergleichbaren Begriff gibt es in anderen Religionen nicht. Inhaltlich betrachtet gibt es jedoch auch in anderen Religionen Sekten, bzw. Gruppen, die die gleichen Kriterien erfüllen. So soll in diesem Artikel geschaut werden, ob die religionssoziologischen Kriterien für eine Sekte auf die Gülen Bewegung zutreffen.

 

Definition und Kriterien

 

Max Webers “Soziologische Grundbegriffe“ endet mit einem Vergleich von Kirche und Sekten. Demnach wird man in die Kirche „hineingeboren“, wohin eine Sekte „nur die religiös Qualifizierten persönlich in sich aufnimmt“. Er verweist dabei auf Kriterien der Religionssoziologie, in der der Begriff Sekte, den es schon seit der Antike gibt, inhaltlich entwickelt wurde.

 

Unabhängig davon, dass es einige unterschiedliche Definitionen vom Sektenbegriff gibt, gibt es auch minimale Kriterien von Sekten, die die unterschiedlichen Definitionen gemeinsam haben. Laut Frank-Xaver Kaufmann sind das Kriterien wie Gemeinschaftscharakter, freiwillige Mitgliedschaft, allgemeines Priestertum und eine klare und scharfe Abgrenzung „mit Hilfe der eigenen, meist radikal-religiösen Auffassungen gegen die vorherrschende Kultur“. Im Allgemeinen haben sich Sekten von der Urreligion abgespalten und befinden sich im Konflikt und überwiegend auch in einer Konkurrenzbeziehung zu ihr.

 

Ähnlich wie Radikale und extreme Gruppen, bieten Sekten ein vereinfachtes, dichotomisiertes Weltbild. Die Welt ist aufgeteilt in „die Guten“ und „die Bösen“. Die Guten, das sind die Mitglieder der Sekte, versuchen die Welt zu verbessern. Die Bösen, alle außerhalb der Sekte, sind verblendet und sehen die Wahrheit nicht.

 

Diese Guten sehen sich durch die Zugehörigkeit als eine auserwählte Elitegruppe, die es geschafft hat. Sie gehören zu denjenigen, die letztendlich als Sieger hervortreten werden, auch wenn sie ggf. gegenwärtig angefeindet werden würden. Daher haben die Mitglieder auch meistens immer die gleiche Meinung zu unterschiedlichen Themen, so dass sie gleichgeschaltet wirken. Auch wirken Argumente zu Diskussionsthemen auswendiggelernt, da sie innerhalb der Gruppe immer wieder thematisiert werden und die einzigen akzeptierten, legitimen Meinungen sind.

 

In Sekten gibt es unter den Mitgliedern daher einen großen sozialen Druck, um weiterhin als Elite bestehen zu können. Alle Mitglieder kontrollieren sich gegenseitig und versuchen die meist irrationalen Gesetzlichkeiten innerhalb der Gemeinschaft durchzusetzen.

 

Diese Gesetze und Regeln führen zu einer Komplexitätsreduzierung. Der moderne Alltag ist viel zu komplex und macht Entscheidungen schwierig. Sekten vereinfachen dies, in dem sie ein einfaches Model anbieten. Damit wird sie attraktiv für viele Menschen, vor allem für Personen, die eine Konfliktbiographie hatten.

 

Menschen mit einer schwierigen Vergangenheit haben in Sekten die Möglichkeit, Sinn und Orientierung zu finden. Sie finden und bekommen eine Wertschätzung und Geborgenheit, die sie von ihrem Umfeld, z.B. von ihrer Familien, sonst nicht erhalten hatten.

 

Daher kommt es häufig vor, dass Sektenmitglieder von ihren Familien, die nicht auch Sektenmitglieder sind, getrennt werden und jeglicher Kontakt untersagt wird. Nur so kann eine erfolgreiche Indoktrination funktionieren.

 

Um die ideologische Indoktrination zu perfektionieren, wird meistens auch jeglicher Kontakt mit Außenstehenden reduziert. Auf diese Art und Weise werden besonders Kinder und Jugendliche mit dem Gedankengut der Sekte sozialisiert. Diese Generationen sind es dann, die viel stärker an die Sekte gebunden sind, als z.B. Erwachsene, die in älteren Jahren zur Sekte gestoßen sind. Die in der Sekte sozialisierten und groß gewordenen Mitglieder sind dann materiell und immateriell an die Sekte gebunden und abhängig von ihr. Eine Trennung ist meist mit viel Kraft, Trauma und psychischen Störungen verbunden.

 

Sekten können ohne eine Zentral, ohne einen Führer nicht funktionieren. Der Führer ist jedoch kein gewöhnlicher Geistlicher, sondern jemand mit “Sonderfunktionen“, die direkt von Gott (!) bereit gestellt werden. So wird der Sektenführer zu einem heiligen, unantastbaren Halbgott, der auf keine Art und Weise kritisiert werden darf.

 

Sekten, die eine bestimmte Mitgliedergröße erreichen, verwandeln sich in modernen Gesellschaften auch zunehmend in Wirtschaftsunternehmen und große Organisationen, die primär Angebote für ihre eigenen Mitglieder generieren aber auch „Öffentlichkeitsarbeit“ leisten, um das Image der Sekte zu verbessern und zu Missionieren.

 

Vergleich mit der Gülen-Bewegung

 

Sektenähnliche Strukturen fangen bereits im Kindesalter mit ihrer Indoktrination an. Durch verschiedene Angebote werden Kinder und Jugendliche in differenzierten Stufen in eine ideologisierte Elite heranerzogen und leben die Lehren ihrer Meister weiter. Eine der bekanntesten und umstrittensten Bewegungen in Deutschland, die eine große Sektenähnlichkeit besitzt, ist die Gülen-Bewegung, auch bekannt als Hizmet-Bewegung.

 

Die Gülen-Bewegung ist seit über 30 Jahren in Deutschland verhüllt aktiv, seit ca. fünf Jahren gibt es erste öffentliche Sprecher oder Einrichtungen für Anlaufstellen.

 

Das Netzwerk der Bewegung ist weltweit bekannt und steuert diverse pädagogische und soziale Einrichtungen sowie Projekte im interreligiösen Bereich. Seit dem Putschversuch in der Türkei 2016 ist die Gülen Bewegung in Deutschland in aller Munde. Das äußere Auftreten der Bewegung symbolisiert wichtige Fundamente, die für ein gemeinsames Miteinander unverzichtbar sind. Integrationsbereitschaft, Dialog, Bildung und Toleranz – alles Schlüsselbegriffe, die von einer verdeckten Indoktrination lenken sollen. Viele Kritiker in Deutschland werfen der Bewegung seit Jahren vor, sektenähnliche Methoden zu verwenden.

 

Aktuell spricht die Bundesregierung von einer Neubewertung der Bewegung, es liegen interne Berichte der deutschen Botschaft aus Ankara vor, die eine Sektenähnlichkeit nochmals unterstreicht. Wenn Strukturen und Merkmale einer funktionierenden Sekte mit der Gülen Bewegung verglichen werden, dann sind deutliche Gemeinsamkeiten erkennbar.

 

Jede Sekte hat einen Meister und strikte hierarchische Strukturen. Der Meister Fethullah Gülen gibt sämtliche Regeln und Lebenspraktiken vor und unterrichtet konstant seine Anhänger mit Inhalten, die direkten Eingriff in das Leben bzw. Privatleben eindringen. Dies berichten u.a. etliche Aussteiger und hochrangige Vertreter. In Sekten ist es üblich, dass der Führer einer Gruppierung niemals kritisiert oder hinterfragt wird. Es gibt kaum kritische Äußerungen oder Publikationen von der Bewegung, die Fethullah Gülen in Frage stellen. Zudem gibt es in der Gruppe ein Weltbild von „gut“ und „böse“. Alle, die der Bewegung folgen, alle Sympathisanten, alle, die nichts hinterfragend von der Bewegung annehmen, alle Förderer und vor allem – alle Anhänger sind die Guten. Auch die Gülen-Bewegung braucht immer ein Feindbild innerhalb ihrer Dichte. Durch die aktuellen Vorkommnisse wird der alte Freund und Partner, die AKP-Regierung als das „Schlechte“ in der Bewegung kommuniziert. Für sektenähnliche Strukturen sind diese schwarz-weiß Gedanken von großer Bedeutung, um die eigene Elite immer in den Mittelpunkt zu rücken. Deshalb setzen sich die Mitglieder einer Sekte gegenseitig unter Druck und kontrollieren sich und ihre Handlungen. In der Hizmet-Bewegung hat jedes Mitglied einen Mentor bzw. einen sog. „Agabey“, übers. großer Bruder.

 

Schon ganz früh werden Kinder und Jugendliche durch die Bildungsarbeit in den sog. Lichthäusern manipuliert. Nachhilfeangebote oder künstlerische Projekte dienen einer direkten Rekrutierung in die Lichthäuser.

 

Die Mentoren kontrollieren die Mitglieder, für die sie selbst verantwortlich sind und stehen gleichzeitig selbst unter Beobachtung.

 

Diese Kontrollen setzen in der Bewegung den Schwerpunkt auf die religiösen oder politischen „Hausaufgaben“:

  • Wie lange war man draußen?
  • Mit wem war man unterwegs?
  • War man diese Woche im Lichthaus? Wenn nein, wieso nicht?
  • Haben die eigenen Eltern, Freunde, Verwandte o.ä. ein Zaman-Abo? (In Deutschland wird diese Zeitung nicht mehr gedruckt. Die Bewegung arbeitet derzeit an neuen medialen Projekten.)
  • Wurde eine bestimmte Anzahl von Seiten aus Fethullah Gülens Büchern gelesen?
  • Befolgt man die eigene religiöse Ideologie?
  • Wurden bestimmte Artikel geteilt und verbreitet, mit Inhalten aus der türkischen Politik?
  • Wurden bestimmte Nachrichtensender, die kritische Beiträge über die Bewegung bringen, sabotiert?
  • Ist man bereit für die Bewegung zu opfern?

 

Das sind nur Beispiele für Fragen bzw. Anweisungen, mit denen sich die Anhänger gegenseitig ausspionieren. Religion wird als emotionales Machtinstrument genutzt, denn ein Widersprechen der Anweisungen durch die Mentoren, wäre ein Widerspruch zum Meister und obligatorisch zu Gott. Soziale Probleme und das Gefühl ausgeschlossen zu sein, schenkt Sekten genug Spielraum, damit sie neue Kumpanen dazu gewinnen. In der Gülen-Bewegung geht es vor allem auch um die „verlorene Religiosität“ und um ein verlorenes Leben im Jenseits. Daher fühlen sich die Sympathisanten der Hizmet-Bewegung gezwungen, auch einen finanziellen Dienst zu leisten und spenden Unmengen an Geld in ihre Ideologie. Oder sie verkauften in der Vergangenheit ihre Zaman-Zeitung in Massen, um die Gedanken des Meisters weiterzuverbreiten. Die Gülen-Bewegung nennt sich selbst eine soziale Strömung.

Sie sagt von sich selbst, dass sie im Dienste Gottes, im Dienste des Ehrenamtes und der Bildung unterwegs sei. Es gibt wenig soziale und ehrenamtliche Gruppen in Deutschland, die Millionen von Euros besitzen und diese in kritische PR-Agenturen wie Burson Marsteller investieren können.

 

Im Rahmen einer „sozialen Bewegung“ sind wirtschaftliche Hilfsmittel, die überwiegend durch die eigenen Mitglieder privat „gespendet“ werden,  in dieser Höhe und für eine solche Maßnahme nur in festen sektenähnlichen Strukturen möglich.

 

 

Informationen zu den Autoren:

 

Umut Ali Öksüz, geboren in Neuss, ist aktiv als Lehrer, Pädagoge, Kinderschutzfachkraft §8a SGBVIII und Blogger. Er ist Autor im Handbuch »Bildungsbrücken bauen – Stärkung der Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund«. Seit über zehn Jahren, 2008, arbeitet er mit Kindern, Jugendlichen und Eltern zusammen. Er ist Referent für die Themen: Bildungschancen, Interkulturelle Bildung, Subkulturen innerhalb der Deutsch-Türkischen Community. Persönlicher Kontakt: info@umutalioeksuez.de. Weitere Informationen: http://www.umutalioeksuez.de

 

Dr. Cemil Şahinöz, Soziologie, Theologe und Religionspsychologe, ist Hauptberuflich als Integrationsbeauftragter und Familienberater tätig. Er hat mehrere Bücher verfasst und analysiert die Gülen Bewegung seit mehr als 10 Jahren.

