(02.06.2017) Lebenswelten älterer Migranten

Multikulti als Herausforderung

Längst sind seine Frau und ein Teil seiner Kinder nachgezogen. Doch zum Leben bleibt, obwohl Ismail 35 Jahre lang gearbeitet hat, nicht viel. Ismail Kalayci zeigt einen Kontoauszug vor. Dort steht es schwarz auf blau: 862,51 Euro. Das ist das, was seine Berufstätigkeit ihm für die Rente eingebracht hat. Abzüglich aller Fixkosten schrumpft die Summe auf mickrige 450 Euro im Monat zusammen. Kaum genug, als dass seine Frau und er damit sorglos über die Runden kommen könnten. Und viel zu wenig, um ans Sparen überhaupt zu denken.

Natürlich habe er sich das damals anders vorgestellt, lässt der heute 72-Jährige von Cemil Sahinöz, Mitarbeiter der Integrationsagentur des DRK-Kreisverbands Gütersloh, für das „Glocke“-Interview aus dem Türkischen übersetzen. Im Betrieb hat Kalayci seinerzeit Deutsch gelernt, aber seine Sprachkenntnisse sind eingerostet. Seit er nicht mehr arbeiten geht, braucht er Deutsch nur noch zum Einkaufen oder zu ähnlichen Gelegenheiten. Der gelernte Maler hatte sich seinerzeit als Gastarbeiter für einen Job in Deutschland beworben. „Ich wollte dabei helfen, das Land wieder aufzubauen“, sagt er. Als Maler brauchte man ihn 1973 nicht, aber in der Textilbranche in Rheda-Wiedenbrück war eine Stelle frei.

Fünf Jahre lang malochte Kalayci dort. Dann ging nichts mehr. Die Chemikalien, mit denen er in dem Betrieb zu tun hatte, lösten bei ihm schwere Allergien aus. Also packte er seine sieben Sachen und wechselte zu Westfalia, wo er bis zu seiner Rente als Tischler die Holzelemente in den Freizeitmobilen auf Maß brachte. In der ganzen Zeit sei er nie krank gewesen. Stets habe er pünktlich begonnen und so lange gearbeitet, bis alles fertig gewesen sei, berichtet er. Das Geld, das Ismail Kalayci verdiente, ging zum Großteil in die Türkei zu seiner Familie. 15 Jahre lang. Hier bleiben, oder zurückkehren in die alte Heimat? Diese Frage war in all den Jahren davor unbeantwortet geblieben, bis sie sich 1988 aufgrund der damaligen Visumbestimmungen plötzlich von allein klärte.

Arbeitskollegen helfen beim Führerschein

Weil seine zweitälteste Tochter mit 16 Jahren nicht mehr nach Deutschland hätte nachziehen dürfen, ließ Ismail Kalayci das Mädchen kurzerhand am 29. Dezember – wenige Tage vor ihrem Geburtstag – einfliegen. Kalaycis Frau und zwei Söhne, damals neun und 13 Jahre alt, folgten drei Wochen später. Die älteste Tochter und ein Sohn blieben in der Türkei. Das in Rheda-Wiedenbrück verdiente Gehalt floss damit zum Teil weiterhin in die alte Heimat ab. Auch, weil die Tochter an Krebs erkrankt war. „Die Behandlung und die Medikamente waren teuer. Ohne mein Geld hätten ihr Mann und sie sich das niemals leisten können“, sagt Kalayci rückblickend. Auch nach der Familienzusammenführung blieb Ismail Kalayci Alleinverdiener. In Düzce hatte seine Frau auf dem Land gearbeitet und sich so ein schmales Einkommen erworben. In der Doppelstadt fand sie jedoch keine Arbeit, denn zur fehlenden Ausbildung gesellten sich mangelnde Sprachkenntnisse.

Dass er Deutsch verstehen und auch ein bisschen sprechen könne, verdanke er seinen Arbeitskollegen, betont Ismail. Sie hätten ihm auch dabei geholfen, als er 1975 die theoretische Führerscheinprüfung in Angriff nahm. Heute ist von den Freundschaften aus seiner Berufszeit nicht mehr viel übrig. Einen seiner deutschen Kumpel treffe er noch ab und zu, sagt Ismail Kalayci. Ansonsten aber seien die Kontakte abgebrochen. Irgendwie bleibe man eben unter sich. Das gilt auch für die Finanzen. Ismail weiß, dass es ein Sozialamt gibt, und dass seine Frau dort Sozialhilfe beantragten könnte. Aber er scheut sich davor, das Angebot in Anspruch zu nehmen. Ob es noch andere Möglichkeiten gibt, sich Unterstützung zu holen, oder seine Freizeit kostengünstig zu gestalten? Der 72-Jährige zuckt mit den Achseln. „Wir kommen schon zurecht“, erklärt er. Schließlich sei das Leben für sie bislang nie anders gewesen.

Veränderte Bedarfe für die Seniorenarbeit

Eine Biografie wie die von Ismail Kalayci ist typisch für Migranten, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, um dann doch zu bleiben, weiß Cemil Sahinöz. Und ebenso typisch sei ein Problem, das viele Kommunen bislang nicht auf dem Radar hätten: Altersarmut. Der Mitarbeiter der Integrationsagentur des DRK-Kreisverbands Gütersloh hat den Integrationsrat der Stadt Rheda-Wiedenbrück in seiner jüngsten Sitzung zum Thema „Lebenswelten älterer Menschen mit Migrationshintergrund“ beraten. „Prognosen zufolge werden die ausländischen Senioren die voraussichtlich am stärksten wachsende Bevölkerungs- gruppe in Deutschland sein“, machte Sahinöz deutlich. Damit werde das Altern multikulturell. Die veränderten Bedarfe stellten indes die Seniorenarbeit auch in der Doppelstadt vor neue Herausforderungen.

Demnach sind die bestehenden Angebote eher auf die deutsche Klientel zugeschnitten. „Die Migranten wissen entweder gar nicht, dass es solche Programme gibt, weil sie diese Strukturen aus ihrer alten Heimat nicht kennen, oder sie fühlen sich nicht angesprochen.“ Sahinöz riet dem Gremium dazu, bei der Entwicklung neuer Angebote mit Migrantenvereinen zu kooperieren, um Zugangsbarrieren abzubauen. Grundsätzlich sei es sinnvoll, eine Kombination aus transkultureller und ethisch orientierter Altenhilfe anzustreben. Zu bedenken ist dabei laut Sahinöz nicht nur der Fakt, dass das Durchschnittseinkommen von Einwanderern im Seniorenalter deutlich unter dem ihrer deutschen Mitbürger ab 65 Jahren liegt, sondern auch, dass Migranten häufig einen schlechteren Gesundheitszustand aufweisen, an psychischen Problemen leiden und in einfacheren Wohnverhältnissen leben. „Eine Sozialarbeit, die die Migranten auch erreicht, muss aufsuchend und bedürfnisorientiert sein“, appellierte er an den Integrationsrat. Bei der Planung von Angeboten müsse entsprechend berücksichtigt werden, welche Aktivitäten, Hilfs- und Dienstleistungen sich diese Senioren wünschen.

Glocke, 02.06.2017

http://www.die-glocke.de/lokalnachrichten/kreisguetersloh/rheda-wiedenbrueck/Multikulti-als-Herausforderung-8351e287-f2d9-422b-9493-f0cf0c85da2a-ds

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