(10.05.2009) Said Nursi, Risale-i Nur und die Nurculuk Bewegung

Said Nursi, Risale-i Nur und die Nurculuk Bewegung

Vortrag auf der Said Nursi Gedenkveranstaltung am 13.4.2009 in Köln

Eine ausführliche Betrachtung dieses Themas befindet sich in:
Sahinöz Cemil: Die Nurculuk Bewegung. Nesil, Istanbul, 2008.
http://lesen24.com/index.php?cName=deutsche-b%FCcher-cemil-sahin%F6z

La ilahe illa ente subhaneke inni küntü minezzalimin. Esselamu Aleykum ve rahmetullahi ve berakatu ebeden daima,

Als Herr Ülker mir anbot, einen Vortrag über Said Nursi auf Deutsch zu halten, sagte ich: „Endlich“… Nicht, weil ich den Vortrag halten sollte, sondern da es auf Deutsch sein sollte.

Meines Erachtens hat Said Nursi originelle Ideen zu Themen wir Religion und Wissenschaft, Dialog, Politik, Freiheit etc., die nicht im Türkischen verhaftet sein dürfen. Said Nursi hat ein Menschenbild entworfen, dass Hoffnung und Glauben, Vertrauen und Liebe, Toleranz und Dialog, Offenheit und Aufrichtigkeit verkörpert. Dieses Menschenbild von Said Nursi muss verbreitet werden, vor allem in einer Zeit der Kriege, des Hasses, des Misstrauens. Nursi hat die Rezepte für diese Krankheiten. Die Risale-i Nur ist die Apotheke. Ich nenne es, die Apotheke der Gesellschaft. Aus dieser Apotheke müssen wir alle schöpfen.

Versuchen wir aber zunächst einmal diesen Apotheker zu verstehen. Versuchen wir erst einmal zu beantworten, wer dieser Apotheker nicht ist. Dann haben wir es einfacher.

Zunächst einmal, Said Nursi ist kein Moscheeimam, ohne es abwertend zu meinen. Kein Philosoph. Kein kurdischer Nationalist. Kein Führer eines Clans. Er ist kein Unterstützer des Aufstandes von Scheih Said, mit dem er ständig verwechselt wird. Nursi ist auch kein Reformist, ein Calvinist oder ein Aufklärer. Wie soll etwas reformiert werden, was nicht deformiert ist. Der Islam braucht keine Aufklärung. Ein Politiker ist er schon gar nicht.

Wer ist dann Said Nursi?

Nun, mir steht nicht zu, zu sagen, wer Nursi ist. Ich betrachte dies als Soziologe und sehe folgendes: in Bitlis ist er ein tapferer, heldenhafter Jugendlicher. In Istanbul ist er ein Kämpfer für Freiheit und Unabhängigkeit. Im Ersten Weltkrieg ist er ein Opferbereiter Held. In Barla ist er ein moderner Europäer, weil er moderne Fragestellungen mit modernen Wissenschaften bearbeitet. Nursi ist aber auch ein alter Mann, der gequält und gefoltert wird. Zum Ende seines Lebens ist er Jemand, der sich stark für die Demokratie einsetzt.

Wenn wir uns Said Nursis Leben anschauen, dann gibt es einige Wendepunkte in seinem Leben. Diese Wendepunkte führten letztendlich zum Schreiben der Risale-i Nur Werke.

Mit 14 Jahren hatte Said Nursi einen Traum, der ein wichtiger Wendepunkt in seinem Leben ist. Im Traum sah er, wie die Welt untergegangen war. In dieser Situation wollte er unbedingt den Propheten besuchen, (Sav.). Er dachte sich, dass der Prophet bestimmt die Sıratbrücke (die Brücke im Jenseits) durchqueren würde. So entschied er sich, vor dieser Brücke auf ihn zu warten. Said bemerkte, dass alle Propheten nach und nach begannen, die Brücke zu überqueren. Er küsste jedem einzeln die Hand. Zum Schluss kam der Prophet Mohammed (sav). Said warf sich dem Propheten vor die Knie und bat ihn: „Oh Gottes Gesandter, ich will Wissen von Ihnen.“ Der Prophet antwortete: „Wenn du meiner Religionsgemeinschaft (also meiner Umma) keine Fragen stellst, so bekommst du das Wissen des Korans.“ Voller Freude stand Said auf (2001a, S.30). Dieser Traum ist Ausschlaggebend für den Wissensdurst Said Nursis.

