Archiv der Kategorie: Deutsche Kolumne

(03.04.2021) Goethe und der Koran

Goethe und der Koran

In Bezug auf den Islam, kennt man von Goethe Zitate, wie z.B.:

„Jesus fühlte rein und dachte
Nur den Einen Gott im Stillen;
Wer ihn selbst zum Gotte machte
Kränkte seinen heil’gen Willen.
Und so muß das Rechte scheinen
Was auch Mahomet gelungen;
Nur durch den Begriff des Einen
Hat er alle Welt bezwungen.“
(West-östlicher Divan, WA I, 6, 288 ff)

„Oberhaupt der Geschöpfe – Muhammed.“
(West-östlicher Divan, WA I, 6, 482)

„Wenn Islam »Gott ergeben« heißt, In Islam leben und sterben wir alle.“
(West-östlicher Divan)

„Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Darnach frag‘ ich nicht!
Daß er das Buch der Bücher sei
Glaub ich aus Mosleminen-Pflicht.“

Diese und andere Zitate und Begebenheiten führten in der Vergangenheit dazu, dass das Verhältnis von Goethe zum Islam immer wieder thematisiert wurde. Die Spannbreite der Diskussionen fängt bei „Goethe bewunderte den Islam“ an und hört bei „Goethe konvertierte zum Muslim“ auf.

Diesen Diskussionen leisten Karl-Josef Kuschel und Shahid Alam mit ihrem Werk “Goethe und der Koran“ (erschienen im Patmos Verlag) einen großen Beitrag. In ihrem fast 450 seitigen Werk dokumentieren sie vollständig alle Texte Goethes zum Islam und geben damit einen umfassenden Überblick über die Gedanken des Dichters zur islamischen Religion.

Auch einige Schreibübungen der arabischen Schrift von Goethe sind Bestandteil des Werkes. So schrieb Goethe u.a. die 114. Sure des Korans in Arabisch ab. Eine Zeittafel am Ende des Buches zeigt die wichtigsten Daten zu Goethe und Islam.

Die Textstellen Goethes werden auf dem gegenwärtigen Stand der Goethe-Forschung von Kuschel ausführlich kommentiert. Die Kalligrafien des Buches stammen vom renommierten Kalligrafen Shahid Alam.

Besonders bedeutend wird im Buch Goethes Westöstlicher Divan. Dieser ist wie ein Dialog zwischen Goethe und dem muslimischen Dichter Hafiz, den Goethe als sein “Zwillingsbruder“ bezeichnete. Im Westöstlichen Divan kommen daher viele Gedanken und Sichtweisen Goethes zum Islam hervor. So schreibt er in einer Notiz, laut dem ein Gerücht besagen würde, dass er selbst ein Muslim sei, dass er nicht geneigt sei, dieses Gerücht abzulehnen.

Insgesamt ist das Werk von Kuschel und Alam ein umfassendes Werk zum Thema “Goethe und Islam“, dass nicht nur alle Textstellen Goethes zum Islam herausarbeitet, sondern diese auch in einen historischen Kontext bringt.

Nicht zuletzt ist das Buch auch ein Dialogbuch, dass den Leser einlädt, in einen aufrichtigen Dialog der Kulturen und Religionen zu treten.

Cemil Sahinöz, Islamische Zeitung, 03.04.2021
https://islamische-zeitung.de/buchvorstellung-goethe-und-der-koran-dokumentiert-schriften-des-dichters/

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(10.03.2021) Die Miradsch-Nacht aus Sicht des Islamgelehrten Said Nursi

Die Miradsch-Nacht aus Sicht des Islamgelehrten Said Nursi

Die Miradsch-Nacht ist eine besondere Nacht für die Muslime. Laut den islamischen Quellen wurde der Prophet Muhammed in dieser Nacht nach Jerusalem gebracht. Von dort aus stieg er in den Himmel. Hier begegnete er vielen Propheten, sah das Paradies und kommunizierte mit dem Schöpfer.

Diese Kommunikation ist in dem At-Tahiyyât-Gebet niedergeschrieben. Der Prophet sagte zum Schöpfer: „Ehre sei Allah und Anbetung und Heiligkeit.“ Der Schöpfer entgegnete ihm: „Friede sei mit Dir, o Prophet, und die Barmherzigkeit Allahs und Seine Segnungen.“ Daraufhin sagte der Prophet: „Friede sei mit uns und den frommen Dienern Allahs.“ Die Engel sagten dann voller Erstaunen über diese Kommunikation: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah, und ich bezeuge, dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist.“

Von der Himmelfahrt kam der Prophet mit drei Geschenken zurück: 1. Das 5-mal tägliche Gebet. 2. Die zwei letzten Verse der Sure Al-Baqara. 3. Der Eintritt ins Paradies für die Gläubigen.

Im Koran wird an verschiedenen Stellen von dieser Nacht berichtet:
„Gepriesen sei Der, Der seinen Diener des Nachts von der unverletzlichen Moschee zur fernsten Moschee führte, deren Umgebung Wir gesegnet haben, um ihm einige von Unseren Zeichen zu zeigen. Wahrlich, Er ist der Hörende, der Schauende.“ (Koran: 17,1)
„Wollt ihr ihm denn bestreiten, was er sah? Und wahrlich, er sah ihn noch ein zweites Mal. Bei dem Lotosbaum am äußersten Ende. Neben dem Garten der Geborgenheit, Als den Lotosbaum verhüllte, was ihn verhüllte. Da wich der Blick nicht aus, noch schweifte er ab. Wahrlich, er sah einige der größten Wunder seines Herrn!“ (Koran, 53:12-18)

In der islamischen Literatur gibt es zahlreiche Auslegungen dieser Nacht. Der islamische Gelehrte Said Nursi (1877-1960) ist einer der zeitgenössischen Gelehrten, die sich mit der Himmelfahrt in der Miradsch-Nacht beschäftigen.

Nursi behandelt das Thema im 31. Wort seines Werkes “Die Worte“ (S. 1007-1056). In der Einführung zum Thema schreibt Nursi, dass die Adressaten seines Textes Muslime sind. Dies ist insofern wichtig, da Nursi in seinem Text nicht auf “Beweise“ oder “Möglichkeiten“ der Himmelfahrt eingeht. Daher beschäftigt er sich mit vier Fragestellungen, die tatsächlich Muslime im Kontext der Himmelfahrt besprechen. Zunächst fragt er nach dem Sinn der Himmelfahrt. Im zweiten Abschnitt geht es um die Wahrheit hinter der Himmelfahrt. In der dritten Fragestellung beschäftigt er sich mit der Weisheit der Himmelfahrt. In der letzten Fragestellung geht es um die Früchte und Ergebnisse, welche die Himmelfahrt mit sich bringt.

Bei der Frage nach dem Sinn der Himmelfahrt, erläutert Nursi, dass sie eine Ausdrucksweise der Gottesfreundschaft des Propheten Muhammeds ist. Er bezeichnet dabei die Gottesfreundschaft als Weg über die Stufen der Annäherung zu Gott. Da der Prophet Muhammed „das geistige Bild der Schöpfung umwandelte und sie mit Licht erfüllte“ (S. 1015), sei er es auch, dem die Himmelfahrt, welches die höchste Stufe der Gottesfreundschaft darstellt, am meisten gebührt.

Über die Wahrheit hinter der Himmelfahrt schreibt Nursi, dass sie aus der Fahrt und der Reise des Propheten Muhammeds besteht. Der Schöpfer, der der Herrscher der Erde und der Himmel ist, und Macht über sie hat, ist in der Lage, seinem Geschöpf diese Reise in nur einem Augenblick zu ermöglichen. Der Prophet Muhammed reiste durch alle Ebenen und Bereiche der Schöpfung und sah dadurch die Herrschaft, Souveränität und den Willen Gottes. Ihm wurde die Ehre teil, direkt mit dem Schöpfer zu kommunizieren. Er machte diese Reise und sprach mit dem Schöpfer als Stellvertreter für alle Geschöpfe.

In der dritten Fragestellung geht es um die Weisheit, die hinter der Himmelfahrt steckt. Hier schreibt Nursi, dass der Schöpfer, diese Welt so erschaffen hat, „dass alles, was da ist, mit zahllosen Zungen Seine Vollkommenheit rezitiert und anhand so vieler Zeichen Seine Schönheit zeigt. Dieses Universum zeigt mit allem, was in ihm ist, wie viele verborgene geistige Schätze sich in jedem Seiner Schönen Namen finden und wie Subtiles in jeder Beziehung Seiner Heiligkeit verborgen ist“ (S. 1037). Alles Erschaffene im Universim gibt Gottes unendliche Vollkommenheit, Seine Namen und Seine Eigenschaften bekannt und bringt Seine Vollkommenheit, Seine Schönheit und die Wahrheit Seiner Namen zum Ausdruck. Um das gesamte Kompendium Seiner umfangreichen Schönheit und Vollkommenheit zu zeigen, erfordert es einen außerordentlichen Akt, wie z.B. die Himmelfahrt.

Im letzten Abschnitt geht Said Nursi der Frage nach, welche Früchte und Wohltaten die Himmelfahrt mit sich bringt. Vor allem, was es für die übrigen Gläubigen bedeutet. Der Prophet Muhammed konnte mit eigenem Auge die Gaben Gottes, die Engel, das Paradies, das Jenseits betrachten und die Schönheit der Schöpfung wahrnehmen. Er sah die Schatzkammern Gottes und brachte deren Schlüssel der Menschheit. Dies bezeichnet Nursi als eine wichtige Frucht der Himmelfahrt. Desweiteren bezeichnet er das rituelle Gebet (salat), welches an diesem Tag 5-mal täglich auferlegt wurde, als großes Geschenk der Himmelfahrt. Denn dieses rituelle Gebet gibt dem Gläubigen (dem Liebendem) die Möglichkeit, zu wissen, womit der Schöpfer (sein Angebeteter) zufrieden gestellt werden kann. Jedes rituelle Gebet wird dadurch, laut einem Hadith, zur Himmelfahrt eines jeden Betenden. Zudem wurde durch die Himmelfahrt deutlich, dass der Mensch die kostbarste Frucht des Universums ist. Seine Berufung als Khalif wurde hierdurch noch einmal bestätigt.

Auch der Frage, ob die Himmelfahrt körperlich oder nur seelisch stattfand, geht Nursi kurz nach. Hier beschreibt er, dass der Prophet Muhammed sowohl körperlich als auch seelisch die Himmelfahrt absolvierte und dass dies für den Schöpfer keine Schwierigkeit bedeutet.

Insgesamt gesehen ist Nursis Annäherung an das Thema ganz anders als die bekannten Kommentare, in denen es vor allem um das Narrativ geht. Nursi versucht hier, den Sinn und die Weisheit der Himmelfahrt zu verstehen und die Bedeutung für die Muslime herauszuarbeiten.

Dr. Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, 10.03.2021

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(29.11.2020) Spiritueller Impfstoff gegen das Corona-Virus

Spiritueller Impfstoff gegen das Corona-Virus

In der Menschheitsgeschichte gab es immer wieder Epidemien und Pandemien, bei denen Millionen Menschen starben.

Die bekannteste älteste Epidemie ist die Pest gewesen, die 3500 v. Chr. in ganz Europa herrschte. Wie viele Tote es damals gab, kann nicht bestimmt werden. Als die Pest 1346 bis 1353 noch einmal durch Europa, Asien und Afrika zog, starben 100-125 Millionen Menschen. Ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung verstarb damals an der Pest, daher wird sie auch als der Schwarze Tod bezeichnet. Bis zu Beginn des 19. Jhr. brach die Pest noch ca. 30mal in verschiedenen Regionen aus, z.B. 1708-1714 in Nord- und Osteuropa mit einer Million Toten, 1894-1912 in China und der Karibik mit 12 Millionen Toten.

Nicht nur die Pest, sondern auch andere Epidemien, wie z.B. die 1918-1920 die Spanische Grippe mit 27-50 Millionen Toten, 1961-1990 Cholera mit mehreren Millionen Toten, führten zu menschlichen Katastrophen.


Einige der Krankheiten konnten besiegt werden, einige gibt es weiterhin, jedoch nicht mehr in so großem Ausmaß oder in anderen Formen. Die aktuelle Corona-Pandemie (COVID-19, SARS-CoV-2) zählt seit November 2019 1,3 Millionen Tote.

Mehrere Unternehmen arbeiten derzeit an einem Impfstoff gegen das Corona-Virus. Einige Impfstoffe sind schon auf dem Markt und/oder werden bald eingeführt.

Impfstoffe führen allgemein dazu, dass das Immunsystem des Menschen gegen bestimmte Stoffe aktiviert wird. Daher gelten sie als vorbeugende Maßnahmen gegen verschiedene Krankheiten.

Der Mensch besteht jedoch nicht nur aus Körper und Leib. Nicht nur sein körperliches Empfinden, sondern auch sein seelisches Empfinden führen zu einer Krankheit oder Gesundheit. Oft beeinflusst die Psyche des Individuums seinen Körper, so dass z.B. Stress oder seelische Belastungen zu körperlichen Krankheiten führen.


Auch in Zeiten von Epidemien und Pandemien spürt der Mensch seelische Belastungen. Seine Psyche wird negativ beeinflusst. Auch wenn eine Pandemie vorüber sein sollte, können dann psychische Erkrankungen fortbestehen.


Daher ist es wichtig, nicht nur ein Impfstoff für den Körper, sondern auch für Geist und Seele einzunehmen, einen sogenannten spirituellen Impfstoff.


Diesen bietet der Islam auf verschiedene Art und Weisen an. Vor allem ist es aber die menschengerechte und seiner naturentsprechende Lebensweise, die zu einem Einklang zwischen Körper und Seele führt. Im Leben des Propheten Muhammed gibt es hierzu zahlreiche praktische Beispiele.


Als theologisches Gerüst findet man hierbei vor allem zwei Aspekte: Geduld (Sabr) und Gottvertrauen (Tawakkul).

Der Begriff der Geduld spielt in der islamischen Theologie und im islamischen Alltag eine wichtige Schlüsselrolle für die Bewältigung von Krisensituationen. Da damit das Vertrauen auf Gott symbolisiert wird, gilt sie als eine hohe Tugend und es gibt eine ausgiebige Literatur hierzu.

Als Beispiel für Geduld wird in der islamischen Literatur oft der Prophet Hiob, der auch „Held der Geduld“ genannt wird und der für seine Geduld gelobt wird (Koran, 38:44), herangezogen. Laut der Erzählung befand sich der Prophet Hiob in einem schwer erkrankten Zustand. Er zeigte solange Geduld, bis die Krankheit sein Herz und seine Zunge erreichten. Erst dann sprach er ein Gebet, nicht um seiner eigenen Gesundheit willen, sondern um weiterhin Gott anbeten zu können, da er befürchtete dies nicht mehr bewerkstelligen zu können, wenn sein Herz und seine Zunge von der Krankheit befallen werden würden. Daraufhin gewährte ihm Gott Gesundheit und lies ihm dadurch seine Barmherzigkeit spüren. Diese Geschichte Hiobs ist ein klassisches Narrativ und wird in Not- und Krisensituationen oft als Handlungsempfehlung wiedergegeben.

Hintergrund dieser Empfehlung ist, dass theologisch davon ausgegangen wird, dass sich alles mit göttlicher Gewalt und göttlichem Wissen vollzieht. Daher wird vor allem in Krisensituationen Gottvertrauen vorausgesetzt (Koran, 2:153, 21:83, 3:159, 40:44; 5:23, 33:3, 26:217-220; 25:58; 67:29; 4:81; 11:87-88; 10:71; 14:11-12, 8:2-4; Tirmidhi). Damit soll signalisiert werden, dass man sich dem göttlichen Willen unterordnet und Gott vertraut. Dabei soll man mit der „Verteilung“ Gottes, also mit dem, was einem Menschen im Leben trifft, zufrieden sein. Gott soll dem Gläubigen dabei Genügen (Koran, 65:3, 39:36).

