Verfasst von: misawatruth | Oktober 22, 2008

(22.10.2008) Paradigmenwechsel in der Gesellschaft

Paradigmenwechsel in der Gesellschaft

„Ich mag verdammen was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, das du es sagen darfst.“ Voltaire

Es kommt nicht darauf an, was AUF dem Kopf ist, sondern, was IM Kopf ist.

Eine Gesellschaft besteht aus verschiedenen Individuen, die unterschiedliche Denkmuster und -richtungen haben. Dies ist mehr als selbstverständlich und normal. Eine Gesellschaft ist dann stark, wenn diese verschiedenen Denkrichtungen und Unterschiedlichkeiten zu einer Einheit zusammenkommen. Es ist nicht nötig, dass die Unterschiedlichkeiten von jedem Individuum geteilt werden, lediglich die Toleranzbereitschaft reicht hierfür aus. Doch nur Diejenigen können tolerant zu anderen sein, die ihre Identität unzweifelhaft gewonnen haben und somit einen stabilen Rückhalt im Eigenen besitzen. Intoleranz und Gewalt übt oft derjenige aus, der eigene Zweifel nicht überwinden konnte und sie so fanatisch unterdrücken muss!

Daher ist es wichtig, dass jedes Individuum die Chance bekommt, sich selbst zu entfalten, um eine stabile Identität zu gewinnen. Dies geschieht zumeist in der Jugendzeit. Als Jugendlicher ist man auf der Suche nach einer Identität, die einen bis zum Ende des Lebens begleitet. Auch wenn sich viele dieser Suche nicht bewusst sind. Die Entstehung der Identität entwickelt sich schon im Kindesalter. Die Sozialisation eines Kindes beeinflusst seine Identitätsbildung. Daher spielen die Eltern in diesem Punkt eine gewichtige Rolle.

Der „Einflusskuchen“ wird mit steigendem Alter von anderen Faktoren belegt. Der Einfluss der Eltern sinkt, der Einfluss von externen Faktoren, wie z.B. Freunde, Schule, Autoritätspersonen, Idolen steigt.

Die Schulbildung und der Karriereweg eines Jugendlichen sind die festigenden Steine auf dem Weg der Identitätsbildung. In dieser Phase ist es wichtig, dem Jugendlichen eine Chancengleichheit in der Bildungs- und Berufswelt zu versichern. Soziale und ethnische Herkunft dürfen dabei keinen Einfluss auf Bildungschancen haben. Jedes Individuum, gleich welcher Weltanschauung, muss die gleichen Zugangschancen haben. Eine Diskriminierung auf diesem Gebiet, schadet nicht nur dem Jugendlichen selbst, sondern auch schlussendlich der Gesellschaft.

Gerade wenn Arbeiterkinder oder Kinder von Ausländern und Aussiedlern systematisch benachteiligt werden, grenzen sie sich weiter aus. So wird ein großer Teil der Migranten (z.B. Kopftuchtragende Frauen) von der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie haben keine Möglichkeiten an der „Beteiligung“ in ihrem sozialen Umfeld. In dem man diese Menschen systematisch aus Bildung und Politik ausschließt, lässt man zu, dass diese sich abgrenzen. Menschen mit Qualifikationen werden aus illegitimen Gründen wie Kopftuch vom Berufsleben entfernt. Dass Kopftuchtragende Lehrerin nicht unterrichten dürfen ist das gleiche, als würde man Jemandem einen Führerschein geben und ihm sagen, dass er nicht auf der Straße Auto fahren darf, sondern nur auf einem Testgebiet!

