(27.11.2015) Extremismus. Verstehen und Handeln

Extremismus. Verstehen und Handeln

 

 

Mit Fassungslosigkeit, Betroffenheit und Entsetzen reagiert die Weltgemeinschaft auf die Pariser Anschläge. Egal ob in Paris, Ankara, Afghanistan, Irak oder Syrien… immer sind es unschuldige Menschen, die Barbaren zum Opfer fallen.

 

Solche tragischen globalen Ereignisse dürfen aber nicht dazu führen, dass stigmatisiert wird. Ausstreitungen sollten nicht nach Deutschland übertragen werden und dadurch hier ein Stellvertreterbürgerkrieg entstehen. Daher ist das Aufrufen zur Besonnenheit und verantwortungsvollem Handeln ganz wichtig. Das Thema Flüchtlinge oder gar den gesamten Islam auf der Grundlage solcher Ereignisse zu diskutieren, ist nicht nur kontraproduktiv, sondern führt zu weiteren Radikalisierungen, da radikale Gruppen sich genau die Jugendlichen ausgucken, die sich ohnehin schon ausgegrenzt fühlen.

 

Auch helfen voreilige Schlüsse nichts. Repressionen sind zwar wichtig, reichen aber oft nicht aus. Präventionsarbeit ist da viel wichtiger und effektiver. Radikalisierungstendenzen müssen also früh erkannt werden. Daher sollten Familien, Lehrer, Berater usw. sensibilisiert und Handlungskompetenzen vermittelt werden. Sozialarbeiter könnten Beratung für Angehörige anbieten. Mit dem Programm “Wegweiser“ sind hier schon weihen gestellt worden.

 

Trotzdessen geht das Thema alle etwas an. Religiöser Extremismus ist und bleibt eine Querschnittsaufgabe. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Jeder kann und muss seinen Einsatz dazu leisten.

 

Um aber etwas “leisten“ zu können, muss das Phänomen näher betrachtet werden. Es reicht nicht aus, die Schlagwörter der Radikalen zu kennen, um dagegen argumentieren zu können. Das Problem muss an der Wurzel erfasst werden.

 

Fakt ist: Salafismus, noch genauer, Wahhabismus, ist keine Ausprägung des traditionellen Islam. Den traditionellen oder sogenannten “konservativen“ Islam für die Entstehung des Salafismus verantwortlich zu machen, ist ein Zeichen der Unkenntnis. Wie schon mehrfach von mehreren Kreisen deutlich gemacht, ist der Islam ein Teil der Lösung und nicht ein Teil des Problems. Daher empfiehlt sich Kooperation statt Verdacht.

 

Der heutige Salafimus hat zwar seinen Ideen-Ursprung bei den Haricis aus dem 7. Jhr und bei Ibn Taymiyya im 13. Jhr., ist aber ganz klar eine ursprüngliche innerislamische Reformbewegung von Muhammad Ibn Abd al-Wahhab aus dem 18. Jhr. Muhammad Ibn Abd al-Wahhab entwarf eine eigene strikte und puristische Lehre des Islams. Laut ihm hätten sich die Muslime von den ursprünglichen Glaubensinhalten ihrer Religion so weit entfernt, dass sie kaum noch als Muslime zu bezeichnen wären. Daher forderte er eine umfassende Reform des religiösen Lebens und eine Rückkehr zum “ursprünglichen Islam“.

 

Diese Forderung endete jedoch fatal. Nicht dass man sich tatsächlich an den ersten drei Generationen des Islams orientierte, sondern ein buchstäbliches Verständnis des Korans entwickelte. Koranverse und Aussprüche des Propheten Muhammed wurden willkürlich ohne Kontext interpretiert und für die eigene Ideologie, Politik und Macht instrumentalisiert. Theologische Entwicklungen der letzten 14 Jahrhunderte wurden komplett ausgeblendet. Es entstand ein dualistisches Weltbild, das nur noch aus Gläubigen und Ungläubigen besteht. Dadurch entstand auch ein Exklusivanspruch und alle anderen, auch Muslime, wurden nicht als Muslime betrachtet. Sie nannten sich fortan „muwahhidun“ („diejenigen, die Gott zu „einem“ machen) und grenzen sich somit von den anderen Muslimen ab, denen sie vorwarfen, nicht mehr an den „Einen Gott“ zu glauben.

