(06.07.2016) Deutsch-Türkische Beziehungen mit Blick auf die Armenien-Resolution

Deutsch-Türkische Beziehungen mit Blick auf die Armenien-Resolution

 

 

Die Deutsch-Türkischen Beziehungen gibt es nicht seit gestern. Seit dem 15. Jhr. werden sie intensiv gepflegt. Damals waren Türken und Deutsche zwar bittere Feinde, jedoch ist ja allgemein bekannt, was sich neckt, liebt sich.

 

Im 15. Jhr. gab es die sogenannten Türkenkriege. Im Zuge dieser gab es 1529 und 1683 große Schlachten in Wien. Als Resultat dieser Kriege gab es Kriegsgefangene, z.B. nach dem zweiten Krieg gab es 1245 Kriegsgefangene, die nach München gebracht wurden.

 

Nach dem Friedensvertrag mit dem Sultan (Friede von Karlowitz, 26.01.1699) blieben einige Kriegsgefangene weiterhin auf deutschem Gebiet und wurden auch hier begraben.

 

Diese Kriegsgefangenen versuchten sich in Deutschland einzuleben. Der Osmane Mehmet z.B., der 1685 bei einer Schlacht gefangengenommen wurde, änderte seinen Namen in Ludwig Maximilian Mehmet von Königstreu. Einer seiner beiden Söhne gehörte 1746 zu den Begründern der ersten Freimaurerloge in Hannover. Ein anderes Beispiel ist “der Türke Ali“, der in Hannover im frühen 18. Jahrhundert unter dem Namen Georg Wilhelm zum Infanterieoffizier und Oberst wurde.

 

Der Herzog von Kurland schenkte im Jahre 1731 seinem König Friedrich Wilhelm I. 20 “türkische“ Gardesoldaten. Ab diesem Zeitpunkt gab es rege Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Türken.

 

Friedrich der Große, der Sohn des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I.,  schrieb 1740: „Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sie ausüben, ehrliche Leute sind; und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land bevölkern, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen.“

 

Das preußische Berlin unterhielt gute Verbindungen zur “Hohen Pforte“ (Bab-ı Ali). 1761 wurde das erste deutsch-türkische Handelsabkommen (“Freundschafts- und Handelsvertrag“) abgeschlossen. Ab 1763 gab es ständige Osmanische Gesandte nach Preußen. 1763 wurde durch kaiserliche Anordnung eine Bestattungserlaubnis für diese Diplomaten erlassen. 1798 wurde Ali Aziz Efendi begraben, Friedrich der Große schenkte das Friedhofsgelände.

 

Während einer Reise durch das Osmanische Reich, schrieb Kaiser Wilhelm II. am 08.11.1898 in Damaskus eine Postkarte an den Sultan des Osmanischen Reiches Abdülhamid II: „Möge Seine Majestät der Sultan und mögen die 300 Millionen Mohammedaner, die, auf der Erde zerstreut lebend, in ihm ihren Kalifen verehren, dessen versichert sein, dass zu allen Zeiten der deutsche Kaiser ihr Freund sein wird.“

 

Im 20. Jhr. fand eine Modernisierung des türkischen Heeres statt. Mehrere Verträge wurden geschlossen, in deren Folge 50.000 deutsche Offiziere und Soldaten im Osmanischen Reich, im heutigen türkischen Gebiet, Dienst taten.

 

1912 lebten in Berlin ca. 1400 Türken. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhundertes entfaltete sich in Berlin ein lebhaftes und vielfältiges islamisches Leben.

 

1924 wurde der erste religiös-türkische Verband „Deutsch-Türkische Vereinigung“ gegründet. Sie förderte gezielt Studenten und Lehrlinge, in dem sie deren Aufenthalt in Deutschland und ihre Ausbildungskosten trug. Später wurde der Verband wegen finanzieller Schwierigkeiten aufgelöst.

 

Vor dem zweiten Weltkrieg kamen 13.800 Türken nach Deutschland, um hier zu studieren oder ihre Ausbildung als Ingenieure und Offiziere zu ergänzen. 215 deutsche Schüler gingen in die Türkei.

 

Die nächste Phase der Deutsch-Türkischen Beziehungen beginnt mit der Einwanderung von ausländischen Arbeitnehmern, den sogenannten “Gastarbeitern“. Hierzu wurde am 30.10.1961 ein Vertrag zwischen Deutschland und der Türkei abgeschlossen. 1973 wurde die Anwerbephase beendet, ab dann gab es Familienzusammenführungen.

 

Seit den 70´ern gibt es auch die bekannten großen Moscheeverbände, die sich in Deutschland etablierten. 1973 gründete sich der VIKZ, 1976 die IGMG und 1984 die DITIB. Seit der Gründung der DITIB werden Imame als Beamte des türkischen Staates für bestimmte Jahre nach Deutschland entsendet. Diese Imame bekommen jedoch nicht nur DITIB-Vereine, sondern auch andere Moscheevereine, die bestimmte Kriterien erfüllen.

 

Inzwischen leben Türken – wenn man mit den “Gastarbeitern“ anfängt zu zählen – in vierter Generation in Deutschland. Es sind über eine Million Menschen, die hier geboren sind, hier sozialisiert wurden, hier zur Schule gingen, hier ihren Wehr- oder Zivildienst gemacht haben. Es sind also deutsche Bürger mit türkischen Wurzeln. Auch kulturell sind sie schon längst mal deutsch, mal türkisch.

