(09.12.2022) Sadschda – Höchst mögliche Erniedrigung oder Stärkung durch Offenbarung der eigenen Schwäche?

Sadschda – Höchst mögliche Erniedrigung oder Stärkung durch Offenbarung der eigenen Schwäche?

Beim rituellen Gebet (salat) werfen sich Muslime nieder. Diese Niederwerfung (sudschud oder sadschda genannt) beinhaltet, dass Stirn, Nase, Hände, Knie und Zehen gleichzeitig den Boden berühren. In dieser Position sagt der Gläubige dreimal „Preis sei meinem Herrn, dem Allerhöchsten“ (Subhana rabbijal-ala).

Diese Niederwerfung könnte äußerlich betrachtet als eine Erniedrigung wahrgenommen werden. So sieht man öfters auf historischen Tafeln und Zeichnungen, die die entfernte Vergangenheit abbilden sollen, Sklaven oder Diener, die sich vor ihren Herrschern, z.B. vor den Pharaonen, verbeugen oder niederwerfen.

Auch später zum Islam konvertierte Menschen berichten manchmal, dass sie vor der ersten Sadscha gemischte Gefühle hatten. Vor allem Personen, die sich beruflich in höheren Positionen fühlen, mussten sich erst überwinden und das eigene Ego begießen, um sich niederzuwerfen. Nach der Niederwerfung berichten sie jedoch, dass sie eine große Erleichterung und einen großen inneren Frieden spürten.

Was also äußerlich vielleicht als Erniedrigung betrachtet werden könnte, führt zum genauen Gegenteil. Jedoch trifft dieses Gefühl nur dann zu, wenn die Niederwerfung vor dem Schöpfer stattfindet, und nicht vor einem Menschen.

Sich selbst ständig makellos und perfekt zu betrachten, ist erschöpfend. Wenn man jedoch seine eigene Schwäche akzeptiert, kann man daraus Kraft schöpfen. In dem Moment, in dem der Mensch seine Schwäche wahrnimmt und sich vor dem Schöpfer niederwirft, seine Stirn den Boden berührt, offenbart er seine Hilflosigkeit. Mit dieser Verbeugung und Offenbarung, erlebt er jedoch keine Erniedrigung, sondern einen Aufstieg. Er legt sich selbst damit in die Hände des Barmherzigen Gottes und erhält durch seine Allmacht Größe in der Schwäche.

Laut Überlieferungen des Propheten Muhammed, ist der Mensch in der Position der Niederwerfung dem Schöpfer am Nächsten. So heißt es in einem Hadith: „Der Diener ist seinem Herrn in der Niederwerfung (im Gebet) am nächsten, also verrichtet oft die Bittgebete, während ihr euch niederwerft!“ (Muslim, Salat, 215, 482; Abu Dawud, Salat, 152, 875).

Wie Babys, die durch ihre Schwäche die Barmherzigkeit ihrer Eltern magnetisch anziehen, zieht der Mensch, der seine Schwäche durch die Niederwerfung offenbart, die Barmherzigkeit Gottes auf sich. Gottes Gnade erhalten wir also, weil wir unendlich schwach und Er unendlich barmherzig ist.

Unsere unendliche Schwäche gilt aber nur in der Stillung unserer Bedürfnisse. Da ist der Mensch ein höchst schwaches Wesen. In Bezug auf seine Position innerhalb der Schöpfung, kann er jedoch als Stellvertreter Gottes auf Erden (khalifa) zur wichtigsten Frucht der Schöpfung erlangen, wenn er eben seine eigene Schwäche wahrnimmt und akzeptiert.

Dem Grad unserer Schwäche und Hilflosigkeit entsprechend, lässt Gott Seine Barmherzigkeit erscheinen, eilt uns zur Hilfe und wird somit für uns zur größten Hoffnung und zum stärksten Licht.

Gott, der uns sowieso näher ist als unsere eigene Schlagader (Koran, 50:16), ist uns also im Moment der Schwächeoffenbarung am nächsten. Im dem Er mit seiner Barmherzigkeit uns so nah ist, macht er den schwachen Menschen zu einem starken Menschen.

Dr. Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, Dezember 2022

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