(05.02.2006) Interview mit Jörg Weltzer, Experte für Rechtsextremismus

INTERVIEW MIT JÖRG WELTZER, Experte für Rechtsextremismus

Erst einmal vielen Dank Herr Welzer, dass Sie sich die Zeit genommen
haben, um mit uns dieses Interview über Rechtsextremismus durchzuführen. Könnten Sie sich zunächst einmal kurz unseren Lesern vorstellen?

Zunächst einmal möchte ich mich bedanken, dass ich in dieser Zeitung erscheinen darf. Ich halt das für eine große Ehre und hoffe, ich kann die Anforderungen erfüllen. Doch zu meiner Vorstellung: Ich heiße Jörg Weltzer, bin von meiner Ausbildung her Historiker mit Schwerpunkt Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Nebenbei habe ich Pädagogik mit zu den Themen Rassismus und Rechtsextremismus studiert. Seit 10 Jahren arbeite ich als Pädagoge für die Stadt Halle, in den Bereichen Schulsozialarbeit und Jugendzentrum. Früher habe ich viel als „freier politischer Bildner“ gearbeitet. Für Lehrer, Soldaten, Jugendliche, Vereine und so weiter habe ich Fortbildungen in den Bereichen Rechtsextremismus und Rassismus gemacht. Mit dem Thema Nazis kenne ich mich besonders gut aus. Im Alter von 16 Jahren habe ich mich in eine Nazigruppe in Gütersloh und Bielefeld eingeschlichen, bin dort über ein Jahr als „Spion“ geblieben und habe die Informationen, die ich bekommen habe, an Nazigegner, also Antifaschisten weitergegeben. Diese Leute haben das dann veröffentlicht. Irgendwann bin ich dann enttarnt worden und hatte einige Probleme mit Nazis. Noch heute engagiere ich mich gegen Nazis und Rassismus, für Frieden und respektvollen Umgang zwischen allen Menschen. Ich versuche das auch in meiner Arbeit in Halle zu tun. Dieses Gespräch ist aber keinesfalls als Stellungnahme der Stadt Halle zu verstehen, wir unterhalten uns ganz allgemein und „öffentlich-privat“. Daher kann ich leider auch keine Fallbeispiele nennen, die etwas mit meiner Arbeit zu tun haben.

Wie würden Sie Rechtextremismus definieren? Was ist das nach ihrer Meinung nach?

Es gibt verschiedene Begriffe wie Rechtsextremisten, Rassisten, Nazis, Neonazis, Skins. Skinheads (Leute mit kurzen Haaren und Stiefeln) ist der ganz falsche Begriff, wenn man Nazis meint, weil der größte Teil der Skins sind keine Nazis, viele von ihnen hassen Nazis sogar und kämpfen gegen sie. Rassismus ist ein anderes Thema, kurz gesagt: Nicht alle Rassisten sind Nazis, aber alle Nazis sind Rassisten! Wenn jemand „Nazi“ oder „Neonazi“ sagt, stellen sich alle Leute mit Uniform und Hitlerbärtchen vor. So welche gibt’s tatsächlich wenige. Der Begriff Rechtsextremismus beschreibt in erster Linie Meinungen. Man muss sich das so vorstellen: Ein rechtsextremes Weltbild besteht etwa aus 15 Meinungen wie „Ausländer raus“, „für die Todesstrafe“, gegen die Demokratie, für die Abschaffung der Gewerkschaften, für den Mord an Behinderten, weil sie „Lebensunwert“ seien, für das Umbringen von Homosexuellen und so weiter. All das ist in Deutschland natürlich verboten, aber wenn ich mich umsehe, kenne ich sehr viele Menschen, die einzelne dieser Meinungen teilen. Nicht jeder, der „Ausländer“ nicht mag, ist ein Nazi, aber jeder Nazi, den ich kenne, ist „gegen Ausländer“. Ich kenne aber auch sehr viele Jugendliche, die sehr für die Todesstrafe sind, so zum Beispiel auch sehr viele der moslemischen Jugendlichen. Diese würde ich aber nicht als Rechtsextremisten bezeichnen. Rechtsextremisten sind Leute, die ALLE diese Meinungen vertreten. Diese haben dann ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“. Wenn sie diese Meinungen dann in die Tat umzusetzen versuchen, kann man die meisten von ihnen als Nazis bezeichnen. Aber sehr viele „unpolitische“ Menschen, oder auch welche in demokratischen Parteien, vertreten zum Teil ähnliche Forderungen wie Nazis. Gerade der Rassismus geht von der Mitte der Gesellschaft aus, ganz normale Menschen haben rassistische Vorurteile, und das gilt für „Deutsche“ genauso wie für viele Migranten (Menschen, die eingewandert sind). Der Rassismus bildet aber den Nährboden für Nazis. Wenn die Mehrheit der Menschen den Rassismus deutlich und öffentlich verachten würden, hätten Nazis nicht solchen Zulauf. Es sind auch lange nicht nur Jugendliche, die Rassistisch sind, das zieht sich durch jede Alters- und auch Berufsgruppe.