Ein anderer Wendepunkt: Im Jahre 1906 las er in der Zeitung, dass der britische Premierminister William Ewart Gladstone über den Koran folgendes gesagt hatte: „Wir können die Muslime, solange sie diesen Koran haben, nicht beherrschen. Entweder müssen wir diesen vernichten oder sie von ihm abbringen“. Als er dies las, verlautete Nursi wiederum in den Zeitungen, „Ich werde der Welt verkünden und beweisen, dass der Koran eine unauslöschliche Sonne ist“ (Nursi, 2001a, S.44). Dies ist der zweite Wendepunkt im Leben von Said Nursi. Aus diesen Worten und dieser Aufgabe wird später die Nurculuk Bewegung entstehen.

Ein dritter Wendepunkt im Leben Nursis ist eine Vision, die er hat. Er schreibt hierzu folgendes: „Ich war unter den berühmten Ağrı Dağı, der als Berg Ararat bekannt ist. Plötzlich explodierte der Berg mit einem fürchterlichen Knall. Stücke von der Größe eines Berges wurden durch die ganze Welt geschleudert. Ich schaute um mich und sah in diesem Moment, dass meine Mutter bei mir war. Ich sagte zu ihr: ´Habe keine Angst, dies geschah auf einen Befehl Gottes hin. Er ist All-Barmherzig und All-Weise.´ In diesem Moment sah ich plötzlich, dass eine wichtige Person mir einen Befehl gab: ´Zeige den Wundercharakter des Koran!´ Ich wachte auf und verstand, dass eine große Explosion und ein Aufruhr stattfinden würde. Die Mauern, die den Koran umgaben, würden zerstört werden. Dann würde der Koran sich selbst verteidigen. Er würde angegriffen werden, und sein Wundercharakter wäre eine stählerne Waffe. Und ich verstand, dass ich es wäre, der dazu bestimmt ist, dieses Mal den Wundercharakter des Korans zu enthüllen, was über meine Fähigkeiten hinaus ging“ (2004b, S.507; 2001b, S.357; vgl. 2001a, S.44). Auf Grund dieser Vision wird sich später Said Nursi nur noch auf den Koran fixieren und die Glaubenswahrheiten, namentlich Risale-i Nur, verfassen.

Und schließlich ein letzter Wendepunkt. Diesmal war er in Ankara. Er beschrieb den Zustand der Regierung als „Betrunken vom Sieg“. So verteilte er unter den Abgeordneten einen Aufsatz, in dem er die Wichtigkeit des Pflichtgebetes und der Danksagung an Gott beschrieb (Nursi, 2000d, S.85-87; 2001a, S.125-127). Daraufhin sollen mehrere Abgeordnete sich dem Gebet zugewendet haben, was einige Politiker verärgert haben soll. Es kam zu verschiedenen Wortgefechten und Meinungsunterschieden. Nursi erklärte sein Vorhaben. Daraufhin entschuldigte man sich bei ihm. Man bot ihm ein lukratives Gehalt und einen hohen Posten an. Doch Nursi lehnte ab und schrieb später: „Wenn ich dieses Angebot angenommen hätte, wäre das Risale-i Nur, das weder das Werkzeug für irgendetwas ist noch irgend einer Sache nachfolgt und das Geheimnis der Aufrichtigkeit trägt, nicht entstanden“ (2000b, S.258; 2004a, S.334).

Nursi verstand, dass er in Ankara nicht länger bleiben konnte. Seine Hoffnungen für eine Regierung, die die Werte des Islams einhält, waren enttäuscht worden. So stieg er, laut seiner Biographie, in den Zug, fuhr nach Van und wandelte sich zum Neuen Said (Nursi, 2001a, S.133; 2001c, S.294ff; 2002a, S.29-31). Nursi spricht hier vom „Zugticket“, das ihn zum Neuen Said verwandelte.