Gottvertrauen erfordert in diesem Kontext auch zu erkennen, dass etwas, was der Mensch als gut betrachtet, in Wirklichkeit schlecht für ihn sein kann und umgekehrt (Koran, 2:216). Hinter Leid steckt demnach eine göttliche Weisheit (Malik, Bukhari; Tirmidhi, 2396). Glaube und Vertrauen sollen hierdurch geprüft werden. Wer geduldig ist, soll Erbarmen erlangen. Hingegen wird der Verlust der Kontrolle in Notsituationen (Bukhari, 1294) oder das Fixieren auf die Fehler der Vergangenheit (Muslim; Nawawi, 100) als Fehlverhalten betrachtet.

Gleichzeitig wird es als Gottesdienst angesehen, wenn man gegen Leid und Schmerzen Gottvertrauen und Geduld zeigt und hierfür Gott nicht anklagt. In Notsituationen auf die Hilfe Gottes zu warten wird ebenfalls als ein Gottesdienst bewertet (Şeybani, Dschamiu´s Sagir, 3; Nawawi, 2033). Wer in solchen Situationen Geduld zeige, dem sollen die Sünden getilgt werden (Şeybani, Dschamiu´s Sagir, 3, 1274) und er wird gelobt (Koran, 42:43). In der islamischen Literatur wird hierbei betont, dass der Geduldige mit Gott zusammen ist (Koran, 8:46, 2:153) und er für seine Geduld belohnt wird (Koran, 39:10; Bukhari, Merda, 7; Abu Ya’la; Tabarani). Das Endresultat von Geduld sei dann Erfolg (Koran, 3:200), denn mit Geduld in Notsituationen könne der Mensch sowohl seine weltlichen als auch jenseitigen Wünsche erlangen. Aus dieser Argumentation heraus, werden Geduld und Gottvertrauen zu Gottesdiensten.

Es wird also davon ausgegangen, dass Gott niemanden mit einer Not,
einer Last, einem Problem oder einer Krise belastet, die er nicht tragen kann (Koran, 65:7, 23:62, 7:42, 2:286) und daher die Belastungen bewältbar sind (Koran, 90:4). Angst, Hunger, Minderung an Besitz, Menschenleben oder Gaben werden direkt als Prüfungen Gottes erachtet (Koran, 2:155). Prüfungen sind durch Gottes Hilfe bewältbar (Koran, 2:185, 94:5-6), der Schlüssel hierfür sei die Geduld (El-Münâvî, Feyzü’l-Kadîr, 6:298; Acluni, Keşfu’l-Hafa, 2:21; Nawawi, 62). Die schwierigsten „Prüfungen“ hatten demnach die Propheten selbst zu erleiden. Nur so konnten Propheten, die sich als Menschen ebenfalls in Notsituationen befanden, Vorbilder für die gesamte Menschheit sein. Daher wird in Situationen wie z.B. Unglück, Krankheit, finanzielle Notlage oder auch Abschlussprüfungen Geduld erwartet und vorausgesetzt (Koran, 4:78, 2:177, 12:83; Ahmed bin Hanbal, 5/367; Al-Albani, 3859; Bukhari, 1283). Mit Gottvertrauen, ohne sich auf das Ergebnis zu fixieren, solle man die notwendigen Mittel zur Beseitigung eines Problems, wie z.B. den Arzt aufsuchen, die Medizin einnehmen oder für die Prüfung lernen, anwenden.

Geduld und Gottvertrauen sind jedoch keine Vertröstungen und Trauer ist nicht verboten. Der Muslim geht davon aus, dass das Leben insgesamt betrachtet eine Prüfung ist (Koran, 21:35, 2:214, 67:2) und der Mensch entweder mit Geduld oder Danksagung (Baihaqi; Muslim) geprüft wird. Sowohl Krankheiten als auch Situationen, in denen keine Krankheiten vorliegen, werden als Prüfungen bezeichnet. Dass heißt jedoch nicht, dass sich der Muslim nicht um eine Wiederherstellung der Gesundheit kümmert. Den Körper, welches als Eigentum des Schöpfers betrachtet wird, zu pflegen, gehört zu einer muslimischen Lebensweise. So können zum Schutz des Lebens die in Normalfällen geltenden Regeln übertreten werden (Koran, 24:61; 48:17). Damit ist Geduld keine Passivität oder Legitimation fürs Nichthandeln sondern auch eine aktive Handlung, Hilfe bei Gott und den von ihm erschaffenen Mitteln zu suchen.

In der islamischen Literatur wird Gottvertrauen auch als eine „Eingangsstufe“ zur Spiritualität bezeichnet. Studien zeigen die Signifikanz von Gottvertrauen als Bewältigungsstrategie bei der Reduktion von Angst oder Depression

Auf Grund dieser Überlegungen werden Geduld und Gottvertrauen zu zwei Verhaltensformen, die wie ein spiritueller Impfstoff eingenommen werden können. Der Mensch kann dadurch einen Zustand des inneren Friedens erreichen und sich von Stress und psychischen Belastungen befreien.

Dr. Cemil Şahinöz, IslamIQ, 29.11.2020

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(05.06.2020) Rolle der Senioren im Islam und die interkulturelle Seniorenarbeit in Deutschland

Rolle der Senioren im Islam und die interkulturelle Seniorenarbeit in Deutschland

In Zeiten von Corona hört oder liest man Kommentare, die einen nachdenklich machen. Weil Personen über 65 stärker gefährdet sind, gibt es hin und wieder Gedanken, wie z.B. „Die sind sowieso krank, die würden sowieso bald sterben. Uns Jugendlichen passiert ja nichts, also brauchen wir auch keine Vorkehrungen zu treffen.“ Dabei sind Senioren die Stützpfeiler einer jeden Gesellschaft.

 

Senioren genießen in muslimischen Gemeinschaften einen hohen Status innerhalb der Familie. Sie sorgen für den Segen der Familie. Man geht theologisch davon aus, dass man durch die Senioren Gottes Gnade erlangen kann.

 

Hierzu sagte z.B. der Prophet Muhammed: „Wenn es keine Älteren, deren Rücken vom Alter gebeugt sind […], gäbe, würden Unglücke wie eine Flut über euch strömen“ (El-Acluni, Keşfu’l-Hafa, 2:163; El-Münavî, Feyzü’l-Kadîr, 5:344, Nr. 7523; El-Beyhaki, Es-Sünenü’l-Kübrâ, 3:345). Demnach wird Gottes Segen auf Grund der älteren Menschen gegeben.

 

Eltern- und Altenpflege war für den Propheten zentral: „Das Paradies ist unter den Füßen der Mütter“ (Aişe, 1987, S. 165; Ibn Abdillberr, 1992).

 

Im Koran wird die Elternpflege noch stärker betont. So heißt es: „Und dein Herr hat befohlen: ´Verehrt keinen außer Ihm, und (erweist) den Eltern Güte. Wenn ein Elternteil oder beide bei dir ein hohes Alter erreichen, so sage dann nicht »Pfui!« zu ihnen und fahre sie nicht an, sondern sprich zu ihnen in ehrerbietiger Weise. Und senke für sie in Barmherzigkeit den Flügel der Demut und sprich: »Mein Herr, erbarme Dich ihrer (ebenso mitleidig), wie sie mich als Kleines aufgezogen haben.«´“ (Koran, 17:23-24).

 

An anderer Stelle sagte der Prophet Muhammed: „Gott hat ausdrücklich verboten, sich schlecht gegenüber den Eltern zu verhalten“ (Şeybani, Dschamiu´s Sagir) und „Wer (seinen) Kindern keine Zärtlichkeit erweist, älteren Menschen keine Ehre und Hochachtung zeigt gehört nicht zu uns (eurer Gemeinde)” (Tirmidhi, Birr, 15; Abu Dawud, Edeb, 58; Ahmed bin Hanbal, Musnad, B. 1, 257; Nawawi, B. 1, S. 387).

 

Der Islamgelehrte Said Nursi interpretiert diese Aussagen folgendermaßen, dass Kinder aufgefordert sind, „freundlich und milde zu ihren betagten Eltern zu sein. Ja, die höchste Wahrheit in dieser Welt ist die Barmherzigkeit der Eltern zu ihren Kindern. Und die erhabensten Rechte sind ihre Rechte auf Respekt als Vergütung für ihr Mitleid. Denn die Eltern opfern ihr Leben mit großer Freude und geben ihr Leben auf das Leben der Kinder. In diesem Falle: jedes Kind, das seine Menschlichkeit nicht verloren hat und nicht in ein Ungeheuer verwandelt wurde, ehrt diese geachteten, treuen, sich selbst aufopfernden Freunde, dient ihnen aufrichtig und versucht, ihnen Freude zu bereiten und sie glücklich zu machen. […] Das Werkzeug der Fülle und Gnade in deinem Heim und derjenige, der Unheil abweist sind jene betagten und blinden Verwandten, die du herabsetzest. […] Willst du die Gnade des Höchst Gnädigen Gottes, sei gnädig zu jenen in deinem Heim, die Gott dir anvertraut hat“ (Nursi, Die Briefe, S. 214).

 

Diese Gedankengänge führten in der Praxis dazu, dass Senioren eine bedeutende Rolle innerhalb der islamischen Gesellschaften genießen (Sahinöz, Leben und Arbeiten mit türkischen, arabischen und muslimischen Familien: Ein einfühlsamer Ratgeber, 2010).

 

Seniorenheime

Deshalb existierte in der Vergangenheit der Begriff des Altenheimes in der muslimischen Literatur nicht. Bis vor kurzem gab es in muslimisch-geprägten Ländern keine Seniorenheime. Auf Grund von Umstellungen im Alltag gibt es sie gegenwärtig vor allem in Großstädten. Es wird aber weiterhin verpönt, die eigenen Eltern oder Verwandte in einem Heim unterzubringen.

 

Theologisch betrachtet, sind die eigenen Kinder für die Versorgung der Eltern zuständig. Wenn diese es aus irgendwelchen Gründen nicht leisten können, sind es die nächsten Verwandten, die diese Verantwortung übernehmen. Wenn diese es auch nicht können, dann die Nachbarn, das Dorf usw. Erst in der allerletzten Instanz kommt der Staat oder Institutionen, die dann die Aufgabe der Versorgung sicherstellen.

Wer gilt als alt?

 

Wann jemand alt ist, wird häufig vom sozialkulturellen Kontext definiert. In Europa markiert vor allem die Berufsaufgabe, der Beginn der Rente, das Altwerden. In der Türkei ist das Rentenalter schon immer ein Diskussionsthema gewesen. 1992 lag das Rentenalter paradiesisch für Frauen bei 38 und bei Männern bei 42 Jahren. Häufig war es aber auch so, dass man sehr jung mit dem Arbeiten anfing. Meistens schon vor der Pubertät. 1999 wurde das Rentenalter für Frauen auf 58 und für Männer auf 60 erhöht. Seit 2008 liegt das Rentenalter einheitlich bei 65 Jahren.

 

Seniorenarbeit in Deutschland

Die Migranten, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, werden nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren. Sie bleiben hier in der neuen Heimat und werden hier zu Rentnern werden. Prognosen zufolge werden die ausländischen Senioren die voraussichtlich am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe in Deutschland werden (Forum Seniorenarbeit NRW, 2013). Daraus kann man schlussfolgern, dass Altern in Deutschland multikulturell wird.

Dies wiederum bedeutet, dass es in der Seniorenarbeit und in Altersheimen grundlegende Veränderungen geben wird. Man wird sich auf die Bedürfnisse der älteren Migranten anpassen. Also wird die Arbeit bedürfnisorientiert gestaltet werden müssen. Dabei sind einige Punkte zu beachten (Sahinöz, Leben und Arbeiten mit türkischen, arabischen und muslimischen Familien: Ein einfühlsamer Ratgeber, 2010).

 

Zunächst einmal sollte beachtet werden, dass Migranten über die bestehenden Angebote wenige Kenntnisse haben. Seniorenarbeit der verschiedenen Institutionen erreicht die Migranten nicht oder nur kaum. Zudem sind sie durch die bestehenden Strukturen nicht zu erreichen. In der Seniorenarbeit müssen daher neue Wege gesucht und genutzt werden, um Migranten zu erreichen.

 

Eine Möglichkeit, um sie zu erreichen und den Bedarf zu ermitteln ist eine “aufsuchende bedürfnisorientierte“ Migrations-Sozialarbeit. Sinnvoll ist auch eine Vernetzung der Senioren- und Migrationsarbeit. Bisher gibt es jedoch eine Trennung beider Bereiche. Die Migrationsfachdienste haben zu wenig Kenntnis über die Seniorenarbeit, so dass sie diese nur schwerlich in ihre Arbeit mit aufnehmen können. Die Seniorenarbeit wiederum ist nicht kultursensibel angelegt, so dass nicht auf die Bedürfnisse der Migranten eingegangen werden kann. Die Zukunft liegt jedoch in der Kombination dieser beiden Fachdienste (Forum Seniorenarbeit NRW, 2013).

 

Dr. Cemil Şahinöz

Islamisch Zeitung, 01.07.2020

Wenn Muslime alt werden


 

 

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(18.04.2020) Hygienemaßnahmen im Islam mit Blick auf ansteckende Krankheiten

Hygienemaßnahmen im Islam mit Blick auf ansteckende Krankheiten

Krankheiten und Vieren gibt es schon seit Anbeginn der Menschheit; und so werden sie auch immer ein Teil des Lebens sein. Die beste Prophylaxe dagegen ist – so banal es klingt – eine einfache Hygiene. Aus islam-theologischer Sicht macht es daher Sinn, zu schauen, wie der Islam mit Hygiene und speziell ansteckenden Krankheiten umgeht.

Im Islam wird Wert auf prophylaktische (vorbeugende) Maßnahmen gelegt. Dies sieht man schon im islamischen Prinzip, wonach bereits der Weg zu etwas Negativem abgelehnt wird, und nicht nur das Negative selbst.

Prophylaxe beinhaltet, dass der Mensch die göttlich gegebenen Naturgesetze auch einhält. Das bedeutet wiederum, dass es nicht reicht, nur ein religiöses Lippenbekenntnis für ein Ziel auszusprechen, sondern es auch ernsthaft zu verfolgen und die kausalen Wege dafür einzuhalten.

Der Prophet Muhammed hob die Bedeutung der Gesundheit hervor, in dem er sagte: „Es gibt zwei Gaben, deren Wert von den Menschen unterschätzt wird: zum einen die Gesundheit und zum anderen freie Zeit“ (Buhari, Rıkak: 1).

Dabei steht genauso wie die körperliche als auch die seelische Gesundheit im Vordergrund. Für alle islamischen Prinzipien gibt es immer eine Option, die dann eingeleitet wird, wenn die Gesundheit und das Leben des Menschen in Gefahr ist. Beispielsweise wird das Fasten ausgelassen wird, wenn man krank ist (Koran, 2:185). Im Notfall kann an, um ein zweites Beispiel zu nennen, auch bestimmte Lebensmittel verzehren, die sonst nicht erlaubt sind (Koran, 6:145).

In Bezug auf Hygienemaßnahmen sagte der Prophet Muhammed, dass die Hygiene, Sauberkeit und Reinigung die Hälfte der Religion ausmacht (Müslim, Tahara: 1; Tirmizi, Daawat: 86, Hanbal, Musnad: 4/260, 5/342-344, 363, 370, 372; Darimi, Wudu: 2). Hier wird deutlich, welchen Stellenwert die Hygiene einnimmt.

In einem anderen Hadith (Ausspruch) sagte der Prophet, dass Gott rein ist und das Reine liebt. Daher solle man seine Umgebung sauber halten (Tirmizi, Edeb: 41). Im Koran heißt es: „O ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr zum Gebet aufsteht, wascht euer Gesicht und eure Hände bis zu den Ellbogen und wischt über euren Kopf, und (wascht) eure Füße bis zu den Knöcheln. Und falls ihr durch Samen befleckt seid, so reinigt euch.“ (Koran, 5:6).

