(22.02.2012) Joachim Gauck – Bundespräsident auch der Muslime?

Joachim Gauck – Bundespräsident auch der Muslime?

Christian Wulff hatte es besonders geschafft. Durch seine Aussagen zu den Themen Integration, Islam und Muslime schaffte er es in die Herzen der Muslime in Deutschland. Schon vor seiner Zeit als Bundespräsident war Wulff als ein großer Freund der muslimischen Migranten bekannt und setzte sich in vielen Projekten in Niedersachsen maßgeblich ein. Als er dann auch noch den Islam als Teil Deutschlands bezeichnete, waren sich viele Muslime sicher: Das ist auch mein Bundespräsident.

Nun gibt es beim kommenden Präsidenten eher ein gegenteiliges Gefühl. Gauck hatte in der Sarrazin-Debatte, diesen als mutig beschrieben und fügte zu: „Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik. […] Ihre (Politiker) Sprache der politischen Korrektheit weckt bei den Menschen das Gefühl, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen.“ Diese Worte aus dem Tagesspiegel vom 30.12.2010 lösten in der muslimischen Community damals mulmig Gefühle aus.

Zwei Monate vor diesen Aussagen sagte Gauck jedoch in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung folgendes: „Das Integrationsproblem besteht nicht darin, dass es Ausländer oder Muslime gibt – sondern es betrifft die Abgehängten dieser Gesellschaft. Darum erscheint es notwendig, und das ist meine Kritik an Sarrazin, genauer zu differenzieren und nicht mit einem einzigen biologischen Schlüssel alles erklären zu wollen. Und plötzlich wird aus einem Hype eine nüchterne Debatte.“

Hier wird eigentlich deutlich, was Gauck mit „Sarrazin ist mutig“ meinte. Es scheint, als Teile er die Ansichten Sarrazins nicht, findet es aber mutig, dass er diese ausspricht. Das ähnelt sehr an Voltaire, der sagte: „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“

Daher sind die Augen der muslimischen Community in Deutschland seit Tagen auf Gauck gerichtet. Wird er seine Aussagen zu Sarrazin relativieren? Wird er sich Integration auf die Agenda schreiben? Wird er auch der Bundespräsident der Muslime?

All diese Fragen stehen noch offen. Die Zeit wird die beste Antwort hierzu geben. Inzwischen gibt es jedoch schon einige Presseerklärungen aus der muslimischen Community. Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrates, hofft auf einen Präsidenten, der alle umarmt. Herr Gauck dürfe Sarrazin nicht unterstützen und müsse alle Bürger dieses Landes gleich behandeln. Hasan Özdogan, Vorsitzender des UETD, ist der Meinung, dass man den neuen Präsidenten nicht auf Grund der Vergangenheit bewerten soll, sondern abwarten soll, wie er nun als Präsident handelt. Erol Pürlü, Dialogbeauftragter des VIKZ, erwartet von Gauck, dass dieser die Worte von Wullf „Islam ist ein Teil Deutschlands“ aufgreift und auf dieser Schiene weiterfährt. Nurhan Soykan, Generalsekretär des ZMD, glaubt, dass Gauck ein Präsident sein kann, der die Gesellschaft nicht teilt, sondern Einigkeit herrschen lässt.

Man sollte also m.E. unvoreingenommen abwarten und nicht voreilig Schlüsse ziehen. Wichtig ist – und das gilt nicht nur für den Bundespräsidenten sondern auch für alle Politiker -, dass auch die Muslime vertreten werden wollen. Muslime, die Mitbürger dieses Landes sind, wollen von der Politik wahrgenommen und vertreten werden. Sie wünschen sich also in diesem Kontext einen Bundespräsidenten, der auch die Muslime in Deutschland vertritt. Sie wollen einen Bundespräsidenten, bei dem sie auch sagen können, dass er ihr Bundespräsident ist.

Cemil Sahinöz

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