(22.03.2011) “Definieren Sie ungelungene Integration!” Interview mit Cemil Sahinöz

“Definieren Sie ungelungene Integration!”

Deutsch Türkische Nachrichten | Veröffentlicht: 22.03.11, 13:45 | Aktualisiert: 22.03.11, 14:09

Cemil Sahinöz, Gründer und Chefredakteur der Zeitung „Ayasofya“, über sein Unverständnis für die negativen Reaktionen auf die jüngste Rede Erdogans in Deutschland, die Unterschiede zwischen Muslimen in Deutschland und in Amerika sowie seine Anerkennung für Angela Merkel.

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie waren Jugendleiter und Vertreter der Migranten bei der AWO. Welche Probleme haben Ihrer Meinung nach Jugendliche mit Migrationshintergrund?

Cemil Sahinöz: Ich denke, dass in der jetzigen Generation der Migranten die Migration keinen erheblichen Einfluss auf die Lebenssituation der Jugendlichen hat. Vielmehr spielt die soziale Herkunft eine wichtige Rolle. Deutsche Kinder mit gleicher sozialer Herkunft haben die gleichen Problematiken. Wir sehen dieses Phänomen am besten in der Schule. Deutsche Arbeiterkinder sind genauso benachteiligt wie Migrantenkinder. Sie erleben die gleiche Chancenungleichheit und haben die gleichen Probleme. Die Korrelation ist fast identisch. Und das größte Problem, dass ich persönlich bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund sehe, ist die Perspektivlosigkeit. Ich denke, dass es vielen Jugendlichen an Zielen fehlt. Sie haben keine Perspektiven, was Beruf, Schule oder Karriere angeht. Deshalb bezeichne ich diese Generation als die Chill-Generation.

Sie haben Angela Merkel persönlich kennen gelernt, als Sie um die Verdienste Ihrer Integrationsarbeit geehrt wurden. Was denken Sie über deren Äußerungen in Bezug auf Integration und Islam?

Ich denke, Frau Merkel und damit natürlich die Bundesregierung, investieren viel Geld in die Integrationsarbeit. Daher sehe ich dies erst einmal als positives Zeichen an. Dass es hier und da einmal zu Schwierigkeiten kommt, ist verständlich. In jeder Familie gibt es Streitigkeiten. Wenn wir Deutschland als eine Familie bezeichnen, dann leben in dieser Familie verschiedene Menschen, die alle eine eigene Meinung darüber haben, wie Integration laufen soll. Und wenn diese Meinungen aneinander prallen, fallen manchmal merkwürdige Äußerungen von einigen Politikern. Das sehe nicht als problematisch an. Problematisch wird es, wenn diese Äußerungen rein polemischer oder diskriminierender Natur sind. Frau Merkel selbst machte erst kürzlich in einer Rede deutlich, dass der Islam eben doch zu Deutschland gehört. Das sollte man erst einmal so hinnehmen und als positiv bewerten.

Was haben Sie Frau Merkel in Sachen Integration geraten?

Die Dauer unseres Treffens war einfach viel zu kurz, um ihr etwas in Sachen Integration zu raten. Außerdem hatte ich mich ehrlich gesagt nicht auf das Thema Integration allgemein, sondern auf die Thematik “Islam in Deutschland” vorbereitet. Weil dies zu diesem Zeitpunkt aktueller war. Aber ich gab ihr einige Bücher von mir, in der ich meine Vorstellung von Integration skizziere. Später bekam ich ein Schreiben von Frau Merkel, in dem sie sich für die Bücher bedankte. Das freute mich natürlich besonders.

Was verstehen Sie unter gelungener Integration?

Das ist einer der Begriffe, die ich wohl nie verstehen werde, “Gelungene Integration”. Vielerorts wird dieser Begriff oftmals mit Erlernen der Sprache und “Mitbeteiligung” – was immer das auch sein mag – an der Gesellschaft gleichgestellt. Viel schwieriger wird es, wenn man versucht das Gegenteil, nämlich “ungelungene Integration”, zu definieren. Hier macht der Diskurs erst einmal halt. Tatsächlich habe ich die Frage nach der “ungelungenen Integration” in einer wichtigen “Integrationsveranstaltung” gestellt. Die Referentin hat sofort blockiert. Nicht “ungelungene Integration”, sondern “gelungene Integration” wäre unser Thema.

Fraglich ist, wie man gelungene Integration verstehen soll, ohne zu wissen, was ungelungene Integration ist. Welche Einstellung haben Sie zur Äußerung Reccep Tayyip Erdogans, Kinder sollten erst Türkisch und dann Deutsch lernen, die hierzulande sehr kontrovers diskutiert wurde?