Diese und ähnliche Denkweisen mündeten in einer festen Alltagspraxis in muslimischen Gemeinschaften. Der Prophet machte Anmerkungen über Hygienemaßnahmen in Zusammenhang mit Tieren oder mit Lebensmitteln (Buhari, Wudu: 33; Ebu Davud, Tahara: 37; Tirmizi, Tahara: 68). Auch hob er mehrmals die Wichtigkeit des Zähneputzens (Hanbal, Musnad: 1/214, 3/143; Buhari, Dschum´a: 8; Darimi, Wudu: 18), des Rasierens unter den Achseln und im Intimbereich, des regelmäßigen Schneidens der Fingernägel oder allgemein die Reinigung nach jedem Toilettengang hervor. Weiterhin betonte der Prophet das Händewaschen vor und nach jedem Essen, ja sogar nach jedem Aufstehen von einem Platz. Einmal in der Woche solle mal duschen (Müslim, Dschum´a: 9). Diese Aussagen tätigte er zu einer Zeit, in der Duschen und Baden verteufelt wurden oder Toiletten nur in wenigen Kulturen existierten. Die tägliche rituelle Waschung vor den Gebeten oder die Ganzkörperwaschung sind Hygienemaßnahmen, die täglich umgesetzt werden. Auch die Sauberkeit, was die Kleidung oder die Umgebung angeht, sind im Einklang mit der modernen Medizin.

Dabei ist das Händewaschen gar nicht so selbstverständlich, wie man vielleicht meinen würde. WIN/Gallup International führte im Jahre 2015 eine Studie zum Thema Hygienepraxis durch. In 63 Ländern wurde gefragt, ob man dort nach dem Toilettengang die Hände mit Seife wäscht. Hier kam es zu erstaunlichen Ergebnisse: Saudi-Arabien 97% (Platz 1), Bosnien 96% (Platz 2), Algerien, Libanon, Papua-Neuguinea und Türkei mit jeweils 94% (Platz 3), Kolumbien, Südafrika, Vietnam mit jeweils 93% (Platz 7), Panama 92% (Platz 10), Georgien 91% (Platz 11), Griechenland, Kosovo und Portugal mit jeweils 85% (Platz 13), Deutschland 78% (Platz 27), Vereinigtes Königreich 75% (Platz 34), Russland 63% (Platz 49), Frankreich 62% (Platz 50), Spanien 61% (Platz 52), Belgien 60% (Platz 53), Hong-Kong 58% (Platz 55), Italien 57% (Platz 57), Niederlande 50% (Platz 60), Südkorea 39% (Platz 61), Japan 30% (Platz 62) und China 23% (Platz 63).

Zur Zeit des Propheten Muhammed gab es selbstverständlich auch ansteckende Krankheiten. Hierzu äußerte sich der Prophet ebenfalls. In einem Hadith sagte er, dass man sich vor Infektionskrankheiten, wie z.B. Lepra, schützen soll, so wie vor einem Löwen (Buhari, Marda: 19; Hanbal, Musnad: 2/443). Dies zeigt die Vorsicht, mit der wir agieren sollen. Damit hob der Prophet hervor, dass man Infektionskrankheiten nicht auf die leichte Schulte nehmen sollte.

Des Weiteren wird empfohlen, dass man einen Abstand in der Höhe einer Lanze zu einer infizierten Person halten sollte (Hanbal, Musnad: 2/21). Eine durchschnittliche Lanze ist 2-3 Meter lang. Erstaunlich, dass der Prophet diese Maßnahme schon im 7. Jahrhundert empfahl.

In Zeiten, wo wir über Kontakteinschränkungen und Ausgangssperren diskutieren, findet man ebenfalls einen Ausspruch des Propheten von vor 1400 Jahren: „Wenn ihr hört, dass an einem Ort die Pest oder eine ansteckende Krankheit ausgebrochen ist, dann geht nicht dorthin. Wenn die Krankheit in euren Ort ist, dann verlasst ihn nicht.“ (Buhari, Tib, 19).

Diese und viele andere Aussagen des Propheten haben gegenwärtig eine noch wichtigere Bedeutung. Die Lebensweise des Propheten, der im Koran mit „du bist wahrlich von großartiger Wesensart“ (Koran, 68:4) beschrieben wird, wird für uns zu einem Vorbild in allen Lebenslagen.

IslamIQ, 18.04.2020

Hygiene im Islam mit Blick auf ansteckende Krankheiten

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(01.11.2019) 21 Jahre Misawa

21 Jahre Misawa

 

Vor 21 Jahren, am 1.11.1998 startete ich die Webseite Misawa, damals noch mit einer anderen Domain. Denn es war damals nicht selbstverständlich, dass man eine eigene Domain oder überhaupt eine Webseite hatte.

 

So hatten wir damals zu Hause keinen Internetanschluss. Die Webseite erstellte und aktualisierte ich in der Bibliothek der Universität. Nein, ich war damals kein Student, aber ein Freund hatte erzählt, dass man an der Uni das Internet nutzen konnte. Das war eine einmalige Gelegenheit. So begaben wir uns mit einigen Freunden an manchen Wochenenden für ein paar Stunden an die Uni und “recherchierten“ das Internet J

 

Schon recht schnell hatte ich die Idee und den Wunsch, eine eigene Homepage zu gestalten. Dies schien auch recht simpel zu sein. Hierzu erlernte ich die HTML-Sprache, mit der man Homepages erstellen konnte. Heutzutage braucht man das nicht mehr. Damals war es noch notwendig, die Webseiten selbst zu schreiben.

Zu Hause erstellte ich dann die Homepage und an den Wochenenden, an der Uni, lädt ich die Dateien hoch. Natürlich lädt ich nicht jedes Mal die ganze Homepage hoch, sondern nur die Dateien, die ich editiert hatte. Alle Dateien, die neu waren oder die ich editierte, packte ich in einen Ordner „Ins Internet“ und kopierte sie…. nein nicht auf den USB-Stick, das hatte damals noch keiner, sondern auf eine Diskette. Was eine Diskette ist? Einfach mal googlen J

 

Irgendwann hatten wir auch zu Hause einen Internetanschluss. Ein Modem mit 56K und legendären Soundgeräuschen bei der Einwahl ins Internet ersparten mir den Gang in die Uni.

 

Anfangs hatte die Homepage kein spezifisches Thema, sondern war gemischt mit Themen, die mich selbst interessierten. Ab April 2002 wurde es dann zu einer Webseite mit rein theologischen Themen. Zu dieser Zeit boomte die Seite, vor allem das Forum. Täglich kamen dutzende Forenbeiträge. Immer mehr Nutzer meldeten sich an und das Forum war innerhalb der muslimischen Community sehr bekannt.

Misawa 23.08.1999

Misawa 21.08.2000

Misawa 07.12.2000

Misawa 28.01.2001

Misawa 19.07.2007

Misawa 17.10.2019

 

Aktuell gibt es im Misawa-Forum über 16.000 Themen, knapp 202.000 Beiträge und fast 2.500 Benutzer. Die Aktivität im Forum hat aber in den letzten Jahren stark nachgelassen. Es wird nicht mehr in Foren geschrieben oder diskutiert, sondern viel lieber auf sozialen Netzwerken, wo ich aber keine zielführenden Diskussionen sehe. Im Misawa-Forum gab es immer anspruchsvolle Diskussionen, die viel zum gegenseitigen Verständnis führten. Dies zeigen auch Studien, in denen das Misawa-Forum untersucht wurde.

 

2008 wurden in einer Forschungsarbeit für den Lehrstuhl für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Europa-Universität Viadrina 42 Islam-Foren untersucht. Das Endergebnis war eindeutig. Das Misawa-Forum schnitt vor allem in den Bereichen “Offenheit”, “Dialog”, “Meinungsfreiheit” und “Demokratisch” am besten ab. 2012 führte das Bundesministerium des Inneren die bekannte Studie “Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ durch. Auch hier gab es nur positive Worte zum Forum. Auch im Jahre 2012 gab es eine Studie der Maryland Universität in den USA. Hier wurde speziell die Webseite Misawa insgesamt erfasst und ihr Einfluss unter den muslimischen Bloggern dargestellt. Auch in einer Studie, welches 2013 an der Universität Bremen, Institut für Religionswissenschaft und Religionspädagogik, durchgeführt wurde, war das Misawa-Forum Bestandteil.

 

In allen untersuchten Arbeiten gab es nur positive Ergebnisse für das Misawa-Forum. Dieses Lob gebührt allen Teilnehmern des Forums, den Mitgliedern, den Admins und den Moderatoren.

 

Ab Juli 2008 hörte ich dann mit der HTML-Programmierung auf. Ich wechselte dann auf eine Blogseite, die mir unheimlich viel Zeit sparte. Denn HTML war schon gut und man konnte alles so gestalten, wie man es wollte, aber es nahm eben auch viel Zeit in Anspruch. Der Umstieg auf eine vorgefertigte Blogseite war daher sehr nützlich.

 

Das Misawa-Netzwerk wurde auch immer größer. Hinzu kamen neue Webseiten, neue Projekte. Die Ayasofya Zeitschrift, Hörbücher, die Android App, der Podcast Misawa Talk, das Videoportal Misawa TV, My Halal Check und viele weitere.

 

Immer wieder werde ich noch heute gefragt, was denn eigentlich Misawa bedeutet. Im Forum wurde diese Frage in einem Thread über 1000mal gestellt. Für unser Videoportal Misawa TV hat ein Freund aus China mehrere Videos gedreht und (auf Grund der Annahme, dass Misawa etwas chinesisches bedeute), viele Chinesen gefragt, was Misawa bedeutet. Keiner der Chinesen konnte diese Frage beantworten. Vielleicht ist jetzt, nach 20 Jahren, die Zeit gekommen, um das Rätsel zu lösen. Was heißt eigentlich Misawa? Vielleicht warte ich aber noch weitere 20 Jahre…. Wie gut, dass keiner weißt, was Misawa heißt.

 

Dr. Cemil Sahinöz

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(06.01.2019) Seelsorge ohne Einzelgespräche ist nur Teil-Seelsorge. Defizite in der Gefängnisseelsorge

Seelsorge ohne Einzelgespräche ist nur Teil-Seelsorge

Defizite in der Gefängnisseelsorge

 

 

Die Gefängnisseelsorge ist in Deutschland gesetzlich geregelt. Laut StVollG §53 hat jeder Inhaftierte Anspruch auf eine Seelsorge, darin heißt es: „Dem Gefangenen darf religiöse Betreuung durch einen Seelsorger seiner Religionsgemeinschaft nicht versagt werden. Auf seinen Wunsch ist ihm zu helfen, mit einem Seelsorger seiner Religionsgemeinschaft in Verbindung zu treten.“ Auf Grund dieses Paragraphen können juristisch anerkannte Religionsgemeinschaften Seelsorger in die Justizvollzugsanstalten senden. Dabei sind die Justizvollzugsanstalten für die Rahmenbedingungen, wie z.B. räumliche Ressourcen, zuständig, und die Religionsgemeinschaften regeln den Inhalt der Seelsorge oder des Gottesdienstes in der Justizvollzugsanstalt.

Da der Islam jedoch keine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist, sprich keine juristisch anerkannte Religionsgemeinschaft, war es Muslimen lange Jahre verwehrt Gefängnisseelsorge ähnlich wie die christlichen Gemeinschaften anzubieten. Zudem gab es keine ausgebildeten muslimischen Gefängnisseelsorger, so dass muslimische Inhaftierte Seelsorgeangebote aus den Reihen ihrer eigenen Religion nicht wahrnehmen konnten.

 

Dass ein Bedarf für ein seelsorgerisches Gespräch auch unter muslimischen Inhaftierten herrscht, war aber nie ein Diskussionsthema. Schon die Deutsche Bischofskonferenz ermittelte diesen Bedarf im Jahre 2003. So gibt es in vielen Gefängnissen Deutschlands Angebote an muslimischer Gefängnisseelsorge. Anfang 2018 gab es bundesweit ca. 110 Imame, die als Seelsorger tätig waren. Dass Fehlen der juristischen Anerkennung wurde durch pragmatische Lösungen überbrückt.

 

Historisch geht die muslimische Gefängnisseelsorge auf die DITIB-Imame zurück. Seit den 90´ern besuchen die Imame türkische Inhaftierte. Bei diesen Besuchen wurden jedoch vielerorts keine Einzel- oder seelsorgerischen Gespräche geführt, sondern meist in Gruppengesprächen Verwaltungsangelegenheiten für türkische Staatsbürger, wie z.B. Aufenthaltsrecht, Abschiebung, Staatsangehörigkeit geklärt. Auch das Freitagsgebot wurde in vielen Gefängnissen durch die Imame durchgeführt.

 

Mit Laufe der Zeit wandelte sich diese Praxis in eine Art Seelsorge für muslimische Inhaftierte, obwohl die Imame keine Seelsorgekompetenzen hatten. Und auch andere muslimische Gemeinden, außerhalb der DITIB, machten ähnliche Gefängnisbesuche, in denen Imame oder meist ehrenamtlich engagierte Personen den Inhaftierten religiöse Unterweisung erteilten.

 

Trotzdessen muss erwähnt werden, dass auch in der Gegenwart nur bei den wenigsten Angeboten eine individuelle Seelsorge stattfindet. Vielmehr beschränken sich die Angebote auf Gruppengespräche und religiöse Rituale, wie z.B. gemeinsame Koranlesungen und Freitagsgebete, und sind eher zu vergleichen mit der Tätigkeit von Sozialarbeitern als mit Seelsorgern. Selbstverständlich sind auch Rituale wichtig und ein Bestandteil der Seelsorge, sie können jedoch eine individuelle Seelsorge nicht ersetzen. Ein individuelles und persönliches Seelsorgespräch ist jedoch das zentrale Anliegen einer Seelsorge. Das Fehlen solcher individuellen Seelsorgegespräche ist daher ein großes Defizit. Denn der Bedarf nach einer muslimischen Seelsorge wird damit nicht tatsächlich gedeckt.

 

Das Fehlen von Einzelgesprächen hat auch etwas mit fehlenden Ressourcen zu tun. Denn in der Praxis gibt es große Unterschiede in der Umsetzung der muslimischen Gefängnisseelsorge. Den meisten muslimischen Gefängnisseelsorgern stehen keine Räumlichkeiten für Einzelseelsorge zur Verfügung. Sie können nur Gemeinschaftsräume nutzen. Auch die ehrenamtliche und zeitliche Begrenzung der Angebote erschwert den Einsatz von Einzelgesprächen. Einige muslimische Seelsorge kommen nur durch starke Kontrollen ins Haus, wiederum andere nur, wenn sie ein christlicher Seelsorger begleitet. Dann gibt es Seelsorger, die Räumlichkeiten, ein eigenes Büro, Schlüssel zur Verfügung haben und ohne aufwendige Sicherheitskontrollen ins Gefängnis kommen. Dieser Umgang lässt eine angemessene Seelsorge zu. Daher müssen Ressourcen und Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit eine würdige Gefängnisseelsorge mit Einzelgesprächen stattfinden kann.

 

Hinzu kommt, dass muslimische Seelsorger zwar bei ihren Einsätzen eine Schweigepflicht haben, jedoch kein Zeugnisverweigerungsrecht. Daher gilt hier das Beicht- oder Seelsorgegeheimnis nicht. Auf Grund des Fehlens des Zeugnisverweigerungsrechts ist es nicht immer gegeben, dass die Klienten dem Seelsorger vollständig vertrauen, was z.B. in der Gefängnisseelsorge besonders wichtig ist, da hier Themen angesprochen werden können, deren Inhalte der Seelsorger aus Sicht des Klienten keineswegs weitergeben darf.