Es wäre aber zu einfach, wenn man diese Verwandlung als Antwort auf die neue Türkei beschriebe. Vielmehr war es für Nursi ein Rückzug von Genuss und weltlichem Ruhm. Als Mitglied des höchsten osmanischen Rates für Fragen der Bildung lebte er in einem gehobenen Lebensstil in einer Villa. Durch eine Vision (Nursi, 2001c, S.294ff; 2002a, S.29-31) kam er zum Entschluss, dass weltlicher Reichtum nicht strebenswert sei. Ebenfalls könne man nicht mit Politik den Glauben im Volk befestigen. Daher wollte er sich auf den Einzelnen konzentrieren. Das islamische Bewusstsein könne nicht durch die Hand des Staates erweckt werden, sondern durch den Einzelnen. Er widmete sich also der Basisebene einer Gesellschaft. Hinzu kommt, dass er einen Text des mittelalterlichen Sufi Scheichs Abdulkadir Geylani auf sich selbst bezog (2001b, S.339ff; 2004b, S.489). Dieser gab den Rat, „weltabgeschiedener und politikfremder und Einsiedler-Asket zu werden“ (Vahide, 1999, S.34). Daraufhin verzichtete Nursi auf Reichtum und Macht und zog sich in die Berge zurück. In völliger Abgeschiedenheit lebte er auf dem Hügel Yuşa in Istanbul. Danach zog Nursi zunächst in seine Heimatstadt Bitlis und anschließend nach Van, wo er die nächsten zwei Jahre seines Lebens in den Höhlen verbrachte. Für islamische Gelehrte charakteristischerer Weise zog sich Nursi aus der Politik und dem gesellschaftlichen Leben zurück (Aries, 2004, S.70). Schon Dhu al-Nun al-Misri betonte, dass nichts „der Rechtschaffenheit zuträglicher wäre als die Einsamkeit, denn derjenige, der alleine ist, sieht nichts außer Gott, nichts rührt ihn, außer der Wille Gottes“ (Abu-Rabi, 2003, S.84; vgl. Smith, 1995, S.196). So benutzte Nursi das Exil und die Einsamkeit als Inspiration für seine Werke. Er wandelte das Gefühl der Entfremdung in ein Gefühl des Aufgehobenseins (Haddad, 1999, S.309; Abu-Rabi, 2003, S.70). Der Neue Said zeichnete sich dadurch aus, dass er weder politisch aktiv wurde, noch sich zur Politik äußerte.

Er widmete sich der Risale-i Nur. Die Risale-i Nur ist die Verwirklichung seines Traumes, Wissenschaft und Religion zu vereinen. Während seiner Zeit in Van entwarf Nursi die Idee einer Universität, die ihn sein Leben lang beschäftigen sollte. Er ging davon aus, dass der Rückzug aus den Wissenschaften zum Untergang des Bildungssystems im Osmanischen Reich geführt hatte. So hatte er die Idee einer Universität in Van (namentlich: Medresetüz Zehra; eine Analogie zur „Al Azhar“-Universität in Kairo). Hier sollten religiöses und naturwissenschaftliches parallel gelehrt werden. Hiermit wollte er zeigen, dass Wissenschaft und Religion, Freiheit und Glauben und Moderne und Tradition miteinander vereinbar sind (Yavuz, 2004, S.122). Später schreibt er hierzu (Nursi, 1999, S.80): „Die Wissenschaft von der Religion ist das Licht (Ziya) des Gewissens. Die Naturwissenschaft spiegelt das Licht (Nur) der Vernunft wider. Die Wahrheit wird offenbar durch die Vereinigung der Beiden. Wenn sie getrennt sind, kommt es zu Fanatismus in der Religion. Und es entstehen Argwohn und Zweifel in der Wissenschaft.”