 

 

Huffington Post, 07.11.2018

https://www.huffingtonpost.de/entry/gulen-bewegung-dialog-zwischen-integrationsarbeit-und-sektenwahn_de_5be2e416e4b0769d24c7b5f3?5r9

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(01.08.2018) Religion oder Kultur?

Religion oder Kultur?

Wenn man in Deutschland mit Muslimen kommunizierte, dann war es bis vor kurzem noch so, dass man es überwiegend mit Menschen mit türkischen Wurzeln zu tun hatte. Dementsprechend war das Islambild in den Köpfen der Menschen auch geprägt. Alles was “türkisch“ war, galt als “islamisch“ und umgekehrt.

Dass man dabei immer wieder Kultur und Religion verwechselt, wird es deutlich, wenn man auf Muslime aus anderen Kulturen trifft. Muslime aus Syrien, Kanada, Deutschland, China oder Australien sind kulturell sehr unterschiedlich. Ihr Glaube ist der gleiche, doch die Kultur, ihr Umgang im Alltagsleben ist eine andere. Und auch wenn man von dem einen und selben Glauben ausgeht, ist die kulturelle Praxis sehr vielfältig. Auf Grund der Vielfalt des Islams, gibt es auch keine einheitliche Entwicklung der Traditionen, wie Bauer in „Die Kultur der Ambiguität“ anschaulich darstellt.

Diese Unterscheidung ist freilich für einen Nichtmuslim nicht einfach. Wie soll man differenzieren, welche Handlung nun kulturell bedingt ist und welche religiös motiviert geschieht. Trotzdessen ist diese Unterscheidung jedoch im Umgang miteinander und vor allem in gesellschaftlichen Diskursen enorm wichtig.

Denn wer behauptet, die Benachteiligung der Frau wäre ein muslimisches Problem, muss erklären, warum es auf die Sicht und Rolle der Frau – ohne es positiv oder negativ zu konnotieren – zwischen muslimischen, christlichen, jezidischen und anderen Menschen aus der gleichen Region, z.B. aus Syrien, keine Unterschiede gibt. Der christliche Syrer hat die gleiche Sicht auf die Frau wie der muslimische Syrer oder der atheistische Syrer. Weder ist dann bei einer gegebenen Frauenfeindlichkeit die Bibel Auslöser noch der Koran. Ein christlicher Syrer, der frauenfeindlich ist, nimmt sich dieses Recht nicht aus der Bibel, ebenso ein muslimischer Syrer nicht aus dem Koran. Die Rolle der Frau kann für einen deutschen Muslim völlig anders aussehen, als für einen chinesischen Muslim oder für einen irakischen Christen. Weitere Paradebeispiele sind Themen wie Ehrenmord und Zwangsheirat, die hierzulande konsequent mit dem Islam in Verbindung gebracht werden, obwohl auch dies ein kulturelles Problem in bestimmten Regionen dieser Welt ist, ungelöst davon, welche Religion diese Menschen in diesen Regionen haben. Auch hier gilt, weder ist es die Bibel, noch der Koran, dass Zwangsheirat und Ehrenmord gebietet. In jeder Religion sind beide absolut unvereinbar und unverhandelbar. Es ist also an Hand vieler solcher Beispiele ersichtlich, dass hier ein kulturelles Phänomen vorliegt. Kultur und Religion werden bei solchen Beispielen immer wieder vermischt.

Deutlich wird auch, dass, Religion und Kultur selbstverständlich auch eine Schnittmenge haben, denn Religion ist einer von vielen Faktoren, die eine Kultur ausmacht, dass es aber auch Bereiche gibt, die im totalen Widerspruch zueinander stehen. Wenn es hart auf hart kommt, erlebe ich in der Familienberatung, dass sich gefühlte 90% für Kultur entscheiden, und nicht für Religion. In solchen Konflikten heißt es dann nicht, was die Bibel oder der Koran sagt, sondern was die Nachbarn sagen, was die Community sagt oder was Verwandte oder Freunde in der Heimat sagen.

Gleichwohl werden vielerorts jegliche Muslime als Koranexperten oder Theologen wahrgenommen. Wenn Siebtklässler in der Schule als Referatsthema erklären müssen, was nun der Dschihad bedeutet, ist das meistens kontraproduktiv. Genauso wie nicht jeder Christ ein Bibelexperte ist, kann nicht vorausgesetzt werden, dass jeder Muslim den Koran in- und auswendig kennt. Daher bekommt man in Diskussion öfters auch keine theologischen Antworten sondern eher kulturelle, weil die antwortenden Gesprächspartner evtl. keine hinreichenden theologischen Kenntnisse haben. Damit ist nicht der abwertende Begriff Kulturmuslime gemeint, sondern schlicht die Tatsache der theologischen Unkenntnis oder die Beschränkung auf minimale Kenntnisse. Denn viele kulturelle Praktiken berufen sich nicht auf theologische Quellen des Islams, sondern entstehen aus kulturellen Riten und Werten. Die theologischen Quellen sind dabei eindeutig: Koran, Sunna (Die Gewohnheiten des Propheten Muhammed), Meinungskonsens unter den islamischen Gelehrten und Analogieschlüsse.

Auf Grund der gegenwärtigen kulturellen Vielfalt der Muslime in Deutschland und der Globalisierung werden diese Unterschiede jedoch immer deutlicher. Man trifft in Deutschland eben nicht nur auf den türkischen Muslim, sondern auch auf den deutschen oder britischen Muslim, die jeweils ihre eigene Kultur haben. So entsteht in Deutschland eine Heterogenität der Muslime.

Auch die Sprache wird auffällig häufig mit einer Religion verbunden. Dies führt dann zu Irritationen, wenn christliche Araber „Allahu Akbar“ rufen, was schlicht und einfach „Gott ist groß (größer)“ bedeutet. Denn selbstverständlich sagen auch christlicher Araber „Allah“, weil dies die Übersetzung von „Gott“ ist.

Kultur gibt den Menschen eine Orientierung im Alltag. Aber auch Kultur ist ständig im Wandel. Von Generation zu Generation verändert sich Kultur, daher ist sie nichts Statisches und wird in Diskursen immer wieder ausgehandelt. Als die sogenannten Gastarbeiter in den 80´ern in ihre vermeintliche alte Heimat zurückkehrten, hatten sie Integrationsschwierigkeiten, weil sowohl sie selbst als auch ihre Heimat sich schon verändert hatte. So kamen einige nach wenigen Jahren wieder nach Deutschland zu ihrer neuen Heimat wieder zurück. In diesem langjährigen Prozess entsteht auch ein kulturell europäisch geprägter Islam, ohne die Glaubensinhalte oder –Praxis der Religion in Frage zu stellen oder gar sie reformieren zu wollen.

Dr. Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, August 2018

Huffington Post, 07.08.2018
https://www.huffingtonpost.de/entry/religion-oder-kultur_de_5b64b9b9e4b0eb29100e59f2

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(05.07.2018) Seelsorge im Islam

Seelsorge im Islam

 

Die Themen “Islamische Seelsorge“ und “Islamische Wohlfahrtspflege“ sind gegenwärtig die wichtigsten Themen der muslimischen Community in Deutschland und Europa. Aber nicht nur in der muslimischen Community, sondern auch auf der politischen und gesamtgesellschaftlichen Ebene werden diese Themen immer wichtiger. So sind beide Themen schon seit langem auf der Agenda der Deutschen Islam Konferenz, welches von der Bundesregierung organisiert wird.

 

Während im Christentum Seelsorge institutionalisiert und professionalisiert ist, übernahmen diese Aufgabe im Islam die nächsten Familienangehörigen und Freunde. So gibt es im Islam zwar nicht den Begriff der Seelsorge, aber inhaltlich existiert eine Seelsorgetätigkeit.

 

Sowohl im Koran als auch in den Aussprüchen des Propheten Muhammed finden sich viele Bereiche und Methoden der Seelsorge. Das bekannteste Narrativ, das man in diesem Kontext findet, ist folgender: „Allah, der Mächtige und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung dem Menschen vorhalten: ´O Kind Adams! Ich erkrankte, doch Du besuchtest Mich nicht!´ Er wird antworten: ´O mein Herr! Wie hätte ich Dich besuchen können, wo Du doch der Herr der Welten bist?´ Allah wird erklären: ´Hast du denn nicht erfahren, dass mein Diener Soundso krank war, und du ihn nicht besuchtest? Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihn besucht hättest, hättest du Mich bei ihm gefunden! O Kind Adams! Ich bat Dich um etwas zu essen, doch Mir gabst du nichts zu essen!´ Er wird antworten: ´O mein Herr! Wie hätte ich Dir etwas zu essen geben können, wo Du doch der Herr der Welten bist?´ Allah wird erklären: ´Hast du etwa nicht gewusst, dass Mein Diener Soundso dich um etwas zu essen bat? Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihm etwas zu essen gegeben hättest, du sicherlich dafür Meine Belohnung erhalten hättest! O Kind Adams! Ich bat dich, Mir (Wasser) zu trinken zu geben, aber du gabst mir nichts zu trinken!´ Er wird sagen: ´O mein Herr! Wie hätte ich Dir zu trinken geben können, wo Du doch der Herr der Welten bist?´ Allah wird erklären: ´Mein Diener Soundso bat dich um Wasser, doch du gabst ihm nichts zu trinken! Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihm zu trinken gegeben hättest, du deinen Lohn dafür bei Mir gefunden hättest?´“ (Muslim; Nawawi, 896).

 

Der Prophet Muhammed lebte Seelsorge in der Praxis aus. Zeyd, ein kleiner Junge im Umfeld des Propheten, hatte einen Vogel namens Umeyr, den er sehr liebte. Deshalb nannte der Prophet den Jungen auch Abu Umeyr, das so viel bedeutet wie “Vater des Umeyr“. Als Zeyds Vogel starb war er sehr betrübt über diesen Umstand. Daraufhin besuchte ihn der Prophet und übergab ihm seine Beileidsbekundung. In der Biographie des Propheten findet man Dutzende solcher Begegnungen, die Seelsorge widerspiegeln.

 

Diese Traditionen wurden in den muslimischen Gemeinschaften weitergelebt. So entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Alltagsseelsorge. Vor allem die Großfamilie bot den notleidenden Familienmitgliedern Seelsorge an. Öfters war es auch der Dorfvorsteher oder die Imame, die in Not gerufen wurden.

 

Die Ressource, dass die Community, Familie und Freunde Alltagsseelsorge leisten, steht aber in einer globalisierten, ausdifferenzierten Gesellschaft nicht mehr in solch einer Form zur Verfügung. Daher benötigen auch Muslime professionelle Seelsorger, die hierfür ausgebildet wurden.

 

Nicht nur veränderte Familienstrukturen, sondern auch durch die Migration haben sich Problemsituationen ergeben, die stärker eine Seelsorge unter der muslimischen Community bedürfen.

 

So entwickeln sich in Deutschland, aber auch in vielen andern Ländern Europas islamische Seelsorgeprojekte in den verschiedensten Disziplinen. Auch in der Türkei wurde kürzlich ein Kooperationsvertrag zwischen dem Gesundheitsministerium und der Religionsbehörde unterschrieben, demnach Seelsorger nach dem europäischen Modell in einem Pilotprojekt eingesetzt werden.

 

Was jedoch bislang gänzlich fehlt, sind Konzepte für die islamische Seelsorge und allen voran empirische Studien über die bisher angebotenen Seelsorgeprojekte in Deutschland. Diese Lücke soll die Arbeit “Seelsorge im Islam – Theorie und Praxis in Deutschland“ füllen. In der Arbeit wird theologisch und historisch Seelsorge im Islam aufgegriffen und an Hand von Koran, Hadith und Traditionen ein Konzept der islamischen Theologie entworfen.