 

Die Finanzierungsfrage der muslimischen Gefängnisseelsorge wird ebenfalls unterschiedlich gelöst. An einigen wenigen Orten wird die muslimische Gefängnisseelsorge staatlich finanziert, jedoch sind die meisten Angebote und Tätigkeiten ehrenamtlich organisiert. Auf Dauer ist eine ehrenamtliche Tätigkeit jedoch nicht zu leisten. Der Bedarf ist hierfür viel zu groß. Vielmehr sollten Ehrenamtliche als Ergänzung zu hauptamtlichen muslimischen Gefängnisseelsorgern eingesetzt werden.

 

Verstärkt seit einigen Jahren wird die Gefängnisseelsorge (in Deutschland aber auch in anderen europäischen Ländern) auch im Kontext der Radikalisierung diskutiert. Dabei geht es einerseits um Gefängnisseel­sorger, die Inhaftierte in ihrem Denken radikalisieren, andererseits um Gefängnisseelsorger, die schon radikalisierte Inhaftierte deradikalisieren und alle Inhaftierten resozialisieren. Auch gebe es aus der radikalen Szene Personen, die sich für Inhaftierte nach ihrer Entlassung als Gefangenenunterstützer anbieten. Kritisiert wird jedoch an diesem Verständnis von Seelsorge, dass Seelsorge keine Präventionsarbeit als Ziel haben darf, da so die Glaubwürdigkeit des Seelsorgers vom Klienten in Frage gestellt werden kann. Deradikalisierung kann nur ein Aspekt oder einer der Ergebnisse der Gefängnisseelsorge sein. Präventionsarbeit wäre demnach ein Teilaspekt und sollte nicht zum zentralen Ziel der Gefängnisseelsorge gemacht werden, da sie dadurch den Charakter der Seelsorge verliert. Daher darf die muslimische Gefängnisseelsorge nicht als Instrument oder Alternative der Radikalisierungsprävention verstanden werden und der Fokus nicht auf die Deradikalisierungsarbeit fallen.

 

Insgesamt fällt es also auf, dass viele Angebote, die das Label “Islamische Gefängnisseelsorge“ tragen, sich voneinander unterscheiden und vor allem gar keine Einzelgespräche anbieten, welches wie bereits erwähnt, der Kern der Seelsorge ist und nicht vernachlässigt werden darf. Daher ist eine Standardisierung, was Seelsorge ist und was nicht, gerade in der Entstehungsphase der islamischen Seelsorge so wichtig.

 

 

Dr. Cemil Şahinöz

 

Islamische Zeitung, 06.01.2019

https://www.islamische-zeitung.de/spirituelle-hilfe-braucht-standardisierung/

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(01.01.2019) Moschee-Steuer – Juristisch, Politisch und Theologisch

Moschee-Steuer – Juristisch, Politisch und Theologisch

 

Die Frage der Finanzierung von Moscheegemeinden ist nicht neu. Sie wird mindestens einem Jahrzehnt diskutiert. Volle Fahrt haben die Diskussionen aufgrund der angespannten Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei genommen.

 

Aufseiten der Politik in Deutschland wird das Ziel verfolgt, Auslandsfinanzierungen und damit indirekt Einflüsse von ausländischen Staaten zu verhindern. Daher wird nach Lösungen und Optionen gesucht. Der Vorschlag, eine Moschee-Steuer analog zur Kirchensteuer einzuziehen, ist aber weder juristisch noch theologisch möglich. Deshalb werden die gegenwärtigen Diskussionen nur in eine Sackgasse führen.

 

Ohne Anerkennung keine Steuer

 

Juristisch ist es nicht möglich, da islamische Religionsgemeinschaften keine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist. Dies ist aber eine Voraussetzung, um eine solche Steuer überhaupt erheben zu können. Zunächst müsste also diese Frage geklärt werden. Die islamischen Religionsgemeinschaften erhalten gegenwärtig die Anerkennung als Körperschaft nicht, da sie Kriterien, wie z.B. Mitgliedsstrukturen, nicht erfüllen sollen.

 

Der Islam ist keine Kirche

 

Damit sind wir auch schon bei der theologischen Problemstellung. Eine Moschee-Steuer entspricht dem Selbstverständnis des Islams nicht. Denn der Islam kennt keine Institutionen oder Mitgliedsstrukturen wie die Kirchen. Dass heißt z.B., ein Eintritt zur oder Austritt aus der Religion wie in der Kirche ist im Islam nicht an die Institution Moschee gebunden. Man ist nirgends als Muslime registriert. Wie sollte man dann die Muslime, die diese Steuern zahlen sollen, erfassen?

 

Da kann man sich auch nicht an die Mitgliederlisten in den Moscheegemeinden orientieren. Denn man kann als Muslim in keiner einzigen Moschee Mitglied sein, oder auch in 10 verschiedenen gleichzeitig. Die Mitgliederzahlen sagen also nicht viel aus. Hier herrschen andere Strukturen als in der Kirche. Es gibt theologisch ein anderes Verständnis.

 

Gleichstellung notwendig

 

Was die muslimische Community bei all den Diskussionen kritisiert, ist auch der Wunsch nach Augenhöhe und Gleichbehandlung. Denn es ist bekannt, dass z.B. Kirchen und kirchliche Einrichtungen im Ausland von Deutschland aus finanziert werden. Gleichzeitig gibt es in Deutschland einige Religionsgemeinschaft, die, ähnlich wie bei den muslimischen Gemeinden, vom dem Ausland finanziert werden, und auch ihre Geistlichen aus dem Ausland holen. Hier fehlt eine Klarstellung, dass der Verbot von Auslandsfinanzierung nicht nur die Muslime betreffen darf und es damit keine benachteiligende Sonderregelung für Muslime geben kann. Denn grundsätzlich regeln die Religionsgemeinschaften die Ausbildung ihrer Geistlichen und die Finanzierung ihrer Gemeinschaften selbst.

 

Was sind die Alternativen?

 

Das Thema, wie sich Moscheegemeinden finanzieren könnten, ist seit vielen Jahren auch innerhalb der muslimischen Community ein Thema. Die Frage geht parallel mit der Fragestellung, ob man Imame, die in Deutschland geboren, hier sozialisiert und hier ausgebildet sind, in Moscheegemeinden einsetzen kann.

 

Da muss man realistisch sein, selbst wenn man eine Moscheesteuer einführen würde, und auf Imame aus dem Ausland nicht mehr angewiesen wäre, hätte man trotzdem nicht einmal ansatzweise genügend Imame für die Moscheen in Deutschland. Es gibt ca. 2000 Moscheen in Deutschland, ca. 1000 beziehen ihre Imame aus dem Ausland. Islamische Theologie kann man seit knapp 10 Jahren in Deutschland studieren. Bis man also so viele Imame hat, die hier Theologie studiert haben und dann auch tatsächlich in den Moscheegemeinden tätig sind, wird es wohl noch lange dauern. Aber das ist ein Ziel, dass viele muslimische Gemeinden verfolgen.

 

Optionsvorschläge für Finanzierungen, die in der muslimischen Community seit längerem diskutiert werden, sind die Gründung von Stiftungen, die es historisch in muslimischen Gemeinschaften immer wieder gab und die Zakat-Abgabe. Während bei Stiftungen es zumindest keine theologischen Schwierigkeiten geben würde, steht jedoch die Frage im Raum, ob die Ressourcen der muslimischen Community in Deutschland es zu lassen, auf diese Art und Weise hunderte von Moscheen zu finanzieren.

 

Bei der Zakat-Abgabe (2,5% des überschüssigen Gesamtvermögens spendet ein jeder Muslim jedes Jahr) gibt es wiederum eine große theologische Diskussion darüber, ob Zakat auch an Einrichtungen und nicht nur an bedürftige Einzelpersonen gespendet werden kann. Man nehme an, Moscheen würden durch die Zakat finanziert werden. Dann müsste man sich soziologisch darauf gefasst machen, dass evtl. in einigen Jahrzehnten Zakat sich inhaltlich wandelt und tatsächlich nur noch Einrichtungen wie Moscheen damit finanziert werden. Bedürftige wären dann sekundär. Man hätte eine andere Qualität von Zakat. Dies ist eine theologische Fragestellung, die noch nicht abschließend geklärt ist.

 

Dr. Cemil Şahinöz, IslamIQ, 01.01.2019

http://www.islamiq.de/2019/01/01/von-auslandsfinanzierung-bis-zakat-fragen-der-finanzierung-von-moscheen/

Islamische Zeitung, 01.1.2019
https://www.islamische-zeitung.de/moschee-steuer-juristisch-politisch-und-theologisch/

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(20.11.2018) Theaterprojekt „Zwischenräume“

Interkulturalität

Grußwort

Eine türkische Familie zog in eine neue Wohnung ein, in direkter Nachbarschaft zu einer deutschen Familie. Die türkische Familie backte einen Kuchen und wartete darauf, dass die Nachbarn sie besuchen und sie willkommen heißen. So kannten sie es aus ihrer eigenen Tradition. Die deutsche Familie backte ebenfalls einen Kuchen, denn es ist bei ihnen üblich, dass die neuen Nachbarn vorbeikommen und sich vorstellen. Beide Familien blieben mit ihrem Kuchen allein.

Doch leider blieben sie nicht nur mit ihrem Kuchen alleine sondern öfters auch mit ihren Vorurteilen. Denn es sind solche kleinen Missverständnisse und das Unbekannte, die zu Vorurteilen führen können. Die türkische Familie könnte die deutsche Familie mit Diskriminierung und Ausgrenzung beschuldigen. Die deutsche Familie könnte davon ausgehen, dass die türkische Familie sich ausgrenzt und eine Parallelgesellschaft mitten in der Nachbarschaft bildet. Hätten aber beide Familien die Information darüber, wie sich alte und neue Nachbarn in der jeweiligen Kultur verhalten, käme es nicht zu diesen Vorurteilen.

Unkenntnis führt also zu Unsicherheit, und dies zu Distanz. Wenn Distanz langfristig anhält, entstehen Ängste. Daher ist es von großer Bedeutung, das Unbekannte zum Bekannten zu machen, bevor Ängste entstehen. Nur so kann ein friedliches Miteinander gelingen. Nur so kann Integration funktionieren. Integration ist aber kein Zustand und hat auch keinen Endpunkt. Es ist eher ein ständiger Prozess.

In diesem Prozess darf das vermeintlich Fremdartige nicht als etwas Negatives bewertet werden. Das geht nur, wenn man sich kennenlernt. Hierzu sagte Ali, der Schwiegersohn des Propheten Muhammed: „Der Mensch mag das nicht, was er nicht kennt.“ Wenn man sich kennt, merkt man, wie ähnlich man eigentlich ist. Somit verschwindet das Fremde. Anstelle dieser kommt Freundschaft hervor.

Und dieses Kennenlernen sollte nicht nur künstlich auf bestimmten Veranstaltungen stattfinden, sondern im Alltag, in der Schule, auf dem Arbeitsplatz, im Supermarkt, im Kino gelebt werden. Nur so können Ängste tatsächlich abgebaut werden.

Jeder von uns hat im Alltag die Möglichkeit, dieses Kennenlernen, diesen Austausch zu fördern. So haben wir öfters Begegnungen wie im Kuchenbespiel. Wenn wir dabei Menschen offener, sensibler und mit positiver Neugier begegnen, können wir den interkulturellen Austausch und den Dialog fördern.

Als ein positives Beispiel, den Dialog zu fördern, kann das Zwischenräume-Projekt des Theaterlabors genannt werden. Als das Theaterlabor mit dem Projekt auf das Bündnis Islamischer Gemeinden zukam, war es für uns keine Frage des Ob, sondern wie wir unseren Anteil einbringen können. Denn in den Bereichen wie Theater und Kunst finden Begegnungen nur selten statt. Obwohl gerade in diesen Bereichen die Dialogpotenziale und die nachhaltigen Effekte immens sein können. Daher war es uns eine große Freude ein Teil dieses erfolgreichen Projekts zu sein.

Dr. Cemil Şahinöz
Vorsitzender des Bündnis Islamischer Gemeinden

Theaterprojekt „Zwischenräume“ – Broschüre
https://drive.google.com/file/d/161f8J4OyQXYL-iSWloDArUEkXOcDhSek/view?usp=sharing

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(07.11.2018) Gülen-Bewegung: Dialog zwischen Integrationsarbeit und Sektenwahn

Gülen-Bewegung: Dialog zwischen Integrationsarbeit und Sektenwahn

 

Umut Ali Öksüz, Dr. Cemil Şahinöz

 

Der Begriff Sekte ist ursprünglich ein christlich konnotierter Begriff und ist auf Grund des charakteristischen Typus des Christentums auf diesen anwendbar. Einen vergleichbaren Begriff gibt es in anderen Religionen nicht. Inhaltlich betrachtet gibt es jedoch auch in anderen Religionen Sekten, bzw. Gruppen, die die gleichen Kriterien erfüllen. So soll in diesem Artikel geschaut werden, ob die religionssoziologischen Kriterien für eine Sekte auf die Gülen Bewegung zutreffen.

 

Definition und Kriterien

 

Max Webers “Soziologische Grundbegriffe“ endet mit einem Vergleich von Kirche und Sekten. Demnach wird man in die Kirche „hineingeboren“, wohin eine Sekte „nur die religiös Qualifizierten persönlich in sich aufnimmt“. Er verweist dabei auf Kriterien der Religionssoziologie, in der der Begriff Sekte, den es schon seit der Antike gibt, inhaltlich entwickelt wurde.

 

Unabhängig davon, dass es einige unterschiedliche Definitionen vom Sektenbegriff gibt, gibt es auch minimale Kriterien von Sekten, die die unterschiedlichen Definitionen gemeinsam haben. Laut Frank-Xaver Kaufmann sind das Kriterien wie Gemeinschaftscharakter, freiwillige Mitgliedschaft, allgemeines Priestertum und eine klare und scharfe Abgrenzung „mit Hilfe der eigenen, meist radikal-religiösen Auffassungen gegen die vorherrschende Kultur“. Im Allgemeinen haben sich Sekten von der Urreligion abgespalten und befinden sich im Konflikt und überwiegend auch in einer Konkurrenzbeziehung zu ihr.

 

Ähnlich wie Radikale und extreme Gruppen, bieten Sekten ein vereinfachtes, dichotomisiertes Weltbild. Die Welt ist aufgeteilt in „die Guten“ und „die Bösen“. Die Guten, das sind die Mitglieder der Sekte, versuchen die Welt zu verbessern. Die Bösen, alle außerhalb der Sekte, sind verblendet und sehen die Wahrheit nicht.

 

Diese Guten sehen sich durch die Zugehörigkeit als eine auserwählte Elitegruppe, die es geschafft hat. Sie gehören zu denjenigen, die letztendlich als Sieger hervortreten werden, auch wenn sie ggf. gegenwärtig angefeindet werden würden. Daher haben die Mitglieder auch meistens immer die gleiche Meinung zu unterschiedlichen Themen, so dass sie gleichgeschaltet wirken. Auch wirken Argumente zu Diskussionsthemen auswendiggelernt, da sie innerhalb der Gruppe immer wieder thematisiert werden und die einzigen akzeptierten, legitimen Meinungen sind.

 

In Sekten gibt es unter den Mitgliedern daher einen großen sozialen Druck, um weiterhin als Elite bestehen zu können. Alle Mitglieder kontrollieren sich gegenseitig und versuchen die meist irrationalen Gesetzlichkeiten innerhalb der Gemeinschaft durchzusetzen.

 

Diese Gesetze und Regeln führen zu einer Komplexitätsreduzierung. Der moderne Alltag ist viel zu komplex und macht Entscheidungen schwierig. Sekten vereinfachen dies, in dem sie ein einfaches Model anbieten. Damit wird sie attraktiv für viele Menschen, vor allem für Personen, die eine Konfliktbiographie hatten.

