(19.07.2007) Kinder brauchen Chancen! Reproduziert die Schule soziale Ungleichheit?

Kinder brauchen Chancen!

Reproduziert die Schule soziale Ungleichheit?

Jedes Individuum strebt nach einem hohen sozialen Status und hoher Lebensqualität. Um dieses Ziel zu erreichen braucht man Bildung. Nur wer gebildet ist, kann die gesellschaftlichen Möglichkeiten nutzen und die sozialen Risiken minimieren. In unserer Gesellschaft sprechen wir auch gerne vorn Leistungsprinzip, d.h. wir betrachten uns als Leistungsgesellschaft, in der derjenige etwas gilt, also einen hohen sozialen Status besitzt, der etwas leistet. Unabhängig von seiner Herkunft. So weit, so gut.

Wie sieht es aber in der Realität aus? Ist die Herkunft in unserem Land wirklich irrelevant für den sozialen Status? Herrscht in der Bundesrepublik Chancengleichheit?

Beginnen wir unsere Betrachtungen da, wo – nach Elternhaus und Kindergarten, die ebenfalls einer Betrachtung wert wären, was hier aber zu weit führen würde – der Grundstein für das Leistungsvermögen einer Person gelegt wird, nämlich in der Schule. Theoretisch wird bereits dort schon alleine nach dem Leistungsprinzip differenziert. Doch in der Praxis kann davon keine Rede sein. Im Iglu-Test (der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung) konnte festgestellt werden, dass die Chance eines Gymnasialbesuchs für das Kind eines Managers bei gleicher Leistung 2,63 mal höher ist als für ein Arbeiterkind.

Unterproportional vertreten

In der Tat ist festzustellen, dass der erreichte Schulabschluss stark von der sozialen und ethnischen Herkunft abhängt. Auch die PISA-Studie 2003 macht deutlich, dass die Bildungschancen von Kindern umso höher sind, je besser ihre Eltern gestellt sind (hoher Abschluss, hohes Einkommen). So wird angenommen, dass Jugendliche, deren Eltern gering verdienen oder geringe schulische und berufliche Qualifikationen haben, im Laufe ihrer Entwicklung Benachteiligung erfahren werden. Tatsächlich erreichen diese Kinder schlechtere schulische Ergebnisse, beteiligen sich weniger an schulischen und außerschulischen Aktivitäten und Verlassen die Schule früher.

Migranten sind in diesem Fall besonders betroffen – weil sie Sprache und Kultur weniger beherrschen und zudem meist der Unterschicht angehören. Dies hat zur Folge, dass Migranten überproportional in Sonder- und Hauptschulen und unterproportional in Realschulen und Gymnasien vertreten sind. In der PISA-Studie 2000 wurde bemängelt, dass 20 Prozent der Migrantenkinder in Deutschland elementare Problem beim Lesen hätten. Nach Heilmann und Zitzelsberger werden Schüler/innen, die „in ihrer Entwicklung oder ihrem Lern- und Leistungsvermögen mindestens zeitweise so beeinträchtigt sind, dass sie am Unterricht in der Grundschule nicht mit genügendem Erfolg teilnehmen können“ in die Förderklassen verwiesen. Dabei wird nicht abgeklärt, warum oder in welcher Weise diese Beeinträchtigung vorliegt, d.h. es wird nicht berücksichtigt, ob vielleicht die soziale oder ethnische Herkunft zu diesen Beeinträchtigungen führen oder tatsächlich ein mangelndes Leistungsvermögen.

Dirigierungsstellefür die Verteilung von Lebenschancen

Paul Mecheril von der Universität Bielefeld hierzu: „Fehlende Deutschkenntnisse stellen nach dem Schulrecht keinen legitimen Grund für die Überweisung auf die Sonderschule für Lernbehinderte dar, und im Zweifelsfall sind laut Schulrecht Kinder an Regelschulen zu belassen. So es aber organisatorisch geboten ist, können Schulen fehlende Deutschkenntnisse unter Umgehung schulrechtlicher Erlasse zum Entscheidungskriterium beim Sonderschulaufnahmeverfahren machen.“ Theoretisch dürfen Kinder also nicht allein aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse in eine Förderschule verwiesen werden – praktisch schon. Und Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen haben auch erheblich geringere Chancen, weiterführende Schulen, insbesondere die Gymnasien zu besuchen, und gute Schulleistungen zu erzielen – auch wenn sie ansonsten „das Zeug dazu“ hätten.