 

Gleichzeitig gibt es die ersten empirischen Ergebnisse zu Seelsorgeprojekten in Deutschland. Dafür wurden verschiedene Seelsorgedisziplinen, wie z.B. Krankenhausseelsorge, Notfallseelsorge, Gefängnisseelsorge, Telefonseelsorge, Seniorenseelsorge, Flüchtlingsseelsorge, Gemeindeseelsorge, Psychiatrieseelsorge, Militärseelsorge, Onlineseelsorge für diese Arbeit analysiert. Knapp 120 islamische Seelsorgeangebote in Deutschland wurden untersucht, Experteninterviews mit sowohl Seelsorgern als auch mit Ausbildern von Seelsorgern wurden durchgeführt. Fragebögen, Auswertung von Curricula und anderen Dokumenten (über 1000 Dokumente) waren ebenfalls Bestandteil der Arbeit. Auch wurde ein Vergleich mit den Ländern Dänemark, England, Frankreich, Italien, Kanada, Niederlande, Österreich, Schweiz, Türkei und USA gemacht, um zu schauen, wie in diesen Ländern islamische Seelsorge angeboten und durchgeführt wird.

 

Als Fazit kann gesagt werden, dass die islamische Seelsorge in Deutschland dringend standardisiert, professionalisiert und institutionalisiert werden muss. Hierfür muss natürlich auch die finanzielle Frage geklärt werden, da bisher, bis auf eine Handvoll Personen, die Seelsorger ehrenamtlich tätig sind.

 

Gleichzeitig fällt auf, dass viele Projekte, die das Label “Islamische Seelsorge“ tragen, gar keine Einzelgespräche anbieten. Dies ist jedoch der Kern der Seelsorge und darf nicht vernachlässigt werden. Besonders im Bereich der Gefängnisseelsorge ist es auffällig, dass kaum Einzelgespräche mit Inhaftierten stattfinden. Daher ist eine Standardisierung, was Seelsorge ist und was nicht, gerade in der Entstehungsphase der islamischen Seelsorge so wichtig.

 

Da der Aufbau einer solchen institutionalisierten, professionalisierten und standardisierten Seelsorge gegenwärtig eine Mammutaufgabe für die islamische Community in Deutschland ist und alleine nicht bewältigt werden kann, ist es sinnvoll mit christlichen Einrichtungen, die seit Jahrzehnten Seelsorge anbieten und Know-How haben, und der Politik, wie z.B. auf der Bundesebene auf der Deutschen Islam Konferenz aber auch auf der Landesebene, zu kooperieren. In diesem Sinne scheint auch die Gründung eines Spitzenverbandes der muslimischen Wohlfahrtspflege, welches die Seelsorge koordinieren könnte, nicht ganz abwegig zu sein.

 

Dr. Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, Juli 2018

Huffington Post, 31.07.2018
https://www.huffingtonpost.de/entry/dieses-thema-bewegt-muslime-in-deutschland_de_5b4c9b07e4b02538dbcaf457

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(23.02.2018) Trumps Waffenwahn

Trumps Waffenwahn

 

Anstatt die Waffenlobby zu bekämpfen, kommt Donald Trump mit der nächsten Schnapsidee. Nach dem Amoklauf von Parkland schlägt er vor, Lehrer zu bewaffnet und bewaffnetes Sicherheitspersonal in Schulen zu beschäftigen. Das ist also die Antwort des US-Präsidenten Donald Trump auf die ständigen Amokläufe an US-Schulen, bei denen dutzende Schüler/innen und Lehrer/innen brutal ermordet wurden.

Nach Trump könnten bewaffnete Lehrer sich gegen amoklaufende, bewaffnete Schüler wehren. Nach dieser kranken Logik müssten man dann auch alle Schüler bewaffnen, denn es könnte ja sein, dass durch die Bewaffnung der Lehrer einer dieser Lehrer selbst Amok läuft. Wenn man aber alle Schüler bewaffnet müsste man auch die Eltern bewaffnet, wer ja sonst zu gefährlich mit bewaffneten Kindern. Natürlich müsste man dann auch alle Nachbarn, Einzelhändler, Postboten etc. bewaffneten. Das wäre die Konsequenz, wenn man diese Idee fortführt.

Im Türkischen gibt es ein Sprichwort: Ein Dummer schmeißt einen Stein in den Brunnen und 40 Kluge versuchen es, rauszuholen. Bei jedem Trump Tweet oder bei jeder seiner „Erklärungen“ denke ich an dieses Sprichwort. Trump hat eine kranke Idee und alle Welt diskutiert die Idee, während er selbst sich wahrscheinlich dumm und dämlich lacht.

 

 

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(14.07.2017) Halal-Ernährungsfragen der Muslime in der Diaspora. Kreuzkontamination und mit Alkohol benetzte Verpackungen

Halal-Ernährungsfragen der Muslime in der Diaspora

Kreuzkontamination und mit Alkohol benetzte Verpackungen

 

In Gesellschaften mit muslimischer Mehrheit gibt es theologische Fragen, die sich für Muslime gar nicht erst stellen. Wenn man z.B. in einem Land mit überwiegend Muslimen in einem Lokal fragt, ob das Fleisch halal geschächtet ist, wird man entweder verdutzt angeguckt oder beleidigt. Der Kellner erwidert dann, „Glaubst du, ich bin kein Muslim?“ Obwohl die Frage nach einer Halal-Schächtung auch in Ländern mit überwiegend Muslimen gerechtfertigt und legitim. Immer wieder gibt es in solchen Ländern Skandale, wie z.B. dass in bestimmten Fleischsorten, Fleisch von ganz anderen Tieren gefunden werden.

 

Für Muslime, die in Ländern mit überwiegend Nichtmuslimen leben, sind solche Fragestellungen schon im Alltag verankert. Da schaut man in die Zutatenliste und kontrolliert Gelatine oder Emulgatoren, Aromen oder Ethanol. Wie eben ein Vegetarier, Veganer, Allergiker oder auch Ex-Alkoholiker, der kein Tropfen Alkohol zu sich nehmen darf.

 

Bei all diesen Fragestellungen ergeben sich aber auch durch Unkenntnis Problematiken. Vor allem da, wo es in der vermeintlich islamischen Welt keine Antworten auf bestimmte Fragen gibt, weil sie eben, wie oben dargestellt, weder gesellschaftlich noch theologisch gestellt werden.

 

Solche Fragestellungen sind gegenwärtig die Themen Kreuzkontamination oder auch mit Alkohol benetzte Verpackungen.

 

Dabei sind das gar keine neuen Fragen. Die Frage der Kreuzkontamination ist uralt. Auch zu Zeiten vom Propheten Adam oder vom Propheten Muhammed konnte man sich die Frage stellen, was passiert, wenn sich Lebensmittel absolut unbewusst vermischen. Solch eine Situation gibt es ja nicht seit der modernen Technik, sondern eben seit es Menschen gibt. Wir finden aber in keiner einzigen Quelle eine solche Fragestellung. Obwohl die Gefährten des Propheten Muhammed ihn sehr viele Details befragt haben, gibt es dazu keine einzige Erzählung. Und auch der Prophet Muhammed hat – wie es ja theologisch völlig legitim ist – das geschächtete Fleisch der Ahl-u Kitap gegessen, obwohl man ja auch hier die Frage stellen könnte: „Oh Prophet, wir essen zwar das geschächtete Fleisch der Ahl-u Kitap, aber diese essen ja auch Sachen, die haram sind, kann es nicht sein, dass bei der Zubereitung diese vermischt werden?“ Eine solche Frage wäre absolut legitim. Sie gibt es aber nicht. Weil der Islam keine Religion der “Unmöglichkeiten“ oder gegen jede menschliche Natur ist. Der Islam beachtet die Lebensrealität und ist lebensförderlich und nicht lebensfeindlich

 

Auch spätere Gelehrte haben sich so eine Frage nie gestellt, weil es den Grundideen des Islams wiederspricht. Denn Kreuzkontaminationen passieren jeden Tag und überall. Ständig. Es ist völlig unmöglich diese zu vermeiden. Daher antworten die Hersteller von Produkten auch immer, dass sie es nie 100% ausschließen können. Wie denn auch. Es geht hier um Partikel, Substanzen, kleinste (mit dem Auge unmöglich ersichtlichen) Teile. Wir sprechen also bei Kreuzkontaminationen von wirklich absolut geringen (!!) Mengen, die vor allem nicht bewusst, sondern unbewusst (!!) in ein Produkt gelangen könnten (!!), weil Partikel davon auf dem Tisch (!!) sind.

 

Die Situation ist also uralt. Aber die Frage ist neu. Woran liegt das? Im Grunde ist dies ein Ergebnis von modernen Gesellschaften im soziologischen Sinne. Mit der Modernisierung und Industrialisierung hat sich der Islam von einer Lebensweise in eine mathematisch-durchdachte, Schablone-artige Weise umgewandelt. Eingebüßt hat dabei der Geist, die Spiritualität der Religion. Dies ist der Hauptfaktor auch für die Entstehung von politischen Verfärbungen des Islams.

 

Ein anderer Faktor sind leider die sozialen Netzwerke. Hier wird vieles unwissend verbreitet, ohne sich mit den Themen und vor allem Inhalten auseinanderzusetzen. Da werden dann z.B. in dieser Thematik uralte Schreiben kopiert, ohne sie inhaltlich verstanden zu haben und in die gesamte Welt verschickt und als “neu“ verkauft. Dies führt wiederum zu Verwirrung.

 

Gleichzeitig  haben sich, wie oben schon angedeutet, durch die Auswanderung von Muslimen in Ländern mit überwiegend Nichtmuslimen neue Fragestellungen ergeben. Neue Fragen wurden im Alltag wichtig. Fragen, die in der alten Heimat unbedeutend waren, wie die Frage nach dem Fleisch, dass Eingangs beschrieben wurden.

 

Neue Fragen des Alltags bedürfen neue Antworten. Die Frage nach Halal-Fleisch in der Dönerbude wird für einen Muslim erst dann bewusst, wenn er in der Diaspora lebt. Daher gibt es solche “Diaspora-Fragen“, also Fragen, die im “Ausland“ entstehen. Die meisten dieser Fragen sind sehr wichtig und richtig, manche aber total überflüssig.

 

Zu diesen überflüssigen Fragen gehört auch die Frage nach Verpackungen, die mit Alkohol benetzt sind. „Ist das Produkt in der Verpackung dann noch halal?“ wird dann gefragt… solange man die Verpackung nicht isst!

 

 

Cemil Şahinöz

 

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(14.07.2017) Wie religiös ist die Türkei?

Wie religiös ist die Türkei?

In den letzten Jahren haben in der Türkei sozialwissenschaftliche und religionssoziologische Studien, die empirisch arbeiten, zugenommen. Der gesellschaftliche Wandel in der Türkei hat auch Institutionen und Einrichtungen hervorgebracht, die diesen Wandel soziologisch untersuchen. Vor allem die Religiosität der Türken in der Türkei steht dabei im Fokus.

 

Hierzu gab es bereits 2014 eine breit angelegte Studie mit dem Titel “Religiöses Leben in der Türkei“. Diese Studie wurde von Diyanet (2014) – dem Präsidium für Religionsangelegenheiten in der Türkeiin Kooperation mit dem Statistischen Amt der Türkei durchgeführt. 21632 Personen in 81 Provinzen wurden damals befragt. Die Studie wurde aufgeteilt in sechs Bereiche: Religiöse Identität, Glaube, Gottesdienst, Religionswissen, Leben und Religion, Religiosität.

 

2017 gab es eine ähnliche Studie, die vom Forschungsinstitut MAK (2017) durchgeführt wurde. Auch hier wurde die Religiosität der Befragten abgefragt. Die Studie wurde in 30 Großstädten (Ağrı, Aksaray, Artvin, Bayburt, Bitlis, Bolu, Düzce, Elazığ, Giresun, Gümüşhane, Karaman, Karabük, Kars, Kastamonu, Kırıkkale, Kırklareli, Kütahya, Nevşehir, Osmaniye, Sinop, Bilecik, Yozgat und Uşak), 23 Provinzen und 154 Distrikten durchgeführt. 5400 Personen wurden Face-to-Face befragt. 53,5% der Befragten sind männlich, 46,5% weiblich.

 

An dieser Stelle sollen die Ergebnisse beider Studien (da, wo es geht) verglichen und ein kurzes Fazit gezogen werden. Der Fokus liegt dabei auf der aktuelleren Studie, welches mit der Studie von 2014 verglichen wird.