Ein entscheidendes Gespräch, welches dieses Gedankengut zeigt, führte Nursi 1936, als er nach Kastamonu verbannt wurde. Er schriebt dazu folgendes: „In Kastamonu kam eine Schar von Gymnasiasten zu mir, und sie sagten: ´Erzähle uns von unserem Schöpfer, unsere Lehrer sprechen nicht über Gott.´ (Abdullah Yegin abi ist die glückliche Person, die ihm diese Frage stellt). Da sagte ich zu ihnen: ´Alle Wissenschaften, die ihr studiert, sprechen beständig von Gott und machen den Schöpfer bekannt, jede Wissenschaft mit der ihr eigenen besonderen Zunge. Hört nicht auf eure Lehrer, hört auf die Wissenschaften´“ (Nursi, 2002b, S.96; Nursi, 2000a, S.23). Said Nursis Annahme, dass jede Wissenschaft die Existenz Gottes zeigt und dass u.a. die Naturgesetze das System Gottes (Sünnetullah) sind, lieferte eine moderne Interpretation des Korans, die dem Wissenschaftszeitalter entsprach. Der Alltagsmuslim konnte also Physiker und gleichzeitig auch Imam (Prediger) werden. Dies ist eine der soziologischen Gründe, warum viele Wissenschaftler die Risale-i Nur lasen. Sie, also die Bücher, boten eine Alternative zum säkularen Staat, der indirekt forderte, „Entweder Physiker oder Imam“. Mit Hilfe der Risale konnte dies nun aufgebrochen werden. Der israelische Religionswissenschaftler Yehezkel Landau beschreibt diesen Zustand in einem Interview folgendermaßen: „Ein Wissenschaftler sagt, ´Ich brauche die Religion nicht´. Einige Geistliche sagen ´Alles, was ich wissen muss, steht in meinem heiligen Buch´. Nursi sagt, ´Nein, das stimmt nicht. Sowohl das heilige Buch, als auch die Wissenschaft sind von Gott gesandte Offenbarungen. Beides sind Wege um den Schöpfer zu verstehen“ (Akman, 2004). So konnte Nursi den Bruch zwischen den esoterisch-subjektiven Mystikern und den intellektuell-objektiven Philosophen, der in der Gründungszeit der Türkischen Republik zustande kam, beenden (Karabaşoğlu, 2003, S.269).

Die Politik jedoch versuchte dies mit allen Mitteln zu verhindern. Daher müssen wir uns natürlich die Frage stellen, warum sich die Risale-i Nur Bewegung trotzt Widerstände (Verbote, Verfolgungen und massiver Anti-Propaganda) so gut verbreiten konnte? Dies hat mehrere Gründe:

1. Die geistliche Leere konnte gefüllt werden.

Die Nurculuk Bewegung war ja keine Erwiderung auf irgendeine Ideologie. Dies wäre eine oberflächliche Fehleinschätzung. Die Nurculuk Bewegung ist auch keine Gegenideologie, weil die Bewegung keine ideologische oder politische Identität hat.

Der Grund für den rasanten Anstieg der Bewegung war vielmehr, dass die Bewegung eine Antwort auf die geistliche Leere, die zu Beginn des 20. Jahrhundert in der Türkei herrschte, anbot. In der neugegründeten Türkei füllte Nursi die Lücke der Religiosität, die durch die Reformen des Staates entstanden war. So entstand der größte Teil der Werke im Kontext des neugegründeten türkischen Nationalstaates, der die alte islamische Identität abzulegen versuchte und neue Werte integrierte. Deutlich ist aber, dass es nicht Nursis Intention war, bewusst diese Lücke zu füllen. Vielmehr führten sozio-kulturelle und sozio-ökonomische Umstände zu dieser Tatsache. Nursi verstand schon früh, dass die Jungtürken und die Intellektuellen, die gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine Revolution im Osmanischen Reich wollten, sich vom Islam entfernen würden, da sie die Religion als Quelle des Abstiegs sahen. Auch war ihm bewusst, dass der traditionelle Islam keine Antworten auf die Fragen der Moderne bieten würde. So entwickelte er eine moderne islamische Identität, indem er den Muslimen eine neue soziale Landkarte bot (Mardin, 2003, S.49). Die Risale-i Nur ist also nicht nur eine Apotheke, sondern ein Navigationssystem.