Der Soziologe Schelsky, der die Schule als „zentrale Dirigierungsstelle für die Verteilung von Lebenschancen“ ansieht, attestiert dieser deshalb, „im höchsten Maße sozial ungerecht zu wirken“. Tatsächlich ist unsere Schule ein System, das soziale Ungleichheit produziert und indirekt unterschiedlich große Lebenschancen verteilt. Denn durch die‘ Ungleichbehandlung der Schüler nach ihrer Herkunft verschließt sie einem Teil ihrer Schutzbefohlenen die Tür zu hohen Positionen, da sie diesen trotz entsprechender Qualifikationen nicht die Möglichkeit gibt, die entsprechenden Bildungszertifikate zu erwerben. Wissen ist der Schlüssel zur Zukunft – wenn es nicht gelingt, einem Schüler ein ausreichendes Maß an Wissen und Kompetenzen zu vermitteln, führt dies meist zu sozialer und beruflicher Ausgrenzung.

Systematische Benachteiligung

In kaum einem anderen Land ist die soziale und ethnische Herkunft so ausschlaggebend für die zukünftigen Lebenschancen von Kindern wie in Deutschland. Zu Recht schreibt Gogolin, dass das Bildungssystem Mechanismen enthält, die dazu führen, dass die „eigenen Staatsbürger“ besser gestellt sind als Menschen anderer staatlicher, sprachlicher oder kultureller Herkunft. So werden die eigenen Staatsbürger/innen mit höheren Bildungsniveaus bzw. aus bildungsnahen Schichten systematisch bevorzugt und Kinder aus Migrantenfamilien oder auch Arbeiterfamilien bei der Einschulung in doppelt so hohem Umfang wie Kinder aus mittleren und oberen Schichten zurückgestellt. Auch die Lehrerempfehlungen beim Übergang von der Grundschule in die 5. Klasse fallen zu Gunsten der bildungsnahen Oberschicht aus.

Um es einmal salopp zu formulieren: Schreibt ein/e Schüler/in aus der Oberschicht eine „fünf“ wird dies als Faulheit eingestuft. Die gleiche Note gilt bei einem/r Schüler/in aus der Unterschicht als Anzeichen für „Dummheit“. Die Gymnasialempfehlungen bestätigen diese Befunde: Die Chance eines Jugendlichen aus den höheren Schichten, das Gymnasium anstelle einer Realschule zu besuchen, ist fast sechsmal so hoch wie für Jugendliche aus der Unterschicht. Vielerorts ist nicht das Leistungsvermögen, sondern das Beherrschen der deutschen Sprache und der deutschen Mittelschichtkultur ausschlaggebend für die Empfehlung für eine höhere Schule.

Mittelschichtorientierte Leistungskriterien

Denn die Kriterien für Schulerfolg orientieren sich an der deutschen Mittelschichtkultur. Von Kindern aus der Unterschicht und/oder anderen Kulturen wird dadurch eine außerordentlich belastende soziale Anpassungsleistung gefordert, der sie oft nicht gewachsen sind. Desorientierung und Oemotivierung sind das Resultat dieses Konfliktes, was wiederum zu schlechten Schulleistungen und einer „Null-Bock-Haltung“ führt. Somit bestimmen nicht die tatsächlichen Fähigkeiten den Schulerfolg, sondern die soziale Anpassung an die mittelschichtorientierten Leistungskriterien.

Während also Eltern der Mittel- und Oberschicht ihre Kinder mit kulturellem, wirtschaftlichem und sozialem Kapital fördern, fehlen den Unterschichtfamilien diese Ressourcen. So formuliert Geißler „Der Widerstand der oberen Schichten gegen den sozialen Abstieg ihrer Kinder ist stärker ausgeprägt als der Wille der unteren Schichten zum Aufstieg.“ So ist die Angst der Mittel- und Oberschichteltern, den eigenen Status durch einen niedrigen Schulstatus ihrer Kinder zu verlieren, größer als die Hoffnung der Unterschichteltern, ihren eigenen Status durch einen hohen Schulstatus ihrer Kinder zu erhöhen. Denn ein hoher Schulabschluss bedeutet zugleich auch höhere Kosten.

Mangelnde Förderung

Dazu kommt, dass die Förderung in den verschiedenen Schulformen sehr unterschiedlich ist. In einer höheren Schule wird man besser gefördert. Die Leseleistung wird z.B. im Gymnasium viel stärker gefördert als in anderen Schulen. Auch die Intelligenzentwicklung steigt im stark geförderten Gymnasium. So ist hier ein doppelter Effekt zu sehen: Kinder, die durch ihre soziale und ethnische Herkunft im Schulsystem benachteiligt sind, erhalten nach der Grundschule meist keine Empfehlung für den Besuch einer höheren Schule und werden so auch in der weiterführenden Schule wieder benachteiligt, da sie dort weniger gefördert werden als ihre ehemaligen Mitschüler, die auf das Gymnasium kommen.