 

86% der Teilnehmer geben an, dass sie irgendeiner Religion angehören. 6% bezeichnen sich als Deisten. 4% sind Atheisten und weitere 4% Agnostiker. Zum Vergleich: In der Studie von 2014 gaben 99,2% der Teilnehmer an, dass sie Muslime sind und 98,7% hatten keinen Zweifel darüber, dass es einen Schöpfer gibt. 87,5% bezeichneten sich als religiös. 20,9% gaben an, dass es egal ist, was oder wie sie glauben, solange sie moralisch korrekt sind. Insgesamt ist dies ein deutlicher Rückgang. Zudem gaben 2014 die Befragten zur Frage nach ihrer islamischen Rechtsschule an, dass sie 77,5% hanafitisch, 11,1% schafiitisch, 1% caferitisch, 0,3% malikitisch und 0,1% hanbalitisch sind. 6,3% gaben an, dass sie keiner Rechtsschule angehören und 2,4% wussten ihre Zugehörigkeit nicht.

 

75% der Befragten geben an, dass sie an die Offenbarungen und Engel Gottes glauben, 15% glauben nicht daran und 10% wissen es nicht. In der Studie von 2014 sagten 96,5% aus, dass alles, was im Koran steht, richtig ist und für alle Zeiten seine Gültigkeit behält. 95,3% glaubten an die Existenz von Engeln, Dschinn und Teufel. Auch hier ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen.

 

Interessanter wird es, wenn man den Bezug zum Koran abfragt. Nur 25% sagen, dass sie den Koran zu Hause haben und lesen. 32% haben den Koran zwar zu Hause, lesen ihn aber nicht. 33% haben gar keinen Koran zu Hause und 10% haben gar keinen Bezug dazu. Dass bedeutet, nur 55% haben einen Koran zu Hause. Angesichts der Wahrnehmung der türkischen Gesellschaft scheint diese Zahl niedriger als erwartet zu sein. 32% können den Koran lesen, 54% nicht. 14% machen keine Angabe dazu. 25% besuchen einen Korankurs, 65% keinen. 10% geben keine Antwort dazu. 10% haben den Koran schon einmal auf Türkisch gelesen, 60% haben ihn nicht gelesen und 23% beantworten die Frage nicht. Bei der Studie 2014 sagten 41,9% aus, dass sie den Koran auf Arabisch lesen können.

 

Der Anteil der Befragten, die glauben, dass Gott einen Propheten schickte, beträgt 63%. 20% sagen, dass sie den Propheten Muhammed nicht in allen Lebenslagen zum Vorbild nehmen. 9% glauben an keine Prophetenschaft und 8% machen keine Aussage dazu. 2014 sagten noch 97,7%, dass sie an die Prophetenschaft Muhammeds glauben.

 

23% haben schon einmal die Biographie des Propheten Muhammed gelesen. 65% haben sie nicht gelesen. 12% machen keine Angaben dazu.

 

55% glauben an den Schicksalsbegriff. 15% gehen davon aus, dass alles determiniert ist. 10% sagen, dass der Mensch sein eigenes Schicksal macht, 10% glauben nicht ans Schicksal und 5% wissen es nicht. Auch hier der Vergleich: 98% bestätigten 2014, dass alles mit Gottes Willen geschieht.

 

73% glauben an ein Leben nach dem Tod. 10% glauben nicht, dass es ein jüngstes Gericht geben wird. 10% glauben an keine Auferstehung und 8% interessieren sich nicht dafür. 2014 sagten 96,2%, dass sie an ein Leben nach dem Tod glauben.

 

Auf die Frage, ob sie sterben wollen würden, wenn man ihnen das Paradies garantieren würde, sagen 15% „Ja“. 65% sagen „Nein“ und 20% können sich nicht entscheiden.

 

32% geben an, dass sie zum Freitagsgebet und an besonderen Nächten zur Moschee gehen. 30% gehen nie in eine Moschee. 12% nur an den Festtagsgebeten am Ramadanfest und Opferfest. 13% gehen regelmäßig in die Moschee. 13% geben keine Antwort dazu.

 

Die Grundsäule des Islams ist das 5-mal-tägliche Beten (salat). 22% sagen, dass sie 5-mal täglich beten. Exakt der gleiche Anteil von 22% ergibt sich bei den Personen, die nie beten. 26% beten ab und zu, 26% beten das Freitagsgebet und Festtagsgebete. 6% antworten nicht. 2014 gaben 42,5% an, dass sie 5-mal am Tag beten und 16,9% sagten, dass sie das rituelle Gebet nicht einhalten. 57,5% besuchten regelmäßig das Freitagsgebet. 74,4% fühlten sich unwohl, wenn sie keine Gottesdienste machen. 7,9% sagten, dass eins der wichtigsten Kriterien für Religiosität es ist, an wichtigen religiösen Tagen Gottesdienste abzuhalten

 

Der Anteil der Ausführenden erhöht sich bei den Fürbittgebeten (dua). 75% geben an, dass sie Fürbittgebete machen. 10% gelegentlich, 6% nie und 4% machen keine Aussage dazu. 2014 machten 92,5% Fürbittgebete, auch ohne einen speziellen Grund hierfür zu haben.

 

Auch beim Fasten ist ein hoher Anteil ersichtlich. 45% sagen, dass sie fasten. 25% fasten gelegentlich. 30% fasten nie und 10% verweigern die Antwort. 2014 gaben 83,5% an, dass sie fasten, wenn es ihre Gesundheit zulässt.

 

30% beziehen ihre Religionskenntnisse aus theologischen Büchern. Für 45% sind Internet und Fernsehen die Quelle ihrer Informationen. 20% fragen jemanden, dem sie zuschreiben, dass er es wissen müsste. 5% antworten nicht. 2014 sagten 47,4%, dass sie ihr religiöses Wissen größtenteils im Alter von 6 bis 10 Jahren angeeignet haben.

 

15% sehen sich zu einer islamischen Gruppierung zugehörig. 60% haben keinen Bezug. 25% machen keine Angaben dazu.

 

Auch zur Gülen Bewegung gibt es eine Frage. Es wird gefragt, ob die Bewegung dazu geführt hat, dass man skeptisch gegenüber religiösen Gruppierungen geworden ist. 35% bejahen diese Aussage. 50% sagen daher, dass der Staat solche Gruppierungen prüfen müsse. 12% sagen, dass sich für sie nichts verändert hat und 3% sind unentschlossen. 2014 sagten 50,5%, dass religiöse Gruppen wichtig sind.

 

51% der Befragten sagen, dass die Religion bei der Wahl des Ehepartners wichtig ist. Da der Anteil der Praktizierenden nicht so hoch ist, kann hier davon ausgegangen werden, dass Religion teilweise als Kultur aufgefasst wird, obwohl Kultur und Religion auch im Widerspruch zueinander stehen können. 24% sagen, dass Religion bei der Wahl des Ehepartners teilweise wichtig ist. Für 20% ist es nicht wichtig und 5% sind unentschlossen. 2014 sagten 92%, dass nach der standesamtlichen Trauung, auch die Trauung vor einem Imam stattfinden muss.

 

30% wünschen sich, dass ihre Ehepartner genauso religiös sind, wie sie selbst. 45% wünschen sich, dass der Ehepartner religiöser ist als man selbst und 15% weniger als man selbst. 10% ist der Anteil der Unentschlossenen.

 

Bei der Begrüßung sagen 41% „Assalamu Alaikum“, 24% sagen „Hallo-Guten Tag“, 30% sagen „Wie geht´s?“ und 5% geben keine Antwort dazu.

 

Interessant ist der Anteil der Personen, die sagen, dass der Politiker, den sie wählen, religiös sein sollte. Für 51% ist dies wichtig. Religion wird hier verknüpft mit Vertrauen und Ehrlichkeit, welches sie dann von den jeweiligen Politikern erwarten. 24% sagen, dass es teilweise wichtig ist. 20% sehen es nicht als wichtig an und 5% machen keine Aussage dazu.

 

54% bejahen die Frage, ob sie sich einen Khalifen wünschen. 40% sagen „Nein“. 6% machen keine Angaben dazu.

 

90% geben an, dass sie es bereuen, wenn sie sündigen. Dies scheint ein sehr hoher Wert zu sein. 2% bereuen es nicht und 8% geben gar keine Antwort dazu. 2014 waren 46% der Meinung, dass Gebotenes und Verbotenes im Kontext der Gegenwart noch einmal bedacht werden müsste.

 

65% machen die Ganzkörperwaschung, die in bestimmten Situationen eine theologische Notwendigkeit darstellt. 17% machen es ab und zu, 13% wissen nicht, was das ist und 5% haben keine Meinung dazu.

 

Aus der Studie von 2014 gab es noch weitere Ergebnisse, die hier aber nicht vergleichbar sind: 85% sagten, dass sie die Pilgerfahrt nach Mekka machen würden, wenn sie die Gelegenheit dazu finden. 72% der Teilnehmer machten jährlich ihre Zakat-Abgaben. 71,6% der Frauen bedeckten sich. 69,5% schlachteten ein Opfertier zum Opferfest, wenn sie dazu in der Lage sind. 61,5% gaben an, dass durch den Laizismus der Islam frei gelebt werden kann. 7,1% gaben an, dass es nicht gegen das (religiöse) Recht eines anderen verstößt, wenn man sich nicht an die Verkehrsregeln hält. 6,4% waren der Meinung, dass es keine Sünde ist, Alkohol in einer Menge zu trinken, welches nicht betrunken macht. 11,7% glaubten, dass unislamische Praktiken nötig sind, um sich vom Einfluss von bösen Blicken zu befreien.

 

Diyanet führte 2014 eine weitere Studie durch (vgl. Akgün, 2014). Diese kam zum Ergebnis, dass viele Praktiken (Aberglaube, Riten usw.) einen vorislamischen Hintergrund haben. 1380 unterschiedliche Praktiken konnten dazu festgestellt werden. Die meisten thematisierten die Familie. 335 Aberglauben und Riten in Bezug auf Familie konnten gefunden werden. Die Bereiche lassen sich insgesamt aufteilen in: 335 Familie, 319 Glück und Unglück, 272 Beerdigung, 78 Gesundheit, 73 Grabmal, 49 Frühlingsfest Hıdırellez, 39 Leben nimmt einen positiven Weg ein, 36 rituelles Gebet (salat), 31 Böser Blick, 26 Fürbittgebet (dua), 25 Opfer, 23 Pilgerfahrt, 17 Religiöse Tage, 12 Gäste, 12 Feiertage, 9 Zauber, Fluch, 9 Dschinn, Geister, 8 Aschura, 7 Gebotenes-Verbotenes, 6 Amulett, 2 Sonnen- und Mondfinsternis.

 

Fazit: Insgesamt ist ein deutlicher Rückgang, sowohl in Bezug auf die Glaubensinhalte als auch in der Orthopraxie ersichtlich. Dass heißt, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis (in der Umsetzung im Alltag) gibt es große Differenzen und einen großen Rückgang in der Religionsausübung.

 

Auch wenn die Diyanet-Studie viel repräsentativer ist als die MAK Studie, da sie umfangreicher und in der gesamten Türkei durchgeführt wurde, ist in der MAK Studie eine Tendenz ersichtlich. Die türkische Gesellschaft wird nicht unbedingt religiöser[1]. Studien zu anderen Themen belegen eine steigende Wirtschaftlichkeit, Verstädterung und Modernisierung der Türkei. Doch die Religiosität schwankt.

[1] Die Schwankung der Religiosität kann aber auch das Ergebnis unklarer Begrifflichkeiten sein oder nicht eindeutiger Fragetexte der Forschungen.

 

 

Literatur:

  • Akgün Z. (2014): Hurafeler inanç eksikliğinin göstergesi. In: Moral Dünyası, September 2014, S. 32-35
  • Diyanet (Hrsg.) (2014): Türkiye´de dini hayat araştırması. Ankara: Diyanet
  • MAK (Hrsg.) (2017): Türkiye´de toplumun dine ve dini degerlere bakisi. Ankara: MAK

 

Cemil Sahinöz, Islamische Zeitung, 14.07.2017

https://www.islamische-zeitung.de/wie-religioes-ist-die-tuerkei/

Huffington Post, 16.07.2017

http://www.huffingtonpost.de/cemil-sahinaz/wie-religioes-ist-die-tue_b_17473706.html

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(03.07.2017) Scharia vs. Grundgesetz? Ein Lebensweg und kein Grundgesetz

Scharia vs. Grundgesetz?