Ich denke, diese Rede wurde überbewertet. Herr Erdogan kam nach Deutschland im Rahmen seiner Wahlkampagne. In der Türkei stehen Wahlen an. Und jede türkische Partei weiß ganz genau, dass die Türken in Deutschland mit einem türkischen Pass während des nächsten Türkeiurlaubs wählen werden. Herr Erdogan versuchte natürlich in seiner Rede eben diese Stimmen zu gewinnen. Was die Thematik der Sprache angeht – auch diese Worte wurden aus dem Kontext gerissen. Heute wissen wir alle – und Linguisten bestätigen es uns – dass die Erlernung der Muttersprache im frühkindlichen Alter enorm wichtig ist. Wenn ein Kind seine eigene Muttersprache, egal ob deutsch, türkisch oder chinesisch, perfekt erlernt, noch bevor es in den Kindergarten kommt, kann es andere Sprachen viel leichter und besser lernen. Sonst haben wir diesen Sprachen-Remix. Das ist ein Fakt. Das wissen wir nicht erst seit Herrn Erdogan. Daher verstehe ich nicht, warum diese Äußerungen in den Medien so negativ dargestellt wurden.

“Das, was wir im Moment als ‘Debatte’ bezeichnen, ist nichts als eine reine Polemik.”

Was halten Sie von den aktuellen Debatten über den Islam?

Das, was wir im Moment als “Debatte” bezeichnen, ist nichts als eine reine Polemik. Es ist kein wirklicher und ernster Diskurs. Vielmehr ist es ein Ausdruck der Islamophobie. Daher sind diese Scheindebatten nur Konstruktionen. Sie sind kein Abbild der Gesellschaft und sind nicht repräsentativ. Genauso sind es auch nicht die Marionetten, die in den Medien auftreten. Einen ernsteren Diskurs würde ich mich sehr wünschen. Ich hatte gehofft, dass durch die Polemiken des Herrn Sarrazins letztes Jahr eine ernsthafte Diskussion beginnen würde. Diese blieb jedoch leider aus. Daher hoffe ich, dass in naher Zukunft der Sprung zu argumentativen, wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Diskursen gemacht werden kann. Denn dies ist mehr als nötig.

Sie haben dem muslimischen Berater von Barack Obama Informationen über die Muslime in Deutschland gegeben. Wie haben Sie diese beschrieben? Das ergibt ja kein einheitliches Bild.

Ich habe versucht, ihm die Geschichte der Muslime in Deutschland etwas näher zu bringen. Das ist wichtig, damit man die gegenwärtige Lage und Situation verstehen kann. Dabei sind wir natürlich auch auf die unterschiedlichen Jama´ats und Gruppierungen eingegangen. Auch er war erstaunt, wie viele Gruppierungen es in Deutschland gibt. Dann sind wir natürlich auf die verschiedenen Diskussionen in Deutschland eingegangen. Ich habe ihm jedoch die Lage als hoffnungsversprechend beschrieben. Wie ich schon sagte, sehe ich Diskussionen als nötig an, damit ein Paradigmenwechsel in der Gesellschaft stattfinden kann. Ein wichtiges Thema war ebenfalls die Entwicklungen in Deutschland zu den Themen Islamischer Religionsunterricht und Imam-Ausbildung. In diesem Kontext wurde die Problematik angesprochen, dass der Islam auf Grund des bestehenden Rechts nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt werden kann und damit keine Körperschaft des Öffentlichen Rechtes ist.

Und worin unterscheidet sich die Situation der Muslime hierzulande von der von Muslimen in Amerika?

Da sehe ich große Unterschiede. Die Muslime in Deutschland kamen als Gastarbeiter nach Deutschland. Sie waren überwiegend eine bildungsferne Schicht. Auch ihre Religion war eher volkstümlich. Es war kein Hochislam, der hier repräsentiert wurde. Die Muslime in Amerika sind eher bildungsnahe Schichten. Es sind Muslime, die nach Amerika auswanderten, entweder um zu studieren oder um beruflich Karriere zu machen. Daher bildeten sie dort ihre eigene Elite. Dies ist in Deutschland im Moment kaum vorstellbar. Ein weiterer Unterschied ist, dass sich jeder Einwohner in Amerika als Amerikaner bezeichnet. Die ursprüngliche Heimat spielt dann keine Rolle mehr. Dies hängt natürlich mit den Gegebenheiten in Amerika zusammen. Es gibt keine bestimmte “Amerikanische Kultur”. In Deutschland, England oder Frankreich ist dies nicht so. Man wird nicht automatisch zu einem Deutschen, nur weil man den deutschen Pass hat. Man ist dann eben ein Migrant mit einem deutschen Pass.

