(18.07.2007) Integrationsparadoxon

Integrationsparadoxon

Nach Eliot Freidson (1979, S.141) ist „das Ziel des praktischen Arztes nicht Wissen, sondern Handeln. Am liebsten möchte er erfolgreich handeln, aber selbst ein Handeln mit sehr wenig Aussicht auf Erfolg wird dem völligen Nichthandeln noch vorgezogen.“ Und Voltaire werden die Worte zugeschrieben: „Ärzte schütten Medikamente, von denen sie wenig wissen, zur Heilung von Krankheiten, von denen sie weniger wissen, in Menschen, von denen sie nichts wissen.“Eine wesentliche Aufgabe des Arztes ist es, der Krankheit des Patienten einen Namen zugeben. Dies ist außerordentlich wichtig, denn so zeigt der Arzt, dass er das Problem erkannt hat und nun versuchen wird, es zu lösen. Gesundheit ist für den Arzt kein interessantes Wissensfeld. Oder, mit den Worten des Soziologen Niklas Luhmann: „Nur Krankheiten sind für den Arzt instruktiv, nur mit Krankheiten kann er etwas anfangen. Die Gesundheit gibt nichts zu tun, sie reflektiert allenfalls das, was fehlt, wenn jemand krank ist“ (Luhmann 1990, S.197).

Diese Betrachtungsweise lässt sich auch auf die Integrationsfrage anwenden. Durch die gewaltsamen Proteste von Jugendlichen fremdländischer Herkunft in Frankreich im Winter 2005 ist mit einem Mal die Krankheit namens „großes Migrationsproblem“ in ganz Europa in den Fokus gerückt; Politik und Medien stürzen sich drauf. Kommunen richten Integrationsämter ein, ernennen Integrationsbeauftragte und verabschieden Integrationskonzepte. Alles, was mit Integration zu tun hat, ist positiv. Integration ist jetzt „in“.

Die Diskussion um die Integration, die sich bisweilen ohne Fortschritt im Kreis zu bewegen scheint, verwendet ähnlich wie im Fall der Diagnosen stellenden Ärzte bestimmte Begriffe, um Sachlagen und Tatsachen zu beschreiben und sich dem „Problem der Migranten“ zu nähern. Dabei werden immer wieder neue Begriffe eingeführt und alte, wie um zu zeigen, dass man das Problem nun aber wirklich erkannt habe und es somit beseitigen könne. Anstelle des Begriffes „Migranten“ wird heute in politisch korrekten Kreisen beispielsweise die Bezeichnung „Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“ verwendet. Für die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit „Migranten“ konnte man keine Lösungen finden. Also wurde ein neuer Begriff eingeführt, mit dem es hoffentlich besser klappt. Doch die neuen Begrifflichkeiten sind kein Wunderheilmittel, sie lassen lediglich das eigentliche Problem verblassen. Sie kommen nicht an gegen Schlagwörter wie „Kampf der Kulturen“ oder „Parallelgesellschaft“, die schon längst ein Eigenleben entwickelt haben.

Alle reden, nur keiner weiß wovon

Wie ist Integration überhaupt zu definieren? Als „Prozess, bei dem verschiedene Teile zu einem neuen Ganzen zusammengefügt werden“, lautet die Antwort von Volker Meißner (2003, S.138), dem Geschäftsführer des Arbeitskreises Integration im Bistum Essen. Ihm zufolge ist „Ziel der Integration […] die gleichberechtigte wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische und kulturelle Teilhabe der Zuwanderer in der aufnehmenden Gesellschaft“ (Meißner, 2003, S.139). Der Soziologe Bernhard Schäfers versteht unter Integration die Entstehung von gleichgewichtigen Interdependenzen zwischen Personen und Gruppen, was man unter Integration versteht (Schäfers, 2003, S.3). Minderheit und Mehrheit treffen aufeinander, wobei ein Prozess des Austauschs entsteht, dessen Ergebnis eine Gesellschaft ist, die an kulturellem Reichtum gewonnen hat. Nach Ansicht des Soziologen Hartmut Esser (1980, S.213) „gelingt“ dieser Prozess nur dann, wenn die Integration kognitiver, struktureller, sozialer und identikativer Ebene in den Blick genommen werden. Luhmann dagegen meidet den Begriff der Integration und ersetzt ihn mit Inklusion/Exklusion (Luhmann, 1995). Er geht davon aus, dass eine Integration nur in Teile eines Systems oder einer Gesellschaft nicht möglich ist. Stattdessen findet entweder eine Inklusion, also eine generelle Teilnahme an den verschiedenen Bereichen des Ganzen, oder eine Exklusion, also eine „Nichtteilnahme“, statt.