Laut dem Soziologen Serif Mardin (1989, S.25) war der türkische Nationalismus unfähig gewesen, ihre Sichtweise durchzusetzen. Die positivistische Sicht des Staates und die Säkularisation setzten sich in der ländlichen Türkei nicht durch. Dies führte zu strukturellen Konflikten in den Provinzen und Dörfern, da die Veränderungen und Institutionen die Bedürfnisse der Gesellschaft im ländlichen kaum stillten (Mardin, 1997, S.374, 385). So durchlebte das Volk zwischen 1930 und 1950 eine Identitätskriese. Durch die revolutionären Veränderungen in allen Ebenen der Gesellschaft verlor sie ihren Bezug zur Vergangenheit und somit auch zu ihrer eigenen Identität. Die neue Identität, die ihnen vom Staat aufgedrückt wurde, war nicht kongruent genug und entfremdete zudem die Menschen. Und genau hier setzte die Nurculuk Bewegung ein. Sie deckte und befriedigte die religiösen Bedürfnisse der Muslime in der Türkei. Said Nursi bot ihnen mit der Risale-i Nur Ethik eine Identität, die auf ihrer alten Identität aufbaute. So war es leicht, sich die Ideen Nursis anzueignen, ohne sich zu entfremden. Dadurch konnte sich die Risale-i Nur schneller verbreiten.

2. Religion und Wissenschaft vereint.

Said Nursi erreichte durch sein Geschick, sowohl das Herz als auch den Verstand anzusprechen, ein breites Publikum. Er schaffte es, die islamische Tradition zu modernisieren, den Muslimen ein wissenschaftliches und ethisches Rüstzeug zugeben und ein dynamisches Identitätsbewusstsein zu vermitteln (Yavuz, 2004, S.121). Er gab Antworten auf neue Fragen. Fragen, die der islamischen Welt fremd waren und erst durch die Industrialisierung Zugang zur muslimischen Welt fanden. Der traditionelle Islam hatte keine Antworten auf diese Fragen der Moderne. Said Nursi schlug einen neuen Weg ein und bearbeitete diese Fragen mit der gleichen Methode, wie sie gestellt wurden. Er benutzte die gleichen Mittel wie die Moderne, um den Glauben zu legitimieren. Diese neue Art und Methode fand besonders unter Intellektuellen eine Akzeptanz. Diese schlossen sich dieser neuen modernen Bewegung an. Denn durch Nursi wurde das Streben nach Wissenschaft “wieder“ zum İbadet (Gottesdienst). Dies ist natürlich keine Erfindung Nursis, daher der Beisatz “wieder“. Durch seine Arbeiten gelang ihm eine Öffnung zur modernen Naturwissenschaft. Ein Individuum konnte gleichzeitig Naturwissenschaftler und Geistlicher werden und musste sich nicht für die eine oder andere Seite entscheiden.

3. Vergesellschaftung der Religion.

Nursis Auffassung des Islams ermöglichte jedem den Zugang zum Koran. Dieser Zugang war Jahrhundertelang nur Gelehrten vorenthalten. Nursi brach diese Tradition und überlies es jedem Einzelnen, „den Islam nach seinen eigenen Umständen zu interpretieren“ (Yavuz, 2004, S.127). Dadurch vergesellschaftete er die Religion und machte sie nutzbar. Er vereinfachte religiöse Themen und machte sie verständlich für die Individuen. So konnte ein jeder zur eigenen Autorität in Religionsfragen werden und die Abhängigkeit zu einem geistlichen Führer oder Gelehrten wurde durchbrochen. Die folgenden Zeilen machen dies auch deutlich. Said Nursi sagt: „Wer ein Jahr diese Abhandlungen und Lektionen, also die Risale-i Nur, liest, versteht und sie annimmt, der wird ein bedeutender, wahrhaftiger Gelehrter unserer Zeit werden. Auch wenn er sie nicht versteht, so ist dennoch in Anbetracht dessen, dass die Schüler der Risale-i Nur eine geistige Körperschaft bilden, ohne Zweifel diese geistige Körperschaft einem Gelehrten unserer Zeit gleich“ (Nursi, k.A., S.334; 2000c, S.229). Durch die Vergesellschaftung versuchte er, das religiöse Bewusstsein in der Gesellschaft zu erwecken. Er versuchte die Religion, genauer die orthopraktische Lebensweise, in die Praxis zurückzuholen. Dabei verwies Nursi auf den Verstand. Der Tauhidgedanke Nursis spielt hier eine große Rolle.

