(28.01.2006) Clash of the Cartoons – Der Karikaturenstreit

Clash of the Cartoons

Der Karikaturenstreit aus muslimischer Sicht


Als Huntington vom „Kampf der Kulturen“ sprach, meinte er sicherlich (und hoffentlich) keinen wahren Kampf, sondern einen Zusammenstoß, also einen Clash. Einen solchen Zusammenstoß erleben wir heutzutage wenn wir uns den Karikaturenstreit anschauen.

Auf der einen Seite haben wir das Abendland, auf der anderen Seite die muslimische Welt. Die unterschiedlichen Wertorientierungen dieser Länder prallen aufeinander. Für Europa mag es normal sein, Witze über die Propheten, sei es nun Muhammed oder Jesus-Witze, zumachen. Für die Muslime ist beides nicht verträglich. Propheten sind wichtige Persönlichkeiten, die geehrt und respektiert werden. So macht man weder Witze über sie, noch karrikatiert man sie.

Europa legitimiert die Karikaturen mit „Meinungsfreiheit“. Doch für viele, auch Nicht-Muslime, ist Meinungsfreiheit etwas anderes. Es ist die Freiheit eines jeden Individuums seine eigene Meinung wiederzugeben, ohne dafür „bestraft“ zu werden. Doch in diesem Fall kann man wohl kaum von Meinungsfreiheit sprechen. Die Muslime sind hart getroffen. Sie fühlen sich verletzt, da sie wieder einmal die Zielscheibe sind. Daher schlage ich vor hier das Wort „Beleidigungsfreiheit“ einzuführen. Denn die Karikaturen geben eher Beleidigungen wieder als Meinungen.

Man muss also schauen, wo hört Meinung auf und wo beginnt Beleidigung. Der Islamgelehrte Said Nursi hat hierzu eine schöne Erklärung: Jeder Mensch hat seine eigene Freiheit. Aber da, wo die Freiheit des Anderen beginnt, da schneiden sich die Freiheitskreise. Hier muss Toleranz auf beiden Seiten beginnen. Das heißt, auch wenn diese Karikaturen „Meinungen“ sein sollten, hätte man auf diese Meinungen verzichten müssen. Denn sie haben nichts weiter ausgelöst als Chaos. Denn die Meinungsfreiheit gibt niemandem die Freiheit, einen Anderen zu beleidigen. Die Menschenrechte stehen über der Meinungsfreiheit!

Ganz wichtig ist dabei, dass man nicht alle in einen Topf werfen sollte. Vorurteile können nicht mit Vorurteilen abgebaut werden. Es gibt auch genug Stimmen aus den Reihen der Nicht-Muslime die gegen diese Karikaturen schreiben. So kritisierte z.B. Dr. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages, die Karikaturen und behauptete, dass wahrscheinlich bewusst Muslime provoziert wurden. Da die dänische Zeitung sich weder wirklich entschuldigt hat, noch mit der Provokation aufhört, kann man davon ausgehen, dass dies eine bewusste Aktion war. Mit anderen Worten: Hätte man unwissend den Propheten gezeichnet, was man in der Vergangenheit ja schon öfters gemacht hat, hätte man Verständnis dafür. Aber wenn die Absicht negativ ist, hat dies auch leider negative Auswirkungen auf der Seite der Muslime.

Hier wird Franklin Roosevelts Spruch, „In der Politik geschieht nichts einfach nur so. Wenn etwas passiert, sei dir Gewiss, ist es passiert, weil es geplant wurde.“ wieder einmal bestätigt. Denn viele wissen gar nicht, dass diese Bilder schon Ende September 2005 veröffentlicht wurden. Aber erst jetzt, im Februar 2006, wird die muslimische Öffentlichkeit Aufmerksam auf diese Bilder. Ganz nüchtern betrachtet können wir davon ausgehen, dass die Provokation im September nicht klappte und nun deshalb mit den gleichen Bildern eine globale Provokation stattfindet. Die Muslime dürfen dieses Spiel nicht mitspielen. Wenn die Muslime hier falsch reagieren, gibt das denen, die dieses Spiel gestalten, die Legitimation um weiter zu spielen.

So erwarte ich, ohne es zu hoffen, in den folgenden Jahren noch eine weitere Stufe der Diskriminierung. Ich denke, es werden Theaterstücke über Muhammed gespielt werden, Filme werden gedreht werden, PC Spiele werden auftauchen. Daher ist es wichtig, dass die Muslime ein Schlussstrich ziehen. Sie dürfen es nicht soweit kommen lassen.

Was können die Muslime nun dagegen unternehmen?

Ich weiß nicht genau, was die Muslime dagegen tun sollten. Aber ich weiß ganz genau, was sie nicht tun sollten: Gewalttaten. Diese legitimieren und bestätigen nur die Vorurteile, dass Muslime gewalttätig sind. Das Stürmen von Konsulaten oder Verbrennen von Flaggen ist genauso uneffektiv wie das Zeichnen von Holocaust-Karikaturen. Solche Aktionen ändern nichts an der Sache. Die Muslime müssen ruhe bewahren. Denn sonst wird man vom Kläger zum Angeklagten.

Vielmehr muss man das Problem demokratisch, diplomatisch oder vielleicht sogar mit wirtschaftlichem Druck lösen. Man könnte es wie Gandi machen, der englische Produkte boykottiert hatte und die Produkte anderer Länder kaufte. So ist in der Tat eine SMS-Lavine mit den Namen von dänischen Produkten, die man nicht kaufen soll, im Umlauf.

Was die Muslime sich aber gewünscht hätten, ist eine Unterstützung durch die Kirchen. Bis auf sehr wenige, die nicht zu hören sind und keinen Einfluss haben, haben die Glaubensbrüder (in Bezug auf den Einen Schöpfer) der Muslime leider keine Reaktion auf diese Karikaturen gezeigt. Auf höheren Positionen hätten die Kirchen ihre Meinungen dazu äußern müssen.

Ein klares „Nein“ zu den Karikaturen ergab z.B. eine Umfrage des Nachrichtensenders CNN. Mehr als 300 Tausend Menschen nahmen an der Umfrage teil und mehr als 90% waren gegen die weitere Veröffentlichung der Karikaturen. Ändern tut diese Umfrage sicherlich nichts, aber es ist ein klares Zeichen, wo die Mehrheit steht.

Zu guter letzt die Schlagzeilen von wichtigen Zeitungen: Die Asia Times (Hongkong) schrieb „Keine Zeitung der Welt, die Respekt vor sich selbst hat, würde derartig unethisch reagieren“. Jordan Times (Jordanien) schrieb „Dies ist keine Meinungsfreiheit, sondern ein gutes Beispiel für Medien-Unverantwortlichkeit“. Khaleej Times (Pakistan) schrieb „Die Länder in Europa sind sowohl die Täter als auch die Polizisten.“ Der Scotsman aus England dazu „Die Europäischen Zeitungen machen die Augen zu.“

Die Schlagzeile des San Francisco Chronicle gefällt mir noch am Besten:

„Die Muslime fragen: Wo ist der Witz dran?“

Cemil Sahinöz

erschienen in: Ayasofya Nr.15, 2006, S.30-31

Auszüge in: Wochenschau, Nr.6, 2008, S.232

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