Ein Lebensweg und kein Grundgesetz

 

 

Diskussionen auf dem Bild-Niveau sprechen immer davon, dass für Muslime die Scharia über dem Grundgesetz steht. Die Muslime würden sich daher nicht an das Grundgesetz halten, sondern an die Scharia und an den Koran.

 

Was in Diskussionen auf diesem Niveau nicht behandelt, ja nicht einmal hinterfragt wird, sind Fragen, was überhaupt die Scharia ist, was es genau bedeutet, was es heißt, es mit dem Grundgesetz zu vergleichen.

 

Dabei ist die Scharia, nicht wie immer wieder angenommen, ein Regelwerk oder ein Grundgesetz, sondern es ist eine Lebensweise der Muslime. Wortwörtlich übersetzt heißt Scharia „der Weg zur Tränke“, sinngemäß heißt es „der gerade Weg“. Es ist also ein “Weg“, eine Lebensweise, eine Lebensphilosophie. Ein Weg, der zur Weisheit und Reife führen soll.

 

Ich habe nicht vor, eine Abhandlung über die Scharia zu schreiben. Aber zum Verständnis nur kurz: Die (Rechts)Quellen der Scharia sind der Koran (Offenbarung Gottes), die Sunna (Taten und Aussprüche des Propheten), Idschma (Konsens der islamischen Rechtgelehrten) und Qiyas (Analogieschluss). Die Scharia ist daher ein System, das aus diesen Quellen geschöpft wird.

 

An Hand dieser Quellen sehen wir aber, dass 99% der Scharia aus Moral, Ethik, Gottesdienst, Jenseits und Tugend besteht. Daher ist die Scharia keine bloße Rechtsordnung oder ein Gesetzbuch, sondern eine Lebensweise. So ist die Scharia auch nicht verschriftlicht oder kodifiziert. Wer nach einem “Sharia-Gesetzbuch“ sucht, sucht also vergebens.

 

Ohnehin war die Scharia oder der Koran noch nie in den muslimischen Gemeinschaften das Grundgesetz. Noch nie hat der Koran das Grundgesetz ersetzt. Jedes Land, in dem überwiegend Muslime lebten, hatte selbstverständlich ein Grundgesetz. So z.B. als der Prophet Muhammed in Medina “regierte“. Hier wurde nicht die Scharia als Gesetzbuch genommen, sondern eine Verfassung, die alle Religion und Kulturen mitberücksichtigte.

 

Naturgemäß ist es so, dass das Grundgesetz vom Koran inspiriert war. So wie auch gegenwärtig viele Grundgesetze in Europa und der Welt von der Bibel, oder das Grundgesetz in Israel von der Thora inspiriert sind. Grundlegende Werte, wie Demokratie, Meinungsfreiheit oder Menschenrechte sind aus den Offenbarungen inspiriert. So haben auch muslimische Gemeinschaften ihre Inspiration aus dem Koran geschöpft. Dabei waren die Grundsätze „Jeder ist frei in seiner eigenen Religion“ und „Jeder ist frei in der Religionsauslebung“ nicht nur bloße Theorien, sondern gelebte Praxis. Dies sehen wir auch beim Propheten Muhammed, der in Medina als Oberhaupt der Bevölkerung, die Christen und Juden ihre Religion ausüben lies. Die Rechte der Christen und Juden zur Religionsausübung waren in der o.g. Verfassung fest verankert.

 

Auch gab es in der Geschichte nie ein Land, eine Nation oder eine Gemeinschaft, dass sich “Islamisches Land“ oder ähnlich bezeichnete. Als der Prophet Muhammed nach Yathrib kam, wurde der Name in Medina umgeändert, was einfach nur “Stadt“ bedeutet. Auch das Osmanische Reich, welches 623 Jahre herrschte, nannte sich in all diesen Jahrhunderten nicht “Islamischer Staat“. Daher kann sich keine Gemeinde, Nation oder Land heute das Recht nehmen, sich so zu bezeichnen. Nicht Länder, sondern Personen sind muslimisch.

 

Daher sind Diskussionen, ob die Scharia mit dem Grundgesetz vereinbar ist, kompletter Unsinn und zeigen nur eine große Unkenntnis gegenüber dem Islam. Sie dienen häufig nur als Polemik und sollen eine gewisse Islamophobie verschleiern.

 

 

Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, Juli 2017
https://www.islamische-zeitung.de/ein-lebensweg-und-kein-grundgesetz/

cemil@misawa.de

https://www.facebook.com/CemilSa

 

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(04.05.2017) Christoph Kolumbus – Entdecker oder Völkermörder

Christoph Kolumbus – Entdecker oder Völkermörder

 

 

Entdecken bedeutet, dass man Etwas, was zwar existiert, aber unbekannt ist, findet. Laut dem Duden ist es das Finden von etwas Verborgenem. Etwas, was also unbekannt und verborgen ist.

 

Amerika war 1492, als Christoph Kolumbus sich verirrte (er wollte eigentlich nach Indien) und dort landete, selbstverständlich nichts Unbekanntes oder Verborgenes. Viele andere Völker hatten sich schon Jahrhunderte vorher dort niedergelegt und lebten dort weiterhin.

 

Als Kolumbus also in Amerika ankam, lebten schon die Indianer auf diesem Lande. Deren Vorfahren waren Jahrhunderte zuvor von Asien nach Amerika gereist. Auch viele isländische Gruppen waren vor Kolumbus in Amerika gelandet und hatten sich Städte aufgebaut.

 

Das Wort “Entdecken“ ist also nur aus Sicht Europas zu verstehen. Ansonsten hat Kolumbus nichts entdeckt, was nicht vorher schon bekannt war.

 

Fern von Entdeckungsdiskussion ist jedoch ein ganz anderes Problem zentral. Was machte der “Entdecker“ Kolumbus als er in Amerika landete?

 

Im Grunde begann ein flächendeckender Kolonialismus Amerikas. Die Indianer (Native Americans) wurden brutal verfolgt und massakriert. Völkermord ist wohl der Begriff, der das ganze am treffendsten beschreibt.

 

Nicht nur, dass die Indianer enteignet wurden, sondern man brachte auch Tausende Sklaven aus Afrika zum “neuentdeckten“ Land. Alkohol war dabei ein wichtiges Tauschmittel. Sowohl die einheimischen Indianer als auch die neukommenden Afrikaner wurden mit Alkohol betäubt. Noch heute ist der Alkoholkonsum, parallel mit erhöhten Depressionen, eins der größten Probleme der noch lebenden Indianer in Amerika.

 

Auch gegenwärtig befinden sich Indianer in Amerika in einem vergleichbar sehr schlechten Zustand. Rassismus und Chancenungleichheit ist für sie genauso verbreitet, wie für Afroamerikaner. Bis heute werden sie nicht als die eigentlichen einheimischen Amerikas behandelt und für den Völkermord nicht entschädigt.

 

Cemil Sahinöz

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(22.02.2017) Jesusvorstellung im Islam und die Trinitätslehre

religion-betrifft-uns-1-2017

Religion betrifft uns, Schulheft für den christlichen Religionsunterricht, 1/2017, S. 24

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(20.02.2017) Bilderverbot im Islam

Bilderverbot im Islam

 

Bilder sagen mehr als tausend Worte, heißt es bekanntermaßen. Bildern wird damit eine wesentliche Rolle in der Informationsübermittlung zugesprochen, unabhängig davon, ob sie eine positive oder negative oder richtige oder falsche Botschaft erzeugen. In sozialen Medien werden Beiträge ohne Bilder kaum angeklickt und Zeitschriften sind mit Bildern zugepflastert. Daher bietet sich an, dieses Phänomen im Zeitvergleich zu analysieren.

 

So wird auch in der islamischen Theologie auf Bilder eingegangen. An Hand einiger Aussprüche des Propheten Muhammed, lässt sich zeigen, dass gewisse Bilder nicht gern gesehen wurden. Vor allem waren es Bilder, die zum Anbeten oder übertriebener Verehrung führten. Skulpturen von Personen oder anderen lebendigen Wesen, die angebetet wurden, oder als Götter bezeichnet wurden, wurden schon in der Frühzeit des Islams theologisch angefochten. In diesem Rahmen waren auch Bilder oder skulpturenähnliche Gegenstände verboten, die die neuen Gläubigen zu ihrem alten Götzendienerglauben zurückführen konnten. Später, z.B. in der Medina-Zeit des Propheten ab 622 waren dann gewisse Sachen nicht mehr verboten, da der Glauben schon verfestigt war.

 

Ein Bilderverbot, das jedoch weiterhin gilt, ist das Abbilden von Gott oder seiner Propheten. Da wir nicht wissen, wie Gott oder seine Propheten aussehen, ist es auch nicht gestattet, diese zu malen oder zu zeichnen. Denn, wie oben schon angedeutet, haben Bilder einen großen Einfluss im Unterbewusstsein. Durch die Darstellung von Gott oder seinen Propheten auf irgendeine Art und Weise, verinnerlicht man sich diese Darstellung und geht davon aus, dass das Abgebildete auch tatsächlich so aussieht. So können aber auch im Kopf negative Assoziationen mit abgebildeten Einzelheiten, wie Hände, Füße, Haare, Gesicht entstehen, die dann auf den abgebildeten Gott oder Propheten unterbewusst übertragen werden. Ganz oberflächlich ausgedrückt, wenn jemand viele schlechte Erfahrungen mit Personen gemacht hat, die die gleichen langen, glatten, schwarzen Haare haben und sich dadurch auch Vorurteile über diesen Personentyp gebildet hat, wird im Unterbewusstsein psychisch negativ beeinflusst sein, wenn er das Bild eines Propheten mit den gleichen langen, glatten, schwarzen Haaren sieht. Dies sind psychologische Prozesse, die sich im Unterbewusstsein abspielen. Ein anderes Beispiel wäre die Darstellung von Jesus. Während wir im europäischen Raum einen weißfarbigen Jesus in Bildern sehen, ist Jesus in sehr vielen afrikanisch-christlichen Abbildungen ein schwarzfarbiger Jesus. Denn ein „Weißer“-Jesus ist in einigen Teilen Afrikas negativ konnotiert.

 

Um diesen negativen Beeinflussungen und eben der Tatsache, dass man in der Tat nicht weißt, wie Gott oder seine Propheten aussehen, verzichtet man im Islam auf ihre Darstellung.

 

Cemil Sahinöz

 

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(23.11.2016) Islamische Wohlfahrtspflege

Mein Artikel zum Thema „Islamische Wohlfahrtspflege“ im neuen Band von Ceylan und Kiefer

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(23.11.2016) Menschenzoos – Der tiefste Punkt der Menschheitsgeschichte

Menschenzoos – Der tiefste Punkt der Menschheitsgeschichte

 

Der Islam lehnt jede Art von Rassismus und Diskriminierung ab. Egal, aus welchen Gründen oder Motiven sie kommt.

In seiner Abschiedspredigt sagte der Prophet Muhammed: „Ein Araber ist nicht vorzüglicher als ein Nichtaraber, noch ein Nichtaraber vorzüglicher als ein Araber; ein Schwarzer ist nicht vorzüglicher als ein Weißer, noch ein Weißer vorzüglicher als ein Schwarzer, außer durch Frömmigkeit. Die Menschen stammen von Adam, und Adam ist aus Erde. Wahrlich, jedes Privileg, sei es auf Grund von Blut oder Besitz, ist unter diesen meinen Füßen ausgelöscht.“

Dabei rezitierte der Prophet den Koranvers: „O ihr Menschen, Wir haben euch von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Der Angesehenste von euch bei Gott, das ist der Gottesfürchtigste von euch“ (Der Koran: 49,13).

Dass heißt, es gibt Unterschiede zwischen den Menschen und den Völkern, nicht weil die einen höher als die anderen sind oder damit man sich leugnet und miteinander im Streit liegt, sondern damit man sich durch Neugier kennenlernt, die Anlässe des gesellschaftlichen Lebens kennenlernt und sich dabei gegenseitig unterstützt.

Kriege weltweit zeigen uns aber, dass auf Grund von Rassismus und Machtwahn die ganze Welt aufgeteilt wird wie in einem Zoo. Die einen Gruppen sollen hier leben, die anderen dort und sie sollen sich bloß nicht näherkommen. Man stelle sich vor, die einen Gruppen sind in diesem Käfig, die anderen in dem anderen. So könnte man einige Grenzziehungen verstehen, die es zwischen Ländern, ja sogar zwischen Städten gibt und gab.

