(01.08.2008) Du sollst deinen Nächsten Lieben

Du sollst deinen Nächsten Lieben – Nächstenliebe im Islam

 

„Ich liebe das Geschöpf des Schöpfers Willen“ 

 

 

Gewalt, Hass, Verbrechen und Kriminalität in der Gesellschaft können nur verhindert werden, wenn alle Individuen verstehen, dass eine „funktionierende“ Gesellschaft im Interesse aller ist. Damit dieses Verständnis verankert wird, sind zwischenmenschliche Beziehungen, besonders die Nächstenliebe, wichtiger denn je. Was der Islam über die Nächstenliebe sagt, soll in diesem kurzen Artikel behandelt werden.

 

Beginnen möchte ich meine Ausführungen mit einem Spruch des IV. Kalifen Ali, der Folgendes sagte: „Der Mensch mag das nicht, was er nicht kennt!“ Das heißt, erst wenn sich die Menschen kennenlernen und merken, dass sie eigentlich gar nicht so verschieden sind, wie sie sich dachten, werden Nächstenliebe und Frieden in der Gesellschaft gefördert.

 

Die multikulturelle Gesellschaft ist tatsächlich viel homogener als wir immer denken oder einige von uns glauben möchten. „Das Unbekannte“ oder „der Fremde“ kommen einem oft so „anders“ vor, dass man sich nicht wagt, ihm näher zu treten. Erst das Aufeinanderzugehen und Sichkennenlernen eröffnet neue Sichtweisen und neue Perspektiven.

 

So kann die Aussage eines Koranverses dahin gehend gedeutet werden, dass Gott die Menschen bewusster Weise unterschiedlich erschaffen hat, damit die Neugier dem Anderen gegenüber geweckt und das Kennenlernen unter den Menschen gefördert wird. Dieser Vers ist der folgende: „O ihr Menschen, Wir haben euch von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Der Angesehenste von euch bei Gott, das ist der Gottesfürchtigste von euch. (Der Koran: 49,13). Wie oben schon angemerkt, sagt dieser Vers Folgendes aus: Die Unterschiede zwischen den Menschen gibt es, damit sich die Menschen kennenlernen, sich gegenseitig unterstützen; und nicht damit sie sich gegenseitig verleugnen und miteinander im Streit liegen. Hiermit wird im Koran unter anderem ein Meilenstein gelegt, was das soziale Leben angeht. Differenzen zwischen verschiedenen Völkern sind natürlich; und sie sollen nicht als Hindernis, sondern als Annäherungsgrund zueinander dienen. Das ausdrückliche Gebot der Gottesfürchtigkeit in diesem Zusammenhang unterstreicht außerdem die Bedeutung der gegenseitigen Toleranz.

 

Zudem verurteilte der Prophet Muhammad (s.a.w.) den Rassismus (Ebu Davud, Edeb: 113). Dies kann man verbinden mit dem Ausspruch: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (1. Buch Mose = Levitikus 19/17-18). So heißt es im Koran: „Dies ist es, wovon Allah Seinen Dienern, die glauben und gute Werke tun, die frohe Botschaft gibt. Sprich: ´Ich verlange von euch keinen Lohn dafür, es sei denn die Liebe zu den Verwandten (Nächsten).´ Und dem, der eine gute Tat begeht, verschönern Wir sie noch. Wahrlich, Allah ist Allverzeihend, Dankbar.“ (Der Koran: 42,23).

 

