(02.02.2008) Sinn und Zweck des Lebens

Sinn und Zweck des Lebens

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist gewiss keine Frage der Moderne. Vielmehr ist es die älteste Frage der Welt. Es gibt keinen Philosophen, keinen Gelehrten oder „Weisen“, der sich nicht mit dieser Frage beschäftigt hätte. Platon, Aristoteles, Sokrates… Sie alle strebten nach dem Sinn des Lebens. Auch in der Gegenwart ist dies eine höchstaktuelle Frage. Jedoch sollte hier erst einmal verdeutlicht werden, dass es nicht „den Sinn des Lebens“ gibt. Der Autor dieser Zeilen vertritt die These, dass kein Individuum einem anderen Individuum weiß machen kann, was der Sinn des Lebens ist. Jeder Einzelne muss diese Frage für sich selbst beantworten. Jedoch gibt es einige kleinen gemeinsamen Nenner, auf die man sich einigen kann. Lediglich auf diese gemeinsamen Nenner beruft sich dieser bescheidende kurze Artikel.

Schon seit Ewigkeiten versucht der Mensch herauszufinden, warum seine Existenz so wichtig ist. Warum das Leben weitergeführt werden muss. Wie der Mensch als Individuum von nichts her dieses Leben bekommen hat und wie es ihm jede Sekunde wieder genommen werden kann. Viele bekannte Persönlichkeiten haben sich schon mit dieser Thematik befasst. Ich werde nun einige von ihnen vorstellen.

Zunächst einmal Dostoyewski, einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller, der den Selbstmord verherrlicht hat. Alle 17 Charaktere in seinen Werken begehen Selbstmord. Dostoyewski war sein Leben lang auf der Suche nach etwas. Doch er wurde nie wirklich glücklich. Er konnte nicht einmal einen Namen für seine Unglücklichkeit nennen. Dostoyewski war ein sehr gebildeter Mensch, aber er schaffte es nie, Freude und Wohlstand am Leben zu haben.

Der Schriftsteller Tolstoy fragte sich, „Warum lebe ich, was passiert mit mir nach dem Tod?“ Die Philosophie konnte ihm hier keine Antwort geben. Selbstmord wurde für ihn zu einem Anziehungspunkt. In den letzten Jahren seines Lebens interessierte er sich für die Kirche. Doch die Kirchen, mit denen er sich beschäftigte, schlossen ihn aus. Auf Grund der Streitigkeiten, die er durchgemacht hatte, kam er zum Schluss „Ich suche den Glauben, der mich im Leben stärkt.“ Doch bevor er dies konnte starb er am 20.11.1910.

Der griechische Philosoph Sokrates lebte ca. 470 v. Chr. Er wurde dafür bekannt, dass er jedem die folgenden Fragen stellte: „Was weiß du über dich selbst? Was bist du? Was ist das Leben? Was kann man damit anfangen? Versuche dich kennenzulernen! Wie kann jemand etwas lernen, der sich selbst nicht kennt? Was ist die Moral? Was ist die Seele? Wer ist Gott? Was sind die Menschenrechte?“ Aus diesen Fragen entwickelten sich Gespräche, die in ganz Athen berühmt wurden. Doch als er sich seinem 70.Alter näherte, wurde er vors Gericht gestellt. Seine Schuld: Er beeinflusse die Jugendlichen negativ! Vor dem Gericht hielt er eine lange Rede, wofür er berühmt wurde. Das Gericht verurteilte ihn trotzdem zu Tode. Er antwortete ihnen mit den folgenden Sätzen: „Ich werde sterben. Ihr bleibt am Leben. Gott weiß, welches besser ist!“ Am 30.Tag seiner Gefangenschaft brachte man ihm ein Gift, dass er ohne Zögern schluckte (Ertugrul, 2002, S.9-11). Seine letzten Worte vor seinem Tode waren: „Wir sind Asklepyos noch einen Huhn schuldig. Gibt ihm das Geld dazu, vergesst es nicht!“ (Vakkasoglu, 1976, S. 165). Mit dieser Geste zeigt er, dass er fest an ein Gericht nach dem Tode glaubte und dort ja nicht wegen einer Schuld belastet sein wollte.