 

Es hat den Anschein, als gäbe es bereits so viele Definitionen von „Integration“ wie es Menschen gibt. Dennoch ist in jüngster Zeit eine weitere Variante dieses Begriffes aufgetaucht: die „gelungene Integration“. Diese wird vielerorts oftmals mit dem Erlernen der Sprache der Mehrheitsgesellschaft und der „Mitbeteiligung“ (die meist nicht weiter definiert wird) an ebendieser gleichgestellt. Auch wenn dieser Ansatz immer noch recht vage und unklar ist, ist es jedoch noch viel schwieriger, zu versuchen, das Gegenteil zu definieren, nämlich „ungelungene Integration“. Auf einer Veranstaltung zum Thema Integration habe ich die Frage nach der „ungelungenen Integration“ gestellt. Die Leiterin reagierte darauf mit der Bemerkung, dies sei nicht das Thema, sondern „gelungene Integration“. Ich persönlich frage mich jedoch, wie man das eine verstehen soll, ohne zu wissen, was das andere ist.

Ein weiterer Begriff, der häufig für Unklarheit sorgt, ist die „Mitbeteiligung“ an der Gesellschaft. Es ist ein abstrakter Begriff, der unterschiedliche verstanden wird. Für die einen verbirgt sich dahinter das Tragen eines Deutschlandtrikots, für die anderen der Verzehr von deutschen Speisen und Gerichten. In der Tat sollten Aussiedler aus Russland in den 1990er Jahren in einem Fragebogen angeben, was sie zu Hause essen, daraus sollte geschlossen werden, ob der Fragebogenbeantwortet deutscher Abstammung sei. Wer viele Kartoffeln im Hause hatte, galt als Deutscher!

Wollen oder Können?

Bleiben wir jedoch bei Luhmanns Konzept der Inklusion und der Exklusion. Ein großer Teil der Migranten empfindet sich als von der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie sehen keine Möglichkeiten für eine „Beteiligung“ in ihrem sozialen Umfeld. So haben Kinder aus Migrantenfamilien in Deutschland schlechtere Bildungschancen und damit auch später schlechtere Chancen für eine Gesellschaftsbeteiligung in vielen Lebensbereichen. Rückzug und Abgrenzung werden vorprogrammiert. Und selbst diejenigen unter den Migranten, die erfolgreiche Ausbildungen absolvieren, werden ausgeschlossen. Zum Beispiel Frauen, die aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen, und deswegen keine Anstellung finden. Dazu die Journalistin Ulla Jelpke: „Gebildete Frauen, die ihre islamische Tradition praktizieren, werden dadurch einem Berufsverbot ausgesetzt, ihrer ökonomischen Existenz beraubt und in die Abhängigkeit von ihren Familien zurückgedrängt. Zugleich wird aber lautstark die fehlende Unabhängigkeit von Musliminnen beklagt. Diese staatliche Repression trifft genau die Schwächsten, nämlich die in islamischer Tradition stehenden Frauen, die ohne das Kopftuchverbot ihr eigenes Glück schmieden könnten.“ Zudem: Wird beispielsweise einer ausgebildeten Lehrerin das Unterrichten wegen des Kopftuchs verboten, fehlen kopftuchtragenden Schülerinnen auch Identifikationsfiguren für eine „gelungene“ Integration.

 

Menschen, die sich auf diese Weise ausgeschlossen sehen, verstehen die Integrationsforderungen in Deutschland verständlicherweise eher als Assimilationsforderungen und verweigern sich diesen. Politik und Medien interpretieren das dann als „Verweigerung der gesellschaftlichen Teilhabe“ (also nicht als fehlendes Können, sondern als fehlendes Wollen). Die, die es schwer haben, einen Weg in die Gesellschaft zu finden, werden selbst dafür verantwortlich gemacht. So werden zunehmend Parallelgesellschaften produziert, obwohl man genau dies doch vermeiden wollte. Ein Beispiel für eine solche Exklusion von Migrantengruppen bietet ein klassische Problem der islamischen Minderheit in Deutschland: Da die Erbauung neuer Moscheen nur sehr bedingt genehmigt wird, ziehen sich die Muslime oft zurück und eröffnen „Hinterhofmoscheen“ – und dann heißt es lauthals: „Parallelgesellschaft“.

Eine vereinfachte Darstellung des komplexen und vielschichtigen Integrationsparadoxes könnte wie folgt aussehen: Menschen wanderten nach Deutschland ein. Sie wurden jedoch nicht als Einwanderer betrachtet, sondern als Gastarbeiter. Dabei hatte das Wort „Gastarbeiter“ nichts mit dem Begriff „Gast“ oder „Gastlichkeit“ zu tun, es sollte lediglich ausdrücken, dass hier ein Wirtschaftsfaktor angereist war, der seinen Hut wieder nehmen würde, sobald er als Wirtschaftsfaktor ausgedient hätte. Eine Integration dieser Wirtschaftsfaktoren war nicht vorhergesehen, entsprechende Möglichkeiten wurden nicht geboten, entsprechende Bemühungen nicht gefordert. Als die Einwanderer als Wirtschaftsfaktor ausgedient hatten und plötzlich wieder als Menschen erkannt wurden, entdeckte man, dass sie – trotz der langen Zeit, die sie im Lande verbracht hatten – anders waren. Sie hatten zum großen Teil immer noch eine dunklere Hautfarbe, aßen keine großen Mengen Kartoffeln und manche von ihnen hingen auch noch einer fremdartigen Religion an, die sie hierzulande ausüben wollten. Da sie und ihre Kinder es zudem in vielen Lebensbereichen (Bildung, Beruf, Wohnungssuche) schwerer hatten, tauchten sie auch überproportional in traurigen Bilanzen auf (geringe Bildungsabschlüsse, Arbeitslosigkeit, Wohnen in Ghettos). Diese negativen Rekorde und ihre Andersartigkeit schrieb man ihrem Desinteresse und ihrer Gleichgültigkeit, ja gar Feindseligkeit gegenüber der Mehrheitsgesellschaft zu.