Der Bielefelder Soziologie Elmar Lange hält diese frühe Übergangsentscheidung nach der 4. Klasse für eine „wesentliche Ursache für die sehr starke schichtspezifische Reproduktion sozialer Ungleichheit in Deutschland. Je früher die Auslese von Schülern stattfindet, desto stärker ist die Produktion beziehungsweise Reproduktion von sozialer Ungleichheit“. Denn ein niedrigerer Bildungsabschluss kann sich ein Leben lang auf die berufliche Karriere und persönliche Entwicklung eines Menschen auswirken.

Institutionalisierte Diskriminierung

Damit es nicht missverstanden wird: Es ist nicht das Individuum, z.B. der/die Lehrer/in oder der/die Schulleiter/in, der/die diskriminiert, sondern das „Netz von Institutionen“. So erhalten bestimmte soziale Gruppen in spezifischen institutionellen Arrangements systematisch weniger Belohnungen, als klar identifizierbare Vergleichsgruppen. Geißler bezeichnet dies als leistungsunabhängigen sozialen Filter, der im Bildungssystem wirksam ist. Es sind also diese unbewussten Mechanismen institutionalisierter Diskriminierung im System, die abgebaut werden müssen.

Wir müssen einen gleichberechtigten Zugang zu gesellschaftlichen Gütern, wie z.B. Bildung sicherstellen, denn Menschen ohne Bildungschancen – seien es Migrantenkinder oder Kinder aus der Unterschicht – werden aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Das ist das Gegenteil der viel beschworenen Integration. Diese Ausgeschlossenen haben keine Möglichkeiten, sich an ihrem sozialen Umfeld zu beteiligen. Indem man diese Menschen systematisch aus Bildung und Politik ausschließt, lässt man zu, dass sie sich abgrenzen. Auf Dauer führt dies zu Formung von Parallelgesellschaften, die weder von den Ausgeschlossenen noch von der Mehrheitsbevölkerung gewünscht werden.

Chance für die Gesellschaft

Dabei können Menschen, die nicht in die Norm der Mehrheitsgesellschaft passen, durchaus eine Chance für die Gesellschaft darstellen. Nehmen wir einmal das Beispiel der Migranten: Selbstverständlich ist die deutsche Sprache Grundvoraussetzung zur Teilhabe an der Gesellschaft. Aber die vorhandene Mehrsprachigkeit ist genauso ein Kapital, dass man sowohl für die Wirtschaft als auch für die Politik und die Gesellschaft positiv und effektiv verwenden kann. Statt aber die vorhandene Mehrsprachigkeit (Türkisch, Russisch) zu fördern, wird eine künstliche Mehrsprachigkeit (Französisch, Englisch) erzeugt. Hier verschwendet man einen großen Teil an Zeit, Geld und Humankapital. Zudem führt die Ausblendung dieser Kompetenz zu folgenschweren Misserfolgen dieser Schüler.

Die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studien zeigen, dass sämtliche Schulsysteme sozial selektiv sind. Die Kinder aus Migranten- und Unterschichtfamilien haben wesentlich schlechteren Zugang zu Bildung und sind in höheren Schulen stark unterrepräsentiert. Um eine soziale Spaltung zu vermeiden, muss es unser primäres Ziel sein, gleiche Chancen für alle zu schaffen und Bildungsbenachteiligung zu beseitigen. In privaten, aber auch in öffentlichen Projekten versucht man bereits, diesem Ziel nahe zu kommen. Bestes Beispiel dafür ist das Konzept der Familienzentren des nordrheinwestfälischen Ministers für Generationen, Familie, Frauen und Integration, Armin Laschet.

Cemil Sahinöz

erschienen in: Zukunft. Nr.6, Dezember 2006, S.68-71

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Deutsche Kolumne

Eine Antwort zu “(19.07.2007) Kinder brauchen Chancen! Reproduziert die Schule soziale Ungleichheit?

  1. Rebekka Spieler

    Sehr geehrter Herr Cemil Sahinöz,

    mit großer Begeisterung (und das sage ich, wie ich es meine) habe ich heute per Zufall Ihren Essay zum Thema „Kinder brauchen Chancen…“ gelesen.

    Eine spitzenmaessige Abhandlung.

    verbleibe ich mit freundlichem Gruß aus Giessen,

    Rebekka Spieler

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