Somit ist die Nurculuk Bewegung, keine Bewegung, die ihre Anhänger aus der Gesellschaft zurückzieht, sondern sie aktiv in die Gesellschaft zu integrieren versucht.

Die Aufgabe Deutschlands ist es, Said Nursi zu lesen und zu verstehen.
Unsere Aufgabe ist es, diese Bücher zu verbreiten und zu leben.

Vielen Dank für Ihre Geduld und für´s Zuhören.

Vesselamu Aleykum

Cemil Sahinöz

Literatur:

• Abu-Rabi İ.: How to Read Said Nursi´s Risale-i Nur. In: ders. (Hrsg.): Islam at the Crossroads. On the Life and Thought of Bediüzzaman Said Nursi. State University of New York Press: New York, 2003, S.61-91
• Akman N.: Interview mit dem israelischen Religionswissenschaftler Yehezkel Landau. In: Zaman (Türkische Zeitung). 31.10.2004
• Aries Wolf D.: Chronologie des Lebens von Said Nursi. In: Vahide S.: Ein Beitrag zu einer „Intellektuellen Biographie“ Said Nursis. Söz Basım Yayın: Istanbul, 2004, S.65-72
• Haddad Y.: Ghurba as Paradigm for Muslim Life: A Risale-i Nur Worldview. In: Muslim World. Band 89 (3-4). Juli –Oktober, 1999
• Karabaşoğlu M.: Text and Community: An Analysis of the Risale-i Nur Movement. In: Abu-Rabi I. (Hrsg.): Islam at the Crossroads. On the Life and Thought of Bediüzzaman Said Nursi. State University of New York Press: New York, 2003, S.263-296
• Mardin Ş.: Religion and Social Change in Modern Turkey. The Case of Bediüzzaman Said Nursi. State University of New York Press: New York, 1989
• Mardin Ş.: Anmerkungen zu normativen Konflikten in der Türkei. In: Berler L.P (Hrsg.): Die Grenzen der Gemeinschaft. Bertelsmann Stiftung: Gütersloh, 1997, S.355-397
• Mardin Ş.: Reflections on Said Nursi´s Life and Thougt. In: Abu-Rabi I. (Hrsg.): Islam at the Crossroads. On the Life and Thought of Bediüzzaman Said Nursi. State University of New York Press: New York, 2003, S.45-50
• Nursi S.: Münazarat. Yeni Asya: Istanbul, 1999
• Nursi S.: Asa-yı Musa. Yeni Asya: Istanbul, 2000a
• Nursi S.: Şualar. Yeni Asya: Istanbul, 2000b
• Nursi S.: Lem´alar. Yeni Asya: Istanbul, 2000c
• Nursi S.: Mesnevi-i Nuriye. Yeni Asya. Istanbul, 2000d
• Nursi S.: Tarihçe-i Hayat. Yeni Asya: Istanbul, 2001a
• Nursi S.: Mektubat. Yeni Asya: Istanbul, 2001b
• Nursi S.: Sözler. Yeni Asya: Istanbul, 2001c
• Nursi S.: Mensch und Universum. Sözler: Istanbul, 2002a
• Nursi S.: Die Früchte des Glaubens. Sözler: Istanbul, 2002b
• Nursi S.: Die Lichtstrahlen. Sözler: Istanbul, 2004a
• Nursi S.: Die Briefe. Sözler: Istanbul, 2004b
• Nursi S.: Blitze. VFJH e.V.: Ulm, k.A.
• Smith M.: Studies in Early Mysticism in the Near and Middle East. k.A.: Oxford, 1995
• Vahide Ş.: Dschihad in modernen Zeiten. Bediüzzaman Said Nursi´s Interpretation des Dschihad. In: In: Jama´at-un Nur (Hrsg.): Said Nursi im Spiegel westeuropäischer Diskussionen. Jama´at-un Nur: Köln, 1999, S.24-41
• Yavuz H.: Die Renaissance des religiösen Bewusstseins in der Türkei: Nur-Studienzirkel. In: Göle N., Ammann L. (Hrsg.): Islam in Sicht. Der Auftritt von Muslimen im öffentlichen Raum. Transcript: Bielefeld, 2004, S.121-146

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