Was sich unmenschlich, unvorstellbar, grausam und barbarisch anhört, hat jedoch tatsächlich stattgefunden. Und zwar im wahrsten Sinne des Worte: Menschenzoos, die „Völkerschau“ genannt wurden. (Anmerkung: Auch Tierzoos sind nicht im Sinne des Islams, da hier die Freiheit der Tiere geraubt wird und sie sinnentfremdet genutzt werden).

Von 1870 bis teilweise nach dem 2. Weltkrieg gab es in einigen Städten Menschenzoos. Menschen und Gruppen, die „anders“ aussahen, wurden in Ausstellungen wie „exotische“ Tiere präsentiert. Schaulustige Menschen bezahlten Ticketpreise und bestaunten ihre „Artgenossen“.

Auch wenn die Organisatoren mit den Menschen, die sie zur Schau stellten, Verträge, z.B. nach Dauer und Bezahlung der Schau, abschlossen, bleibt das ganze Schauspiel ein Tiefpunkt der Menschheitsgeschichte. Auch das beschönigende Wort „Völkerschau“ kann nicht verharmlosen oder verschleiern, dass es de facto nichts anderes als Menschenzoos waren.

Nach Aussehen, Hautfarbe, Haarfarbe, Geschlecht, Größe, mit oder ohne Behinderung wurden diese Menschen „ausgestellt“. Kinder und Erwachsene allen Alters und beiden Geschlechts wurden ausgestellt. Teilweise mit Hilfe von Tierfängern wurden immer mehr Menschen zur Ausstellung in die Zoos gebracht.

Wie in einem Zoo für Tiere war es verboten, die „Menschen zu füttern“, den auf Grund von unbekannten Nahrungsmitteln könne es zu Erkrankungen führen. Das war natürlich nicht im Sinne des Zoobesitzers. Nicht der Menschen willen, sondern damit „The Show must go on“.

Tod, Hochzeit oder Geburt waren große Highlights. Wohlgemerkt, dass diese nicht inszeniert waren, sondern absolute Realität. Die „Zuschauer“ schauten sich dann eine Trauerfeier, eine Beerdigung oder eine Geburt an. Dementsprechend mussten sie zahlen. (Erinnert an gegenwärtige, inszenierte „Reality“-Shows).

Die „Völkerschaus“ führten nicht, wie Befürworter immer wieder sagten, dazu, dass es zur Völkerverständigung kam, weil man dadurch eine fremde Kultur besser kennenlernte, sondern vielmehr dazu, dass Klischees und rassistische Vorurteile bekräftigt und koloniale Verhältnisse wiederbelebt wurden. Den letztendlich besuchte und beobachtete „der überlegene Zuschauer“ den anderen „zurückgebliebenen, erniedrigten Zoomenschen“. Das ist der Eindruck, der hinterher in den Köpfen blieb.

In Deutschland gab es ca. 300 außereuropäische Menschengruppen, die „ausgestellt“ wurden. In manchen Zoos gab es über 100 Menschen. Sowohl in Großstädten als auch in kleineren Städten gab es solche Zoos. Millionen Menschen besuchten die Ausstellungen. Zwischen 1870 und 1910 gab es über 50 Ausstellungen in Wien. Bei der Pariser Weltausstellung 1889 waren die Einweihung des Eifelturms und die Ausstellung „Negerdorf“ mit 400 Afrikanern Hauptattraktionen. Knapp 18 Millionen besuchten den „Dorf“.

1886 wurden auf der Schweizerischen Landesausstellung 230 Sudanesen präsentiert. 1897 gab es in Brüssel ein Dorf mit 267 Afrikanern, dass auf der Weltausstellung ausgestellt wurde. 1931 gab es auf dem Münchner Oktoberfest die Ausstellung „Kanaken der Südsee“. 1937 gab es ein „Eingeborenendorf“ im Düsseldorfer Zoo.

Völkerschau wurde zur Mode. In Tierzoos, im Zirkus auf Märkten oder verschiedenen Festen wurden Menschen und Gruppen „ausgestellt“.

Als 1940 in Deutschland ein „Auftrittsverbot“ für „Farbige“ verhängt wurde, gab es in Deutschland keine Menschenzoos mehr. In anderen Städten Europas wurden sie erst nach dem 2. Weltkrieg nach und nach geschlossen. In Belgien wurde der letzte Menschenzoo erst 1958 geschlossen. In Deutschland gab es auf dem Oktoberfest 1950 eine Apachen-Show und 1951 und 1959 eine Hawaii-Show.

Auf Grund des „großen Erfolgs“ in Europa wurden „Menschenzoos“ auch in den USA eröffnet.

Der bekannteste „Zoomensch“ ist Ota Benga. Ota Benga, was so viel bedeutet wie „Freund“, wurde zwischen 1881 und 1884 geboren. Er war Mitglied des Batwa-Volkes in Kongo und gehörte zum Stamm der Pygmäen. Die Stammesmitglieder der Pygmäen waren alle kleinwüchsig.

Ota Benga war verheiratet und hatte zwei Kinder. Eines Tages fand er seine gesamte Familie getötet im Haus. Sein Stamm war von Menschenjägern überfallen wollen. Die Force Publique Armee, eine offizielle Armee unter König Leopold II. von Belgien, hatte den gesamten Stamm ausgerottet. Frauen, Kinder, Männer, Senioren, alle wurden ermordet.

1904 kam der amerikanische Missionar Samuel Phillips Verner im Auftrage der Weltausstellung nach Afrika. Er kam mit einer Liste. Auf dieser Liste standen Rassen, Ethnien, Arten, Aussehen, die in der „Sammlung“ für den Menschenzoo noch fehlten. Er wollte diese Auffinden und im Zoo „ausstellen“. So fand Verner auch Ota Benga.

So wurde auch Ota Benga nicht getötet, sondern sofort „erbeutet“, weil er zur noch fehlenden Art im Zoo gehörte. Er hatte nicht einmal die Gelegenheit, seine Trauer über den Verlust der Familie und fast des gesamten Stammes auszuleben.

1904 wurde Ota Benga nach Amerika in den Zoo gebracht. Er wurde im Zoo auf die brutalste Art und Weise misshandelt. Auf Grund seiner scharfen und spitzen Zähne, die er in Kongo abgefeilt hatte, wurde er schnell zur „Hauptattraktion“.

Nach der Weltausstellung „durfte“ Ota Benga wieder nach Afrika zurück. Doch da seine gesamte Verwandtschaft ermordet wurde, entschied sich Benga wieder mit Verner in die USA zurückzukehren.

1906 brachte Verner Benga in den Menschenzoo in der Bronx, New York. Dort wurde er in einen Käfig mit einem Orang-Utan gesteckt. Es war ihm zwar am Anfang erlaubt, sich frei im Zoo zu bewegen, doch schon kurze Zeit später, verbrachte er seinen ganzen Tag im Käfig mit dem Affen. Am 08.09.1906 begann offiziell seine „Ausstellung“. Er wurde gezwungen mit dem Affen zu spielen und zu Lachen. Wenn er nicht lachte, wurde er gepeitscht. Um Ota Benga zu sehen zahlte man 25 Cent. Wenn man ihn lächelnd sehen wollte, dann kostete es 30 Cent. Daher sollte er ständig Lächeln.

Vor dem Käfig gab es auch „Infos“ zu Ota Benga: „Der afrikanische Pygmäe, Ota Benga. Alter 23 Jahre. Größe ca. 150 cm. Gewicht ca. 51 kg. Gebracht vom Fluss Kasai, Freistaat Kongo, Südliches Zentralafrika, von Dr. Samuel P. Verner. Ausstellung jeden Nachmittag im September.“

Bekannte Rassisten unterstützten die Ausstellung von Ota Benga und warben dafür. Doch die afroamerikanische baptistische Gemeinde machte Druck und protestierte dagegen. Die Ausstellung von Ota Benga wurde als rassistisch und unmenschlich deklariert.

Nach Druck von weiteren Kreisen durfte Ota Benga den Käfig verlassen. Er war jedoch weiterhin im Zoo. Als Attraktion sollte er im Zoo „herumlaufen“. Doch je mehr ihn die Besucher niedriger als Tiere behandelten, desto aggressiver wurde auch Ota Benga.

Gegen Ende September wurde Benga entlassen. Er kam in ein Waisenhaus. Danach schaffte er es sogar, eine Ausbildung in einer Tabakfirma zu beginnen. Hier wurde er von seinen Arbeitskollegen herabwürdigend „Bingo“ genannt. Benga erzählte seinen Kollegen seine Lebensgeschichte und erhielt hierfür Brot. Seine Ausbildung konnte er nie beenden.

Seine Schmerzen waren unheilbar. Seine Seele hatte sehr gelitten. Das Trauma war zu groß. Am 20.03.1916 begann Ota Benga in Lynchburg Selbstmord. Er machte einen kulturellen Tanz und schoss sich danach mit einer gestohlenen Pistole ins Herz. Sein Selbstmord ist auch der Selbstmord der damaligen Gesellschaft.

In seiner Todesurkunde wurde er mit dem Namen „Otto Bingo“ statt Ota Benga vermerkt. Ein Symbol für seine Kolonisierung, die seine Identität völlig ausbeutete, vom Menschen zum Tier, von Ota zu Otto, von Benga zu Bingo machte.

Nicht einmal ein richtiges Grab erhielt Ota Benga. Beerdigt wurde er in einem unmarkierten Grab.

Auch nach seinem Tode wird Benga weiterhin missbraucht. Im American Museum of Natural History in New York wird heute noch eine Maske des Gesichtes und ein Abdruck des Körpers von Ota Benga ausgestellt, jedoch nicht mit seinem Namen, sondern mit der Bezeichnung „Pygmäe“, als würde man eine „seltene Tierart“ ausstellen.

Cemil Sahinöz, Huffingtion Post, 23.11.2016

http://www.huffingtonpost.de/cemil-sahinaz/menschenzoos-geschichte_b_13144682.html

 

Islamische Zeitung, Dezember 2016

 

 

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(07.08.2016) Warum werden Jugendliche radikal?

Warum werden Jugendliche radikal?

 

Der Täter in München © Screenshot/Amateurvideo

Der Täter in München © Screenshot/Amateurvideo

Wenn die Welt eine menschliche Person wäre, dann bräuchte sie dringend eine Psychotherapie. Jeden Tag präsentieren uns die „Breaking News“ ein neues Attentat. Anschläge werden live übertragen. Wie in einem Kinosaal sitzt man vor dem Fernseher und spekuliert noch während der Tat – wer was wie dahinter steckt.

Nicht selten verfällt man dabei in Verallgemeinerungen. Immer sind es DIE X oder DIE Y, die schuld sind. Differenzierte Betrachtungen bekommen kaum noch Beachtung oder werden als Naivität oder Romantik abgestempelt. Popularisierte Aussagen dagegen, die genauso radikal sind wie die Taten und die Täter werden als Schablonenlösungen angeboten. Diese “Lösungen“ sind knapp, kurz und einfach. Die Schuldigen sind eine bestimmte Religion, eine bestimmte Ethnie oder eine bestimmte Nation. Je nach Tat ändert sich das.

So sind auch Flüchtlinge öfters im Visier der Polarisierer. Klar ist, dass durch die Flüchtlingsströme kein erhöhtes oder besonderes Terrorrisiko besteht. Flüchtling zu sein, ist kein Faktor, der zu einer erhöhten Radikalisierung führt. In keiner Studie wird ein erhöhtes Risiko nachgewiesen. Der Anteil der Radikalen unter den Flüchtlingen wird also nicht höher sein als der Anteil unter Nichtgeflüchteten.

Anstatt also Sündenböcke zu suchen, soll hier an dieser Stelle analysiert werden, welche Faktoren tatsächlich zur Radikalität und Extremismus führen.