 

Man spricht von 3 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Eine genaue Zahl wird es nicht geben, weil viele die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Es gibt aber Schätzungen. Ca. die Hälfte der türkischstämmigen hat einen türkischen Pass. Genauso viele haben demnach einen deutschen Pass. 15,6% der Personen mit einem Migrationshintergrund sind Türken. 22,2% der Menschen mit einem ausländischen Pass sind ebenfalls Türken. 98,8% der Türken sind Muslime. 63% der Muslime in Deutschland sind Türken.

 

Die Türken sind also schon längst gesellschaftlich, vor allem wirtschaftlich, ein wichtiger Teil Deutschlands.

 

Umso verärgerter sind sie auf Grund der kürzlich geschlossenen Armenien-Resolution des Bundestages. Viele fühlen sich vor allem verletzt und ungefragt. Viele türkische Verbände kritisieren, dass man ihre Meinung nicht eingeholt hätte, wo doch die Bundesregierung im Vorfeld verschiedene Ansprechpartner zum Thema herangezogen hätte. Daher fühlen sich viele hintergangen.
Vor allem wird jedoch kritisiert, dass Bundestagsabgeordnete keine Historiker sind. Sie seien nicht in der Lage eine Entscheidung über geschichtliche Ereignisse zu treffen. Eine Historikerkommission z.B., welches wissenschaftlich die Ereignisse ausarbeitet und entsprechend belegt, ist eine Forderung der türkischen Community seit Jahren. So gab es am Ende weder eine solche Kommission noch ein Schuldspruch eines Gerichtes, jedoch die Entscheidung von Politikern, welches noch mehr zur Verärgerung sorgte.

 

Ein weiterer wichtiger Kritikpunkt ist, dass diese Resolution als Konsequenz nur auf Grund der aktuellen Politik gegenüber der türkischen Regierung beschlossen wurde. Dass heißt, es wird angenommen, dass die Armenier-Frage nur missbraucht wurde um Präsident Erdogan eins auszuwischen. Dadurch wird ein historisches Ereignis für die Tagespolitik geopfert.

 

Zudem bringt die Resolution auch international nichts. Sie verhilft nicht zur Aussöhnung zwischen Türken und Armenier, sondern ganz im Gegenteil, zu weiteren emotionalen Reaktionen, die eine Aussöhnung wieder um wahrscheinlich Jahrzehnte verschieben. Eine sachliche Diskussion zu den Ereignissen wird es so schnell nicht geben.

 

Auch Selbstkritik findet in der türkischen Community statt. Hier wird vor allem hervorgehoben, dass die türkischstämmigen Verbände keinen Zugang zur deutschen Politik haben und auch auf solche Entscheidungen völlig unüberlegt reagieren. Fastenbrechen einladen – ausladen – einladen – ausladen…. Die Gründe für das Ein- bzw. Ausladen ändern sich täglich. Auch die Absage der Fastenbrechen-Einladungen mit der Begründung von Sicherheitsbedenken, ist mit Vorsicht zu behandeln, da diese Info in bestimmten rechtsradikalen Gruppen gegen die muslimische Community genutzt wird. Denn damit stellt man ja sowohl die eigenen Verbandsmitglieder aber auch insgesamt die muslimische Community unter Verdacht, dass sie entweder radikalisierbar sind oder dass man sie nicht unter Kontrolle halten kann, wobei beides zum gleichen Ergebnis führt. Bedrohungen von Abgeordneten sind selbstverständlich in keinster Weise akzeptabel. Noch dekonstruktiver sind Forderungen eine eigene Partei zu gründen. Eine solche Aktion führt nur zu peinlichen Szenarien und endet letztendlich als eine Witzaktion. Sie stellt keine Basis für einen Dialog dar, sondern eher für eine Ausgrenzung.

 

Alles in einem sind die deutsch-türkischen Beziehungen also im Moment auf dünnem Eis. Vor allem was die Politik der beiden Länder angeht. Doch wenn wir auf die lange Vergangenheit und Tradition dieser Beziehungen zurückblicken heißt das eigentlich nicht viel.

 

Mit anderen Worten: Unter Freunden passiert das schon ´mal. Das führt aber nicht dazu, dass man komplett miteinander bricht oder die Freundschaft beendet. Die schlechten Beziehungen sind zunächst einmal auf der Ebene der Politik entstanden und nicht auf der Ebene der Gesellschaft. Nachbarn vor Ort, Sportkammeraden im Verein oder Schüler in gemeinsamen Klassen sind davon nicht betroffen und sollten dies auch nicht ausweiten. Vom Ende der deutsch-türkischen Freundschaft zu sprechen ist also völlig irrsinnig und irrational. Wie sagte es einmal der islamische Gelehrte Said Nursi, der selbst Sommer 1918 zwei Monate in Berlin blieb: „In jeder Phase der Geschichte waren Deutsche und Türken sehr enge Freunde.“

 

 

Cemil Şahinöz, Islamische Zeitung, Juli 2016

Zwischen emotionaler Distanz und Verantwortung

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