Sie schreiben als Journalist für viele unterschiedliche Publikationen. Welche Themen behandeln Sie? Was beschäftigt Sie derzeit am meisten?

Meine Hauptthemengebiete sind Soziologie, Psychologie und Philosophie. In diesen Wissensgebieten schreibe ich. Da ich türkisch und deutsch schreibe, ändert sich natürlich immer das Themenfeld. Im Türkischen benutze ich andere Semantiken und bediene mich unterschiedlichen Diskursen als im Deutschen. Ich versuche meine Zielgruppe in verschiedene Gruppen zu unterteilen: erstens: Die Türken in der Türkei, zweitens: Die türkischsprachigen in Deutschland, drittens: Die Türken in Deutschland, die nicht gut türkisch verstehen und viertens: Alle Menschen in Deutschland. Je nach Zielgruppe unterscheiden sich dann natürlich auch die Themen. Zurzeit schreibe ich aber eher für die vierte Zielgruppe, da ich hier den meisten Bedarf sehe. Am meisten beschäftigt mich im Moment, wie auch nicht anders zu erwarten, das Thema Integration und Islam in Deutschland.

Was halten Sie von den Aussagen von Innenminister Friedrich, der Islam gehöre nicht zu Deutschland?

Die Diskussionen, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, sehe ich als unnötig an. Letztendlich geht es darum, dass die Muslime zu Deutschland gehören. Ob nun der Islam als Religion zu Deutschland oder zur deutschen Leitkultur gehört, ändert nichts an dieser Tatsache.

Welche Konsequenzen und Folgen könnten sich daraus ergeben?

Keine. Die Diskussion wird in einigen Wochen beendet sein. Wenn wir zum Ergebnis kommen, dass der Islam zu Deutschland gehört, wird sich genau so nichts verändern als wenn wir zum Ergebnis kommen, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört.

Was bedeutet der Islam für Sie?

Ich definiere den Islam folgendermaßen: Der Islam ist die Hingabe an das System Gottes, dass mit Adam begann und mit Muhammed endete. Daher ist der Islam sehr wichtig für mich. Er definiert meine eigene Identität und ich definiere meine Identität über den Islam.

Wie gehen Sie mit Religion im Alltag um?

Als Mitarbeiter einer Integrationsagentur hat man natürlich ständig mit Menschen unterschiedlichster Religionen zu tun. Man begegnet Menschen aller Religionen und lernt diese Religionen kennen. So veranstalte ich genauso Moscheeführungen für Nichtmuslime als auch Kirchenführungen für Nichtchristen. In dem man andere Religionen kennenlernt, wird einem das Eigene bewusster. Nur diejenigen können tolerant zu anderen sein, die ihre religiöse Identität unzweifelhaft gewonnen haben und somit einen stabilen Rückhalt im Eigenen besitzen. Intoleranz und Gewalt übt oft derjenige aus, der eigene Zweifel nicht überwinden konnte und sie so fanatisch unterdrücken muss. Daher ist dieses Kennenlernen des Eigenen sowie des Gegenübers ein Grundfeiler einer stabilen Gesellschaft. Für mich persönlich spielt daher meine Religion eine wichtige Rolle in meinem Alltag.

Passt der Islam in die Moderne?

Islam und Moderne schließen sich nicht aus, denn der Islam ist keine Religion, die in einem bestimmten Jahrhundert eingeschlossen werden kann. Wenn man den universellen Charakter des Korans betrachtet, dann ist der Koran zeitlos aktuell. Nicht umsonst sagte unser Prophet, dass zu Beginn eines jeden Jahrhunderts Gott jemanden in dieser Gesellschaft berufen wird, der die Religion aktualisiert und wiederbelebt. Dies wird im Islam als Djadidismus bezeichnet. Es wird natürlich dem Islam nichts Neues hinzugefügt, sondern es werden Antworten gegeben auf neue Fragen eines jeden Zeitalters.

Cemil Sahinöz ist Diplom-Soziologe, Journalist, Autor und Doktorand der Theologie, Philosophie und der Islamwissenschaften. Außerdem ist er Gründer und Chefredakteur der Zeitung „Ayasofya“ und Betreiber der Webseite www.misawa.de.

Interview: L. Räuber, F. Kubach

http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2011/03/46814/

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