Nun setzt die Politik alles Mögliche in Bewegung – meist in Wort, manchmal auch in der Tat – um diese Menschen zu integrieren. Da jedoch trotz all der vielen Worte noch nicht definiert worden ist, wie diese Integration denn aussehen soll, wird es von deutscher Seite oft so verstanden, dass es sich hierbei um eine Anpassung an die deutschen Lebensgewohnheiten auch in so individuellen und persönlichen Bereichen wie Kleidung, Essen und Religionsausübung handele. Manche Migranten sehen das auch so, fühlen sich unter Assimilationsdruck und weichen zurück. 50 lange diesem Verständnis von Integration keine klare Definition gegenübergestellt wird, besteht die Gefahr, dass gerade die Forderung nach Integration zum Gegenteil führt.

Integrationsverhinderungsmaßnahmen

Auch wenn es um den Spracherwerb geht, sind paradoxe Anforderungen zu beobachten. Das Beherrschen der deutschen Sprache wird als Grundvoraussetzung zur Teilhabe an der Gesellschaft ebenso gefordert wie die Beherrschung von weiteren Sprachen, um in der globalisierten Welt wettbewerbsfähig zu sein. Die bereits vorhandene Sprachkompetenz der Zuwanderer als Kapital, das man sowohl für die Wirtschaft als auch für Politik und Gesellschaft positiv und effektiv verwenden kann, wird dabei ignoriert. Anstatt vorhandene Fähigkeiten zu fördern, wird eine künstliche Mehrsprachigkeit (Französisch, Englisch) erzeugt und so Zeit, Geld und Humankapital verschwendet. Zudem führt die Ausblendung dieser Kompetenz zu folgenschweren Misserfolgserlebnissen von Schülern. Die Kürzung von Lehrstellen für den muttersprachlichen Unterricht kann vor diesem Hintergrund nur als großer Fehler bezeichnet werden.

 

Ein weiteres Problem, dessen Quelle zum größten Teil die Medien sind, ist die Skandalisierung von Migrantenproblemen unter Schlagworten wie „Zwangsheirat im Islam“. So wird ein verzerrtes Bild der Realität wiedergegeben. Die tatsächlichen Lebensrealitäten der Migrantenmehrheit, in der beispielsweise der Partner selbst gewählt wird, werden dabei völlig

ignoriert und unter unangemessenen Schlagzeilen subsumiert. Lebenszusammenhänge werden auf das Extreme beschränkt. Skandale werden auf den Titelseiten (nicht nur) der Boulevardpresse als Regelfall verkauft. Auch hier wird eher auf eine Exklusion als auf eine Inklusion hingearbeitet: Die Gesellschaft wird aufgeteilt in „wir“ und „sie“. „Wir“ das sind die Abendländer aus dem Okzident. „Sie“ sind die Morgenländer aus dem Orient, die belehrt, aufgeklärt und von ihrer Unwissenheit befreit werden müssen. Diese beiden künstlichen Gruppen, werden als einheitliche und unveränderbare Größen dargestellt.

Fazit

Solange nicht für alle gesellschaftlichen Gruppen ein gleicher und gerechter Zugang zu allen Lebensbereichen, wie z.B. der Bildung, gewährleistet ist, werden sich Migranten immer wieder die Frage stellen, wie und in was sie sich integrieren sollen. Viele Integrationsarbeiter bemühen sich nach Kräften und gleichzeitig scheint es zweifelhaft, ob ihr guter Wille von der Politik geteilt und ausreichend unterstützt wird. Die bloße Schaffung von Integrationsbeauftragten und –büros wird keinen Fortschritt bringen. Ebenso wenig hilft es weiter, wenn wir uns bei der Migrationsdebatte von Ideologien und überhitzten Gefühlen leiten lassen, sonst landen wir schnell in der Sackgasse, die weiter permanent „Parallelgesellschaften“ produziert. Was wir brauchen ist Wissen. Wissen darüber, was wir eigentlich unter Integration verstehen und Wissen über die Gesellschaft und die Menschen, um die es bei der Integration geht.
Cemil Sahinöz

 

erschienen in: Zukunft, Nr.11, Mai 2007, S.56-59

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