Die Suche nach der Frage „Warum leben wir?“ wurde auch in der Philosophie immer wieder aufgegriffen, aber meiner Meinung nach immer ohne Ergebnis. Wissenschaft und Religion versuchen den Menschen antworten zu geben. Der Mensch suchte und fand keine wirklich beruhigende Antwort. War das Leben also doch nicht so wichtig? War ein Selbstmord nachvollziehbar? Warum existieren wir überhaupt? Wie ist das Leben überhaupt entstanden? Welchen Sinn hat es? Der Anstieg der Selbstmordraten ist kein purer Zufall. Er hat biologische, psychische und soziologische Gründe.

Es gilt also zu Fragen: Leben wir um zu Arbeiten oder arbeiten wir um zu Leben? Oder leben wir um zu Essen oder essen wir um zu Leben? Wie kann man den Sinn des Lebens verstehen?Den Sinn des Lebens zu verstehen, ist erst dann möglich, wenn wir erkennen, welches Wesen die Lebewesen ins Dasein ruft und welche Wirkung Er auf die Geschöpfe hat. Erst dann können wir den wahren Sinn und Wesen des Lebens verstehen.

In einem Vers des Korans heißt es „Und Ich habe […] die Menschen nur dazu erschaffen, dass sie Mir dienen“ (Der Koran, 51:56). Gott erschuf die Menschen, damit Er sich den Menschen bekannt macht, und im Gegenzug sollen die Menschen durch vernünftiges Nachdenken zur Überzeugung der Existenz Gottes gelangen.

Der Mensch wurde auf die Welt geschickt, um an Gott zu glauben; um sein Wissen über Ihn zu vertiefen, damit Liebe zu Ihm entsteht. Der Glaube, der aus der sicheren Erkenntnis und Liebe entsteht, erfüllt den Menschen geistig mit seelischen Genüssen und Freuden. Diese Genüsse, Freuden und die wahre Zufriedenheit können ohne sie nicht entstehen.

Das Leben selbst liefert im Vergleich zum Universum noch mehr erfahrungslogische Beweise für die Existenz Gottes. Das Leben wird jedem Lebewesen als Wahrheit gegeben. Es wimmelt von Lebewesen um uns, welche in unzähliger Weise erschaffen wurden. Obwohl dies so ist, ist dennoch kein Mensch in der Lage, aus dem Nichts ein neues Leben hervorzubringen. Wenn die bestimmte Stunde kommt, kann keiner sie rückgängig machen. Dies ist ein wunderbarer Punkt, der alle Aufmerksamkeit und alle Intellekte auf sich ziehen sollte. Aus einer scheinbar wertlosen, verdorbenen Schale einer Zitrone oder Wassermelone, werden so kunstvolle Lebewesen in einer unzähligen Vielzahl erschaffen. Keine der Wissenschaften sind imstande, solche wundersamen Ereignisse, welche auch so unbedeutend für uns erscheinen mögen, auch nur im geringstem nachzuahmen. Da dies so ist, wird aus dieser Tatsache ganz klar verstanden, dass es Jemanden gibt, der die Lebewesen ins Dasein ruft und Der selber Besitzer des Ewigen Lebens ist.

Das Leben selbst ist eine Manifestation (Erscheinung) der Einheit, des Lichtes, das von dem Einen ausgeht. Und diese Einheit fügt den Kosmos zusammen und führt die Vielfalt zur Einheit durch die Handlungen des Einen.

Aus diesem Grund können wir das Leben, sei es nun ein Ereignis oder eine Tatsache, nicht wie die üblichen Dinge (z.B. Materie) in einem Labor nach seinem wahren Wesen untersuchen. Aber wir sehen und nehmen doch wahr, dass das Leben in unterschiedlichen Erscheinungen und Formen um uns herum in Hülle und Fülle existiert. Genauso wie wir das wahre Wesen des elektrischen Stroms nicht wahrnehmen können, so sind wir auch nicht imstande, das wahre Wesen des Lebens zu verstehen.