 

Menschen mit einer schwierigen Vergangenheit haben in Sekten die Möglichkeit, Sinn und Orientierung zu finden. Sie finden und bekommen eine Wertschätzung und Geborgenheit, die sie von ihrem Umfeld, z.B. von ihrer Familien, sonst nicht erhalten hatten.

 

Daher kommt es häufig vor, dass Sektenmitglieder von ihren Familien, die nicht auch Sektenmitglieder sind, getrennt werden und jeglicher Kontakt untersagt wird. Nur so kann eine erfolgreiche Indoktrination funktionieren.

 

Um die ideologische Indoktrination zu perfektionieren, wird meistens auch jeglicher Kontakt mit Außenstehenden reduziert. Auf diese Art und Weise werden besonders Kinder und Jugendliche mit dem Gedankengut der Sekte sozialisiert. Diese Generationen sind es dann, die viel stärker an die Sekte gebunden sind, als z.B. Erwachsene, die in älteren Jahren zur Sekte gestoßen sind. Die in der Sekte sozialisierten und groß gewordenen Mitglieder sind dann materiell und immateriell an die Sekte gebunden und abhängig von ihr. Eine Trennung ist meist mit viel Kraft, Trauma und psychischen Störungen verbunden.

 

Sekten können ohne eine Zentral, ohne einen Führer nicht funktionieren. Der Führer ist jedoch kein gewöhnlicher Geistlicher, sondern jemand mit “Sonderfunktionen“, die direkt von Gott (!) bereit gestellt werden. So wird der Sektenführer zu einem heiligen, unantastbaren Halbgott, der auf keine Art und Weise kritisiert werden darf.

 

Sekten, die eine bestimmte Mitgliedergröße erreichen, verwandeln sich in modernen Gesellschaften auch zunehmend in Wirtschaftsunternehmen und große Organisationen, die primär Angebote für ihre eigenen Mitglieder generieren aber auch „Öffentlichkeitsarbeit“ leisten, um das Image der Sekte zu verbessern und zu Missionieren.

 

Vergleich mit der Gülen-Bewegung

 

Sektenähnliche Strukturen fangen bereits im Kindesalter mit ihrer Indoktrination an. Durch verschiedene Angebote werden Kinder und Jugendliche in differenzierten Stufen in eine ideologisierte Elite heranerzogen und leben die Lehren ihrer Meister weiter. Eine der bekanntesten und umstrittensten Bewegungen in Deutschland, die eine große Sektenähnlichkeit besitzt, ist die Gülen-Bewegung, auch bekannt als Hizmet-Bewegung.

 

Die Gülen-Bewegung ist seit über 30 Jahren in Deutschland verhüllt aktiv, seit ca. fünf Jahren gibt es erste öffentliche Sprecher oder Einrichtungen für Anlaufstellen.

 

Das Netzwerk der Bewegung ist weltweit bekannt und steuert diverse pädagogische und soziale Einrichtungen sowie Projekte im interreligiösen Bereich. Seit dem Putschversuch in der Türkei 2016 ist die Gülen Bewegung in Deutschland in aller Munde. Das äußere Auftreten der Bewegung symbolisiert wichtige Fundamente, die für ein gemeinsames Miteinander unverzichtbar sind. Integrationsbereitschaft, Dialog, Bildung und Toleranz – alles Schlüsselbegriffe, die von einer verdeckten Indoktrination lenken sollen. Viele Kritiker in Deutschland werfen der Bewegung seit Jahren vor, sektenähnliche Methoden zu verwenden.

 

Aktuell spricht die Bundesregierung von einer Neubewertung der Bewegung, es liegen interne Berichte der deutschen Botschaft aus Ankara vor, die eine Sektenähnlichkeit nochmals unterstreicht. Wenn Strukturen und Merkmale einer funktionierenden Sekte mit der Gülen Bewegung verglichen werden, dann sind deutliche Gemeinsamkeiten erkennbar.

 

Jede Sekte hat einen Meister und strikte hierarchische Strukturen. Der Meister Fethullah Gülen gibt sämtliche Regeln und Lebenspraktiken vor und unterrichtet konstant seine Anhänger mit Inhalten, die direkten Eingriff in das Leben bzw. Privatleben eindringen. Dies berichten u.a. etliche Aussteiger und hochrangige Vertreter. In Sekten ist es üblich, dass der Führer einer Gruppierung niemals kritisiert oder hinterfragt wird. Es gibt kaum kritische Äußerungen oder Publikationen von der Bewegung, die Fethullah Gülen in Frage stellen. Zudem gibt es in der Gruppe ein Weltbild von „gut“ und „böse“. Alle, die der Bewegung folgen, alle Sympathisanten, alle, die nichts hinterfragend von der Bewegung annehmen, alle Förderer und vor allem – alle Anhänger sind die Guten. Auch die Gülen-Bewegung braucht immer ein Feindbild innerhalb ihrer Dichte. Durch die aktuellen Vorkommnisse wird der alte Freund und Partner, die AKP-Regierung als das „Schlechte“ in der Bewegung kommuniziert. Für sektenähnliche Strukturen sind diese schwarz-weiß Gedanken von großer Bedeutung, um die eigene Elite immer in den Mittelpunkt zu rücken. Deshalb setzen sich die Mitglieder einer Sekte gegenseitig unter Druck und kontrollieren sich und ihre Handlungen. In der Hizmet-Bewegung hat jedes Mitglied einen Mentor bzw. einen sog. „Agabey“, übers. großer Bruder.

 

Schon ganz früh werden Kinder und Jugendliche durch die Bildungsarbeit in den sog. Lichthäusern manipuliert. Nachhilfeangebote oder künstlerische Projekte dienen einer direkten Rekrutierung in die Lichthäuser.

 

Die Mentoren kontrollieren die Mitglieder, für die sie selbst verantwortlich sind und stehen gleichzeitig selbst unter Beobachtung.

 

Diese Kontrollen setzen in der Bewegung den Schwerpunkt auf die religiösen oder politischen „Hausaufgaben“:

  • Wie lange war man draußen?
  • Mit wem war man unterwegs?
  • War man diese Woche im Lichthaus? Wenn nein, wieso nicht?
  • Haben die eigenen Eltern, Freunde, Verwandte o.ä. ein Zaman-Abo? (In Deutschland wird diese Zeitung nicht mehr gedruckt. Die Bewegung arbeitet derzeit an neuen medialen Projekten.)
  • Wurde eine bestimmte Anzahl von Seiten aus Fethullah Gülens Büchern gelesen?
  • Befolgt man die eigene religiöse Ideologie?
  • Wurden bestimmte Artikel geteilt und verbreitet, mit Inhalten aus der türkischen Politik?
  • Wurden bestimmte Nachrichtensender, die kritische Beiträge über die Bewegung bringen, sabotiert?
  • Ist man bereit für die Bewegung zu opfern?

 

Das sind nur Beispiele für Fragen bzw. Anweisungen, mit denen sich die Anhänger gegenseitig ausspionieren. Religion wird als emotionales Machtinstrument genutzt, denn ein Widersprechen der Anweisungen durch die Mentoren, wäre ein Widerspruch zum Meister und obligatorisch zu Gott. Soziale Probleme und das Gefühl ausgeschlossen zu sein, schenkt Sekten genug Spielraum, damit sie neue Kumpanen dazu gewinnen. In der Gülen-Bewegung geht es vor allem auch um die „verlorene Religiosität“ und um ein verlorenes Leben im Jenseits. Daher fühlen sich die Sympathisanten der Hizmet-Bewegung gezwungen, auch einen finanziellen Dienst zu leisten und spenden Unmengen an Geld in ihre Ideologie. Oder sie verkauften in der Vergangenheit ihre Zaman-Zeitung in Massen, um die Gedanken des Meisters weiterzuverbreiten. Die Gülen-Bewegung nennt sich selbst eine soziale Strömung.

Sie sagt von sich selbst, dass sie im Dienste Gottes, im Dienste des Ehrenamtes und der Bildung unterwegs sei. Es gibt wenig soziale und ehrenamtliche Gruppen in Deutschland, die Millionen von Euros besitzen und diese in kritische PR-Agenturen wie Burson Marsteller investieren können.

 

Im Rahmen einer „sozialen Bewegung“ sind wirtschaftliche Hilfsmittel, die überwiegend durch die eigenen Mitglieder privat „gespendet“ werden,  in dieser Höhe und für eine solche Maßnahme nur in festen sektenähnlichen Strukturen möglich.

 

 

Informationen zu den Autoren:

 

Umut Ali Öksüz, geboren in Neuss, ist aktiv als Lehrer, Pädagoge, Kinderschutzfachkraft §8a SGBVIII und Blogger. Er ist Autor im Handbuch »Bildungsbrücken bauen – Stärkung der Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund«. Seit über zehn Jahren, 2008, arbeitet er mit Kindern, Jugendlichen und Eltern zusammen. Er ist Referent für die Themen: Bildungschancen, Interkulturelle Bildung, Subkulturen innerhalb der Deutsch-Türkischen Community. Persönlicher Kontakt: info@umutalioeksuez.de. Weitere Informationen: http://www.umutalioeksuez.de

 

Dr. Cemil Şahinöz, Soziologie, Theologe und Religionspsychologe, ist Hauptberuflich als Integrationsbeauftragter und Familienberater tätig. Er hat mehrere Bücher verfasst und analysiert die Gülen Bewegung seit mehr als 10 Jahren.

 

 

Huffington Post, 07.11.2018

https://www.huffingtonpost.de/entry/gulen-bewegung-dialog-zwischen-integrationsarbeit-und-sektenwahn_de_5be2e416e4b0769d24c7b5f3?5r9

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(08.09.2018) Sarrazins feindliche Übernahme des Verstandes

Sarrazins feindliche Übernahme des Verstandes

Thilo Sarrazin. Ein Mann, der es sich auf die Fahne geschrieben hat, den Islam und die Muslime zu diffamieren. Sein zweites Buch trägt den Titel: „Feindliche Übernahme – wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“. Cemil Şahinöz hat das Buch gelesen und sich eine Meinung gebildet.

Der ursprüngliche Verlag wollte das Buch von Thilo Sarrazin nicht drucken. Zu Recht. Dies ist keine Zensur. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Doch Rassismus und Faschismus sind keine Meinung. Sie sind menschenverachtend und Gift für die Gesellschaft. Hass und Feindschaft sind das Ergebnis von Rassismus. Ein friedliches, gemeinsames Miteinander ist dann nicht mehr möglich.

Auf diese Art und Weise liest sich leider das Buch von Sarrazin. In jedem Kapitel spürt man einen puren Hass, ein narzisstisches Hochmut. Die “entwickelten Sarrazins“ auf der einen Seite und die “unterentwickelten Muslime“ auf der anderen Seite. So wie man es sozialdarwinistisch von Sarrazin aus vergangenen Büchern kennt. Die einen sind auf der Evolutionsleiter vorangeschritten, die anderen nicht. Der nächste Schritt wäre, dass man die, die nicht vorangeschritten sind, “einfach ´mal so“ auslöscht, damit die weitere Evolution nicht aufgehalten wird. So kennt man es z.B. aus Briefen von Darwin.

Sarrazin geht nicht so weit. Er ist erst dabei zu erklären, dass Muslime auf der Evolutionsleiter ganz unten sind. So wird auf jeder Seite klischeehaft, vorurteilhaft, ohne jegliche sachliche Überprüfung gegen Muslime und den Islam gehetzt.

Schon aus dem Untertitel und dem Klappentext wird deutlich, dass es Sarrazin nicht um eine objektive oder sachliche Analyse geht. Stattdessen werden negative und populistische Argumente aneinandergereiht.

Es wird ein Szenario entworfen, was oberflächlich folgendermaßen aussieht: Die Anzahl der Muslime in Deutschland wächst. Parallel fällt der Anteil der Nichtmuslime. Irgendwann gibt es mehr Muslime als Christen und mehr Moscheen als Kirchen. Und in diesem Prozess wird alles, was deutsch ist, ausgelöscht. So banal, so ideologisch, so aufgeladen sind die Theorien im Buch. Deshalb schlägt er auch vor, sofort den Zuzug zu stoppen. So relativiert z.B. auch den gegenwärtigen Völkermord an den muslimischen Rohingya. Laut Sarrazin fühle sich die buddhistische Mehrheit eben durch die muslimische Minderheit in ihrer kulturellen Identität bedroht. Genau dieses Szenario, nämlich der kulturellen Entfremdung, zeichnet aber Sarrazin für Deutschland.

Im ersten Kapitel macht sich Sarrazin zum Theologen. Dabei ist seine Interpretation von Koran und der Aussprüche des Propheten Muhammed genauso radikal, wie die der Salafisten, die ebenfalls den Kontext von Textstellen ausblenden. Ein solches wortwörtliches Verständnis des Korans wird von 99% der Muslime abgelehnt. Sarrazin ist das egal, er nutzt dieses wortwörtliche Verständnis, um zu polarisieren. Ein wortwörtliches Koranverständnis kann demnach sowohl zum rechten als auch zum religiösen Fanatismus führen.

Wenn Sarrazin z.B. schreibt, dass in großen Teilen der “muslimischen Welt“ junge Mädchen beschnitten werden oder das muslimische Frauen sich nicht scheiden lassen können oder das eine Heirat unter Verwandten erlaubt sei, ist das kompletter Unsinn und widerspricht sowohl der islamischen Theologie als auch der Praxis. Mit nur wenig Aufwand hätte der Autor überprüfen können, dass diese und andere Fakten komplett gegen das islamische Verständnis sind. Aber auch sonst sind einfache Fakten, wie Ortsnamen, Jahreszahlen, Namensschreibweisen oder Koranverse ebenfalls falsch.

Auch seine gefühlten unendlichen Statistiken, die er auch schon in vergangenen Büchern verwendete, sollen zeigen: der Muslim ist einfach dumm. Das hat er in den Genen. Und die “islamischen Länder“, was immer das auch sein soll, sind rückständig. Dass er dabei in seinen Statistiken sogar Länder, in denen Muslime in der Unterzahl sind, also “islamische Länder“ verkauft, wie z.B. einige afrikanische Länder, ist ihm gelichgültig. Denn wie Winston Churchill schon einmal sagte, „Glaube keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.“ So versucht Sarrazin auf mehreren Seiten mit Zahlen zu “beweisen“, dass der Islam eine Gefahr ist.

Auch hat man an vielen Stellen das Gefühl, dass Sarrazin den Islam als eine Ethnie wahrnimmt. So schreibt er dann immer über „die Muslime“ oder „die Kultur der Muslime“ und lässt völlig außer Sicht, dass der Islam ein Glaube ist und keine Ethnie. Pauschal hat man das Gefühl, dass er insgesamt alle Araber, Türken und Afrikaner als Muslime bezeichnet. Und alle anderen als Nichtmuslime. Dass es aber auch Araber, Türker, Afrikaner gibt, die keine Muslime sind und Millionen von Europäern, Amerikanern und vielen anderen, die Muslime sind, blendet er aus. Denn das würde mindestens die Hälfte seiner Theorien und Statistiken entkräften.

Auch die “Geschichte des Islams“ wird im Buch katastrophal wiedergegeben. Diese Geschichte deckt sich weder mit islamischen Quellen noch mit islamkritischen Quellen, die wenigstens eine sachliche Analyse leisten. Sarrazins “Geschichte des Islams“ dagegen liest sich wie eine Märchenstunde von Goebbels. Frei erfunden, vollgepackt mit Schreckensbildern, ohne jegliche Quelle.

Sarrazin und andere ähnlich argumentierende Autoren überspringen bewusst die vielen Jahrhunderte, in denen islamische Wissenschaftler die Fundamente der heutigen modernen Wissenschaft legten. Insbesondere das Mittelalter wird nur aus der Perspektive Europas betrachtet, als hätte die ganze Welt in dieser Zeitepoche wie Europa stagniert. Intellektuelle, kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften in Andalusien werden dadurch ausgeblendet. Mit dieser Betrachtungsweise entwickelt Sarrazin in seinem Buch eine Überheblichkeit, die an Narzissmus grenzt, und versucht damit dem Islam eine Rückständigkeit vorzuwerfen.

