(23.11.2012) Religiosität im Alltag einer modernen Gesellschaft – stehen Religionen im Weg?

Religiosität im Alltag einer modernen Gesellschaft – stehen Religionen im Weg?

Ungeachtet davon, was eigentlich mit Religion und Religiosität – zu denen es keine einheitliche Definition gibt – gemeint ist, findet man sie immer und überall. Religion ist daher überall präsent. Sie bestimmt den Alltag viel mehr als man öfters vielleicht wahrnimmt. Da ihre Präsenz überall ist, nimmt man sie gerade deshalb nicht wahr oder erkennt sie nicht als Religion.

 

So ist Religion alltäglicher Bestandteil des Lebens. Manchmal sind es die bekannten Symbole – Kreuz, Kippa, Kopftuch (ich nenne sie die drei Ks) –  und manchmal nur Riten, Bräuche oder Denkweisen, die ihren Ursprung in der Religion haben. Z.B. gibt es viele Aberglauben, die ihren Ursprung in einer bestimmten Form in einer Religion haben. Man findet Religion aber auch in Kunst, Musik, Literatur, Kleidung, Hochzeitsriten, Feiertage, Geburt, Sprichwörtern, Begrüßungsformen, Glaube an Macht und Mächte, Glaube an Esoterik, neue “moderne“ spirituelle Lebensweisen, in Form von Menschen, ja sogar in Form von Gebäuden oder als Straßennamen. Auch die Institution Ehe ist ein religiöser Akt, dem sich viele gar nicht bewusst sind. Zu guter Letzt begegnet uns die Frage der Religion im Tod, auf Beerdigungen.

 

Religion prägt auch die Alltagskultur einer jeden Gesellschaft. Sie formt sie und gibt ihr einen Sinn. Vor allem bei der Entstehung einer Kultur, bei Moral und Ethik spielt Religion eine große Rolle. Erst Religion gab den Menschen ein Gemeinschaftsprinzip. So konnten Gesellschaften entstehen, die auf das Miteinander und die Fürsorge aufbauen.

 

Wenn man Religion und Religiosität im Kontext des Islams betrachtet, erscheint es sinnvoll, zunächst auf den Begriff zu schauen, der hierfür im Koran verwendet wird. Din lautet der Begriff, der gängig mit Religion übersetzt wird. Etymologisch bedeutet din jedoch Verpflichtung, Richtung. Religion kommt aus dem römischen und bedeutet eine Rückbindung des Menschen zu göttlichen Wesen. Es ist also keine genaue Übersetzung.

 

Bleiben wir also bei Verpflichtung und Richtung. Welche Verpflichtung ist es aber, die der Muslim hier eingeht? Und welcher Richtung folgt er? Wenn Islam „Hingabe (an den einen Gott)“ bedeutet, dann ist es die Verpflichtung, dass der Muslim ein gottgewolltes, gottergebenes Leben führt und seine Handlungen dementsprechend richtet. Er handelt dann so, wie er meint, dass Gott mit ihm zufrieden wäre. Was passiert also dann? Dadurch wird die Religion zu einer Lebenseinstellung und Lebensweise. Jede Handlung wird dadurch zu din. Mit anderen Worten das ganze Leben und der Alltag wird zu din.

 

Daher umfasst der Islam alle Lebensbereiche eines Menschen. Es gibt keine Themen oder Bereiche, die im islamischen Sinne nicht religiös wären. Alles hat einen religiösen (theologischen) Kontext. Die strikte Trennung zwischen weltlichem und religiösem ist im Islam nicht bekannt.

 

Deshalb ist Religion im Islam nicht eingesperrt in Gotteshäuser. Es gibt keine Trennung zwischen religiös und nicht religiös. Jeder Akt ist im Islam quasi ein religiöser Akt, entweder im sinne (positiv) Gottes oder nicht. Daher gelten nicht nur die bekannten Gottesdienste oder der Gang in die Moschee als religiös, sondern auch jede Handlung im Alltag. So handelt der Muslim in jedem Moment religiös, (jedoch nicht im alltagssprachlich verwendeten Sinn).

