(29.11.2007) Die Frau (und der Mann) im Islam – Differente Bedeutung der Körperlichkeit im Islam und im Christentum

Die Frau (und der Mann) im Islam?

Differente Bedeutung der Körperlichkeit im Islam und im Christentum

 

Die meisten Bücher, die über den Islam geschrieben werden, tragen den Titel „Die Frau im Islam“. An einen Titel wie „Der Mann im Islam“ haben sich bisher nur wenige getraut. Auch findet man so gut wie keine Bücher zum Thema „Die Frau im Buddhismus“, „…im Hinduismus“, oder „… in der Scientology“.

 

Dabei herrscht aber eine große Unkenntnis über den Aufbau der Gemeinschaft, die der Islam schafft. Die starre Anwendung der einen Kultur auf die andere, bringt nicht nur falsche Ergebnisse sondern führt auch in eine Sackgasse. Einige der Unterschiede, die beachtet werden müssen, werden nun in dieser kurzen bescheidenden Arbeit skizziert.

 

In einigen Gesellschaften steht das Individuum im Zentrum der Betrachtungen. Im Islam jedoch, ist nicht das Individuum sondern die Gemeinschaft, die umma, das ausschlaggebende.

 

Die Ausblendung des Körpers ist ein zentraler Punkt einiger Gesellschaften. Es herrscht eine Leib- und Sexualfeindlichkeit. Es gibt eine horizontale Trennungslinie. Somit gibt es eine Körperlosigkeit. Im Islam ist dies aber gegenteilig. Der Islam hat eine vertikale Trennungslinie. Körper und Leib werden positiv bewertet (Mihyicazgan, 1994, S. 46).

 

Es gibt Gesellschaften, in denen der Körper als Übel der Existenz gilt. Die Augustinische Lehre von der Erbsünde führt zur Leibfeindlichkeit des Menschen. Sexuelle Bedürfnisse kommen demnach vom Teufel. So ist Leib eher mit Leiden als mit Lust zu assoziieren (siehe als Beispiel Jesus am Kreuz). Dieses Gedankengut führte dazu, dass in der Aufklärungszeit sowohl das Christentum als auch der Körper an Bedeutung verloren. Man spricht hier von einer Entkörperlichung. Die Gesellschaft wurde zu einem geschlechtsneutralen Raum. Diese Trennungslinie galt dann als „normal“ und „natürlich“. Andere Gesellschaften hätten sich daran zu halten, weil sie „gut“ sei. Allerdings ist sie nicht wirklich naturgebunden, sondern kulturell konstruiert (Mihyicazgan, 1993, S. 93ff).

 

 

In islamischen Gesellschaften sehen wir eine Trennung zwischen Mann und Frau im öffentlichen Raum. Aber nicht, weil der Mann über der Frau oder die Frau über dem Mann steht, sondern da der Körper anders wahrgenommen wird. Männer und Frauen haben überall im gesellschaftlichen Leben ihre eigenen Räume. Körper und Sexualität werden positiv bewertet. Sie, Mann und Frau, bilden in der Ehe eine Einheit (Mihyicazgan, 1993, S. 94ff)

 

Wenn solche Unterschiede nicht beachtet werden oder gar nicht bekannt sind, kann keine qualitative Analyse zu Stande kommen. Da man die Unterschiede nicht beachtet, glaubt man, die Trennung des öffentlichen Raumes in muslimischen Gesellschaften, wäre eine Unterdrückung des jeweils anderen Geschlechtes.

 

Themen wie z.B. das Kopftuch sind ein Paradebeispiel für die Sackgasse derartiger Arbeiten, die bestimmte Schablone auf islamische Gesellschaften zu übertragen versuchen. Das Kopftuch ist weder eine Erfindung des Propheten Muhammed noch eine Form der Unterdrückung an der Frau. Da der Körper im Islam positiv ist, gibt es sowohl für den Mann als auch für die Frau Bedeckungsformen. Die Verhüllung ist dann ein Ausdruck des Körperbewusstseins (Mihyicazgan, 1993, S. 95).

Cemil Sahinöz

Literatur:

  • Mihciyazgan U.: Die Macht der Kultur. Muslime in einer christlich geprägten Gesellschaft. In: Leggewie C., Senocak Z. (Hrsg.): Deutsche Türken. Das Ende der Geduld / Türk Almanlar. Sabrin Sonu. Rowohlt: Reinbeck bei Hamburg, 1993, S. 92-102
  • Mihciyazgan U.: Identitätsbildung zwischen Selbst- und Fremdreferenz. Überlegungen zur Beschreibung der Identität muslimischer Migranten. In: Schreiner P. (Hrsg.): Identitätsbildung in multikultureller Gesellschaft. Münster, 1994, S. 31-48

Publiziert in: Ayasofya, Nr.21, 2007, S.37

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