Könnten Sie uns etwas über die Geschichte des Rechtsextremismus in Deutschland allgemein sagen? Wo sehen Sie die Anfänge? Wie und, vor allem, warum hat sich das weiter entwickelt?

Ja, der Anfang der rassistischen, oder auch der Nazi-Bewegung liegt in Deutschland ungefähr um 1850, also weit vor 1933, als die Nazis an die Macht kamen. Der sogenannte „wissenschaftliche Rassismus“ entstand um etwa die gleiche Zeit in Frankreich. Von Rechtsextremismus sprechen wir seit 1945, also dem Ende der Nazidiktatur. Der Grund für die Tatsache, dass wir heute so viele Nazis haben, liegt darin, dass nach 1945 vieles in Deutschland so weiter ging wie vorher. Es gab zwar keinen Hitler mehr, aber viele seiner Anhänger saßen noch da, wo sie immer waren, in Rathäusern, Schulen, Gerichten, Zeitungen, auch in vielen Parteien. Einige waren sogar Minister der Bundesrepublik. Auch das Denken der Nazis hatte sich nach nicht von einem Tag auf den anderen geändert, auch wenn sie es nicht mehr laut aussprachen. Es waren ja nicht nur ein paar gewesen, die Hitler unterstützt hatten, große Teile des Volkes waren den Nazis ja hinterhergelaufen, ja, sie fanden auch vieles richtig, was die Nazis so gemacht haben. Die übriggebliebenen Nazis erzogen sich dann neuen Nachwuchs, viele von ihnen hatten ja auch Geld und unterstützten ihre „Kameraden“. Schon in den fünfziger Jahren gab es wieder eine Nazipartei im Parlament, die NPD, die heute größte Partei, saß in den 60er Jahren in sieben Landesparlamenten und bekam bei einer Bundestagswahl knapp unter 5%. Bis heute gibt es sie, und seit der Wiedervereinigung Deutschlands werden sie immer mehr und immer gewalttätiger. In einem der vergangenen Jahre gab es über 250 Nazi- Musikkonzerte und auch über 250 Demonstrationen. Da diese Dinge selten in der Zeitung stehen, bekommt die Öffentlichkeit wenig davon mit. Diese Leute haben seit der Wiedervereinigung auch viele Morde begangen, vor Allem an Migranten, Obdachlosen und politisch linksorientierten Menschen. Eine ganz wichtige Rolle für Jugendliche spielt die Musik. Ich will nur grade eins der ekligsten Stücke zitieren: Steckt sie in den Kerker, steckt sie ins KZ, von mir aus in die Wüste, aber schickt sie endlich weg, tötet ihre Kinder, vergewaltigt ihre Frauen, vernichtet ihre Rasse……… und so weiter. Dieses Lied ist unglaublich bekannt unter deutschen Jugendlichen und wird auch öffentlich gespielt, obwohl es natürlich gesetzlich verboten ist. Wenn man diese Leute fragt, regen sie sich vor allem über „gewalttätige Türkengangs“ auf “die überall rumhängen und mich anmachen und Leute verprügeln“. Natürlich gibt es ein paar solche Gangs, das ist auch schlimm. Aber von diesen wenigen wird auf die gesamte türkische Gemeinde geschlossen. Das ist rassistisch.

Das ist in der Tat sehr negativ. Wie sieht es aber in unserer Region aus? Sehen Sie auch Rechtsextremismus in kleinen Orten wie Halle/Westf. oder Steinhagen?

Im Kreis Gütersloh gibt es natürlich Nazis, wie überall sonst auch. Es gibt Nazi-Verbände, einen NPD Kreisverband, organisierte Nazi-Gruppen, es gab hier auch schon etliche Überfälle auf Migranten und andere Menschen. Es ist bekannt, dass es in Halle Nazis gibt, in Steinhagen, Werther, Versmold und so weiter. Vor ein paar Jahren war im Gasthaus Peter auf dem Berge eine große Naziversammlung, zwei wichtige Naziführer wohnten in Steinhagen, in der Bahnhofsstraße in Steinhagen hatten sie früher einen großen Schulungsraum. Die Nazis im Nordkreis benehmen sich allerdings heute unauffällig, aktiv werden sie meist weiter weg. Ihre Treffpunkte sind auch nicht in Halle, Steinhagen oder Versmold direkt, sondern eher in den kleinen Vororten, weil es da weniger linke und Migranten gibt. Deutlich sehen kann man sie in Gütersloh und Bielefeld in den Fußballstadien, allerdings nur in bestimmten Stadionbereichen, ansonsten fahren die aus dem Kreis Gütersloh gerade gerne in den Kreis Warendorf, um sich dort zu treffen, auf Schützenfeste zu gehen oder ähnliches. Dort haben sie scheinbar auch Häuser, in denen sie sich treffen können. Das Problem ist in unserer Region groß, was Nazis angeht, aber nur die Antifaschisten, die sie beobachten, wissen gut Bescheid. Und die Migranten, die von ihnen beleidigt, bedroht und angegriffen werden. Diese gehen dann allerdings aus Angst oft nicht zur Polizei. Deshalb stehen diese Dinge dann auch oft nicht in der Zeitung. Viele Migranten haben ja offensichtlich auch kein Vertrauen zur Polizei.