Nächstenliebe des Propheten

 Für die „Nächstenliebe“ gibt es in der islamischen Literatur zahlreiche Quellen. Einige von diesen sollen nun wiedergegeben werden. In einem Hadith wird überliefert, dass unser ehrwürdiger Prophet Muhammed (s.a.w.) sagte, dass der Engel Gabriel ihm immer wieder mitteilte, wie wichtig es ist, Gutes für die Nachbarn zutun. Gabriel hätte dies so oft gesagt, dass der Prophet fast dachte, dass man sogar seinem Nachbar als Erben eintragen müsse (Buhari, Edeb 28; Müslim, Birr 140, 2624; Ebu Davud, Edeb 132, 5151; Tirmizi, Birr 28, 1943). Daher riet der Propheten den Muslimen, auf die Rechte der Nachbarn zu achten und gute Beziehungen zu pflegen.  Laut dem Propheten sollte jemand, der an den Schöpfer und das Jenseits glaubt, beim Essen immer auch etwas seinem Nachbar abgeben und ihm Gutes tun.  Auch trifft der Prophet eine wichtige Aussage, die auch heute noch ausschlaggebend für das friedvolle Zusammenleben ist. Man soll nämlich entweder immer Positives sagen oder gar nichts (Buhari, Edeb 31, 85, Nikah 80, Rikak 23; Müslim, İman 74, 47; Ebu Davud, Edeb 132, 5154). Hiermit verbietet er explizit das Aufbringen von Gerüchten, Verleumdungen, Beleidigungen und üblen Nachreden. Man soll am Besten dem Nachbar helfen, der einem örtlich gesehen am nächsten ist (Buhari, Edeb 32, Şüfa 3, Hibe 16; Ebu Davud, Edeb 132, 5155). In einem anderen Hadith ist überliefert worden, der Prophet habe gesagt, dass derjenige, von dem sein Nachbar ausgeht, dass er ihm Schaden zubereiten könnte, nicht ins Paradies kommt (Buhari, Edeb 29; Müslim, İman 73, 46). Diese Aussage fordert den Muslim zu aktivem, positivem Verhalten seinem Nachbarn gegenüber. Er soll ihn nicht nur einfach in Ruhe lassen, sondern so behandeln, dass der Nachbar ihn niemals verdächtigen könnte. Auch sagte der Prophet, dass derjenige, der eine kranke Person besucht, sich während der Besuchzeit zwischen den Früchten des Paradieses befindet (Müslim, Birr 40, 2568; Tirmizi, Cenaiz 2, 967). Die Engel würden für ihn beten, ein Platz im Paradies würde für ihn vorbereitet werden (Ebu Davud, Cenaiz 7, 3098; Tirmizi, Cenaiz 2, 969; İbnu Mace, Cenaiz 2, 1442; Tirmizi, Birr 67, 2009) und er würde sich vom Höllenfeuer entfernen (Ebu Davud, Cenaiz 7, 3097). Daher war Muhammad (s.a.w.) bestrebt darin, Kranke zu besuchen (Ebu Davud, Cenaiz 9, 3102). Dabei machte er keine Ausnahme zwischen Muslimen und Nichtmuslimen oder dem sozialen Status eines Erkrankten. So besuchte er z.B. auch ein krankes jüdisches Kind (Buhari, Cenaiz 80, Merda 11; Ebu Davud, Cenaiz 5, 3095). Muhammed (s.a.w.) setzte sich auch für die Verbreitung des Schenkens ein. Stets beschenkte er Freunde und Verwandte. Wenn ihm jemand ein Geschenk gab, so beschenkte er auf jeden Fall diese Person zurück (Buhari, Hibe 11; Ebu Davud, Büyu 87, 3536; Tirmizi, Birr 34, 1954). In einem Hadith sagt er, dass ein Geschenk Feindschaft und Hass beenden kann. Dabei solle man nicht auf die Größe des Geschenkes achten, sondern auf die Absicht dessen (Tirmizi, Vela ve’l-Hibe 6, 2131; Tirmizi, Ahkam 10, 1338; Buhari, Edeb 30, Hibe 1; Müslim, Zekat 90, 1030; Tirmizi, Vela, 2131). Für den Propheten war es außerdem sehr wichtig, einen Menschen anzulächeln. Er legte sehr großen Wert auf diese kleine aber wichtige Handlung. So war auch er es, der stets mit einem Lächeln seinen Gefährten begegnete (İmam Muhammed Bin Muhammed bin Süleyman er-Rudani, Büyük Hadis Külliyatı, Cem’ul-fevaid min Cami’il-usul ve Mecma’iz-zevaid, cilt 5, İz Yayıncılık, s.34; Huccetü’l İslam İmam Gazali, İhya’u Ulum’id-din, 2. cilt, Çeviri: Dr. Sıtkı Gülle, Huzur Yayınevi, İstanbul 1998, s.801). Sogar Verhaltensweisen, die uns vielleicht im Alltag gar nichtig erscheinen, waren für Muhammad (s.a.w.) von großer Bedeutung. Solche Verhaltensweisen sind z.B. jemanden zu loben, tolerant und hilfsbereit zu sein, gerecht zu handeln, freigebig und großherzig sein, Einladungen anzunehmen oder die Fehler anderer nicht zu beachten.  Ja sogar das Grüßen eines Unbekannten auf der Straße zählt zu den wichtigsten Eigenschaften von Muhammad (s.a.w.), der die Krönung der Schöpfung ist. Nicht umsonst sagte er, dass der Friedensgruß (As-salamu Alaikum) in der Gesellschaft verbreitet werden sollte (Müslim, İman 22). Er wäre sogar einer der Pflichten eines Muslims gegenüber eines anderen Muslims (Buhari C.4/609, Cenaiz 2; Müslim, Selam 4-2162; Ebu Davud, Edeb, 98-5030). So heißt es auch im Koran: „Und wenn ihr mit einem Gruß gegrüßt werdet, so grüßt mit einem schöneren zurück oder erwidert ihn. Wahrlich, Allah legt Rechenschaft über alle Dinge ab.“ (Der Koran: 4,86).