Gleiche Muster, verschiedene Namen

Es gibt viele Faktoren, warum sich Menschen – vor allem Jugendliche – radikalisieren[1]. Egal ob rechter, linker oder religiöser Fanatismus, die Muster scheinen jedoch gleich zu sein. Die Forschungs- und Beratungsstelle Terrorismus / Extremismus (FTE) des Bundeskriminalamtes stellt fest, dass rechts-, links- und religiösextreme in ihrer Radikalisierung die gleichen Muster (z.B. kaputte und schwierige Familien, Trennungen, Todesfälle, Alkohol, Drogen, Gewalt, Belastungen in der Kindheit, Probleme in der Schule, keine abgeschlossene Ausbildung) aufzeigen und kommt daher zum Schluss: „In welchem Extremismus diese Personen […] landen, ist letztlich reiner Zufall. Überspitzt gesagt: Ein Islamist aus Dinslaken hätte in Sachsen genauso gut ein Rechtsradikaler oder in bestimmten Stadtteilen Berlins oder Hamburgs ein Linksradikaler werden können“[2]. Daher sind auch die Rattenfängermethoden dieser Gruppierungen identisch. Jugendliche werden mit offenen Armen empfangen. Die Muster sind gleich. Nur Namen, Begriffe und die Semantik ändern sich.

Suche nach Geborgenheit und Orientierung

Fast nie geht es um theologische Gründe. Laut einem Bericht kauften sich Radikale kurz vor ihrer Reise in den Krieg nach Syrien das Buch “Islam für Dummies“[3]. Das heißt, auch wenn es keine Konvertiten sind und vorher schon Muslime waren, sind es sozusagen “Neugeboren Muslime“, die ebenfalls “konvertieren“. Laut dem Verfassungsschutz gibt es in Deutschland 1100 gewaltbereite Personen aus dem religiösen Milieu. Zum Vergleich: Es gibt 7600 gewaltbereite Linksextreme und 10500 gewaltbereite Rechtsextreme.[4]

Stärker “anfällig“ für radikale Gruppen sind männliche Jugendliche zwischen 19 und 27 Jahren. Häufig sind es Jugendliche, die nach Orientierung und Sinn im Leben suchen, vorher geringe religiöse Bildung hatten und denen Perspektiven und Ziele fehlen. Auch Gefängnisinsassen sind stärker anfällig, da bei ihnen die gerade genannten Faktoren im hohen Maße zutreffen.

Diese Sinnsuche wird verknüpft mit der Sehnsucht nach Geborgenheit, Anerkennung, Vertrauen, Fürsorge und Liebe. Viele Jugendliche erhoffen sich durch den Anschluss an eine radikale Gruppe die viel ersehnte familiäre Wärme zu finden. Sie suchen in der Gruppe eine Geborgenheit. Diese waren ihnen in der eigenen Familie oder im Freundeskreis verwehrt. Sie erhalten plötzlich eine Wertschätzung und werden wichtig, alles was sie im “vorherigen Leben“ nicht bekamen. Daher fühlen sie sich wieder wertvoll und nützlich. Die Gruppe wird zu ihrer Ersatzfamilie.

Religion dient als Identitätsstifter

Auf Grund einer entfremdeten oder Konflikt-Biographie erhalten die Jugendlichen in der radikalen Gruppe eine selbststärkende Identität. Obwohl sie auch hier eine entfremdete Identität, ja fast eine Schizophrenie ausleben, vorspielen und inszenieren, wird dies durch die erfahrene Geborgenheit unterdrückt. Meist dient dann auch die Religion nur als Identitätsstifter. Das heißt, diese Personen handeln dann nicht aus tiefstem Inneren oder aus Überzeugung religiös, sondern, weil ihnen Religion eben diese Identität liefert. So bieten radikale Gruppen eine einfache und klare Antwort auf die Identitätssuche vieler Pubertierender an.

Dieser Identitätswandel erfolgt bei Jugendlichen sehr schnell. Der Jugendliche, der vorher sehr wenig Bezug zu seiner Religion hat, wird binnen weniger Wochen zu einem “Gelehrten“, bzw. er verhält sich so, als würden die übrigen Personen die Religion falsch ausleben und er und seine auserwählte Gruppe hätten die Religion richtig verstanden. Diese sehr schnelle Veränderung ist psychisch fatal für die Identität und zeugt auch eine Identitätssuche.

Auch bei einigen Konvertiten spielt die Identität eine Rolle. Sie suchen eine komplett neue Identität und wollen mit ihrem “früheren“ Leben nichts zu tun haben. Daher wollen sie eine Gesamtveränderung, auch äußerlich und namentlich (Selbst der Prophet Muhammed hat nur dann die Namen der Muslime ändern lassen, wenn sie eine negative Bedeutung hatten.) Diese komplett neue Identität erhalten sie in radikalen Gruppen. Hier werden sie nicht nur zu Muslimen, sondern ändern alles andere auch, wie z. B. Aussehen, Sprache, Kultur.

Die radikale Gruppe bietet zudem Sicherheit. Es gibt ein einfaches Weltbild, das aus Gut und Böse besteht. Alles scheint klar und ersichtlich zu sein. Die Regeln sind klar, die Wahrheiten einfach. Diese dichotome Weltsicht ist für viele Jugendliche ein wichtiger Anziehungspunkt, weil sie in der undurchsichtigen modernen Gesellschaft diese Gewissheit nicht haben. Daher bietet ihnen die Gruppe eine Komplexitätsreduzierung an.

Radikalisierung als Gegenreaktion

Bei Eintritt in diese Gruppen wird das Wir-Gefühl gestärkt. Hier finden die Jugendlichen gehör. Hier sind sie willkommen, werden nicht ausgestoßen. Sie gehören dazu. Sie sind wichtig, was noch einmal das Selbstwertgefühl steigert. Daher ist die Radikalisierung auch eine Gegenreaktion zur Ausgrenzung. Zudem ist der Mensch ein soziales Wesen, das sich in bestimmten Situationen einer Gruppe anpasst, auch wenn es den Werten der Gruppe nicht glaubt. Gruppenzwang, besonders bei Jugendlichen, spielt hier eine einflussreiche Größe. Hinzu kommen Jugendbedürfnisse, wie z. B. Protestbedürfnis, Abenteuerlust, Zugehörigkeit zu einer Clique. Radikale Gruppen stillen diese Bedürfnisse. Eigene Symbole wie Sprache, Musik oder Bekleidung machen die Gruppe zu etwas besonderem.

Das Gerechtigkeitsempfinden

Ein anderer Faktor, was bei Radikalen – egal ob Jugendlich oder nicht – eine immense Rolle spielt, ist das Gerechtigkeitsempfinden. Viele gehen davon aus – auch auf Grund der dichotomen Weltsicht – dass es nur Ungerechtigkeit in der Gesellschaft gibt. Sie wollen dann mit Hilfe ihrer Gruppe “die Welt retten“. Ihre Anschläge sollen die Gesellschaft “verbessern“. So fühlen sie sich wie “Helden“, ihr Selbstwertgefühl steigt. Das Paradoxe ist, dass sie die Gesellschaft durch ihre Anschläge zerstören. Dies wird dann damit legitimiert, dass einige geopfert werden müssen, damit es besser wird!

Viele Radikale geben an, dass sie sich vor ihrem Eintritt in die Gruppe ungerecht und diskriminierend behandelt fühlten. Negative Erlebnisse in Schule, Arbeit und Familie, Ausgrenzungserfahrungen, Diskriminierung verstärken dieses Gefühl. Wenn dieses Gefühl ein hohes Maß annimmt, verknüpft mit fehlender Geborgenheit, Sicherheit und Vertrauen, suchen sie nach alternativen Wegen, um diese zu erfüllen. Sie lehnen also die Ungerechtigkeit ab und suchen andere Gerechtigkeitsmodelle. Dies ist der größte Nährboden für Radikalisierungen jeglicher Art. Radikalisierung ist Verlockend für die, die sich sowieso ausgegrenzt fühlen. Eine Studie über den Radikalisierungsprozess bestätigt dies. Marc Sageman (Leaderless Jihad: Terror Networks in the Twenty-First Century. University of Pennsylvania Press: Philadelphia, 2008) interviewte 500 Gewalttäter aus Terrornetzwerken. Er kam zum Ergebnis, dass Faktoren wie Bildung oder theologisches Wissen keine Rolle spielen. Das einzige was zählt ist das Gerechtigkeitsbedürfnis.

Studie: „Radikale sind religiös ungebildet“

Das britische Inlandsgeheimdienst MI5 führte ebenfalls eine große Studie durch. Bestandteil der Fallstudie waren mehrere Hundert gewaltbereite Extremisten, die, von der Finanzierung bis zum Selbstmordattentat, an terroristischen Aktivitäten beteiligt waren. Das Ergebnis: Radikale sind weder psychisch verrückt noch wurden sie einer Gehirnwäsche unterzogen. Sie sind religiös eher ungebildet. MI5 schreibt, dass sie große Wissenslücken im Islam haben und daher eher religiöse Novizen sind. Wenn sie älter als 30 Jahre sind, sind sie verheiratet und haben Kinder. Sie sind weder arm und ungebildet noch gesellschaftlich privilegiert. Meistens sind es ehemalige oder aktive durchschnittliche Kriminelle. Drogendealer oder Diebe versuchen durch fanatischen “Glauben“ ihre Sünden wettzumachen. Vergewaltiger oder Schläger zieht die dem Terrorismus innewohnende Gewalt an. Laut der Studie verbreiten und verfestigen auch die Berichterstattungen einiger Massenmedien Vorurteile gegenüber Muslimen, welches dann wiederum zu Radikalisierungen führt. Aus der Studie geht ebenfalls hervor, dass das Internet ein wichtiges Hilfsmittel bei der Verbreitung der Ideologie ist, aber nicht die Hauptrolle bei der Radikalisierung spielt. Die Radikalisierung findet letztendlich statt, wenn man gleichgesinnte in der Umgebung hat. Es sind dann nicht die Imame oder der Moscheeverein, sondern bestimmte Rekrutierer, die letztendlich zur Radikalisierung führen. Gründe, die zur Radikalisierung führen, sind laut dieser Untersuchung gefühlte oder tatsächliche Ungerechtigkeiten, Diskriminierungserfahrungen und die Vorstellung, dass ein “Krieg gegen den Islam“ geführt wird. Allerdings werden solche Gründe meist im Nachhinein konstruiert, um das eigene Handeln zu rechtfertigen. Insgesamt wird die radikale Szene durch unterschiedliche Faktoren, wie z.B. Mitgliedschaft bei einer (selbsternannten) Elite, Kämpfer für eine (angeblich) gerechte Sache, Popstarstatus innerhalb der radikalisierten Gruppe, Heiratsvermittlung, klare Regeln und einfache Feindbilder und paradiesische Verlockungen schmackhaft gemacht[5].

Fazit: Die Faktoren zur Radikalisierung von Jugendlichen sind soziologischer und psychologischer Natur. Suche nach Sinn, Anerkennung, Geborgenheit, Vertrauen, Fürsorge, Sicherheit, Liebe, Wir-Gefühl, Klarheit, Einfachheit, Reduzierung der Komplexität, Gerechtigkeit und gefestigter Identität sind entscheidende Gründe, warum sich Jugendliche radikalisieren. Vor allem der Gerechtigkeitssinn und die Identitätssuche sind einflussreiche Faktoren.

[1] vgl. Şahinöz, Salafimus, Extremismus und Fanatismus verstehen und handeln, BOD Verlag, 2016

[2] Hart aber Fair: Terror im Namen Gottes – hat der Islam ein Gewaltproblem?, ARD, 11.04.2016

[3] Hasan M.: What the Jihadists Who Bought ‚Islam For Dummies‘ on Amazon Tell Us About Radicalisation. In: Huffington Post. 21.08.2014

[4] Tagesschau: Gewaltbereite Extremisten in Deutschland. 11.12.2015

[5] Die Welt: Warum ein Mensch zum Terroristen wird. 26.08.2008

 

 

 

Cemil Sahinöz, IslamIQ, 07.08.2016

Warum werden Jugendliche radikal?

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(21.07.2016) Putsch der Falschinformationen

Putsch der Falschinformationen

PUTSCH TUERKEI ERDOGAN DEMOKRATIE
An dieser Stelle würde ich wie öfters Malcolm X zitieren, lasse ich aber diesmal sein. An solchen Tagen wird mir immer deutlich, wie wahr seine Worte sind. Im Zeitalter der sozialen Medien wird es sogar noch deutlicher. Was ist passiert?