Wenn wir aber das Leben unter dem Gesichtspunkt der Metaphysik betrachten und untersuchen, wird die oben erwähnte Tatsache, welche wir als Leben vor unseren Augen mit seinen vielfältigen lebendigen Zeugnissen wahrnehmen, zeigen, dass es eine Macht gibt, die diese Lebewesen ausstellt. Das heißt: Das Leben im wahrsten Sinne zu betrachten und ihr wahres Wesen zu verstehen, hängt von der Erkenntnis über den Schöpfer ab, der diese Lebewesen ins Dasein gerufen hat. Durch das Begreifen des menschlichen „Ichs“ und dessen Beziehung zu seinem Schöpfer und damit zu Seinem Wort kann die wahre Natur des Verstandes begriffen werden. Das „Ich“ wird nur zu einem Spiegel und als Bedeutung des Schöpfers gesehen.

In einem Hadith heißt es: „Ich (Gott) war ein verborgener Schatz. Ich wollte erkannt werden“ (Acluni, 1932, 2:132). Der islamische Gelehrte Muhyiddin-i Arabi interpretiert diesen Hadith folgendermaßen: „Ich habe das Universum (die Schöpfung) erschaffen, so dass es mir ein Spiegel wird und ich auf diesem Spiegel meine Schönheit sehe.“

Sinn und Zweck des Lebens ist demnach, die Schöpfung Gottes zu erkennen.

Durch die Schöpfung soll man den Schöpfer selbst erkennen. Das heißt, beim Betrachten des Universums soll dessen Schöpfer sichtbar werden. Beim Pflücken eines Apfels soll nicht dem Baum, sondern dem tatsächlichen Geber dieser Frucht gedankt werden. Somit wird der ganze Kosmos zu einem Spiegel Gottes. Alles verweist und reflektiert auf den Einen. Sogar der beängstigende Tod wird zu einer einfachen Tür zum Jenseits. All die Ungerechtigkeit, die uns hier auf Erden wiederfährt, wird dort vor Gericht gestellt. Jeder erhält das, was er hier auf Erden geleistet hat. Der Tod ist somit die Geburt in einer anderen Welt. Die Todesangst verschwindet und das ganze Leben bekommt einen Sinn.

Mit dieser Erkenntnis muss sich jeder Mensch fragen: Wenn mich der Tod ereilt, was würde ich bereuen? Würde ich es bereuen, dass ich einen neuen Film im Kino noch nicht gesehen habe? Oder dass ich meine Abschlussprüfung noch nicht abgelegt habe? Vielleicht dass ich noch viel vor hatte? Das ich noch meine Jugend ausleben wollte? Dass ich noch gar nicht alt bin? Dass es doch viele andere Menschen gibt, die doch eigentlich vor mir sterben sollten? Warum musste es mich treffen? Hätten diese Fragen noch einen Sinn? Denn sobald der Tod kommt, gibt es kein zurück mehr. Es ist so, als ob man in ein Flugzeug steigt, ohne Rückflug. Man muss seine Koffer vorher einpacken und sich auf die Reise vorbereiten.

Daher ist die einzige Frage, die wir uns stellen können, wenn der Tod kommt, die folgende: Kann ich vor dem Erwürdigen Schöpfer mein Kopf erheben und mich glücklich schätzen, den Vertrauenspfand heile zurückgebracht zu haben?

Cemil Şahinöz

Literatur:

· Acluni Ismail bin Muhammed: Kesfu´l-Hafa. Daru Ihyai´t-turasi´l-Arabi. Beirut, 1932

· Der Koran. Übersetzung von: Khoury Adel Theodor. Unter Mitwirkung von Abdullah Muhammed Salim. Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh, 1987

· Ertugrul Halit: Toplumun Isiklari. Timas Yayinlari: Istanbul, 2002

· Vakkasoglu Vehbi: Önce Alkisladilar, Sonra Öldürdüler. Yeni Asya: Istanbul 1976

Publiziert in: Yeni Genclik, Nr.13, 2008, S.41-42

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