Nächstenliebe zu Juden und Christen

 

Die islamischen Gelehrten sind der Meinung, dass die Muslime nicht nur unter muslimischen Mitgläubigen zusammenhalten sollten, sondern auch mit den wahrhaft Frommen und mit den christlichen und jüdischen Geistlichen; sie sollten nicht all zu sehr auf die Meinungsverschiedenheiten eingehen und streiten. Das heißt nicht, dass es zwischen Muslimen, Christen und Juden keine Unterschiede gibt oder diese unwichtig sind. Vielmehr würde die ausschließliche Konzentration auf diese Unterschiede, sowohl die Muslime als auch die Christen von ihrer noch wichtigeren Aufgabe ablenken, der modernen Welt eine Lebens- und Gesellschaftsvision anzubieten, in deren Zentrum der Glaube an Gott steht und deren moralischer Wertmaßstab der Glaube und das Suchen des Gotteswillens ist (Michel T.: Christlich-Islamischer Dialog und die Zusammenarbeit. Söz Basim: Istanbul, 2004, S.17).

 

Die Unterschiede zwischen den Religionen sind also gegeben. Doch diese sollten nicht das Zentrum des Zusammenlebens bilden. Die Gemeinsamkeiten können mit einem aufrichtigen Dialog hergestellt werden, nach dem Motto: Dialog verbindet Menschen! In unserem Fall sogar: Nächstenliebe verbindet Menschen!

 

Weiterhin heißt es im Koran: „Und streitet nicht mit dem Volk der Schrift.“ (Der Koran: 29,46). „Gott verbietet euch nicht, denen, die nicht gegen euch der Religion wegen gekämpft haben und euch nicht aus euren Wohnstätten vertrieben haben, Pietät zu zeigen und Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Gott liebt ja die, die gerecht handeln.“ (Der Koran: 60,8). Hier wird dem Muslim geraten denjenigen gütig zu sein und gerecht zu verfahren, die ihnen auch nicht geschadet haben. Die Leute der Schrift sind laut dem Koran die Juden, die Christen und die Sabäer.

 

Nächstenliebe zu allen Geschöpfen Gottes

 

Der Islam beschränkt sich aber in der Nächstenliebe nicht auf Juden und Christen. Ganz im Gegenteil. Die Rechte aller Menschen, ganz gleich welcher Weltanschauung, bilden das Zentrum des islamischen Rechts. Sie dürfen nicht missachtet werden. Die ungerechte Behandlung eines Menschen ist im Islam ohne Ausnahmen untersagt. Daher kennt der Islam die Semantik des „Anderen“ nicht. Wenn der „Andere“ nicht existiert, gibt es auch keinen „Gegner“. Dies ist ein immenser Schritt im Bereich der Nächstenliebe. In dem der Islam den „Anderen“ zum „Zugehörigen“ macht, hebt er die Dichotomisierung in der Gesellschaft auf. Der Muslim ist dann verpflichtet, die Rechte eines jeden Menschen zu akzeptieren und aktiv Nächstenliebe zu betreiben.