 

Muslime gehen davon aus, dass das Gebet die Moral und Ethik verbessert. Dass heißt, das Gebet hat einen Einfluss auf den Charakter, der sich wiederum im Alltag widerspiegelt. In einem Hadith sagte der Prophet: „Religion ist gute Moral“ (Deylemi; Ghazali, Ihya, 3/50). Und es gibt zahlreiche Ahadith mit der Bedeutung „Dessen Glaube ist am schönsten, wessen Moral am schönsten ist“ (Tirmizî, Radâ:11, No: 1162, 3/457; Ebu Dâvud, Sünnet:16, No:4682; Münzirî, 3/409; Buhârî, Edeb:38). Moral und Alltag sind unzertrennbar, denn Moral ist erst im Alltag ersichtlich. Wenn man demnach Moral und Ethik im Alltag begegnet, begegnet man auch immer Religion.

 

Die Moral im Alltag wird uns von Gott selbst überliefert. Denn der Schöpfer kennt seine Schöpfung am besten. Genauso wie ein Softwareprogrammierer alle Ecken und Kanten seiner Software kennt, weißt Gott, was in seiner Schöpfung für uns zum Vorteil ist und was nicht. Er bietet uns hierfür – wie bei Computerspielen – eine Komplettlösung an: das ist der Koran. Der Koran ist die Komplettlösung des Alltags.
Als Aischa, die Frau des Propheten Muhammed, eines Tages befragt wurde, wie der Prophet gelebt hatte, antwortete sie: „Habt ihr nie den Koran gelesen? Seine Moral war die Moral des Korans“ (Al-Baihaqi). Das heißt, für den Muslim sind Werte, Moral, Ethik, Alltagspraxis aus dem Koran herauslesbar. Daher orientiert er sich im Alltag an dieser Moral und versucht dadurch ein gottgefälliges Leben zu führen.

 

Die Frage, ob Religionen im Alltag im Wege stehen erübrigt sich dadurch. Denn in diesem Sinne verstanden fördert Religion im Alltag die Notwendigkeiten und Grundprinzipien einer menschlichen Gesellschaft, wie Hilfsbereitschaft, Fürsorge, Miteinander, Füreinander, Gerechtigkeit, Freiheit, Liebe, Toleranz, Akzeptanz und Dialog. Denn all diese gelten als Merkmale eines gottgefälligen Lebens.

 

Schwieriger wird es, wenn man von Religiosität spricht. Jeder versteht unter Religiosität etwas Anderes. Wenn man fragt, ob man sich selbst als religiös einstuft, wird dies jeder nach seinen im Kopf befindlichen Kriterien tun. Denn ist gibt keine Indizien oder Kriterien um zu bestimmen, wie religiös man ist. Laut dem Islam kennt nur Gott die Herzen. Für den einen ist man religiös, wenn man 5-mal am Tag betet, der andere wird sich auf das Freitagsgebet beschränken und wieder andere werden es an Kleidungsmerkmalen ausmachen. Viele erkennen ihre Religiosität erst, wenn sie mit ihrer Religion konfrontiert werden.

 

Laut einer Studie geben 85% der Muslime in Berlin an, dass ihre Religion in ihrem Alltag eine große Rolle spielt (zum Vergleich: 88% in London, 68% in Paris; Nyiri, Z.: Muslims in Berlin, London and Paris: Bridges and Gaps in Public Opinion, 2007). Was dies für eine Rolle ist, ist jedoch immer unterschiedlich. Wichtig ist, dass diese Personen es selbst so einschätzen und sagen, dass es für sie persönlich wichtig ist.

 

Auch die kleinsten Dinge könnten dabei zu einer “Rolle im Alltag“ werden. Wenn Muslime z.B. mehrmals am Tag, auch außerhalb der Gebete, den Korankapitel “Fatiha“ lesen, wenn sie vor Beginn einer jeden Tat „Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Allerbarmers“ sagen oder wenn sie in ihren alltäglichen Redewendungen und im Sprechen bewusst oder unbewusst Wörter mit Allah in den Mund nehmen – wie z.B. insaallah, masaallah, barakallah, hamdulillah, subhanallah – so ist Allah mitten im Alltag der Muslime.

Cemil Sahinöz, Islamische Zeitung, 23.11.2012

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