Es waren nicht einmal 48 Stunden nach dem missglückten Putschversuch in der Türkei vergangen, da hieß es in einigen sozialen Medien und Schlagzeilen „Was macht jetzt Erdogan? Wie wird er seine Macht ausnutzen? Alles eine Inszenierung Erdogans.“

Dabei hatte sich das türkische Volk erst einmal Solidarität und Verurteilung des Putsches erhofft. Denn in der Putschnacht gingen Millionen von Menschen in der Türkei auf die Straßen. Menschen aus allen Kulturen, Religionen, Ethnien und Anhänger aller Parteien waren auf den Straßen und verhinderten einen Putsch, der von einer Untergruppe innerhalb des Militärs (Mitglieder der Gülen Bewegung und Ultra-Kemalisten) ausging. Ich weiß nicht, ob es so etwas jemals in der Geschichte gegeben hat.

Viele können dies nicht nachvollziehen. Das türkische Volk hatte Jahrzehnte an den Folgen von Militärputschen gelitten. 27.05.1960, 12.03.1971, 12.09.1980 und zuletzt am 28.02.1997 wurde in der Türkei geputscht. Für viele kaum vorstellbar und bekannt. Am 27.04.2007 ging es ebenfalls in Richtung Putsch. Nun war aber Schluss. Niemand, aber auch wirklich niemand wollte einen Putsch. Bei dem Putsch 1980 wurden 650.000 Menschen verhaftet und Tausende hingerichtet. Das durfte nicht noch einmal geschehen. So gingen Millionen von Menschen auf die Straße und riskierten dabei ihr Leben und Leib für Demokratie und Freiheit. Einige starben dabei.

Leider wurde nicht ausführlich genug darüber berichtet, wie die Putschisten vorgingen. Nur um einiges zu nennen: Eins der Istanbuler Brücken sperrten die Putschisten und feuerten auf Zivilisten. Diese Zivilisten hatten keine Waffen, nichts womit sie sich schützen konnten. Sie gingen aber auf die Panzer los. Einige starben dabei. In Ankara gab es eine regelrechte Schlacht. Einige Kampfjets feuerten auf Zivilisten und schließlich auf das türkische Parlament. Unfassbare Bilder. Kaum auszuhalten. Dutzende Menschen starben. Der staatliche Fernsehsender TRT wurde Live gestürmt, die Moderatorin musste zitternd mit kreidebleichem Gesicht die Putschmeldung der Putschisten lesen. Die TV Sender Kanal D und CNN Türk wurden später ebenfalls von Soldaten mit Waffen gestürmt und es gab große Panik. Zivilisten stürmten die Gebäude der besagten drei TV-Sender und retteten die Geisel. Das Hotel, in dem sich der türkische Staatspräsident Erdogan befand, wurde bombardiert. All dies konnte man Live im Fernsehen beobachten. Es war kein Hollywood-Film. Verwandte und Freunde berichteten ebenfalls aus der Türkei. Man machte sich ernsthafte Sorgen. Die Türkei sollte wie in Ägypten geputscht werden oder wenigstens wie in Syrien im Chaos versinken.

Noch zur gleichen Zeit, nur wenige Stunden als der Putsch begann, berichtete eine hiesige Zeitung, Erdogan würde nach Deutschland fliehen und Asyl beantragen. Nein, das war keine Satire. Es war eine der seriösesten und bekanntesten Zeitungen. Obwohl kurz zuvor Erdogan Live im TV sagte, dass er sofort nach Istanbul fliegen und vor dem Volke treten wird, was er auch tat.

Dass Erdogan-Bashing hatte also sehr früh begonnen. Unverständlich. Man kann ja für oder gegen Erdogan sein, dass spielte für die Millionen Menschen in der Türkei aber keine Rolle. Es ging um eine terroristische Gruppe innerhalb des Militärs, die versuchte die Kontrolle des Landes zu übernehmen. Ja, diese Anschläge sind nichts anderes als terroristische Anschläge. So galten diese feigen und unmenschlichen Anschläge gegen die Freiheit und Demokratie des Volkes der Türkei. Das Volk, egal ob für oder gegen Erdogan, verteidigte sein Land und ja sie verteidigte damit auch den gewählten Staatspräsidenten Erdogan. Doch das spielte keine Rolle in diesem Moment, es ging um die Demokratie und Freiheit eines Landes. Sie verurteilten den Putsch.

Doch es ging plötzlich nicht mehr um den Putsch. Z.B. schrieb der Fox News Politikanalyst und ehemaliger Oberstleutnant Ralph Peters, dass der Putsch die einzige Chance war, den Islam (!) zu stoppen. Die Putschisten hätten in Wirklichkeit das Land retten wollen (!), kommentierte er den Putschversuch. Er erinnerte dabei auch an den Putsch von 1980. Zur Erinnerung, noch in der Nacht des Militärputsches von 1980 sagte der damalige US-Präsident Jimmy Carter: „Unsere Jungs haben es geschafft.“

Auch Tage später ging es mit Falschinformationen weiter. In den Sozialmedien tauchten Bilder von angeblich geköpften Soldaten auf. Dieser angeblich geköpfte gab später ein Interview im Fernsehen. Er lebte noch. Nichts war passiert. David Copperfield war hier nicht im Einsatz. Ein anderer, angeblich gelynchter Soldat sprach bei einer türkischen Presse davon, dass ein Bild von ihm von vor Jahren aus dem Internet gezogen und bearbeitet wurde. Er war an dem Tag nicht einmal unter den Putschisten, ja war nicht einmal ein Soldat, hatte seine Wehrdienstzeit schon längst beendet. Auf einem anderen Bild hieß es, eine Menschenmasse würde Soldaten foltern. Es stellte sich heraus, auch diese Soldaten wurden interviewt, dass die Menschenmasse die Soldaten in den Krankenwagen trug. Auch viele Bilder aus Syrien und Terroranschlägen auf türkische Soldaten in den Jahren 2006 und 2007 kursieren noch in den sozialen Netzwerken und werden als Türkei-Putsch-Bilder verkauft.

Die angeblichen enthüllenden WikiLeaks sind ebenfalls ein totaler Reinfall. Es sind fast ausschließlich Mails, die an die Info@ Adresse der AKP Adresse geschickt wurden. Dass heißt, es sind lauter Gruppenmails, Spam, Werbungen und Anfragen von Bürgern allerlei. U.a. ist z.B. auch eine Mailgruppe, die einen Aufsatz von mir an die Info-Adresse geschickt hat. Stellen Sie sich einmal vor, ihr Spamordner wird als „Enthüllung“ im Internet veröffentlicht? Was sagt das über Sie aus? Ja, nichts!

Die Verbreitung von Falschinformationen darf aber nicht verallgemeinernd auf bestimmte Presse zurückgeführt werden. Auch das ist fatal. Es sind z.B. nicht DIE deutschen Medien, DIE deutschen Journalisten, DIE amerikanischen Medien, DIE bestimmten türkischen Medien, DIE LÜGENPRESSE usw., die angeprangert werden können oder sollten. Es geht hierbei vielmehr um unseriöse und schlampige Arbeitsweise von bestimmten Personen – Journalisten sowie Nichtjournalisten, allen voran „Facebook“-Junkies. Meist sind es Personen, die sowieso einen Kampf der Kulturen herbei schwören, und bewusst Falschmeldungen produzieren und verbreiten. Diese vermeintlichen Islamexperten wurden in einer Nacht zu Türkeiexperten.

Auch auf Seiten der Putschgegner nehmen Falschinformationen in diesen Tagen wie ein Lauffeuer zu. Da werden z.B. in Deutschland Listen mit angeblichen Anhängern der Gülen Bewegung, denen vorgeworfen wird, den Putschversuch unternommen zu haben, versendet. Diese soll man vermeiden, ja sogar boykottieren und anzeigen. In vielen dieser Listen befinden sich Unternehmen, Einzelhändler, Menschen die im geringsten Nichts mit dieser Bewegung zu tun haben. Sie werden völlig zu Unrecht verurteilt und bloßgestellt.

Es kann nicht sein, dass aus Wut eine Legitimation für Bespitzelung, Gesinnungsschnüffelei oder sogar Gewalt entsteht. Wenn in einigen Moscheegemeinden steht „Hier dürfen Personen X nicht reinkommen“, dann ist diese Gemeinde alles andere als eine Moschee. Kollektive Stigmatisierungen sind ein Gift für das gesellschaftliche Zusammenleben.

Auf genau die gleiche Art und Weise werden im Moment Tausende von Menschen aus den verschiedensten Ministerien der Türkei entlassen, weil ihnen vorgeworfen wird, Gülen Anhänger zu sein. Es gibt jedoch hierzu keine Transparenz, keine bekannten Kriterien. Wer sagt, dass diese Menschen, der Gülen Bewegung angehören und/oder den Putsch mit verursacht haben? Hier bewegt man sich auf einem sehr dünnen Eis. Die Verurteilung von Putschisten muss auf dem Grundgesetz des Rechtsstaates erfolgen und nicht auf der Grundlage von Bespitzelung. Ja, Putschisten müssen verurteilt werden – auf die härteste Art und Weise, aber nein, Menschen können nicht nur auf Grund von Verdacht vom Dienst genommen oder verurteilt werden. Dies kann zu fatalen Folgen führen, wenn z.B. jeder jeden bespitzelt. Bei den oben genannten Listen ist das schon der Fall.

Auch die Forderung nach der Todesstrafe ist nicht realitätsbezogen. In der Türkei wurde diese 2001 abgeschafft und ist zu dem rückwirkend gar nicht möglich. Selbstverständlich sind die Menschen emotional geladen, wenn Teile des eigenen Militärs auf die Bevölkerung schießen, das heißt aber auch in diesem Fall nicht, dass man den Boden des Rechtsstaates verlassen darf.

Noch einige abschließende, kurze Worte zur Gülen Bewegung. Ausführliches hierzu findet sich in meinem Buch „Die Nurculuk Bewegung.“ Fethullah Gülen war in den 70´ern Teil der Nurculuk Bewegung. Trennte sich aber schnell von ihr und gründete seine eigene Bewegung, genannt die Gülen Bewegung. Weder Fethullah Gülen noch die Gülen Bewegung haben keinen Bezug zur Nurculuk Bewegung und sind auch kein Teil der Nurculuk Bewegung. Fethullah Gülen hatte von Anfang an das Ziel, den Staat zu unterwandern um ihn besser kontrollieren zu können. Dies führte dazu, dass in der Türkei ein Staat im Staat aufgebaut wurde, was konsequenterweise zu einem großen Konflikt führte. Daher ist die Gülen Bewegung nicht zu verharmlosen. Seine Anhänger gehen davon aus, dass Gülen der erwartete Mahdi ist und zeigen ihm daher kritiklos gehorsam. Sie sind bereit, alles für ihn zu tun. Die Aussagen der Putschisten belegen, dass es legitim ist, diese Bewegung zu verbieten. Auch in Deutschland stand die Gülen Bewegung vor einigen Jahren vor großer Kritik. Die Kritik ist jedoch vorerst auf Eis gelegt und wird mit Sicherheit in einigen Jahren wieder aufleben.

Angesichts dieser vielen Falschinformationen ist es umso wichtiger, dass für Einigkeit und Besonnenheit aufgerufen wird. Menschen mit Gewissen müssen dazu führen, dass in der Türkei nun die Menschen zusammenhalten und das Land auf Einigkeit aufgebaut wird. Das Volk, das einen Putsch verhindert hat, darf sich nun nicht gegenseitig bekämpfen.

In Deutschland müssen Brücken zwischen den Menschen wieder aufgebaut werden. Die sowieso politisch angespannten türkisch-deutschen Beziehungen dürfen sich nicht auf den Alltag der hierlebenden Menschen übertragen. Türken und Deutsche verbindet eine lange Tradition und Geschichte. Man kann immer verschiedener Meinungen sein, doch gegenseitige Beschuldigungen und Generalisierungen sind das letzte, was unsere Gesellschaft gebraucht.

Kriege und Gewalt in vielen Ländern der Welt machen mehr als deutlich, dass nur eine Politik der Herzen und der Liebe erfolgreich sein kann. Je mehr sich bestimmte Volksgruppen denunzieren, desto mehr vertieft man sich im Schlamm. Polarisierungen spalten. Rassismus und Hetze führt zu Elend. Gegenseitiges Verstehen und emotionales Verständnis sind wichtiger als je zuvor. Kein Kampf der Kulturen, sondern ein Freundschaft der Kulturen muss wieder verstärkt ins Blickfeld rücken.

Cemil Sahinöz, Huffington Post, 21.07.2016

http://www.huffingtonpost.de/cemil-sahinaz/putsch-der-falschinformat_b_11099094.html

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