 

Weiterhin verleiht der Islam dem Muslim ein Denkmuster, das ihm „zum Lieben“ verleitet. Der Muslim liebt die Geschöpfe Gottes und sieht sie als Seine Kunstwerke an. Daher der Ausspruch des Dichters Yunus Emre: „Ich liebe das Geschöpf des Schöpfers Willen“. Der aufrichtige Muslim betrachtet also einen jeden Menschen mit Liebe, da er ein direktes Werk Gottes ist.

 

Dagegen wird Hass und Ungerechtigkeit im Koran massiv untersagt. Hier einige Beispiele dazu: „Wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, es so sein soll, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.“ (Der Koran: 5:32). „Tue Gutes, wie Allah dir Gutes getan hat; und begehre kein Unheil auf Erden; denn Allah liebt die Unheilstifter nicht.“ (Der Koran: 28:77). „Die da spenden in Freud und Leid und den Groll unterdrücken und den Menschen vergeben. Und Allah liebt die Rechtschaffenen.“ (Der Koran: 3:134).

 

Fazit

 

Durch die Nächstenliebe schafft der Islam eine optimale Atmosphäre für ein friedfertiges Leben miteinander. Das Individuum lernt, Empathie und Toleranz zu zeigen und begegnet seinem Nächsten weder mit Hass noch mit Gewalt oder Neid. Der Muslim wird hierdurch zu einer Person, von der Sicherheit und Liebe ausstrahlt.

 

Eine Gesellschaft, die auf diesen Pfeilern aufgebaut ist und nach dem Vorbild des Propheten lebt und liebt, sollte das Ziel eines jeden Individuums sein.

 

Cemil Sahinöz

 

Publiziert in: Yeni Genclik, Nr.15, 2008, S.39-40

 

 

Literatur:

 

  • Buhari: Es Sahihu´l-Buhari. k.A.: Beirut, k.A.
  • Der Koran. Übersetzung von: Khoury Adel Theodor. Unter Mitwirkung von Abdullah Muhammed Salim. Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh, 1987
  • Die Bibel. Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung. Herder: Stuttgart, 1980
  • Ebu Davud: Es Sünen. A.: Beirut, k.A.
  • Er-Rudani: Büyük Hadis Külliyatı. Cem’ul-fevaid min Cami’il-usul ve Mecma’iz-zevaid. Band 5. İz Yayıncılık, k.A., k.A.
  • Gazali: İhya’u Ulum’id-din. Band 2. Huzur Yayınevi: İstanbul, 1998
  • İbnu Mace: Sünen. k.A.: Beirut, k.A.
  • Michel T.: Christlich-Islamischer Dialog und die Zusammenarbeit. Söz Basim: Istanbul, 2004
  • Müslim: Es Sahih. k.A.: Beirut, k.A.
  • Tirmizi: Es Sahih. k.A.: Kairo, k.A.
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5 Kommentare

Eingeordnet unter Deutsche Kolumne

5 Antworten zu “(01.08.2008) Du sollst deinen Nächsten Lieben

  1. Fritz

    Wie steht es denn mit der muslimischen Nächstenliebe zu Atheisten oder Angehörigen nicht-monotheistischer
    Religionen?

  2. Bound

    Fritz, die Liebe der Muslime beschränkt sich nicht auf monotheistische Religionen. Sahinöz schreibt doch: „Ich liebe das Geschöpf des Schöpfers Willen. Der aufrichtige Muslim betrachtet also einen jeden Menschen mit Liebe, da er ein direktes Werk Gottes ist.“

  3. Fritz

    Und wenn dieser Mensch bestreitet, ein Werk Gottes zu sein?

  4. Das ist dem Liebenden gleichgültig. Der, der liebt, liebt es Gotteswillen.

  5. Bound

    „Und wenn dieser Mensch bestreitet, ein Werk Gottes zu sein?“

    Soll er doch. Ändert doch nichts an der Tatsache, dass er trotzdem ein Mensch ist.

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