Diese Ausgeschlossenen schließen sich nun in einem zweiten Schritt selber noch einmal aus und sehen die Integration eher als Assimilation, was ein Paradox zur Integrationspolitik ist. Diese Tatsache wird aber besonders von den Medien (teilweise bewusst) übersehen, so dass dieses Phänomen einfach als „Verweigerung gesellschaftlicher Teilhabe“ bezeichnet wird. Sie schieben die Schuld also denen zu, die sie selber aus der Gesellschaft und der Politik permanent ausschließen. „Kulturkonflikt“ oder „Leben zwischen den Welten“ sind die Argumente, die dann benutzt werden, um zu externalisieren. So wird z.B. die muslimische Kultur als Fremdkörper aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Es werden zunehmend mehr Parallelgesellschaften produziert, obwohl man diese doch bekämpfen wollte.

Beispiel für dieses Paradox: Die Erlaubnis für Moscheebauten wird nur sehr bedingt erteilt. Deshalb ziehen sich die Muslime zurück und bauen „Hinterhofmoscheen“, die dann als Zeichen einer Parallelgesellschaft gedeutet werden.

Es wäre ein Fehler, einen Teil der Gesellschaft auszuschließen und somit wichtige Ressourcen und Potentiale zu verschwenden. Daher ist ein wichtiger Paradigmenwechsel nötig, um eine gesunde und positive Zukunft für die Jugend bereitzustellen. Erst wenn wir verstehen, dass z.B. nicht das, was auf dem Kopf ist zählt, sondern das, was im Kopf ist, werden wir eine friedliche Basis für unsere Gesellschaft erreichen können.

Weiterhin muss gewährleistet werden, dass jedes Individuum, gleich welcher Weltanschauung, Religion, Kultur, Ethnie oder Ideologie, wegen dieser nicht benachteiligt oder ausgeschlossen wird. Gegenseitige Akzeptanz, Toleranz und Verstehen sind hier Notgüter, auf die nicht verzichtet werden darf.

Auch dürfen die Unterschiedlichkeiten nicht hervorgehoben werden, sondern die Gemeinsamkeiten. Die Unterschiedlichkeiten, die es gibt, müssen produktiv und effektiv in der Wirtschaft und Politik umgesetzt werden. Dass dies klappt, zeigt uns die Sportwelt.

Es muss akzeptiert werden, dass Kriminalität, Terrorismus oder ähnliche negativen Aspekte weder ethnisch oder religiös bedingt sind. Dass jemand kriminell ist, klaut oder viel lügt, liegt nicht an den Genen, sondern an der falschen Sozialisation. Daher darf keine Gruppe mit billigen Klischees beschuldigt werden.

Die größte Aufgabe wird hier gewiss den Politikern und den Medien teil, die in der Lage sind eine Umgestaltung in der Gesellschaft zu verwirklichen.

Solange aber kein gleicher und gerechter Zugang zu gesellschaftlichen Gütern, wie z.B. die Bildung, gewährleistet wird und Chancen vorenthalten werden, wird diese Umgestaltungen nicht erreicht werden.

Cemil Sahinöz

Publiziert in: Ayasofya, Nr.25, 2008, S.22-23



Antworten

  1. Der Paradigmenwechsel kann natürlich nicht so aussehen, dass die rechte derjenigen, die keine Lehrerinnen mit kopftuch für ihre Kinder wollen, übergangen werden.

    Das Bundesverfassungsgericht sagt in seinem Urteil zum Thema ausdrücklich:

