(01.08.2018) Religion oder Kultur?

Religion oder Kultur?

 

Wenn man in Deutschland mit Muslimen kommunizierte, dann war es bis vor kurzem noch so, dass man es überwiegend mit Menschen mit türkischen Wurzeln zu tun hatte. Dementsprechend war das Islambild in den Köpfen der Menschen auch geprägt. Alles was “türkisch“ war, galt als “islamisch“ und umgekehrt.

 

Dass man dabei immer wieder Kultur und Religion verwechselt, wird es deutlich, wenn man auf Muslime aus anderen Kulturen trifft. Muslime aus Syrien, Kanada, Deutschland, China oder Australien sind kulturell sehr unterschiedlich. Ihr Glaube ist der gleiche, doch die Kultur, ihr Umgang im Alltagsleben ist eine andere. Und auch wenn man von dem einen und selben Glauben ausgeht, ist die kulturelle Praxis sehr vielfältig. Auf Grund der Vielfalt des Islams, gibt es auch keine einheitliche Entwicklung der Traditionen, wie Bauer in „Die Kultur der Ambiguität“ anschaulich darstellt.

Diese Unterscheidung ist freilich für einen Nichtmuslim nicht einfach. Wie soll man differenzieren, welche Handlung nun kulturell bedingt ist und welche religiös motiviert geschieht. Trotzdessen ist diese Unterscheidung jedoch im Umgang miteinander und vor allem in gesellschaftlichen Diskursen enorm wichtig.

Denn wer behauptet, die Benachteiligung der Frau wäre ein muslimisches Problem, muss erklären, warum es auf die Sicht und Rolle der Frau – ohne es positiv oder negativ zu konnotieren – zwischen muslimischen, christlichen, jezidischen und anderen Menschen aus der gleichen Region, z.B. aus Syrien, keine Unterschiede gibt. Der christliche Syrer hat die gleiche Sicht auf die Frau wie der muslimische Syrer oder der atheistische Syrer. Weder ist dann bei einer gegebenen Frauenfeindlichkeit die Bibel Auslöser noch der Koran. Ein christlicher Syrer, der frauenfeindlich ist, nimmt sich dieses Recht nicht aus der Bibel, ebenso ein muslimischer Syrer nicht aus dem Koran. Die Rolle der Frau kann für einen deutschen Muslim völlig anders aussehen, als für einen chinesischen Muslim oder für einen irakischen Christen. Weitere Paradebeispiele sind Themen wie Ehrenmord und Zwangsheirat, die hierzulande konsequent mit dem Islam in Verbindung gebracht werden, obwohl auch dies ein kulturelles Problem in bestimmten Regionen dieser Welt ist, ungelöst davon, welche Religion diese Menschen in diesen Regionen haben. Auch hier gilt, weder ist es die Bibel, noch der Koran, dass Zwangsheirat und Ehrenmord gebietet. In jeder Religion sind beide absolut unvereinbar und unverhandelbar. Es ist also an Hand vieler solcher Beispiele ersichtlich, dass hier ein kulturelles Phänomen vorliegt. Kultur und Religion werden bei solchen Beispielen immer wieder vermischt.

Deutlich wird auch, dass, Religion und Kultur selbstverständlich auch eine Schnittmenge haben, denn Religion ist einer von vielen Faktoren, die eine Kultur ausmacht, dass es aber auch Bereiche gibt, die im totalen Widerspruch zueinander stehen. Wenn es hart auf hart kommt, erlebe ich in der Familienberatung, dass sich gefühlte 90% für Kultur entscheiden, und nicht für Religion. In solchen Konflikten heißt es dann nicht, was die Bibel oder der Koran sagt, sondern was die Nachbarn sagen, was die Community sagt oder was Verwandte oder Freunde in der Heimat sagen.

 

Gleichwohl werden vielerorts jegliche Muslime als Koranexperten oder Theologen wahrgenommen. Wenn Siebtklässler in der Schule als Referatsthema erklären müssen, was nun der Dschihad bedeutet, ist das meistens kontraproduktiv. Genauso wie nicht jeder Christ ein Bibelexperte ist, kann nicht vorausgesetzt werden, dass jeder Muslim den Koran in- und auswendig kennt. Daher bekommt man in Diskussion öfters auch keine theologischen Antworten sondern eher kulturelle, weil die antwortenden Gesprächspartner evtl. keine hinreichenden theologischen Kenntnisse haben. Damit ist nicht der abwertende Begriff Kulturmuslime gemeint, sondern schlicht die Tatsache der theologischen Unkenntnis oder die Beschränkung auf minimale Kenntnisse. Denn viele kulturelle Praktiken berufen sich nicht auf theologische Quellen des Islams, sondern entstehen aus kulturellen Riten und Werten. Die theologischen Quellen sind dabei eindeutig: Koran, Sunna (Die Gewohnheiten des Propheten Muhammed), Meinungskonsens unter den islamischen Gelehrten und Analogieschlüsse.

 

Auf Grund der gegenwärtigen kulturellen Vielfalt der Muslime in Deutschland und der Globalisierung werden diese Unterschiede jedoch immer deutlicher. Man trifft in Deutschland eben nicht nur auf den türkischen Muslim, sondern auch auf den deutschen oder britischen Muslim, die jeweils ihre eigene Kultur haben. So entsteht in Deutschland eine Heteroginität der Muslime.

 

Auch die Sprache wird auffällig häufig mit einer Religion verbunden. Dies führt dann zu Irritationen, wenn christliche Araber „Allahu Akbar“ rufen, was schlicht und einfach „Gott ist groß (größer)“ bedeutet. Denn selbstverständlich sagen auch christlicher Araber „Allah“, weil dies die Übersetzung von „Gott“ ist.

 

Kultur gibt den Menschen eine Orientierung im Alltag. Aber auch Kultur ist ständig im Wandel. Von Generation zu Generation verändert sich Kultur, daher ist sie nichts Statisches und wird in Diskursen immer wieder ausgehandelt. Als die sogenannten Gastarbeiter in den 80´ern in ihre vermeintliche alte Heimat zurückkehrten, hatten sie Integrationsschwierigkeiten, weil sowohl sie selbst als auch ihre Heimat sich schon verändert hatte. So kamen einige nach wenigen Jahren wieder nach Deutschland zu ihrer neuen Heimat wieder zurück. In diesem langjährigen Prozess entsteht auch ein kulturell europäisch geprägter Islam, ohne die Glaubensinhalte oder –Praxis der Religion in Frage zu stellen oder gar sie reformieren zu wollen.

 

 

Dr. Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, August 2018

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