Im letzten Kapitel letztendlich wird Sarrazin zum “Pegida“-Versteher. Rassistische Kritik wird relativiert und die Angst vor dem Fremden wird permanent als Realität verkauft. Pegida, AfD, Reichsbürger und Selbstverwalter werden so zu “besorgten“ Bürger, denen man doch Verständnis zeigen müsste.

Insgesamt ist das Buch leider eine Bestätigung des Erwachens der rechten Kräfte in Europa. Vor 15 Jahren wäre ein solches Buch als Bestseller undenkbar. Zumindest hätte die große Mehrheit das Buch als überteuertes Klopapier genutzt. Gegenwärtig ist die Konjunktur jedoch bestens geeignet für solche sozialdarwinistischen und hetzerischen Thesen.

Cemil Şahinöz, IslamIQ, 08.09.2018

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(01.08.2018) Religion oder Kultur?

Religion oder Kultur?

Wenn man in Deutschland mit Muslimen kommunizierte, dann war es bis vor kurzem noch so, dass man es überwiegend mit Menschen mit türkischen Wurzeln zu tun hatte. Dementsprechend war das Islambild in den Köpfen der Menschen auch geprägt. Alles was “türkisch“ war, galt als “islamisch“ und umgekehrt.

Dass man dabei immer wieder Kultur und Religion verwechselt, wird es deutlich, wenn man auf Muslime aus anderen Kulturen trifft. Muslime aus Syrien, Kanada, Deutschland, China oder Australien sind kulturell sehr unterschiedlich. Ihr Glaube ist der gleiche, doch die Kultur, ihr Umgang im Alltagsleben ist eine andere. Und auch wenn man von dem einen und selben Glauben ausgeht, ist die kulturelle Praxis sehr vielfältig. Auf Grund der Vielfalt des Islams, gibt es auch keine einheitliche Entwicklung der Traditionen, wie Bauer in „Die Kultur der Ambiguität“ anschaulich darstellt.

Diese Unterscheidung ist freilich für einen Nichtmuslim nicht einfach. Wie soll man differenzieren, welche Handlung nun kulturell bedingt ist und welche religiös motiviert geschieht. Trotzdessen ist diese Unterscheidung jedoch im Umgang miteinander und vor allem in gesellschaftlichen Diskursen enorm wichtig.

Denn wer behauptet, die Benachteiligung der Frau wäre ein muslimisches Problem, muss erklären, warum es auf die Sicht und Rolle der Frau – ohne es positiv oder negativ zu konnotieren – zwischen muslimischen, christlichen, jezidischen und anderen Menschen aus der gleichen Region, z.B. aus Syrien, keine Unterschiede gibt. Der christliche Syrer hat die gleiche Sicht auf die Frau wie der muslimische Syrer oder der atheistische Syrer. Weder ist dann bei einer gegebenen Frauenfeindlichkeit die Bibel Auslöser noch der Koran. Ein christlicher Syrer, der frauenfeindlich ist, nimmt sich dieses Recht nicht aus der Bibel, ebenso ein muslimischer Syrer nicht aus dem Koran. Die Rolle der Frau kann für einen deutschen Muslim völlig anders aussehen, als für einen chinesischen Muslim oder für einen irakischen Christen. Weitere Paradebeispiele sind Themen wie Ehrenmord und Zwangsheirat, die hierzulande konsequent mit dem Islam in Verbindung gebracht werden, obwohl auch dies ein kulturelles Problem in bestimmten Regionen dieser Welt ist, ungelöst davon, welche Religion diese Menschen in diesen Regionen haben. Auch hier gilt, weder ist es die Bibel, noch der Koran, dass Zwangsheirat und Ehrenmord gebietet. In jeder Religion sind beide absolut unvereinbar und unverhandelbar. Es ist also an Hand vieler solcher Beispiele ersichtlich, dass hier ein kulturelles Phänomen vorliegt. Kultur und Religion werden bei solchen Beispielen immer wieder vermischt.

Deutlich wird auch, dass, Religion und Kultur selbstverständlich auch eine Schnittmenge haben, denn Religion ist einer von vielen Faktoren, die eine Kultur ausmacht, dass es aber auch Bereiche gibt, die im totalen Widerspruch zueinander stehen. Wenn es hart auf hart kommt, erlebe ich in der Familienberatung, dass sich gefühlte 90% für Kultur entscheiden, und nicht für Religion. In solchen Konflikten heißt es dann nicht, was die Bibel oder der Koran sagt, sondern was die Nachbarn sagen, was die Community sagt oder was Verwandte oder Freunde in der Heimat sagen.

Gleichwohl werden vielerorts jegliche Muslime als Koranexperten oder Theologen wahrgenommen. Wenn Siebtklässler in der Schule als Referatsthema erklären müssen, was nun der Dschihad bedeutet, ist das meistens kontraproduktiv. Genauso wie nicht jeder Christ ein Bibelexperte ist, kann nicht vorausgesetzt werden, dass jeder Muslim den Koran in- und auswendig kennt. Daher bekommt man in Diskussion öfters auch keine theologischen Antworten sondern eher kulturelle, weil die antwortenden Gesprächspartner evtl. keine hinreichenden theologischen Kenntnisse haben. Damit ist nicht der abwertende Begriff Kulturmuslime gemeint, sondern schlicht die Tatsache der theologischen Unkenntnis oder die Beschränkung auf minimale Kenntnisse. Denn viele kulturelle Praktiken berufen sich nicht auf theologische Quellen des Islams, sondern entstehen aus kulturellen Riten und Werten. Die theologischen Quellen sind dabei eindeutig: Koran, Sunna (Die Gewohnheiten des Propheten Muhammed), Meinungskonsens unter den islamischen Gelehrten und Analogieschlüsse.

Auf Grund der gegenwärtigen kulturellen Vielfalt der Muslime in Deutschland und der Globalisierung werden diese Unterschiede jedoch immer deutlicher. Man trifft in Deutschland eben nicht nur auf den türkischen Muslim, sondern auch auf den deutschen oder britischen Muslim, die jeweils ihre eigene Kultur haben. So entsteht in Deutschland eine Heterogenität der Muslime.

Auch die Sprache wird auffällig häufig mit einer Religion verbunden. Dies führt dann zu Irritationen, wenn christliche Araber „Allahu Akbar“ rufen, was schlicht und einfach „Gott ist groß (größer)“ bedeutet. Denn selbstverständlich sagen auch christlicher Araber „Allah“, weil dies die Übersetzung von „Gott“ ist.

Kultur gibt den Menschen eine Orientierung im Alltag. Aber auch Kultur ist ständig im Wandel. Von Generation zu Generation verändert sich Kultur, daher ist sie nichts Statisches und wird in Diskursen immer wieder ausgehandelt. Als die sogenannten Gastarbeiter in den 80´ern in ihre vermeintliche alte Heimat zurückkehrten, hatten sie Integrationsschwierigkeiten, weil sowohl sie selbst als auch ihre Heimat sich schon verändert hatte. So kamen einige nach wenigen Jahren wieder nach Deutschland zu ihrer neuen Heimat wieder zurück. In diesem langjährigen Prozess entsteht auch ein kulturell europäisch geprägter Islam, ohne die Glaubensinhalte oder –Praxis der Religion in Frage zu stellen oder gar sie reformieren zu wollen.

Dr. Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, August 2018

Huffington Post, 07.08.2018
https://www.huffingtonpost.de/entry/religion-oder-kultur_de_5b64b9b9e4b0eb29100e59f2

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(05.07.2018) Seelsorge im Islam

Seelsorge im Islam

 

Die Themen “Islamische Seelsorge“ und “Islamische Wohlfahrtspflege“ sind gegenwärtig die wichtigsten Themen der muslimischen Community in Deutschland und Europa. Aber nicht nur in der muslimischen Community, sondern auch auf der politischen und gesamtgesellschaftlichen Ebene werden diese Themen immer wichtiger. So sind beide Themen schon seit langem auf der Agenda der Deutschen Islam Konferenz, welches von der Bundesregierung organisiert wird.

 

Während im Christentum Seelsorge institutionalisiert und professionalisiert ist, übernahmen diese Aufgabe im Islam die nächsten Familienangehörigen und Freunde. So gibt es im Islam zwar nicht den Begriff der Seelsorge, aber inhaltlich existiert eine Seelsorgetätigkeit.

 

Sowohl im Koran als auch in den Aussprüchen des Propheten Muhammed finden sich viele Bereiche und Methoden der Seelsorge. Das bekannteste Narrativ, das man in diesem Kontext findet, ist folgender: „Allah, der Mächtige und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung dem Menschen vorhalten: ´O Kind Adams! Ich erkrankte, doch Du besuchtest Mich nicht!´ Er wird antworten: ´O mein Herr! Wie hätte ich Dich besuchen können, wo Du doch der Herr der Welten bist?´ Allah wird erklären: ´Hast du denn nicht erfahren, dass mein Diener Soundso krank war, und du ihn nicht besuchtest? Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihn besucht hättest, hättest du Mich bei ihm gefunden! O Kind Adams! Ich bat Dich um etwas zu essen, doch Mir gabst du nichts zu essen!´ Er wird antworten: ´O mein Herr! Wie hätte ich Dir etwas zu essen geben können, wo Du doch der Herr der Welten bist?´ Allah wird erklären: ´Hast du etwa nicht gewusst, dass Mein Diener Soundso dich um etwas zu essen bat? Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihm etwas zu essen gegeben hättest, du sicherlich dafür Meine Belohnung erhalten hättest! O Kind Adams! Ich bat dich, Mir (Wasser) zu trinken zu geben, aber du gabst mir nichts zu trinken!´ Er wird sagen: ´O mein Herr! Wie hätte ich Dir zu trinken geben können, wo Du doch der Herr der Welten bist?´ Allah wird erklären: ´Mein Diener Soundso bat dich um Wasser, doch du gabst ihm nichts zu trinken! Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihm zu trinken gegeben hättest, du deinen Lohn dafür bei Mir gefunden hättest?´“ (Muslim; Nawawi, 896).

 

Der Prophet Muhammed lebte Seelsorge in der Praxis aus. Zeyd, ein kleiner Junge im Umfeld des Propheten, hatte einen Vogel namens Umeyr, den er sehr liebte. Deshalb nannte der Prophet den Jungen auch Abu Umeyr, das so viel bedeutet wie “Vater des Umeyr“. Als Zeyds Vogel starb war er sehr betrübt über diesen Umstand. Daraufhin besuchte ihn der Prophet und übergab ihm seine Beileidsbekundung. In der Biographie des Propheten findet man Dutzende solcher Begegnungen, die Seelsorge widerspiegeln.

 

Diese Traditionen wurden in den muslimischen Gemeinschaften weitergelebt. So entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Alltagsseelsorge. Vor allem die Großfamilie bot den notleidenden Familienmitgliedern Seelsorge an. Öfters war es auch der Dorfvorsteher oder die Imame, die in Not gerufen wurden.

 

Die Ressource, dass die Community, Familie und Freunde Alltagsseelsorge leisten, steht aber in einer globalisierten, ausdifferenzierten Gesellschaft nicht mehr in solch einer Form zur Verfügung. Daher benötigen auch Muslime professionelle Seelsorger, die hierfür ausgebildet wurden.

 

Nicht nur veränderte Familienstrukturen, sondern auch durch die Migration haben sich Problemsituationen ergeben, die stärker eine Seelsorge unter der muslimischen Community bedürfen.

 

So entwickeln sich in Deutschland, aber auch in vielen andern Ländern Europas islamische Seelsorgeprojekte in den verschiedensten Disziplinen. Auch in der Türkei wurde kürzlich ein Kooperationsvertrag zwischen dem Gesundheitsministerium und der Religionsbehörde unterschrieben, demnach Seelsorger nach dem europäischen Modell in einem Pilotprojekt eingesetzt werden.

 

Was jedoch bislang gänzlich fehlt, sind Konzepte für die islamische Seelsorge und allen voran empirische Studien über die bisher angebotenen Seelsorgeprojekte in Deutschland. Diese Lücke soll die Arbeit “Seelsorge im Islam – Theorie und Praxis in Deutschland“ füllen. In der Arbeit wird theologisch und historisch Seelsorge im Islam aufgegriffen und an Hand von Koran, Hadith und Traditionen ein Konzept der islamischen Theologie entworfen.

 

Gleichzeitig gibt es die ersten empirischen Ergebnisse zu Seelsorgeprojekten in Deutschland. Dafür wurden verschiedene Seelsorgedisziplinen, wie z.B. Krankenhausseelsorge, Notfallseelsorge, Gefängnisseelsorge, Telefonseelsorge, Seniorenseelsorge, Flüchtlingsseelsorge, Gemeindeseelsorge, Psychiatrieseelsorge, Militärseelsorge, Onlineseelsorge für diese Arbeit analysiert. Knapp 120 islamische Seelsorgeangebote in Deutschland wurden untersucht, Experteninterviews mit sowohl Seelsorgern als auch mit Ausbildern von Seelsorgern wurden durchgeführt. Fragebögen, Auswertung von Curricula und anderen Dokumenten (über 1000 Dokumente) waren ebenfalls Bestandteil der Arbeit. Auch wurde ein Vergleich mit den Ländern Dänemark, England, Frankreich, Italien, Kanada, Niederlande, Österreich, Schweiz, Türkei und USA gemacht, um zu schauen, wie in diesen Ländern islamische Seelsorge angeboten und durchgeführt wird.

 

Als Fazit kann gesagt werden, dass die islamische Seelsorge in Deutschland dringend standardisiert, professionalisiert und institutionalisiert werden muss. Hierfür muss natürlich auch die finanzielle Frage geklärt werden, da bisher, bis auf eine Handvoll Personen, die Seelsorger ehrenamtlich tätig sind.

 

Gleichzeitig fällt auf, dass viele Projekte, die das Label “Islamische Seelsorge“ tragen, gar keine Einzelgespräche anbieten. Dies ist jedoch der Kern der Seelsorge und darf nicht vernachlässigt werden. Besonders im Bereich der Gefängnisseelsorge ist es auffällig, dass kaum Einzelgespräche mit Inhaftierten stattfinden. Daher ist eine Standardisierung, was Seelsorge ist und was nicht, gerade in der Entstehungsphase der islamischen Seelsorge so wichtig.

 

Da der Aufbau einer solchen institutionalisierten, professionalisierten und standardisierten Seelsorge gegenwärtig eine Mammutaufgabe für die islamische Community in Deutschland ist und alleine nicht bewältigt werden kann, ist es sinnvoll mit christlichen Einrichtungen, die seit Jahrzehnten Seelsorge anbieten und Know-How haben, und der Politik, wie z.B. auf der Bundesebene auf der Deutschen Islam Konferenz aber auch auf der Landesebene, zu kooperieren. In diesem Sinne scheint auch die Gründung eines Spitzenverbandes der muslimischen Wohlfahrtspflege, welches die Seelsorge koordinieren könnte, nicht ganz abwegig zu sein.

 

Dr. Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, Juli 2018

Huffington Post, 31.07.2018
https://www.huffingtonpost.de/entry/dieses-thema-bewegt-muslime-in-deutschland_de_5b4c9b07e4b02538dbcaf457

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(23.02.2018) Trumps Waffenwahn

Trumps Waffenwahn

 

Anstatt die Waffenlobby zu bekämpfen, kommt Donald Trump mit der nächsten Schnapsidee. Nach dem Amoklauf von Parkland schlägt er vor, Lehrer zu bewaffnet und bewaffnetes Sicherheitspersonal in Schulen zu beschäftigen. Das ist also die Antwort des US-Präsidenten Donald Trump auf die ständigen Amokläufe an US-Schulen, bei denen dutzende Schüler/innen und Lehrer/innen brutal ermordet wurden.