    „„Schließlich trifft die von der Beschwerdeführerin in Anspruch genommene Freiheit der Betätigung ihrer Glaubensüberzeugung durch das Tragen des Kopftuchs in Schule und Unterricht auf die negative Glaubensfreiheit der Schülerinnen und Schüler. Art. 4 Abs. 1 und 2 GG, der die negative wie die positive Äußerungsform der Glaubensfreiheit gleichermaßen schützt, gewährleistet auch die Freiheit, kultischen Handlungen eines nicht geteilten Glaubens fern zu bleiben; das bezieht sich auch auf Kulte und Symbole, in denen ein Glaube oder eine Religion sich darstellt. „
    Und weiter:
    „Wie auf die gewandelten Verhältnisse zu antworten ist, insbesondere, welche Verhaltensregeln in Bezug auf Kleidung und sonstiges Auftreten gegenüber den Schulkindern für Lehrerinnen und Lehrer zur näheren Konkretisierung ihrer allgemeinen beamtenrechtlichen Pflichten und zur Wahrung des religiösen Friedens in der Schule aufgestellt werden sollen und welche Anforderungen demgemäß zur Eignung für ein Lehramt gehören, hat nicht die Exekutive zu entscheiden. Vielmehr bedarf es hierfür einer Regelung durch den demokratisch legitimierten Landesgesetzgeber. Die Annahme, dass ein Verbot des Kopftuchtragens in öffentlichen Schulen als Element einer gesetzgeberischen Entscheidung über das Verhältnis von Staat und Religion im Schulwesen eine zulässige Einschränkung der Religionsfreiheit darstellen kann, steht auch im Einklang mit Art. 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention.“

    http://www.bundesverfassungsgericht.de/pressemitteilungen/bvg71-03.html

    Bitte das mal zur Kenntnis zu nehmen.

  2. Vielen Dank Fritz.

    In meinem Beitrag fordere ich einen Paradigmenwechsel auf beiden Seiten der Gesellschaft heraus (sowohl von der Mehrheitsgesellschaft als auch von der Minderheit).

    Dieser Wechsel sollte dazu führen, dass nicht auf die Kleidung z.B. einer Lehrerin geachtet wird, sondern auf ihre Qualitäten. Es ist egal, ob es sich hierbei um eine muslimische, buddhistische oder atheistische Lehrerin handelt.

    Sahinöz

  3. Hab ich bereits in der Ayasofya-Zeitschrift zweimal gelesen. SUUUPER Artikel! Allah razi olsun!

  4. Das Kopftuch ist abernicht einfach ein Kleidungsstück, sondern ein religiöses Symbol. Daher ergibt sich die vom BVG beschriebene Verletzung der negativen Religionsfreiheit nichtmuslimischer Schüler, und daher hat es an der Schule nichts verloren.

  5. Das ist Ihre Sicht. Für uns Muslime ist das Kopftuch eine Notwendigkeit. Es wird nicht getragen, um „andere zu ärgern“, sondern aus dem Glauben heraus. Jeder Mensch sollte frei sein, was dies angeht.

  6. Sehr schöner Text. Danke.

  7. Guten Abend,

    Ihr Text regt zum Nachdenken an – vielen Dank!

    Freundliche Grüße

    Maria Kleister
    Dipl.Psych.

  8. [...Dass Kopftuchtragende Lehrerin nicht unterrichten dürfen ist das gleiche, als würde man Jemandem einen Führerschein geben und ihm sagen, dass er nicht auf der Straße Auto fahren darf, sondern nur auf einem Testgebiet! ...]
    Ein gutes Gleichnis. Ich finde das demokratische Grundverständnis wird immens pervertiert und manipuliert.

  9. Grüß Gott! Ein Dankeschön für den wunderbaren Text.
    „Es kommt nicht darauf an, was auf dem Kopf ist, sondern was im Kopf ist“, sollte für alle gelten, denen die rechte Norm des persönlichen Gewissens oberstes Gebot ist.

    Freundliche Grüße von Luigart

  10. @Fritz
    Kopftuch ist ein Element des Glaubens und kein Symbol.

  11. heute kam ich endlich dazu, diesen wunderbaren Artikel „Paradigmenwechsel in der Gesellschaft“ in der Ausgabe 25 der Zeitschrift „Ayasofya“ zu lesen. Er ist ganz wunderbar geschrieben und spricht mir aus dem Herzen.

    Ich fahre jetzt in Urlaub. ich werde IHR Buch „Wer bist Du?“ mitnehmen, damit ich es während des Fluges lesen kann. Nach meiner Rückkehr in 8 Tagen werde ich mir dann IHR Buch „Die Nurculuk Bewegung“ bestellen, da mich auch dieses Buch interessiert.

    Ihr
    Lionell


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