Glauben Sie, dass es in unserer Gesellschaft Mechanismen gibt, die, vielleicht unbewusst, Rassismus oder Diskriminierung fördern?

Natürlich produziert eine Leistungsgesellschaft Neid, Angst, Verlierer und auch Hass. Natürlich suchen Menschen, die keine Arbeit haben, Schuldige dafür. Natürlich produziert eine Gesellschaft, die nicht genug Menschlichkeit und Werte lebt, immer wieder neue Nazis. Diese Dinge gibt es aber auch in vielen anderen Ländern, so auch in der Türkei. Und überall ist es falsch, und nur gemeinsam werden wir eine würdevolle Zukunft für alle Menschen erreichen, egal welche Hautfarbe, welches Geschlecht und welche Religion sie haben. Denn Menschen sind gleich, auch wenn sie unterschiedlich sind. Eins ist klar, wir haben ein Integrationsproblem in Deutschland. Migranten werden meiner Meinung nach ausgegrenzt und nicht genug gefördert. Gerade in den Schulen und Universitäten ist hier sehr viel zu tun. Aber- auch das können wir nur gemeinsam tun, wenn wir uns hier eine friedliche Zukunft aufbauen wollen für uns und unsere Kinder. Wir müssen uns kennenlernen, aufeinander zu´gehn, und ja- wir müssen uns auch manchmal streiten. Aber dafür müssen wir uns offen und ehrlich begegnen.

Wie sieht es mit dem Problem Antisemitismus aus? Werden Sie damit in ihrer Arbeit mit konfrontiert?

Ja, Antisemitismus, Judenhass kommt häufig vor. Gerade von jugendlichen Moslems höre ich sehr oft „Ich hasse Juden“. Vor Allem arabische, palästinensische Jugendliche, aber auch türkische äußern sich so. Wenn ich dann länger mit ihnen rede, wird ihnen schon manchmal klar, dass Verallgemeinerungen falsch sind, ob sie nun „ich hasse Ausländer“ oder „ich hasse Juden“ heißen. Oft haben diese Jugendlichen sehr wenig Informationen über den „Nahost-Konflikt“, sie sind auch über die Lage in ihren Herkunftsländern nicht wirklich orientiert. Ebenso oft sind sie daran auch gar nicht interessiert, was ich sehr schade finde. Wir müssen immer wissen, woher wir kommen, um entscheiden zu können, wohin wir gehen. Natürlich ist es erlaubt oder vielleicht nötig, die Politik der US- und der israelischen Regierungen zu kritisieren, aber der Unterschied zwischen Mumia Abu Jamal (politischer Häftling mit US-Paß) in einer US-Todeszelle und Präsident Bush muss schon gemacht werden, ebenso wie der zwischen israelischen Rechtsextremisten, die es durchaus gibt, und der israelischen Friedensbewegung, die die eigene Regierung radikal kritisiert. Ich persönlich stehe auf der Seite der Menschen, die für ein gleichberechtigtes Zusammenleben kämpfen, wie und wo auch immer, und egal, welchen Pass sie haben oder auch nicht. Ich habe auch schon mit jungen Migranten gesprochen, die behaupten, der Massenmord an Juden sei nicht passiert, und wenn doch, dann sei es richtig so gewesen. Solche Aussagen sind ein Grund, das Haus zu verlassen.

Wie können wir am Besten Rechtsextremismus bekämpfen? Was kann jeder einzelne dafür tun?

Was können wir dagegen tun? Ich denke, es gibt da eine politische Ebene, eine religiöse, aber auch eine im alltäglichen Zusammenleben. Ich möchte nur was zu meiner Arbeit im Moment sagen. Wir versuchen in Halle gerade ein Jugendcafe aufzubauen, in dem alle Jugendlichen willkommen sind. Egal, welche Hautfarbe, Nationalität. Egal, ob behindert oder nicht. Dieses Jugendcafe soll mit Hilfe der Jugendarbeit von Jugendlichen selbst geleitet werden, sie sollen dort Programme anbieten, etwas lernen, aber auch Cafe´ und Tee dort trinken können. Wir wollen diesen Raum auch für Verlobungen, Geburtstage und so weiter zur Verfügung stellen. Wenn wir es wirklich schaffen, dass hier deutsche und ausländische Jugendliche, also Haller Jugendliche, sich friedlich treffen, miteinander reden, arbeiten und feiern, wäre das für Halle und unsere Jugendlichen ein gewaltiger Schritt nach vorne….. Wir brauchen hier die Unterstützung und das Vertrauen der ganzen Gemeinde, der christlichen, der moslemischen und die aller anderen Menschen. Gerüchte und Gerede haben schon so viel kaputtgemacht.

Vielen Dank für dieses Interview.

Ich bedanke mich noch einmal ganz herzlich für die Möglichkeit, mich an dieser Stelle zu äußern. Ich wünsche Ihnen und Euch Glück, Frieden und Gesundheit.

Cemil Sahinöz

Publiziert in Ayasofya Nr.15, 2006, S.36-38

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