Nach Trump könnten bewaffnete Lehrer sich gegen amoklaufende, bewaffnete Schüler wehren. Nach dieser kranken Logik müssten man dann auch alle Schüler bewaffnen, denn es könnte ja sein, dass durch die Bewaffnung der Lehrer einer dieser Lehrer selbst Amok läuft. Wenn man aber alle Schüler bewaffnet müsste man auch die Eltern bewaffnet, wer ja sonst zu gefährlich mit bewaffneten Kindern. Natürlich müsste man dann auch alle Nachbarn, Einzelhändler, Postboten etc. bewaffneten. Das wäre die Konsequenz, wenn man diese Idee fortführt.

Im Türkischen gibt es ein Sprichwort: Ein Dummer schmeißt einen Stein in den Brunnen und 40 Kluge versuchen es, rauszuholen. Bei jedem Trump Tweet oder bei jeder seiner „Erklärungen“ denke ich an dieses Sprichwort. Trump hat eine kranke Idee und alle Welt diskutiert die Idee, während er selbst sich wahrscheinlich dumm und dämlich lacht.

 

 

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(14.07.2017) Halal-Ernährungsfragen der Muslime in der Diaspora. Kreuzkontamination und mit Alkohol benetzte Verpackungen

Halal-Ernährungsfragen der Muslime in der Diaspora

Kreuzkontamination und mit Alkohol benetzte Verpackungen

 

In Gesellschaften mit muslimischer Mehrheit gibt es theologische Fragen, die sich für Muslime gar nicht erst stellen. Wenn man z.B. in einem Land mit überwiegend Muslimen in einem Lokal fragt, ob das Fleisch halal geschächtet ist, wird man entweder verdutzt angeguckt oder beleidigt. Der Kellner erwidert dann, „Glaubst du, ich bin kein Muslim?“ Obwohl die Frage nach einer Halal-Schächtung auch in Ländern mit überwiegend Muslimen gerechtfertigt und legitim. Immer wieder gibt es in solchen Ländern Skandale, wie z.B. dass in bestimmten Fleischsorten, Fleisch von ganz anderen Tieren gefunden werden.

 

Für Muslime, die in Ländern mit überwiegend Nichtmuslimen leben, sind solche Fragestellungen schon im Alltag verankert. Da schaut man in die Zutatenliste und kontrolliert Gelatine oder Emulgatoren, Aromen oder Ethanol. Wie eben ein Vegetarier, Veganer, Allergiker oder auch Ex-Alkoholiker, der kein Tropfen Alkohol zu sich nehmen darf.

 

Bei all diesen Fragestellungen ergeben sich aber auch durch Unkenntnis Problematiken. Vor allem da, wo es in der vermeintlich islamischen Welt keine Antworten auf bestimmte Fragen gibt, weil sie eben, wie oben dargestellt, weder gesellschaftlich noch theologisch gestellt werden.

 

Solche Fragestellungen sind gegenwärtig die Themen Kreuzkontamination oder auch mit Alkohol benetzte Verpackungen.

 

Dabei sind das gar keine neuen Fragen. Die Frage der Kreuzkontamination ist uralt. Auch zu Zeiten vom Propheten Adam oder vom Propheten Muhammed konnte man sich die Frage stellen, was passiert, wenn sich Lebensmittel absolut unbewusst vermischen. Solch eine Situation gibt es ja nicht seit der modernen Technik, sondern eben seit es Menschen gibt. Wir finden aber in keiner einzigen Quelle eine solche Fragestellung. Obwohl die Gefährten des Propheten Muhammed ihn sehr viele Details befragt haben, gibt es dazu keine einzige Erzählung. Und auch der Prophet Muhammed hat – wie es ja theologisch völlig legitim ist – das geschächtete Fleisch der Ahl-u Kitap gegessen, obwohl man ja auch hier die Frage stellen könnte: „Oh Prophet, wir essen zwar das geschächtete Fleisch der Ahl-u Kitap, aber diese essen ja auch Sachen, die haram sind, kann es nicht sein, dass bei der Zubereitung diese vermischt werden?“ Eine solche Frage wäre absolut legitim. Sie gibt es aber nicht. Weil der Islam keine Religion der “Unmöglichkeiten“ oder gegen jede menschliche Natur ist. Der Islam beachtet die Lebensrealität und ist lebensförderlich und nicht lebensfeindlich

 

Auch spätere Gelehrte haben sich so eine Frage nie gestellt, weil es den Grundideen des Islams wiederspricht. Denn Kreuzkontaminationen passieren jeden Tag und überall. Ständig. Es ist völlig unmöglich diese zu vermeiden. Daher antworten die Hersteller von Produkten auch immer, dass sie es nie 100% ausschließen können. Wie denn auch. Es geht hier um Partikel, Substanzen, kleinste (mit dem Auge unmöglich ersichtlichen) Teile. Wir sprechen also bei Kreuzkontaminationen von wirklich absolut geringen (!!) Mengen, die vor allem nicht bewusst, sondern unbewusst (!!) in ein Produkt gelangen könnten (!!), weil Partikel davon auf dem Tisch (!!) sind.

 

Die Situation ist also uralt. Aber die Frage ist neu. Woran liegt das? Im Grunde ist dies ein Ergebnis von modernen Gesellschaften im soziologischen Sinne. Mit der Modernisierung und Industrialisierung hat sich der Islam von einer Lebensweise in eine mathematisch-durchdachte, Schablone-artige Weise umgewandelt. Eingebüßt hat dabei der Geist, die Spiritualität der Religion. Dies ist der Hauptfaktor auch für die Entstehung von politischen Verfärbungen des Islams.

 

Ein anderer Faktor sind leider die sozialen Netzwerke. Hier wird vieles unwissend verbreitet, ohne sich mit den Themen und vor allem Inhalten auseinanderzusetzen. Da werden dann z.B. in dieser Thematik uralte Schreiben kopiert, ohne sie inhaltlich verstanden zu haben und in die gesamte Welt verschickt und als “neu“ verkauft. Dies führt wiederum zu Verwirrung.

 

Gleichzeitig  haben sich, wie oben schon angedeutet, durch die Auswanderung von Muslimen in Ländern mit überwiegend Nichtmuslimen neue Fragestellungen ergeben. Neue Fragen wurden im Alltag wichtig. Fragen, die in der alten Heimat unbedeutend waren, wie die Frage nach dem Fleisch, dass Eingangs beschrieben wurden.

 

Neue Fragen des Alltags bedürfen neue Antworten. Die Frage nach Halal-Fleisch in der Dönerbude wird für einen Muslim erst dann bewusst, wenn er in der Diaspora lebt. Daher gibt es solche “Diaspora-Fragen“, also Fragen, die im “Ausland“ entstehen. Die meisten dieser Fragen sind sehr wichtig und richtig, manche aber total überflüssig.

 

Zu diesen überflüssigen Fragen gehört auch die Frage nach Verpackungen, die mit Alkohol benetzt sind. „Ist das Produkt in der Verpackung dann noch halal?“ wird dann gefragt… solange man die Verpackung nicht isst!

 

 

Cemil Şahinöz

 

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(14.07.2017) Wie religiös ist die Türkei?

Wie religiös ist die Türkei?

In den letzten Jahren haben in der Türkei sozialwissenschaftliche und religionssoziologische Studien, die empirisch arbeiten, zugenommen. Der gesellschaftliche Wandel in der Türkei hat auch Institutionen und Einrichtungen hervorgebracht, die diesen Wandel soziologisch untersuchen. Vor allem die Religiosität der Türken in der Türkei steht dabei im Fokus.

 

Hierzu gab es bereits 2014 eine breit angelegte Studie mit dem Titel “Religiöses Leben in der Türkei“. Diese Studie wurde von Diyanet (2014) – dem Präsidium für Religionsangelegenheiten in der Türkeiin Kooperation mit dem Statistischen Amt der Türkei durchgeführt. 21632 Personen in 81 Provinzen wurden damals befragt. Die Studie wurde aufgeteilt in sechs Bereiche: Religiöse Identität, Glaube, Gottesdienst, Religionswissen, Leben und Religion, Religiosität.

 

2017 gab es eine ähnliche Studie, die vom Forschungsinstitut MAK (2017) durchgeführt wurde. Auch hier wurde die Religiosität der Befragten abgefragt. Die Studie wurde in 30 Großstädten (Ağrı, Aksaray, Artvin, Bayburt, Bitlis, Bolu, Düzce, Elazığ, Giresun, Gümüşhane, Karaman, Karabük, Kars, Kastamonu, Kırıkkale, Kırklareli, Kütahya, Nevşehir, Osmaniye, Sinop, Bilecik, Yozgat und Uşak), 23 Provinzen und 154 Distrikten durchgeführt. 5400 Personen wurden Face-to-Face befragt. 53,5% der Befragten sind männlich, 46,5% weiblich.

 

An dieser Stelle sollen die Ergebnisse beider Studien (da, wo es geht) verglichen und ein kurzes Fazit gezogen werden. Der Fokus liegt dabei auf der aktuelleren Studie, welches mit der Studie von 2014 verglichen wird.

 

86% der Teilnehmer geben an, dass sie irgendeiner Religion angehören. 6% bezeichnen sich als Deisten. 4% sind Atheisten und weitere 4% Agnostiker. Zum Vergleich: In der Studie von 2014 gaben 99,2% der Teilnehmer an, dass sie Muslime sind und 98,7% hatten keinen Zweifel darüber, dass es einen Schöpfer gibt. 87,5% bezeichneten sich als religiös. 20,9% gaben an, dass es egal ist, was oder wie sie glauben, solange sie moralisch korrekt sind. Insgesamt ist dies ein deutlicher Rückgang. Zudem gaben 2014 die Befragten zur Frage nach ihrer islamischen Rechtsschule an, dass sie 77,5% hanafitisch, 11,1% schafiitisch, 1% caferitisch, 0,3% malikitisch und 0,1% hanbalitisch sind. 6,3% gaben an, dass sie keiner Rechtsschule angehören und 2,4% wussten ihre Zugehörigkeit nicht.

 

75% der Befragten geben an, dass sie an die Offenbarungen und Engel Gottes glauben, 15% glauben nicht daran und 10% wissen es nicht. In der Studie von 2014 sagten 96,5% aus, dass alles, was im Koran steht, richtig ist und für alle Zeiten seine Gültigkeit behält. 95,3% glaubten an die Existenz von Engeln, Dschinn und Teufel. Auch hier ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen.

 

Interessanter wird es, wenn man den Bezug zum Koran abfragt. Nur 25% sagen, dass sie den Koran zu Hause haben und lesen. 32% haben den Koran zwar zu Hause, lesen ihn aber nicht. 33% haben gar keinen Koran zu Hause und 10% haben gar keinen Bezug dazu. Dass bedeutet, nur 55% haben einen Koran zu Hause. Angesichts der Wahrnehmung der türkischen Gesellschaft scheint diese Zahl niedriger als erwartet zu sein. 32% können den Koran lesen, 54% nicht. 14% machen keine Angabe dazu. 25% besuchen einen Korankurs, 65% keinen. 10% geben keine Antwort dazu. 10% haben den Koran schon einmal auf Türkisch gelesen, 60% haben ihn nicht gelesen und 23% beantworten die Frage nicht. Bei der Studie 2014 sagten 41,9% aus, dass sie den Koran auf Arabisch lesen können.

 

Der Anteil der Befragten, die glauben, dass Gott einen Propheten schickte, beträgt 63%. 20% sagen, dass sie den Propheten Muhammed nicht in allen Lebenslagen zum Vorbild nehmen. 9% glauben an keine Prophetenschaft und 8% machen keine Aussage dazu. 2014 sagten noch 97,7%, dass sie an die Prophetenschaft Muhammeds glauben.

 

23% haben schon einmal die Biographie des Propheten Muhammed gelesen. 65% haben sie nicht gelesen. 12% machen keine Angaben dazu.

 

55% glauben an den Schicksalsbegriff. 15% gehen davon aus, dass alles determiniert ist. 10% sagen, dass der Mensch sein eigenes Schicksal macht, 10% glauben nicht ans Schicksal und 5% wissen es nicht. Auch hier der Vergleich: 98% bestätigten 2014, dass alles mit Gottes Willen geschieht.

 

73% glauben an ein Leben nach dem Tod. 10% glauben nicht, dass es ein jüngstes Gericht geben wird. 10% glauben an keine Auferstehung und 8% interessieren sich nicht dafür. 2014 sagten 96,2%, dass sie an ein Leben nach dem Tod glauben.

 

Auf die Frage, ob sie sterben wollen würden, wenn man ihnen das Paradies garantieren würde, sagen 15% „Ja“. 65% sagen „Nein“ und 20% können sich nicht entscheiden.

 

32% geben an, dass sie zum Freitagsgebet und an besonderen Nächten zur Moschee gehen. 30% gehen nie in eine Moschee. 12% nur an den Festtagsgebeten am Ramadanfest und Opferfest. 13% gehen regelmäßig in die Moschee. 13% geben keine Antwort dazu.

 

Die Grundsäule des Islams ist das 5-mal-tägliche Beten (salat). 22% sagen, dass sie 5-mal täglich beten. Exakt der gleiche Anteil von 22% ergibt sich bei den Personen, die nie beten. 26% beten ab und zu, 26% beten das Freitagsgebet und Festtagsgebete. 6% antworten nicht. 2014 gaben 42,5% an, dass sie 5-mal am Tag beten und 16,9% sagten, dass sie das rituelle Gebet nicht einhalten. 57,5% besuchten regelmäßig das Freitagsgebet. 74,4% fühlten sich unwohl, wenn sie keine Gottesdienste machen. 7,9% sagten, dass eins der wichtigsten Kriterien für Religiosität es ist, an wichtigen religiösen Tagen Gottesdienste abzuhalten

 

Der Anteil der Ausführenden erhöht sich bei den Fürbittgebeten (dua). 75% geben an, dass sie Fürbittgebete machen. 10% gelegentlich, 6% nie und 4% machen keine Aussage dazu. 2014 machten 92,5% Fürbittgebete, auch ohne einen speziellen Grund hierfür zu haben.

 

Auch beim Fasten ist ein hoher Anteil ersichtlich. 45% sagen, dass sie fasten. 25% fasten gelegentlich. 30% fasten nie und 10% verweigern die Antwort. 2014 gaben 83,5% an, dass sie fasten, wenn es ihre Gesundheit zulässt.

 

30% beziehen ihre Religionskenntnisse aus theologischen Büchern. Für 45% sind Internet und Fernsehen die Quelle ihrer Informationen. 20% fragen jemanden, dem sie zuschreiben, dass er es wissen müsste. 5% antworten nicht. 2014 sagten 47,4%, dass sie ihr religiöses Wissen größtenteils im Alter von 6 bis 10 Jahren angeeignet haben.

 

15% sehen sich zu einer islamischen Gruppierung zugehörig. 60% haben keinen Bezug. 25% machen keine Angaben dazu.

 

Auch zur Gülen Bewegung gibt es eine Frage. Es wird gefragt, ob die Bewegung dazu geführt hat, dass man skeptisch gegenüber religiösen Gruppierungen geworden ist. 35% bejahen diese Aussage. 50% sagen daher, dass der Staat solche Gruppierungen prüfen müsse. 12% sagen, dass sich für sie nichts verändert hat und 3% sind unentschlossen. 2014 sagten 50,5%, dass religiöse Gruppen wichtig sind.

 

51% der Befragten sagen, dass die Religion bei der Wahl des Ehepartners wichtig ist. Da der Anteil der Praktizierenden nicht so hoch ist, kann hier davon ausgegangen werden, dass Religion teilweise als Kultur aufgefasst wird, obwohl Kultur und Religion auch im Widerspruch zueinander stehen können. 24% sagen, dass Religion bei der Wahl des Ehepartners teilweise wichtig ist. Für 20% ist es nicht wichtig und 5% sind unentschlossen. 2014 sagten 92%, dass nach der standesamtlichen Trauung, auch die Trauung vor einem Imam stattfinden muss.

