(13.06.2013) Interview zum Thema „Gezi Parki“

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Herr Sahinöz, bei den Protesten in der Türkei ging es ursprünglich um ein paar Bäume im Gezi-Park, die gefällt werden sollten. Jetzt weiten sich die Demonstrationen aus. Wofür gehen die Menschen inzwischen auf die Straße?

Demonstrations- und Meinungsfreiheit ist unverzichtbar. Daher muss unangemessener Polizeigewalt auf jeden Fall untersucht werden. Die Proteste um die Bäume fand ich daher gut. Der Prophet Muhammed sagte: „Wenn es sogar der letzte Tag der Menschheit sein sollte, pflanze trotzdem einen Baum.“ Doch längst geht es hier nicht mehr um Natur- oder Umweltschutz. Wenn man sich die Forderungen der Demonstranten anschaut, dann fordern sie u.a., dass der neue Flughafen, der Wasserkanal, neue Tunnel oder die neue Brücke nicht gebaut werden sollen. Andere wiederum fordern den Sturz der Regierung. Es sind also unterschiedliche Aktivisten auf der Straße.

Wer beteiligt sich an den Demonstrationen? Wer hält zum Ministerpräsidenten?

Türkische Beobachter sprechen von einer „neuen Jugend“, die sich an den Demonstrationen beteiligt. Gleichzeitig ist jedoch nicht auszuschließen, dass es innerhalb der Demonstranten Gruppen gibt, die bewusst provozieren und sogar manipulieren. Man sieht dies augenscheinlich an den Forderungen dieser Gruppen, die sich nicht mit den Forderungen der ursprünglichen Demonstranten deckt. Inzwischen zeigt sich deutlich, dass die Demonstranten durchaus eine heterogene Gruppe sind, die nicht zwingend kongruente Ziele verfolgen und offenbar auch eine unterschiedliche Motivationsgrundlage haben. Zum Ministerpräsidenten halten natürlich zunächst AKP-Anhänger, jedoch auch die Mehrheit der restlichen Bevölkerung, die keinen solchen Aufstand möchte, sondern zur friedlichen Problemlösung aufrufen. Gerade jetzt muss man zum Frieden und zu friedfertigen Demonstrationen aufrufen.

Warum polarisiert Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan die Bevölkerung so?

Ich denke, der Ministerpräsident ist zunächst davon ausgegangen, dass dies nur eine Aktion der Opposition war. Die Opposition forderte z.B., dass das Militär eingreifen und durch einen Putsch die Regierung stürzen soll. Daher waren seine Worte ganz klar in diese Richtung gerichtet. Aber mittlerweise haben Regierungsvertreter auch Fehler hinsichtlich der Einschätzung der Situation eingeräumt und ihre anfänglich pauschalen Äußerungen in Richtung Demonstranten relativiert. Ich denke, im Moment erhärten sich die Fronten. Dann geht es leider nicht mehr um Gerechtigkeit, Gewissen oder Umweltschutz, sondern nur noch um machtpolitische Ansprüche. Das erhöht natürlich die Gefahr einer politischen Instrumentalisierung.

Wie nehmen Deutsch-Türken die Geschehnisse in der Türkei wahr? Gibt es Solidaritätsaktionen? Was sagen Freunde und Verwandte?

Ich habe Verwandte in Ankara und meine Frau in Istanbul. Daher verfolgen wir natürlich die Geschehnisse in der Türkei genauestens. Das geht vielen in Deutschland lebenden Türken so. Daher ist auch hier die Stimmung nicht anders als in der Türkei. Aber als ein in Deutschland beheimateter Türke plädiere ich natürlich auch für ein noch größeres Interesse für die Hochwasser-Katastrophe in Deutschland. Einer der großen muslimischen Dachverbände hat z.B. eine Spendenkampagne dazu gestartet.

Einige Beobachter sprechen inzwischen von einem Türkischen Frühling. Glauben Sie, dass die Aufbruchstimmung anhalten wird?

Ich denke, dass dieser Vergleich hinkt. Es gibt natürlich Beobachter, die Erdogan mit Assad, Taksim mit Tahrir und diese Aufstände mit dem arabischen Frühling vergleichen wollen oder dieses Image verbreiten. Wenn man sich jedoch die politische und wirtschaftliche Situation und die Lebensverhältnisse der Menschen in der Türkei anschaut, sieht man, dass dies ganz andere Bedingungen sind als in den „Frühlings-Ländern“.

Haller Kreisblatt, 13.06.2013

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