 

Die muslimische Community kann diesem nur entgegenbringen, wenn sie mehr als Einheit agiert. Es kann nicht sein, dass Radikale, die diesen religiösen Extremismus betreiben, und nur 0,01% der Muslime weltweit ausmachen, sich anmaßen, den Islam zu repräsentieren oder gar zu definieren. Diese Deutungshoheit muss ihnen konsequent entzogen werden. Sie darf ihnen aber auch nicht zugespielt werden, wie es die Rechtspopulisten tun.

 

Da Jugendliche anfälliger auf Radikalisierungen sind, muss die muslimischen Community desweiteren ihre Jugendarbeit verstärken. Sie sollte vielmehr als bisher auf die Bedürfnisse der Jugendlichen zugespitzt sein. Damit meine ich jedoch nicht die Jugendlichen, die sowieso schon in den Moscheen sind. Studien zeigen, dass sich Extremisten nicht in der Moschee vor Ort radikalisieren. IS-Sympathisanten kommen nicht aus Familien, die in den Moscheevereinen organisiert sind. Diese Familien und ihre Kinder haben einen stabilen Stand in der Religion. Radikalisierung findet meistens vor dem Bildschirm durch YouTube-Pseudo-Imame statt. Jugendliche, die wenig bis gar kein Bezug zum Islam haben landen schnell im Netz der Radikalen. Daher müssen Konzepte her, die diese Jugendlichen erreichen.

 

Man erreicht diese Jugendlichen z.B. nicht, in dem man salopp formuliert „Wir sind gegen die Koranverteilungen der Salafisten.“ Diese Argumentation wird nämlich von Salafisten im Umkehrschluss genutzt und gesagt, „Seht ihr, das sind keine Muslime, die sind gegen den Koran.“ Dies führt dazu, dass sich anfällige Jugendliche noch mehr distanzieren. Anstatt also oberflächlich zu sagen, dass man dagegen ist, sollte man argumentieren, warum man dagegen ist, und dass es nicht um die Verteilung des Korans geht, sondern um die Verbreitung einer Ideologie, die im Gegensatz zum Islam und Koran steht.

 

Worum es den Jugendlichen geht, habe ich schon an anderer Stelle erläutert (siehe Artikel „Warum radikalisieren sich Jugendliche“): Faktoren zur Radikalisierung – egal ob rechts, links oder religiös, die Rattenfangmethoden sind gleich, nur die Begriffe ändern sich – von Jugendlichen sind soziologischer und psychologischer Natur und haben oft mit einer Konfliktbiographie zu tun: „Suche nach Sinn, Anerkennung, Geborgenheit, Vertrauen, Fürsorge, Sicherheit, Liebe, Wir-Gefühl, Klarheit, Einfachheit, Reduzierung der Komplexität, Gerechtigkeit und gefestigter Identität sind entscheidende Gründe, warum sich Jugendliche radikalisieren. Vor allem der Gerechtigkeitssinn und die Identitätssuche sind einflussreiche Faktoren.“ Daher muss den anfälligen Jugendlichen ein positiver Zugang zur Gesellschaft und Partizipation in allen gesellschaftlichen Bereichen möglich gemacht werden.

 

Ein zweiter Faktor ist, dass die Veränderung sehr schnell erfolgt. Der Jugendliche, der vorher sehr wenig Bezug zu seiner Religion hat, wird binnen weniger Wochen zu einem “Gelehrten“, bzw. er verhält sich so, als würden die übrigen Personen die Religion falsch ausleben und er und seine auserwählte Gruppe hätten die Religion richtig verstanden. Diese sehr schnelle Veränderung ist psychisch fatal für die Identität und zeugt auch eine Identitätssuche.

 

Die muslimische Community muss diesen Jugendlichen zentrale Werte des Islam vermitteln und so eine stabile Identität schaffen. An dieser Stelle wird auch die Bedeutung und Notwendigkeit eines Islamischen Religionsunterrichts in der Schule noch einmal deutlich. Nur diejenigen können tolerant zu anderen sein, die ihre religiöse Identität unzweifelhaft gewonnen haben und somit einen stabilen Rückhalt im Eigenen besitzen. Intoleranz und Gewalt übt oft derjenige aus, der eigene Zweifel nicht überwinden konnte und sie so fanatisch unterdrücken muss!

 

 

Cemil Sahinöz, Islamische Zeitung, 27.11.2015

http://www.islamische-zeitung.de/?id=19729

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