 

30% wünschen sich, dass ihre Ehepartner genauso religiös sind, wie sie selbst. 45% wünschen sich, dass der Ehepartner religiöser ist als man selbst und 15% weniger als man selbst. 10% ist der Anteil der Unentschlossenen.

 

Bei der Begrüßung sagen 41% „Assalamu Alaikum“, 24% sagen „Hallo-Guten Tag“, 30% sagen „Wie geht´s?“ und 5% geben keine Antwort dazu.

 

Interessant ist der Anteil der Personen, die sagen, dass der Politiker, den sie wählen, religiös sein sollte. Für 51% ist dies wichtig. Religion wird hier verknüpft mit Vertrauen und Ehrlichkeit, welches sie dann von den jeweiligen Politikern erwarten. 24% sagen, dass es teilweise wichtig ist. 20% sehen es nicht als wichtig an und 5% machen keine Aussage dazu.

 

54% bejahen die Frage, ob sie sich einen Khalifen wünschen. 40% sagen „Nein“. 6% machen keine Angaben dazu.

 

90% geben an, dass sie es bereuen, wenn sie sündigen. Dies scheint ein sehr hoher Wert zu sein. 2% bereuen es nicht und 8% geben gar keine Antwort dazu. 2014 waren 46% der Meinung, dass Gebotenes und Verbotenes im Kontext der Gegenwart noch einmal bedacht werden müsste.

 

65% machen die Ganzkörperwaschung, die in bestimmten Situationen eine theologische Notwendigkeit darstellt. 17% machen es ab und zu, 13% wissen nicht, was das ist und 5% haben keine Meinung dazu.

 

Aus der Studie von 2014 gab es noch weitere Ergebnisse, die hier aber nicht vergleichbar sind: 85% sagten, dass sie die Pilgerfahrt nach Mekka machen würden, wenn sie die Gelegenheit dazu finden. 72% der Teilnehmer machten jährlich ihre Zakat-Abgaben. 71,6% der Frauen bedeckten sich. 69,5% schlachteten ein Opfertier zum Opferfest, wenn sie dazu in der Lage sind. 61,5% gaben an, dass durch den Laizismus der Islam frei gelebt werden kann. 7,1% gaben an, dass es nicht gegen das (religiöse) Recht eines anderen verstößt, wenn man sich nicht an die Verkehrsregeln hält. 6,4% waren der Meinung, dass es keine Sünde ist, Alkohol in einer Menge zu trinken, welches nicht betrunken macht. 11,7% glaubten, dass unislamische Praktiken nötig sind, um sich vom Einfluss von bösen Blicken zu befreien.

 

Diyanet führte 2014 eine weitere Studie durch (vgl. Akgün, 2014). Diese kam zum Ergebnis, dass viele Praktiken (Aberglaube, Riten usw.) einen vorislamischen Hintergrund haben. 1380 unterschiedliche Praktiken konnten dazu festgestellt werden. Die meisten thematisierten die Familie. 335 Aberglauben und Riten in Bezug auf Familie konnten gefunden werden. Die Bereiche lassen sich insgesamt aufteilen in: 335 Familie, 319 Glück und Unglück, 272 Beerdigung, 78 Gesundheit, 73 Grabmal, 49 Frühlingsfest Hıdırellez, 39 Leben nimmt einen positiven Weg ein, 36 rituelles Gebet (salat), 31 Böser Blick, 26 Fürbittgebet (dua), 25 Opfer, 23 Pilgerfahrt, 17 Religiöse Tage, 12 Gäste, 12 Feiertage, 9 Zauber, Fluch, 9 Dschinn, Geister, 8 Aschura, 7 Gebotenes-Verbotenes, 6 Amulett, 2 Sonnen- und Mondfinsternis.

 

Fazit: Insgesamt ist ein deutlicher Rückgang, sowohl in Bezug auf die Glaubensinhalte als auch in der Orthopraxie ersichtlich. Dass heißt, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis (in der Umsetzung im Alltag) gibt es große Differenzen und einen großen Rückgang in der Religionsausübung.

 

Auch wenn die Diyanet-Studie viel repräsentativer ist als die MAK Studie, da sie umfangreicher und in der gesamten Türkei durchgeführt wurde, ist in der MAK Studie eine Tendenz ersichtlich. Die türkische Gesellschaft wird nicht unbedingt religiöser[1]. Studien zu anderen Themen belegen eine steigende Wirtschaftlichkeit, Verstädterung und Modernisierung der Türkei. Doch die Religiosität schwankt.

[1] Die Schwankung der Religiosität kann aber auch das Ergebnis unklarer Begrifflichkeiten sein oder nicht eindeutiger Fragetexte der Forschungen.

 

 

Literatur:

  • Akgün Z. (2014): Hurafeler inanç eksikliğinin göstergesi. In: Moral Dünyası, September 2014, S. 32-35
  • Diyanet (Hrsg.) (2014): Türkiye´de dini hayat araştırması. Ankara: Diyanet
  • MAK (Hrsg.) (2017): Türkiye´de toplumun dine ve dini degerlere bakisi. Ankara: MAK

 

Cemil Sahinöz, Islamische Zeitung, 14.07.2017

https://www.islamische-zeitung.de/wie-religioes-ist-die-tuerkei/

Huffington Post, 16.07.2017

http://www.huffingtonpost.de/cemil-sahinaz/wie-religioes-ist-die-tue_b_17473706.html

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(03.07.2017) Scharia vs. Grundgesetz? Ein Lebensweg und kein Grundgesetz

Scharia vs. Grundgesetz?

Ein Lebensweg und kein Grundgesetz

 

 

Diskussionen auf dem Bild-Niveau sprechen immer davon, dass für Muslime die Scharia über dem Grundgesetz steht. Die Muslime würden sich daher nicht an das Grundgesetz halten, sondern an die Scharia und an den Koran.

 

Was in Diskussionen auf diesem Niveau nicht behandelt, ja nicht einmal hinterfragt wird, sind Fragen, was überhaupt die Scharia ist, was es genau bedeutet, was es heißt, es mit dem Grundgesetz zu vergleichen.

 

Dabei ist die Scharia, nicht wie immer wieder angenommen, ein Regelwerk oder ein Grundgesetz, sondern es ist eine Lebensweise der Muslime. Wortwörtlich übersetzt heißt Scharia „der Weg zur Tränke“, sinngemäß heißt es „der gerade Weg“. Es ist also ein “Weg“, eine Lebensweise, eine Lebensphilosophie. Ein Weg, der zur Weisheit und Reife führen soll.

 

Ich habe nicht vor, eine Abhandlung über die Scharia zu schreiben. Aber zum Verständnis nur kurz: Die (Rechts)Quellen der Scharia sind der Koran (Offenbarung Gottes), die Sunna (Taten und Aussprüche des Propheten), Idschma (Konsens der islamischen Rechtgelehrten) und Qiyas (Analogieschluss). Die Scharia ist daher ein System, das aus diesen Quellen geschöpft wird.

 

An Hand dieser Quellen sehen wir aber, dass 99% der Scharia aus Moral, Ethik, Gottesdienst, Jenseits und Tugend besteht. Daher ist die Scharia keine bloße Rechtsordnung oder ein Gesetzbuch, sondern eine Lebensweise. So ist die Scharia auch nicht verschriftlicht oder kodifiziert. Wer nach einem “Sharia-Gesetzbuch“ sucht, sucht also vergebens.

 

Ohnehin war die Scharia oder der Koran noch nie in den muslimischen Gemeinschaften das Grundgesetz. Noch nie hat der Koran das Grundgesetz ersetzt. Jedes Land, in dem überwiegend Muslime lebten, hatte selbstverständlich ein Grundgesetz. So z.B. als der Prophet Muhammed in Medina “regierte“. Hier wurde nicht die Scharia als Gesetzbuch genommen, sondern eine Verfassung, die alle Religion und Kulturen mitberücksichtigte.

 

Naturgemäß ist es so, dass das Grundgesetz vom Koran inspiriert war. So wie auch gegenwärtig viele Grundgesetze in Europa und der Welt von der Bibel, oder das Grundgesetz in Israel von der Thora inspiriert sind. Grundlegende Werte, wie Demokratie, Meinungsfreiheit oder Menschenrechte sind aus den Offenbarungen inspiriert. So haben auch muslimische Gemeinschaften ihre Inspiration aus dem Koran geschöpft. Dabei waren die Grundsätze „Jeder ist frei in seiner eigenen Religion“ und „Jeder ist frei in der Religionsauslebung“ nicht nur bloße Theorien, sondern gelebte Praxis. Dies sehen wir auch beim Propheten Muhammed, der in Medina als Oberhaupt der Bevölkerung, die Christen und Juden ihre Religion ausüben lies. Die Rechte der Christen und Juden zur Religionsausübung waren in der o.g. Verfassung fest verankert.

 

Auch gab es in der Geschichte nie ein Land, eine Nation oder eine Gemeinschaft, dass sich “Islamisches Land“ oder ähnlich bezeichnete. Als der Prophet Muhammed nach Yathrib kam, wurde der Name in Medina umgeändert, was einfach nur “Stadt“ bedeutet. Auch das Osmanische Reich, welches 623 Jahre herrschte, nannte sich in all diesen Jahrhunderten nicht “Islamischer Staat“. Daher kann sich keine Gemeinde, Nation oder Land heute das Recht nehmen, sich so zu bezeichnen. Nicht Länder, sondern Personen sind muslimisch.

 

Daher sind Diskussionen, ob die Scharia mit dem Grundgesetz vereinbar ist, kompletter Unsinn und zeigen nur eine große Unkenntnis gegenüber dem Islam. Sie dienen häufig nur als Polemik und sollen eine gewisse Islamophobie verschleiern.

 

 

Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, Juli 2017
https://www.islamische-zeitung.de/ein-lebensweg-und-kein-grundgesetz/

cemil@misawa.de

https://www.facebook.com/CemilSa

 

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(04.05.2017) Christoph Kolumbus – Entdecker oder Völkermörder

Christoph Kolumbus – Entdecker oder Völkermörder

 

 

Entdecken bedeutet, dass man Etwas, was zwar existiert, aber unbekannt ist, findet. Laut dem Duden ist es das Finden von etwas Verborgenem. Etwas, was also unbekannt und verborgen ist.

 

Amerika war 1492, als Christoph Kolumbus sich verirrte (er wollte eigentlich nach Indien) und dort landete, selbstverständlich nichts Unbekanntes oder Verborgenes. Viele andere Völker hatten sich schon Jahrhunderte vorher dort niedergelegt und lebten dort weiterhin.

 

Als Kolumbus also in Amerika ankam, lebten schon die Indianer auf diesem Lande. Deren Vorfahren waren Jahrhunderte zuvor von Asien nach Amerika gereist. Auch viele isländische Gruppen waren vor Kolumbus in Amerika gelandet und hatten sich Städte aufgebaut.

 

Das Wort “Entdecken“ ist also nur aus Sicht Europas zu verstehen. Ansonsten hat Kolumbus nichts entdeckt, was nicht vorher schon bekannt war.

 

Fern von Entdeckungsdiskussion ist jedoch ein ganz anderes Problem zentral. Was machte der “Entdecker“ Kolumbus als er in Amerika landete?

 

Im Grunde begann ein flächendeckender Kolonialismus Amerikas. Die Indianer (Native Americans) wurden brutal verfolgt und massakriert. Völkermord ist wohl der Begriff, der das ganze am treffendsten beschreibt.

 

Nicht nur, dass die Indianer enteignet wurden, sondern man brachte auch Tausende Sklaven aus Afrika zum “neuentdeckten“ Land. Alkohol war dabei ein wichtiges Tauschmittel. Sowohl die einheimischen Indianer als auch die neukommenden Afrikaner wurden mit Alkohol betäubt. Noch heute ist der Alkoholkonsum, parallel mit erhöhten Depressionen, eins der größten Probleme der noch lebenden Indianer in Amerika.

 

Auch gegenwärtig befinden sich Indianer in Amerika in einem vergleichbar sehr schlechten Zustand. Rassismus und Chancenungleichheit ist für sie genauso verbreitet, wie für Afroamerikaner. Bis heute werden sie nicht als die eigentlichen einheimischen Amerikas behandelt und für den Völkermord nicht entschädigt.

 

Cemil Sahinöz

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(29.03.2017) Inside Islam? Outside Islam. Ein Moscheereport.

Heute habe ich den „Moscheereport“ von Constantin Schreiber erhalten. Eigentlich hatte ich vor, eine ausführliche Analyse des Reports zu machen, doch nach den ersten 70-80 Seiten des Buches erübrigte sich dies.

Warum?

Der Moscheereport geht nach folgendem Muster vor. Erst wird kurz berichtet, was weltweit in der Woche der Freitagspredigten passierte. Dann wird die jeweilige Moschee vorgestellt, es folgt eine Transkription der Freitagspredigt und danach eine Diskussion/Interview über diese Predigt.

Wo liegt das Problem?

Die Predigten behandeln theologische Phänomene. Sie sind in einem theologischen Kontext zu verstehen. Sie widerspiegeln keine aktuellen politischen Debatten wieder. Doch genau dies wird in den Interpretation der Predigten gemacht. Wenn z.B. der Imam von unmoralischen Verhaltensformen spricht (so wie in der Kirche, Synagoge oder jeder Ethik-Konferenz auch), wird dies so interpretiert, als sei hier die deutsche Gesellschaft gemeint. Dies sei dann ein Zeichen für Desintegration.

Leider hält das Buch bis zum Ende dieses Format bei. Dementsprechend sind die Ergebnisse. Theologische Aussagen werden vom Kontext gerissen und in aktuell politische Statements umgewandelt. Ein fataler Fehler. Von Wissenschaftlichkeit und Neutralität zeugt das nicht gerade.

Hier ein Beispiel: An einer Stelle spricht ein Imam von der „Verwerflichkeit von allem Neuen“. In der islamischen Theologie nennt man dies Bid´a. Gemeint ist damit, dass es theologisch nicht erlaubt ist, neue islamische Rituale in den Islam einzuführen. Dieses „Neue“ gilt als „verwerflich“. Es geht hier also nur um neue Rituale, Aberglauben usw.
Der Autor jedoch interpretiert diesen theologischen Begriff als einen gesellschaftlichen Begriff und glaubt, dass damit alles Neue aus der Gesellschaft verwerflich sei. Das führt dann zu dem Ergebnis der Integrationsverweigerung.

Anderes Beispiel: Ein Imam spricht von Yazid. Einem Tyrannen aus der Geschichte. Der Autor versteht hier aber Jesiden und interpretiert, dass der Imam gegen Jesiden hetzt. Ein schwerwiegender Fehler.

Leider gibt es mehr als eine Handvoll solcher erheblichen Fehler.

Umso erstaunlicher ist es, dass Constantin Schreiber an mehreren Stellen den Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung, welches wissenschaftlich methodisch sauber vorangegangen ist und vor allem repräsentativ ist, kritisiert und seine eigenen wenigen Moscheebesuche als repräsentativ darstellt.

Selbstverständlich hat das Buch keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Dem „Durchschnittsleser“ wird dies aber nicht viel interessieren. Die Wirkung des Buches ist daher nicht gut. Immerhin geht es hier um eine Community, der mehr als 5 Millionen Menschen in Deutschland angehören. Da hätte man viel genauer hingucken und theologische Texte in ihrem Kontext sehen müssen.

Cemil Şahinöz

IslamIQ, 20.04.2017

Islamische Zeitung, 20.04.2017

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(22.02.2017) Jesusvorstellung im Islam und die Trinitätslehre

religion-betrifft-uns-1-2017

Religion betrifft uns, Schulheft für den christlichen Religionsunterricht, 1/2017, S. 24

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